Best of Liveticker 09: Lautern - Leverkusen
Der Betze macht das Licht aus
Text: Dirk Gieselmann und Lucas Vogelsang Bild: Imago
1996 stieß Leverkusen eine ganze Region in den Tod. Doch jetzt gelang Lautern die Rache: Mit 2:1 obsiegte der Zweitligist. Wie der Betze brannte, sich Snooker-Guru Rolf Kalb bei uns meldete und die Zeit rückwärts floss – jetzt im Ticker.

Weint diesmal Rudi Völler? Spielt Miro Kadlec für seinen verletzten Sohn Michal? Und welchen Effekt hat die Sauerstoffarmut in 285 Metern Höhe?
Fragen über Fragen, auf die es zu diesem Zeitpunkt noch keine Antworten gibt. Doch die 11FREUNDE-Schergen sind schon entsandt, sie drehen zur Stunde jeden Pflasterstein in der Kaiserslauterer Fußgängerzone um, umlagern das Wohnhaus von Norbert Thines und kaufen die örtlichen Globetrotter-Märkte leer.
Bestens gerüstet melden sich am Mittwoch Abend aus dem Basislager in der Lauterer Innenstadt: Sir Edmund Gieselmann, Tensing Vogelsang und Axel Roos.
20:14 Uhr
Es klingelt. Ist es Kollege Vogelsang, früher dran denn je? Nein! Es ist Jürgen Röber. Er drängelt sich vorbei, drückt mir seine Visitenkarte in die Hand: »Hertha-Trainer ab morgen«. Könnte sogar stimmen, die alte Dame liegt derzeit mit 0:2 bei 1860 hinten.
20:16 Uhr
»Der Pokal hat seine eigenen Gesetze«, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heute wieder behauptet. Aber welche nur? Hier ein paar Mutmaßungen:
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füge allen anderen zu.
a2 + b2 = d2
Du sollst ruhig mal falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten.
He, she, it – das s muss nicht mit.
Der April macht, was andere ihm sagen.
Rosen, Tulpen, Nelken – alle Blumen stinken.
Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem hau einfach eine zurück.
Wer »nämlich« mit »h« schreibt ist schlau.
Links ist da, wo der Daumen auch links ist. Und andersrum.
20:18 Uhr
Kollege Johannes Ehrmann, glühender FCK-Fan, war so freundlich, mir die Lauterer Stadionzeitung »In Teufels Namen« bereit zu legen – versehen mit Kurz-Charakteristika der einzelnen Spieler:
Sidney Sam: Odonkor mit Technik
Rodnei: Abgezockt
Adam Nemec: Wie früher Marian Hristov
Alexander Bugera: BUGGY
Georges Manjeck: Supermann-Sechser!
Toll. Einfach toll. Ich werde der Einfachheit halber trotzdem alle Pfälzer konsequent »Axel Roos« nennen. Wie Axel Roos, den abgezockten Super-Odonkor ohne Technik.
20:23 Uhr
Wahnsinn! Bayer-Trainerfuchs Jupp Heynckes erklärt, wie Fußball geht: »Wir haben vor, Tore zu erzielen. Auf der anderen Seite haben wir aber auch einen Gegner. Das muss man berücksichtigen.« Ja, das... muss man... äh berück... TILT.
20:25 Uhr
Leverkusen spielt mit 4-4-2, Lautern mit Roos-Roos-Roos, wobei Roos das Spiel machen soll. Famos bzw. -roos.
20:30 Uhr
Verblüffend: Als der 1. FCK das letzte Mal Meister wurde, war Bayers Toni Kroos nicht einmal in der Pubertät. Jupp Heynckes aber war schon damals in etwa genau so alt wie heute. Sowieso erkennt man den Unterschied zwischen Heynckes heute und Heynckes damals nur daran, dass es seine Gesichtsfarbe nicht mehr ins strahlende Weinrot schafft. Vornehme Altersblässe.
1. Minute
Anstoß für Lautern. Souverän. Die Überraschung liegt in der Luft. An der Seitenlinie läuft sich Mario Basler warm.
3.
Wi gesagt: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Doch zumindest die der Schwerkraft gelten auch auf dem Betzenberg. Kroos versucht zu fliegen, kommt aber nur dreiundzwanzig Zentimeter weit, bleibt dann mit dem Gesicht im Rasen hängen. In München verbrennt Uli Hoeneß das Trikot mit der 10.
5.
Die Spieler des FCK treten von Beginn an auf, als würden sie immer noch von Otto Rehhagel gecoacht. Aber sie wissen eben auch: Hier spielt ein ehemaliger Meister gegen den ewigen Zweiten. Die Rollen scheinen also klar verteilt.
7.
Noch wirkt Heynckes betont souverän. Da hilft ihm auch seine grenzenlose Erfahrung: Immerhin hat er Fritz Walter noch in der E-Jugend trainiert.
9.
Leichte Vorteile für die Lauterer, die hier kämpfen, als ginge es gegen die Atze-Friedrich-Tombola-Elf. Mit Rene C. Jäggi als Mittelstürmer.
11.
TOOOOOOOOOOOOOOOOR! Sidney Sam spielt Brandstifter und bringt den Betzenberg endgültig zum Brennen. Nach einem Sforza-Gedächtnis-Pass von Amedick kommt er im Strafraum ganz frei an den Ball, überlegt noch kurz, ob er Manuel Friedrich bescheid sagen soll, dass die Stürmer in der zweiten Liga auch in der Lage sind, einen Ball anzunehmen, entschließt sich dann aber doch für den schnellen Abschluss. Adler stellt sich Taube. 1:0 für den FCK.
16.
Komisch. Wer ist dieser Sam? Taucht gar nicht in meiner Aufstellung (Axel Roos, Axel Roos, Axel Roos, Axel Roos, Axel Roos, Axel Roos, Axel Roos, Axel Roos, Axel Roos, Axel Roos und Axel Roos) auf.
17.
Kießling will das 1:1 machen, doch der Bart fehlt, die Aerodynamik stimmt nicht, er gerät in Rückenlage, Sippel hält. Auch ohne Bart.
21.
Ganz Lautern zittert vor Markus Münch, dem Mann, der Lautern 1996 mit seinem Last-Minute-Tor in die Zweite Liga stürzte. Andreas Brehme weint schon mal vorsichtshalber an Rudi Völlers Schulter. Der bleibt souverän, schaufelt sich mit dem freien Arm exquisites Catering in den Mund (Shrimps).
22.
Auf der Tribüne spielen Rudi Völler und Andreas Brehme jetzt noch einmal das Abstiegsfinale von 1996 mit Spielzeug-Figuren nach. Markus Münch ist dabei ein phosphoreszierendes Gespenst aus Brehmes Playmobil-Kiste.
23.
Geil. Snooker-WM in Lautern: Der Ball rollt eine halbe Stunde die Außenlinien entlang, touchiert dann die Eckfahne. Sky schaltet Eurosport-Kommentator Rolf Kalb aus seinem Hobby-Keller in Gütersloh zu. Er sagt: »Stephen Hendry ist und bleibt der King des Crucible. In seinem Achtelfinale gegen Ding Junhui sorgte er für einen weiteren Meilenstein: Er gewann seinen 1.000. Frame im Crucible Theatre. Um diese Leistung richtig einordnen zu können muss man wissen, dass nur fünf Spieler überhaupt 1.000 Frames im Crucible Theatre gespielt haben, von gewinnen gar nicht zu sprechen (die anderen vier sind Ronnie O'Sullivan, Steve Davis, Jimmy White und John Parrott).« Ist gut, Rolf. Geh schlafen jetzt.
25.
Kurzer Anflug von Langeweile: Gieselmann hat sich eine 3D-Brille aufgesetzt und versucht jetzt ständig, den Sky-Überblende-DFB-Pokal zu fangen. Ist aber bei der Trophäenjagd in etwa so erfolgreich wie Bayer 04 Leverkusen.
28.
Ecke jetzt. Für Lautern. Buggy Bugera, der alte Fuchs, spielt einen Leverkusener an. Verwirrende Taktik. Wenn's schön macht...
31.
Wahnsinn: Die infame Eckenstrategie des genialen Bugera geht auf! Jendrisek eilt nun allein auf Adler zu, der kann mehr schlecht als recht klären. Wieder Ecke. Wieder Bugera. Wieder auf einen Leverkusener. Wir wissen, was in einer Minute passiert. Zwinker.
31.
Das Spiel jetzt wie in einer Hauptschule in Neukölln: Kein Klassenunterschied erkennbar.
33.
Die Leverkusener versuchen jetzt verzweifelt, die Geschichte auf ihre Seite zu ziehen, spielen plötzlich mit Manni Bender, der aber merkwürdiger Weise aussieht wie Manni der Libero, mit Ilja Richer als Tommy Ohrner.
34.
»Der FCK ist auf der Suche nach dem Freistoß«, säuselt der Mann von Sky, der sich anhört, als würde er sonst auf Viva Manga-Sex-Filmchen fürs Handy verkaufen.
35.
Lautern immer noch auf der Suche nach dem Freistoß. Jendrisek (als Michael Douglas) schwingt sich an einer Liane (Rodnei) durch den Leverkusener Strafraum klatscht dann aber gegen Manuel Friedrich. Einen Freistoß gibt es nicht. Dafür aber eine goldene Himbeere für die schauspielerische Leistung Jendriseks. Jetzt winkt ein Gastauftritt bei »Alarm für Cobra 11«.
37.
Dieser Alexander Bugera ist in etwa so lange im deutschen Fußball aktiv wie Jupp Heynckes. Zwischendurch muss er allerdings untergetaucht sein. Deckname: Zoltan Sebescen.
44.
Derdiyok schwimmt synchron mit sich selbst durch den Strafraum. Elfmeter? Es war ein Foul, aber der Leverkusener fiel zu spektakulär. Findet auch Schiri Wagner. Derdiyok probiert's noch mal mit der Figur »Seerose im Morgengrauen«, setzt dann die Nasenklammer ab, ist beleidigt. Da meldet sich Snooker-Guru Rolf Kalb aus Gütersloh: »Es ist nicht mehr zu übersehen: Der Herbst naht. Damit naht auch das Ende der Sommerpause im Snooker. Okay: Von einer richtigen Sommerpause konnte man eher nicht reden. Zuviel tat sich auf den Snookertischen dieser Welt, und auch die Top-Profis mischten kräftig mit. Aber das richtig große Kribbeln geht wieder los wenn es um Weltranglistenpunkte geht. Ab Montag wird es also ernst: Mit dem Shanghai Masters steht das erste Weltranglisten-Turnier der neuen Saison an. Aber wer könnte am Ende der Woche in Shanghai der große Sieger sein?« Wir wissen es nicht. Jetzt ist eh Pause. Für Rolf Kalb. Und für uns – holt euch ein Bier, liebe Fans. Das kann ein langer Abend werden.
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