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Best of Liveticker 09: Celtic-Arsenal

Die Entdeckung der Schnelligkeit

Text: Lucas Vogelsang  Bild: Imago

In einer unglaublichen Hatz um den heiligen Gral des Inselfußballs siegt Arsenal London bei Celtic Glasgow mit 2:0. Fußball in Warp-Geschwindigkeit und fliegende Kühe –der Kampf um Britannien. Zum Nachlesen im Ticker!

Best of Liveticker 09: Celtic-Arsenal - Die Entdeckung der Schnelligkeit




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Ab 20:30 Uhr berichtet Lucas Vogelsang aus dem kleinsten Irish Pub der Welt, dem "Irish Inn" in Charlottenburg. Mit ihm im Zwei-Quadratmeter-Tempel des Insel-Fußball: Ein betrunkener Leprechaun, ein Londoner Hooligan mit Sprachfehler und eine alte Frau, die aussieht wie Prinz Charles.

Es verspricht also ein großer Abend zu werden.

Seid dabei!

17:15 Uhr
Im Celtic Park singt sich der 60.000 Mann starke schottische Herrenchor bereits seit dem frühen Morgengrauen ein: "You'll Never walk Alone" in allen Tonlagen biergetränkter Reibeisenstimmen. Das Epizentrum der schottischen Fußballfolklore ist also bereit für den Battle Of Britain.

Und für alle, die heute Abend auch Schotten sein möchten, gibt es hier schon mal vorab den Gassenhauer aus Glasgow zum Auswendiglernen: 

When you walk through a storm
Hold your chin up high
And don’t be afraid of the dark.
At the end of a storm
Is a golden sky
And the sweet, silver song of a lark.

Walk on, through the wind,
Walk on, through the rain,
Though your dreams be tossed and blown.
Walk on, walk on with hope in your heart,
And you’ll never walk alone,
You’ll never walk alone.


Ein Tip noch: Am besten klingt die Hymne nach drei Pints Scottish Ale. Und ohne Campino.

18:00 Uhr
Noch zweieinviertel Stunden bis zum Anpfiff des britsichen Schweinsledergemetzels in Glasgow. Die Stimmung ist bereits auf dem Siedepunkt. Die englische Yellow Press hat den Battle Of Britain ausgerufen. Ein Fußballkampf um Ruhm und Ehre, ein Gefecht von der Intensität eines Michel Friedman Kreuzverhörs mit sich selbst.

Celtic-Trainer Tony Mowbray ließ bereits ausrichten, dass seine Mannschaft keine Furcht zeigen werde. Dabei sah er aus wie Mel Gibson mit blauer Fingerfarbe unter den Augen und seine Körpersprache schrie förmlich: So etwas wie Furcht kennen die Bravehearts nicht.

Arsene Wenger konterte mit dem gewohnten Understatement eines elsässichen Gentleman und forderte von seiner polyplotten Juniorenauswahl lediglich, selbstbewusst aufzutreten. Dabei sah auch er aus wie der kriegsbemalte Mel Gibson. Aus "Was Frauen wollen".

1:0 für Celtic. Möge der Battle beginnen.

ps.: Die Aufstellungen beider Teams werden aus gegebenem Anlass heute Abend von Michael Buffer verlesen. Let's get ready to rumble!

18:30 Uhr
Seit 25 Jahren hat keine englische Mannschaft mehr in Glasgow gewinnen können. Doch ein Blick auf die Aufstellung Arsenals verrät. Selbst wenn die Londoner heute als Sieger vom Platz kriechen, wird sich daran nichts ändern.


20:15 Uhr
Willkommen zum ersten Gänsehautmatch dieser Champions League Saison. In Glasgow trifft Celtic auf Arsenal London. Ein britisches Deathmatch zwischen zwei Clubs, die seit Jahren fest zur europäischen Elite zählen, mindestens die Gruppenphase erreichten. Doch diesmal wird eine der Mannschaften auf der Strecke bleiben, an der Eingangstür zur Meisterliga verrecken und versehrt in die Europa Liga krauchen müssen. Ein Szenario, für beide Mannschaften gleichsam unvorstellbar.

Die Atmosphäre ist dementsprechend aufgeheizt. Der Celtic Park vibriert in Grünweiß, Schweiß liegt wie Tau auf dem Rasen.

Zur Einstimmung deshalb ein Zitat von Kroatiens Ex-Nationalcoach Miroslav Blaevi »Fußball, das ist wie Krieg. Und manchmal stirbt einer.«

Oder frei nach Abba: The winner takes it all!

Gleich geht's hier los.

20:20 Uhr
Das "Irish Inn", der älteste Irish Pub in Berlin, füllt sich langsam. Die Bedingung um hier heute dem Battel of Britain beiwohnen zu dürfen: jeder Gast muss in einem Queen-Kostüm erscheinen.

Mein Assistent, der mich auch heute Abend wieder mit wichtigen Hintergrund-Infos und schlechten Witzen für Zwischendurch füttern wird, hat allerdings wieder einmal alles falsch verstanden, steht in dem hölzernen Türrahmen des Pubs in enger Lederhose, einem weißen Wife Beater (Feinripp) und hat sich einen dunklen Schnäuzer angeklebt, summt  "A kind of magic".

Ich zucke nur mit den Schultern. Who wants to live forever?

20:30 Uhr
Arsene Wenger im Prematch-Interview in den Katakomben. Der Franzose trägt ein weißes Hemd, rote Krawatte, kein Sakko. Die Ärmel sind hoch gekrempelt, die Stimme fest. Ein Kämpfer, der sich das Lächeln abtrainiert hat. Im fahlen Licht unter der schottischen Erde erinnert er auf unheimliche Weise an den Imperator aus Krieg der Sterne. Oben auf dem Rasen fasst sich Andreas Hinkel plötzlich an den Hals, als würde er durch eine unsichtbare Hand gewürgt.

Schon jetzt ist klar: Es wird eine Schlacht ohne Regeln.

20:40 Uhr
Im englischen Sky sezieren Celtics Ex-Trainer Strachan und zwei weitere Experten die Teams. Ohne Touchscreen, ohne Lichtgestalt. Nur Fußball. Sebastian Hellmann veersucht sich ins Bild zu schieben, wird jedoch entdeckt und von einem Bobby aus dem Studio begleitet. Verständlich: Die Briten mögen ja auch keine Schwalben.

20:42 Uhr
60.000 Schals wogen im Nachthimmel Glasgows. Die chorale Champions League Hymne mischt sich mit der Urgewalt schottischer Stimmen. Die Mannschaften laufen auf einem Teppich aus Pfiffen und extatischem Kampfgeschrei in die Arena ein. Gleich lässt die Queen ihr Taschentuch fallen. Dann geht es hier los.

20:45 Uhr
Schiedsrichter Massimo Busacca versucht über den Soundteppich zu schreien, doch ihm versagt die Stimme. Jetzt hat er nur noch seine Trillerpfeife, um dieses Spiel in den Griff zu bekommen. Hoffen wir das Beste.

1. Minute.
Britische Seitenwahl, Busacca wirft ein Pfund in die Luft. Die Queen lächelt. Anstoß Arsenal. Doch der Ball wird von der Kulisse verschluckt. Ballbesitz Celtic.

3.
Celtic peitscht sich nach vorne. Almunia versucht gleichzeitig, den Ball nicht aus den Augen zu verlieren, seine Vorderleute zu dirigieren und sich  die Ohren zuzuhalten, verrenkt sich dabei den Ellbogen. In Stuttgart läuft sich Jens Lehmann warm. Ein Hubschrauber wird betankt.

4.
Arsenals Sagna spielt als eine lebendige Reminiszenz an Taribo West, Aiden McGeady gibt Igli Tare. Chance vergeben.

6.
Arsenals Spieler tollen über den Platz wie ein Rudel Welpen. Busacca bläst in seine Hundepfeife, beruhigt die hektische Anfangsphase. Denilson krümmt sich auf der Erde. Ein Betreuer wirft ihm einen Napf mit seinem Namen zu.

8.
Erste echte Chance für Arsenal, doch Boruc klärt vor Arshavin mit einer Mischung aus Slapstickeinlage und Frank Rost Gedächtnisgrätsche, dann überreicht er dem völlig entgeisterten Russen ein Kissen auf das er mit rotem Faden "memento mori" gestickt hat. Reviermarkierung auf Polnisch.

11.
Tor für Arsenal. Denkt Wenger und springt auf, denkt Almunia und springt durch seinen Strafraum, doch Massimo Busacca, kein Freund großer Emotionen, entscheidet auf Abseits.

15.
Beide Mannschaften wirken, als hätten  ihnen die Trainer verboten, mit mehr als nur einem Ballkontakt zu spielen. Aus der Vogelperspektive sieht dieses Spiel aus wie ein überdimensionaler Flipper.

17.
Freistoß Arsenal. Van Persie baut sich auf wie Ronaldo, glänzt wie mit einer feinen Gelschicht überzogen und flankt dann aber, als wäre er besessen. Von Tony Adams.

18.
Konter Celtic. Über links. Doch im letzten Moment klärt Vermaelen vor McGeady mit einer Cantona-Flugrätsche. Die Zeitlupe dieses Zweikampfes könnte auch der Teaser für den neuesten Jet Li Film sein. Doch Busacca pfeift nicht, ist selbst großer Martial Arts Fan und dazu noch in einen Manga vertieft, den er angestrengt von links nach rechts zu lesen versucht. Schweizer eben.

21.
Dieses Spiel ist von einer Geschwindigkeit, als hätten alle Spieler von einer Blutprobe Usain Bolts genascht. Song rennt Weltrekord über die 45 Meter, obwohl er schon nach zwanzig Metern austrudeln lässt.

23.
Weiterhin verhöhnt diese Partie die Sehgewohnheiten eines durchschnittlichen Bundesligazuschauers: Alle Spieler sind ständig in Bewegung, die Körper scheinen ineinder zu fließen, während die Zweikämpfe gleichzeitig intensiv körperbetont und körperlos geführt werden. Wenger will noch einen drauf setzen, schickt Herakles zum Warmmachen. Panta rhei.

25.
Beide Mannschaften stürmen gleichzeitig. Almunia taucht frei vor Boruc auf. Raum und Zeit lösen sich auf.

28.
Nächste Chance für Arsenal. Konter von Celtic. Chance für Arsenal. Konter Celtic. To be continued.

31.
Freistoß für Arsenal. Frabregas flankt aus dem Halbfeld, doch der Ball zerschellt an einer grünweißen Wand. Bendtner wird von einer Urgewalt aus dem Strafraum gedrückt. Und man wird das Gefühl nicht los, dass die Schotten heute mit Jason Statham und Vinnie Jones als Innenverteidiger-Duo verteidigen. Rohe Gewalt, nackte Körper, Schaum in den Mundwinkeln.

33.
Arsene Wengers Gesicht hat längst die Farbe seines Hemdes angenommen. Er kann kein Blut sehen. Doch die schottischen Fleischer zerlegen seine Viererkette in kleine, mundgerechte Steaks. Englisch.

35.
Ecke für Celtic. Doch Almunia, der heute aussieht wie ein Warner Bros. Cartoon-Gockel, flückt den Ball aus der Luft. Schickt McGeady dann mit einem Hahnentritt aus dem Strafraum. Ekelhaft.

38.
Kurz scheint es, als hätte sich dieses Spiel kurz angehalten, inne gehalten, um die Zuschauer zu schonen, die kurz davor stehen, einen epileptischen Anfall zu erleiden. Ist aber auch in dieser Phase noch dreimal so schnell wie ein durchschnittlcihes Bundesliga-Spiel im Zeitraffer.

43.
TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR! Kurz vor der Halbzeit schlägt Wengers Imperium zurück. Gallas versucht, so gut es ihm ob seiner Gestalt möglich ist, einem völlig unmotivierten Verlegenheitsschuss von Fabregas auszuweichen. Doch es gelingt ihm nicht ganz, der Ball trifft ihn am Rücken, wird so unhaltbar für Boruc gegen die Laufrichtung abgefälscht. Und Gallas Mimik explodiert irgendwo zwischen schmerverzerrt und triumphierend. Damit ist der Franzose nun auch das Gesicht der Schlacht von Glasgow. Vielleicht schlägt ihn die Queen bald zum Monsieur.

45.
Halbzeit. Endlich. Meine Tastatur hat nach dieser Tortur, diesem Schlagabtausch in Warp-Geschwindigkeit, dieser britischen Fußballschlacht in Mach 3 nur noch drei funktionierende Buchstaben, jene, die man eher seltener benutzt. Hier also das Fazit: qöyöööqyyöqyqöyqöqyqöyyyyöqöqqqöyy!


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Kommentare

  • User
  • 18.08.2009 22:28:21 rz1979

    Laut Ticker ein wahnsinns Spiel, für mich: Grottenkick... aber wie gesagt: Andere Länder, andere Sitten... :-)

  • User
  • 18.08.2009 23:29:26 FrankBlack

    OK, ich geb's ja zu, ich hab die (heute: rosa) VfB-Brille auf - aber da spielt ein deutscher Verein CL-Quali und ihr tickert das nicht? Wenn Werder oder der HSV nen Pups lassen gibt's doch auch gleich immer nen Ticker!
    *schmoll*

  • User
  • 19.08.2009 08:50:09 Pandorax

    Super wie dieser Beitrag wieder die Klischees bedient......11Freunde die ewig gestrigen....

  • User
  • 19.08.2009 12:29:20 KWB

    Ich find den Ticker ganz unterhaltsam - auf jeden Fall besser, als die ewig gestrigen Nörgler!

  • User
  • 19.08.2009 12:47:36 markanter

    dat Spiel kannse nur gut finden, wenn du dir 'ne Dröhnung gegeben hast ... oder gutes Gras im Haus war ...

  • User
  • 19.08.2009 15:17:22 Dick

  • User
  • 19.08.2009 15:22:10 Dick

    Und immer wieder die alte Leier vom ach so tollen "You'll never walk alone".

    Übersetzt (laut Wikipedia):
    Wenn du durch einen Sturm gehst
    Geh erhobenen Hauptes
    Und habe keine Angst vor der Dunkelheit
    Am Ende des Sturms
    Gibt es einen goldenen Himmel
    Und das süße, silberhelle Lied einer Lerche
    Geh weiter, durch den Wind
    Geh weiter, durch den Regen
    Auch wenn sich alle Deine Träume in Luft auflösen
    Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen
    Und du wirst niemals alleine gehen
    Du wirst niemals alleine gehen


    Kommt den deutschen Schlagertexten schon ziemlich nahe, aber auf inglisch klingt es ja cool und ist sowieso kult.

  • User
  • 19.08.2009 15:26:37 markanter

    genau. Dat iss wie "Tränen lügen nich" (Michael Holm) oder "Spuren im Sand" (Bata Illic - völlig zu Unrecht vergessener Schlager-Barde der späten sechziger - also Jahre gezz, nicht die Münchner) - Ganz große Kunst.

  • User
  • 19.08.2009 16:48:15 Blaus

    natürlich hört sich das lied geil an, wenn es aus gefühlten 2nhalb millionen schottischer kehlen gebrüllt kommt. schon mal im stadion gewesen? mannoman...

  • User
  • 28.11.2009 01:27:07 Catilina

    Ist aber auch in dieser Phase noch dreimal so schnell wie ein durchschnittlcihes Bundesliga-Spiel im Zeitraffer.

    Große Mannschaften haben sich von jeher dadurch ausgezeichnet, daß sie in der Lage waren, ihr Spiel blitzartig zu beschleunigen. Wenn man die Spiele der großen brasilianischen Mannschaften von 1982 und 1986 anschaut, kann man nur folgern, daß ein Team wie Arsenal es gerade wegen ihrer technischen und spielerischen Klasse nicht nötig hätte, permanent Hochgeschwindigkeitsfußball zu spielen. Wer, wenn nicht Wengers Mannschaft, hat das Zeug dazu, zunächst einmal Ball und Gegner laufen zu laufen, um dann, wenn die Kugel einschußreif gespielt ist, blitzartig aus dem Stand zu explodieren ?

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