Best of Liveticker 09: Galatasaray-HSV
Im Kratzbaum der Miezekatze
Text: Lucas Vogelsang Bild: Imago
Der HSV dreht ein schon verloren geglaubtes Spiel gegen eine türkische Mannschaft mit Rechenschwäche. Wie leise ein Hexenkessel sein kann und wie Boateng seinem Namen treu geblieben ist, erfahrt Ihr im Ticker!
Um 20:30 Uhr in der wunderbaren Welt der digitalen Knoten: Lucas Vogelsang
20:15 Uhr
Hosgeldiniz, herzlich willkommen zum 11Freunde-Liveticker live aus Istanbul.
Im Achtelfinalrückspiel trifft der Hamburger SV nicht nur auf Ex-Schalke-Star Lincoln, auf den tschechischen Blitz Milan Baros, den australischen Dingo Harry Kewell oder einen Verteidiger, der so heißt wie ein türkischer Comedian, der Türken so spielt, wie manche denken, dass Türken sind. Sie stehen nicht nur dem Nummernwirrwarr der türkischen Beflockung gegenüber und müssen auch noch die 1:1 Niederlage aus dem Hinspiel mit einer besseren B-Mannschaft ausgleichen. Zu allem Überfluss spielen die Hanseaten heute 90 Minuten gegen eine Wand aus Farben, Rauch und Gesang. Die Spieler erwartet ein Gegner mit 20.000 Stimmen, eine wogende Masse, die über das Spielfeld schwappt und schon ganz andere Mannschaften mit sich hinfort gerissen hat.
Um in der bengalischen Hölle des Ali-Sami-Yen-Stadions zu bestehen, haben sich die Hamburger deshalb auch etwas ganz besonderes einfallen lassen. Durch eine ebenso perfide wie norddeutsch platte Halbmondscharade wollen sie die fanatischen Anhänger Galatasarays auf ihre Seite bringen:
Der Quotenkanacke und Vorzeigealemannenosmane des deutschen Fernsehens Hilmi Sülzer (mit Karnevalsgebiss und einem Trainingsanzug von DJk Wanne-Eickel 88) spielt Martin Jol und statt David Jarolim wird Schalkes ehemaliger Weltstar und Weitschussakrobat Hami Manderani im Mittelfeld auflaufen. Dazu hat sich Bernd Hoffmann ein paar grundlegende Floskeln des Türkischen angeeignet (inkl. etwaiger Fäkalbegriffe, um die hitzige Atmosphäre nachher besser einordnen zu können).
Damit es am Ende aber aus Hoffmanns Sicht nicht „Allah ismarladik!“ (Auf Wiedersehen, sagt der, der gehen muss) heißt, bedarf es aber wohl mehr, als dieser billigen Anbiederungsversuche.
Die Hamburger Rumpfelf wird über sich hinauswachsen müssen. Und am besten mit Ohrenschützern spielen. Denn: Nur wenn alles passt, besteht Hoffnung auf ein Wunder vom Bosporus. Ansonsten wird er HSV wohl im orangeroten Nebel von Istanbul versinken.
Wie es letztendlich kommt, seht Ihr im Ticker!
Bis gleich.
20:20 Uhr
Kathrin Müller-Hohenstein meldet sich live aus der Höhle des Löwen, hat sich den türkischsten Deutschen des deutschtürkischen Fußballs mitgebracht: Kalli Feldkamp. Es geht um das Wesen des Türken an sich. Über Temperament und Geschichten aus 1000 und einer Nacht. Jörg Berger ruft an, will etwas zum Thema beitragen und zum 31. Mal die Geschichte von den Präsidenten und der Pistole erzählen. Müller-Hohenstein drückt ihn weg. Sie ist selbst krampfhaft damit beschäftigt, sich nicht in Stereotypen zu verrennen. Ihr Gesicht ist verkrampft. Political Correctness kann so weh tun.
20:25 Uhr
"Kein Ausgang aus der Hölle" schreit ein Plakat im Fanblock. Kein Ausgang auch aus der Klischee-Achterbahn. ZDF-Mann Thomas Wark fährt einen besonders schönen Looping und hört sich schon jetzt an, wie ein Multikultiprospekt der VHS-Neukölln.
Dann liest er die Aufstellungen aus der "Fanatik" vor. Diese Angaben sind jedoch wie immer ohne Gewähr. "Da steht nie ein wahres Wort drin", meint Feldkamp. Hoffen wir das beste:
Galatasaray
de Sanctis - Sabri Sarioglu, Kaya, Hakan Balta, Volkan Yaman - Kewell, Baris Özbek, Güven, Lincoln, Ayhan Akman - Baros
Hamburger SV
F. Rost - J. Boateng, Alex Silva, Mathijsen, Aogo - Jarolim, Benjamin - Pitroipa, Jansen - Guerrero, Olic
1. Minute
Anstoß. Das Stadion eskaliert. Wark verfasst ein Referendum zum Thema Integration und Martin Jol sieht wirklich aus wie Hilmi Sülzer mit Karnevalsgebiss. Noch 0:0.
3.
Die Istanbuler in der Löwenhöhle noch wie zahme Kätzchen. Und: Im Stadion ist es auch nicht lauter als am Kottbusser Tor beim Karneval der Kulturen. Martin Jol hat ein Megaphon dabei und liefert sich ein Hymnen-Duell mit den Türken.
6.
Erste Chance für den HSV. Doch Olic fällt im Flug ein, dass sein bestester Freund der Welt und liebster Sturmpartner des Sturms Mladen Petric nicht mitspielt. Traurig zieht er den Kopf ein. Will nicht mehr. Verständlich.
8.
Jarolim wird niedergestreckt. Rappelt sich sofort wieder auf, spuckt einen Zahn aus, richtet den Unterarmknochen und prüft seine Blumenkohlohren. Nichts Neues für ihn. Denn: "Er ist der meistgefoulte Spieler der Liga." (Thomas Wark) Wenn nicht sogar in der Geschichte des Fußballs. Mindestens.
9.
Olic, der mittlerweile per Telepathie-Standleitung mit seinem Diddle-Buddy Petric verbunden und deshalb erheblich besser gelaunt ist als noch vor drei Minuten, setzt einen Kopfabll über die Latte. Zeichnet trotzdem ein großes unsichtbares Herz in den gar nicht so bengalischen Nachthimmel.
12.
Die Atmo in Istanbul wirkt so untürkisch unterkühlt, als hätte jemand vom ZDF ein Band mit den Fangesängen vom Hinspiel eingelegt. Akustischer Volkspark.
14.
Das Spiel ist momentan noch in etwa so spannend, wie einen Wackelpudding anzustupsen und ihm anschließend beim Wackeln zu beobachten. Bis er nur noch kaum merklich vibriert.
16.
Dafür vibriert Arda (Ulknummer 66), legt sich mit Jarolim an, der sich dreister Weise ein Besiktas-Trikot unter sein HSV-Leibchen gezogen hat. Miese Provokation. Ob Arda schon mal den Namen Markus Schuler gehört hat? Sein fehlendes Suspensorium sagt: Nein!
18.
Lincoln überhastet einen Kurzpass, verliert den Ball. Noch spielt der Ex-Schalker wie Orlando Engelaar, der die alten Füße von Kevin Kuranyi auftragen muss.
20.
Aogo (Teenie-kreisch-diddle-sweetheits-Level 11) tritt einen Freistoß in die Abwehr von Galatasaray. Dann malt er ein Autorgramm auf einen Teddy und posiert für die Bravo.
22.
Thomas Wark hat sich gefangen, gibt nüchtern die Spielernamen wieder. Nur: das Klischee lauert auf jedem gelbroten Trikot.
25.
Nichtangriffspakt in Istanbul. Die Spieler treffen sich am Mittelkreis und teilen Rezepte für internationale Köstlichkeiten aus. Jansen will Köfte lernen. Bietet Spiegelei mit Zweibeln. Dazu Sardinen. Wird vom Schiedsrichter verwarnt.
27.
Länder-Tutti-Frutti mit Wark: "Die Türken, in diesem Fall der Australier, wirken unzufrieden." Bei Stadt, Land, Fluss hat Wark früher immer für die Felder "Farben" und "Buchstaben" plädiert. Ein Buchstabe mit W?
28.
Lincoln mit seinem ersten Geniestreich: Der Brasilianer will den Linienrichter anschießen, stolpert, bekommt Freistoß. Eine Gala so halbgar wie der letzte Echo.
31.
Frank Rost durfte bisher zweimal den Ball anfassen. Ihm ist augenscheinlich langweilig. Im toten Winkel der Kamera dirigiert er den türkischen Chor.
34.
Marcell Jansen spielt auch mit. Wo genau und mit welchem Namen auf dem Rücken wird noch zu klären sein.
36.
Der HSV mit vier Mathijsens in der Abwehr und einem Jarolim davor mauert das Spiel in einen Dämmerschlaf. Zeit für eine kurze Anmerkung zur Sprachstruktur beider Teams: Bei Galatasaray sprechen mehr Spieler Deutsch (sieben) als bei den Hamburgern, die sich in einem kruden Esperanto aus niederländisch, Klick und Rostzeichensprech verständigen.
37.
Jetzt Foul von dem Boateng, der Schlüssel benutzt, um Türen aufzuschließen. Doch der Schiedsrichter entscheidet auf Stürmerfoul. Drei türkische Fans beschweren sich. Willkommen im Hexenkessel des Schweigens.
40.
Ein wenig gleicht dieses leicht konfuse Spiel einer Playstationpartie zwei bekiffter 14jähriger, die wahllos Knöpfe drücken, um zu schauen, was für Moves die Spieler so draufhaben.
41.
ELFMETER für Galatasaray. Boateng erinnert sich nun doch daran, dass er ein Boateng ist und bodycheckt Baros in den Rasen. Doch der Pfiff des Schiedsrichters irritiert ihn sichtlich: Früher im Ghetto beim Käfigball war das ein normaler Zweikampf. Aber da gab es auch Bordstein zum Frühstück.
42.
TOOOR! für Galatasaray. Harry Kewell schickt Frank Rost in die falsche Ecke, zerfetzt das Netz. Im Stadion hört man Martin Jol husten. Es fliegen Wunderkerzen auf den Rasen. Auch das nur eine simulierte Eskalation. Wie Völkerball mit Wattebauschen. Trotzdem: 1:0 für die Türken.
45.
Freistoß für den HSV. Die Hamburger drücken jetzt. Denn nicht nur Thomas Wark weiß: "Der HSV braucht jetzt immer noch ein Tor!" Fußball ist eben doch Mathematik. Nur eben auf dem Level einer Vorschulklasse.
Wenn Thomas Wark drei Äpfel hat und Kathrin Müller-Hoenstein einen davon an Kalli Feldkamp verschenkt, wieviel Äpfel hat Thomas Wark dann noch? Jörg Berger ruft an, will lösen. Ich gebe lieber ab in die Halbzeitpause. Klaus Kleber, Keller-Fritzl und das Wetter. In jedem Fall wird beim heute-journal mehr los sein, als in der Hölle der Kätzchen.
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