Arbeit ist scheiße
Wales-Deutschland im 11FREUNDE-Liveticker
Text: Fabian Jonas und Dirk Gieselmann Bild: Imago
»Arbeitssieg für Deutschland« – wie oft diese Überschrift über Nachberichten zum Spiel gegen Wales prangen wird, können wir nur schätzen. Zwei Tore fielen, eins davon war noch nicht mal echt. Hier ist der Liveticker.
14:47 Uhr
Hallo! Hier sind Fabian Jonas und Dirk Gieselmann live vom Quali-Kracher Wales-Deutschland. Zwanzig Jahre, nachdem Icke Häßler mit seinem 2:1 gegen den Angstgegner die Berliner Mauer zu Einsturz brachte, fragen wir uns heute: Kann Piotr Trochowski nun endlich auch die Mauer in den Köpfen einreißen?
14:48 Uhr
Wales, Land der Poesie. Ich habe mein Lieblingsbuch mitgebracht, »Die Mädchen von Llanbadarn« von Dafydd ap Gwilym. Wenn ich um Gehör bitten dürfte: »Rôl i chi ddewis eich iaith ar y sgrin gyntaf, byddwch yn cyrraedd yr hafan. O’r fan honno gallwch ddarllen ‘Am y Prosiect’ neu fynd yn syth at y Cerddi neu at y Rhagymadrodd. Ar ôl clicio ar ‘Y Cerddi’ fe welwch ddewislen ar waelod chwith y sgrin â’r teitl ‘Dewis…’ . O dynnu hon i lawr gwelwch restr o’r 170 o gerddi sydd yn y golygiad. Gallwch ddewis unrhyw un o’r rhain trwy glicio ar y teitl. Fe welwch fod y ffenestr wedi ei rhannu yn ddwy ffrâm, gyda thestun golygedig y gerdd yn y ffrâm ar ochr chwith y sgrin. Trwy glicio ar unrhyw linell yn y testun gallwch weld darlleniadau’r prif gopïau llawysgrif yn y ffrâm ar y dde. Ar draws gwaelod de’r sgrin gwelwch res o opsiynau. Sylwch fod y ddewislen ‘Dewis…’ yn aros ar waelod ochr chwith y sgrin er mwyn eich galluogi i ddewis mynd at gerdd arall. Mae’r rhes o opsiynau yn cynnig yr adnoddau isod. Cliciwch ar y ddolen briodol i ddewis gwahanol opsiynau – gallwch symud o unrhyw opsiwn i opsiwn arall.« Ist das nicht herrlich? Nein? Banausen.
15:01 Uhr
Um uns auf dieses Spiel einzustimmen, essen wir nach walisischer Tradition seit Wochen alles mit Lauch als Beilage. Nachdem Kollege Jonas die letzte Milchschnitte aus dem Picknickkorb vertilgt hat, freut er sich nun über »Lauch mit Lauch« als Abendbrot. Ein echter Feinschmecker, dieser Jonas. Denke darüber nach, ihm eine Gourmet-Kolumne anzubieten.
15:40 Uhr
Kollege Jonas hat sich in Vorbereitung auf dieses Spiel noch mal die schlimmsten Fouls von Vinnie Jones reingezogen, eilt nun zu »Karstadt Sport«, um sich Schienbeinschoner zu besorgen. Ich hingegen krempel die Stutzen runter. Soll sie doch kommen, diese ominöse »Axt«. Wie schon mein Opa sagte: »Was kümmert es die Eiche, wenn sich an ihrem Stamm eine Axt reibt?« Oder so ähnlich.
16:15 Uhr
Kollege Jonas ist zurück, hat nicht nur Schienbeinschoner geshoppt, sondern auch einen lächerlichen BMX-Sturzhelm, eine Plakette mit dem heiligen Christopherus, Smarties (»Schmerztabletten«) und Pflaster mit Garfield-Motiven drauf. Jetzt soll ich auch noch »Heile, heile, Gänschen« singen und pusten. Aber wo?
16:30 Uhr
Ich bin total aus dem Häuschen, wenn ich darüber nachdenke, welch riesiges Witz-Potenzial sich über die Wendung »Axt im Walde« eröffnet. Und hier schon der erste: Zwei Zahnstocher schleppen sich seit Stunden durch den Wald (!), sind total erschöpft. Plötzlich kommt ein Igel vorbei. Da sagt der eine Zahnstocher zum anderen: »Wenn ich gewusst hätte, dass hier Busse fahren!«
16:52 Uhr
Seit 22 Minuten lacht Kollege Jonas nun schon über meinen Witz. Komischerweise feilt er sich nebenbei die Nägel, raucht und liest Zeitung. Ob das Lachen wirklich von Herzen kommt? Ich bin mir nicht sicher, wenngleich dieses »Riesenbrüller, Chef!« mir auch beim fünfzigsten Mal immer noch schmeichelt.
17:07 Uhr
Noch dreieinhalb Stunden bis zum Spiel! Kollege Jonas schläft, ist total ausgepumpt von seinem inszenierten Lachanfall. Ich vertreibe mir die Zeit, indem ich mit Lauchstangen das 2:1 von Icke Häßler aus dem Jahr 1989 nachspiele. Das macht dreißig Sekunden lang Spaß, ich dehne es vor Verzweiflung auf zehn Minuten aus. Dann lieber doch noch eine Passage aus »Die Mädchen von Llanbadarn« von Dafydd ap Gwilym: »Pan gyflogwyd gyfeiliant telyn Bethan Bryn, a Bill Taylor yn perfformio rhai o geinciau telyn llawysgrif Robert ap Huw. Mae fideo o’r cyngerdd i’w weld ar y wefan.« Hmmm, »gyflogwyd gyfeilian«! Genial!
17:32 Uhr
Mein Gott! Jetzt ist es passiert! Kollege Jonas ist heimlich aufgewacht und hat herausgefunden, dass seine Lieblingssängerin aus Wales stammt: Bonnie Tyler! »It's a Heartache! Nothing but a Heartache!«, schunkelt er gedankenverloren, steigt nun auf meinen Wohnzimmertisch und gibt peinlich berührende Choreografien zum Besten. Das hat mit Fußball nichts mehr zu tun.
19:01 Uhr
Jonas hält sich für eine Soullegende. Der mit dem Loch im Gesicht ist immer der Sänger.
20:10 Uhr
Seit beinah drei Stunden tanzt Kollege Jonas nun schon auf dem Tisch. Meinem Tisch! Endlich trifft ihn eine der Tomaten. Meiner Tomaten! Er strauchelt, taumelt, fällt! Am Boden liegend, hört er schließlich auf zu singen. It's a Headache.
20:15 Uhr
Der ARD-Sportschau-Vorspann, ästhetisch nah an einer Eisdiele der 80er Jahre, signalisiert uns: Es geht los. Gerhard Delling, ästhetisch nah an einer Eisdiele der 50er Jahre, beginnt den Abend, indem er die walisischen Schafe zählt. Kann er nicht einschlafen? Netzer, bitte helfen Sie!
20:21 Uhr
Delling will es wissen. Der Mann ist sich sicher: Heute Abend schlägt er Netzer im Kampf um die »Hässlichste Formulierung der Welt«. Ansatzlos erfindet er das Wort »Affenvollgas«. Netzer staunt, stottert, schwitzt, gibt dann verletzt auf.
20:25 Uhr
Mario Gomez hat sich die Frisur von Grundlinienspezialistin Arantxa Sanchez-Vicario ausgeliehen. Kehrt so der Erfolg zurück?
20:30 Uhr
Hansi Flick im Interview über Mario Gomez: »Vielleicht hat er heute wieder eine Chance, die er vielleicht nutzen kann.« Aber nur vielleicht!
20:32 Uhr
»Was fehlt ist eindeutig die Breite«, so Delling über den walisischen Kader. »Was fehlt ist eindeutig die Breite«, so Kollege Jonas und macht sich ein Bier auf.
20:37 Uhr
Die Hymnen. Die deutsche zaghaft, geradezu schüchtern. Doch dann fallen plötzlich die Löcher aus dem Käse: Ein gigantischer Frosch beginnt zu singen! Kollege Jonas springt hinters Sofa, ich kann nur noch unter Schmerzen weiter schreiben. Erst als der Kameramann sich von dem Schock erholt und schwenkt, wird klar: Es ist ein walisischer Tenor.
20:41 Uhr
Hier Jonas. Alles was Gieselmann die letzten Stunden geschrieben hat... ach lassen wir das, aus Mangel an Zeit für Gegendarstellungen. Viel wichtiger: Der Frühling ist da, das Spiel geht los. In dieser Reihenfolge.
1. Minute
Anstoß. Nach 65 Sekunden die erste Chance für Gomez, der aber anderhalb Meter zu klein ist, um noch an den Ball zu kommen. Gieselmann pfeift sich trotzdem die Lunge aus dem Leib.
4.
Schweinsteiger legt Bale in Vinnie-Jones-Manier, will den Walisern gleich mal zeigen, dass die Kriegsaxt ausgegraben wurde. Bale klopft dreimal auf den Boden, will das Spiel aufgeben. Den anderen ist's egal. Weiter geht's.
6.
Steffen Simon schweigt. Das Leben kann so schön sein.
8.
Och, wie süß! Eine Märcheninszenierung im Mittelfeld. Ein Waliser gibt den bösen Wolf, Philipp Lahm glänzt als Rotkäppchen.
11.
TOOOOOOOOOOOOR! GEIL! Ballack sieht, dass Hennessey gerade an etwas anderes denkt, hält aus 100 Metern drauf, trifft! Dabei macht er wahrscheinlich das gleiche Sesamstraßenmonstergesicht wie bei seinem Freistoß damals gegen Österreich. Und wie damals heißt es: 1:0 für Deutschland.
17.
Die erste Viertelstunde ist vorbei, pflichtschuldig ziehen auch wir das erste Fazit: Das Spiel macht Spaß. Zumindest ein bisschen. Die Waliser spielen mit, der Ball flattert und auf der Insel wissen plötzlich sogar die Deutschen die gute alte Grätsche zu schätzen. Angst haben wir nur davor, dass genau aus solchen Anfangsviertelstunden gar nicht selten die langweiligsten Spiele entstehen, wenn die Verhältnisse erst einmal geklärt sind. So wie im Moment.
21.
Plötzlich Podolski mit seinem ersten Ballkontakt, schnappt sich die Kugel an der Mittellinie, dribbelt und dribbelt und dribbelt, dribbelt immer noch, als ihm längst ein Waliser den Ball vom Fuß geklaut hat. Daraus resultiert der Gegenzug, plötzlich steht Earnshaw frei vor Enke, doch der 1a-, b- oder c-Torwart rettet mit einer Riesenparade.
24.
Bale scheint immer noch angeschlagen zu sein. Nach jedem Pass, den er spielt, lässt er sich erst einmal fallen, macht ein kleines Nickerchen, steht dann wieder auf und liefert sich ein »Klasseduell mit Schweinsteiger« (Simon). Ansichtssache.
27.
Ledley stürzt im Strafraum über Tasci, der dort, so Kollege Jonas, »schon seit einer halben Stunde rumliegt«. Wir raten dem Schiri, nicht zu pfeifen. Der gehorcht. Mein Gott, sind wir mächtig.
30.
Hitzlspergers Freistoß ist unfassbar hart, aber auch sehr banal. Einwurf.
31.
Gomez schlumpft den Ball in Richtung Tor, die »Krise« des Stürmers veranlasst die Anwesenden, die Szene zur Chance hinauf zu multiplizieren. Simon tröstet Gomez salbungsvoll, Löw bricht in Tränen aus, Flick knarzt »Menno!« und verspeist seine Notizen. Kollege Jonas zückt seine Geldbörse, will spontan einen »Soli-Zuschlag« für Gomez spendieren. Ich bremse ihn: Ist doch nur Gomez.
33.
Minimalchance für Poldi. Der dreht ab, als hätte er Testikel wie Bushido.
39.
Statt zu assistieren, liest Gieselmann zum ersten Mal in seinem Leben ein wenig im 11FREUNDE-Forum herum, wird blass, wird immer blasser, beginnt im Sekundentakt zu schlucken. Ich überrede ihn mit Müh und Not, vor seinem Rücktritt in der Halbzeitpause »nochmal drüber zu reden«.
45.
Jetzt wird Kollege Gieselmann schnippisch, weil ich ihn bitte, zumindest mit einem Auge auf das Spiel zu schauen, während ich tippe, und nicht den Dow-Jones-Index auf Butterbrotpapier abzupausen und seinem Vermögensberater bei der Sparkasse Diepholz zu schicken. Beleidigt startet er die seiner Meinung nach größte Gegenoffensive der Geschichte: »Flanke, abgeblockt, Ecke, neuer Ball, Waliser dreht ab, winkt, guckt, schnaubt aus, Fans, Tröte, Obi-Werbung, Ecke Bale, Enke, Abschlag.« Was er nicht weiß: Ich kann tippen wie der Blitz. »Halbzeit.«



