Vergoldeter Abschied
Werder-Leverkusen im 11FREUNDE-Liveticker
Text: oliver zeyen Bild: Imago
Am Ende war es fast so emotional wie bei Kai Pflaume: Als letzte Aktion seiner Spielerkarriere reckt Kapitän Baumann den DFB-Pokal in die Berliner Nacht. Bremen setzt einen pokalförmigen Punkt hinter diese Saison. Wie es dazu kam? Lest selbst!
19:45 Uhr:
Herzlich willkommen liebe Fußballfreunde zum letzten großen Paukenschlag dieser Saison. Mit dabei selbstredend der deutsche Dauerabonnent auf spannende Entscheidungsspiele Werder Bremen. Herausgefordert von Bayer Leverkusen, das die letzten Wochen ähnlich schwer zu analysieren war, wie die Darstellung eines betrunkenen Pantominen. Welche Leistung die Bayer-Elf tatsächlich zu leisten im Stande ist, weiß nicht einmal Günter Netzer. Und allein diese Tatsache bringt Gerhard Delling vor Verzweiflung fast zum Weinen.
19:48 Uhr:
Es könnte ein Abend zum Ins-Album-Kleben werden, denn so viele schöne Geschichten oszillieren rund um das Pokalfinale. Es ist mit Sicherheit das letzte Spiel für Kapitän Baumann und Zauberhäschen Diego auf Bremer Seite. Es ist auf Leverkusener Seite eventuell das letzte Spiel für Charakterlocke Labbadia und »Ballermann« Helmes, wie die ARD ihn neckisch nennt. Und es ist das vorerst letzte Spiel mit dem Frauenpokalfinale als Warm-up. Vielleicht also auch die letzte ausverkaufte Pokalparty...
19:52 Uhr:
Vor Aufregung hat Delling sein schmuckes Handmikro verschluckt, wedelt panisch mit den Armen. Röchelt. Als sich langsam seine Wangen blau verfärben, umspielt ein Lächeln die Lippen Netzers. Vor Schreck gibt der ARD-Regisseur ab in die Werbung.
19:55 Uhr:
Eine Liste der Dinge, die wir jetzt nicht brauchen: Einen neuen Mobilfunkvertrag, Dettmar Cramer, einen Fernseher mit Kaka, Peter Dempsey, ein großes T. Rätselhaft, warum uns die ARD trotzdem genau das gerade andrehen will. Die haben doch keine Ahnung von Fußball.
19:58 Uhr:
Putzig: Aus Solidarität mit Joachim Löw, der sich gestern zusammen mit einigen tausend Chinesen das Gegurke der deutschen Mannschaft antun musste, trägt Steffen Simon einen löwesken Schal. Szenen der Rührung auf der VIP-Tribüne. Spontan muss Löws Kollegin Silvia Neid das Make-up wechseln. Sieht gerade aus wie Alice Cooper.
19:59 Uhr:
Preisfrage: Warum muss es vor jedem Finalspiel - und wenn es nur der Bezirkssparkassen-Cup Rheda-Wiedenbrück ist - eine Eröffnungszeremonie von dem Einfaltsreichtum des Thementages »Unser Kindergarten tanzt seinen Namen« geben? Man fasst es kaum.
20:01 Uhr:
Wir unterbrechen diesen Ticker für die Hymne. Ergriffenheit raubt uns den Atem. Wie übrigens auch den Brasilianern in beiden Teams. Singen gar nicht mit, die armen Kerle.
20:02 Uhr:
Nach dieser Nationalhymne offiziell eingebürgerte Brasilianer: Fritz, Boenisch, Helmes und - was besonders erschreckend ist - ungefähr zwölf Einlaufkinder. Lernt man denn heute gar nichts mehr in der Schule? Vielleicht sollte man mal »Singstar - Die deutsche Hymne« herausbringen...
1.Minute:
Anstoß. Da sämtliche Witze dazu in den Tickern diese Saison schon ausgereizt wurden, müsst ihr das leider absolut humorlos mitverfolgen. Das Leben ist hart, ich weiß.
3.Minute:
Die erste Ecke für Leverkusen. Durch einen Regentropfen sieht es so aus, als sei das Gesicht des Bremers, der den kurzen Pfosten deckt, verpixelt. Eindeutig ein Fall für »Aktenzeichen XY ungelöst«.
5.Minute:
Diese listigen Leverkusener. Schon nach fünf Minuten ist klar: Die sind ja gar nicht so grottig schlecht, wie sie in der Bundesliga zuletzt gespielt haben! Thomas Schaaf wittert einen Skandal, ist mit hochrotem Kopf auf dem Weg zu DFB-Präsident Zwanziger. Findet ihn aber nicht, der wollte heute nur Potsdam-Duisburg sehen und ist schon auf dem Weg in die heimische Villa.
6.Minute:
Nach einem Freistoß möchte Prödl zur Ecke klären, trifft mit einem gefährlichen Kopfball aber nur den Kasten von Rene Adler. Der kann gerade eben noch halten, sofort entschuldigt sich der Bremer für das Versehen. So stellen wir uns Fairplay vor, liebe Fans.
9.Minute:
Castro gibt den bösen Buben. Als er frei zum Schuss kommt, visiert er exakt die Nase von Tim Wiese an und zieht mit einer Urgewalt ab, die ihn schlagartig für Nordkoreas Kim Jong Il interessant macht. Aber: Es gibt noch Helden in diesen schwierigen Zeiten. Der verpixelte Bremer (Willi Lemke? Johann Micoud?) wirft sich mit einem lauten »Neeeeeiiin!!!« in den Schuss und fängt die Kugel mit seinem Herzen ab.
10.Minute:
Jetzt tropft das Schmalz wie bei »Sturm der Leidenschaft« im Bremer Strafraum. Wir betonen: Es handelt sich hier nicht um Haarschmalz. Der Grund ist aber trotzdem Tim Wiese, der seinem edlen Retter ein Lied singt. Irgendwas mit »Love« von Celine Dion.
14.Minute:
Hobby-Chirurg Almeida zerschneidet mit seinem Laufpass die Leverkusener Abwehr, legt ihr Herz direkt offen. Özil taucht aus den Untiefen des Raumes vor Adler auf, setzt an zum Todesstoß.... und wird zurückgepfiffen. Abseits. Doch 15 Kameraperspektiven, eine ZDF 3D-Grafik und ein Aufschrei Waldemar Hartmanns zeigen: War es nicht. Schade.
17.Minute:
Bremen jetzt so drückend wie ein herabstürzender Pottwal. Die Schuss gewordene Aggression Thorsten Frings' kann Bayer gerade noch entschärfen. Bruno Labbadia geht trotzdem lieber schon einmal zur Bremer Bank. Gratuliert und hinterlässt seine Bewerbungsmappe. Für ein Schnupper-Praktikum.
20.Minute:
Als Bayer kaum mehr Luft zum Atmen bleibt, erbarmt sich Sebastian Boenisch und schließt einen Angriff mit einer »Flanke« ab. Der alte Gutmensch. Wieder nur auf den Fairplay-Preis aus.
22.Minute:
So ist Fußball, liebe Herrschaften. Plötzlich steht Helmes im Bremer Sechzehner so frei wie ein Rentner eine Minute nach Ladenöffnung vor den Supermarktkassen. Doch wie ein Rentner macht ihn die Situation nervlich fertig. Er zögert. Links. Rechts. Ach, doch lieber noch mal nach Hause. Sicherheits-Toilettengang. Dann wiederkommen und neu entscheiden. Doch Steffen Simon ruft ihm zu: »So frei wird er nicht mehr zum Schuss kommen!«
26.Minute:
Und plötzlich hat das Spiel die Gelassenheit eines Kolibris auf Speed. Zuerst brennt Naldo einen Freistoß aus gefühlten drei Kilometern Entfernung in Richtung Leverkusener Tor und Diego traut sich nicht, den noch rauchenden Ball zu verwerten. Dann materialisiert sich Kießling aus dem Nichts im Bremer Strafraum und steht alleine vor Wiese. Hat beim Beamen aber wohl nicht aufgepasst. Abseits.
28.Minute:
Vor lauter Kammerflimmern hat sich auch Kommentator Simon verschluckt. Aber der Mann ist einfach der Schwiegersohn, den wir uns alle wünschen: Gentleman-like entschuldigt er sich für die fehlende verbale Spielbegleitung. Andere hätten an dieser Stelle Zuschauer und Kollegen beschimpft oder die Räuspertaste einfach ignoriert... Reife Leistung, Herr Simon!
31.Minute:
Immer mehr erinnert dieses Spiel an eine Boxerei zwischen betrunkenen Kneipenbesuchern. Man wüsste nicht, auf wen man sein Geld setzen sollte. Lieber erstmal ein neues Bier bestellen.
34.Minute:
Falls euch irgendjemand noch einmal nach dem Unterschied zwischen dem Fußball der Bundesliga und dem auf internationaler Bühne fragt, hier eine kleine Anregung: Diego trägt den Ball gefühlte zwanzig Minuten von einer Seite des Spielfeldes auf die andere. Immer auf der Suche nach einer Anspielstation. Nach Stunden der Einöde wird er gefoult. Iniesta und Xavi brechen in diesem Moment lachend vor dem Fernseher zusammen.
38.Minute:
Endlich spielen die Mannschaften wieder auf deutschem Niveau. So spannend wie eine Partie Domino mit sich selbst. In Zeitlupe. Wer den Ball nicht besitzt, vergräbt sich in der eigenen Hälfte. Schnell umgeschaltet wird da nur VOR dem Fernseher...
42.Minute:
Steffen Simon in Ekstase: »Werder Bremen dominiert dieses Finale.« Gut, ein Mensch mit Beinprothese dominiert auch einen Einbeinigen. Unser alter Freund Udo Lattek hat bestimmt trotzdem schon wieder Tränen in den Augen. Dem sollte mal jemand sagen, dass da Bayer und nicht Bayern spielt.
45.Minute:
Deutscher Fußball hat viel mit deutschem Charakter zu tun. Dementsprechend spielt Bremen wie echte deutsche Bürokraten: Gefährlich sind sie vor allem bei Standards. Der einzige Spielverderber: Rene Adler, seines Zeichens Verwaltungsfachbeamter im vierzigsten Dienstjahr, der ständig fehlerhafte Formulare im Bremer Spielaufbau entdeckt. Auch Schiri Fleischer erkennt das und schickt beide Teams zum Nachsitzen. Halbzeit.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Bayer Leverkusen, Werder Bremen



