Hertha-Leverkusen im 11FREUNDE-Ticker
Brusttor der Überzeugung
Text: Lucas Vogelsang Bild: Imago
Hertha zermürbt konfuse Leverkusener mit der Taktik des selbstbewussten Minimalismus und feiert die nächste Abstinenzler-Party. Warum Lucien Favre trotzdem drauf kam und vier Punkte Vorsprung ab jetzt jede Woche mehr werden, erfahrt Ihr im Ticker!
Wird der Ur-Spandauer und Ticker-Guru Lucas Vogelsang am Samstag nach einem Viererpack von Voronin vor Freude ein Konfettibad nehmen? Oder wird er sein aufgeklebtes Herthinho-Arschgeweih abkratzen, weil Patrick Helmes wieder den Gerd Müller macht, und Drobny merkt, dass er doch nicht Oliver Kahn ist, sondern eben nur: Drobny.
Sicher ist: Frank Zander und Herthinho werden über den Rasen wackeln, geistreiche Dinge verkünden (Zander), seltsame Moves machen (Herthinho) bzw. einfach gut aussehen. Ein Krawall-und-Remmidemmi-Dampfer der sehr (bzw.: zu) guten Laune.
Ab 15:15 Uhr an den Tasten, die den Titel entscheiden: Lucas Vogelsang und Frank Zanders Ex-Co-Moderator bei »Spaß am Dienstag«: der Miesling.
15:00 Uhr
Willkommen zu einer neuen Auflage der Dieter-Hoeneß-Festspiele live aus dem Berliner Olympiastadion. Tabellenführer Hertha BSC. Stop. Das klingt so seltsam fremd und gleichzeitig so ausgedacht schön, dass es gleich noch mal geschrieben werden muss. Also: Tabellenführer Hertha BSC. Und noch einmal für Dieter Hoeneß: Tabellenführer Hertha BSC empfängt Bayer Leverkusen zu einem frühlingshaften Reigen von ganz besonderer tabellarischer Brisanz.
Gewinnt die Hertha, wird Josip Simunic noch heute Abend die erste Säule des Brandenburger Tores blauweiß streichen und die Berliner sind endgültig der Topfavorit auf den Titel. Gleichzeitig muss Bruno Labbadias Verein junger Männer in Berlin auf Sieg spielen, um den Kontakt zur Spitzengruppe nicht zu verlieren. Kein ganz einfaches Unterfangen.
Denn auch Labbadia weiß: in dieser Saison gegen Hertha BSC zu spielen, entspricht einem Bad in Zement. Favres Mannschaft spielt bösartigen Rationalball mit der Effizienz eines russischen Inkassounternehmens und ihr Spiel wirkt dabei ständig wie das fußballerische Äquivalent zum Appetenzverhalten des bärtigen Drachenkopfs (-> Riffjäger, der), einem Meister des Jagens durch zermürbendes Warten auf einen Fehler der Beute. In stoischer Ruhe verharren die Berliner in ihrem Spiel der perfekten Schweizer Arithmetik, teilen den Rasen in Planquadrate, summen zum Zeitvertreib ein Lied, holen vielleicht einen Einwurf heraus, verfallen jedoch nie in kontraproduktiven Aktionismus. Während sich der Gegner durch obsoletes Anrennen und manisches Chancenherausarbeiten verausgabt, warten sie auf den einen entscheidenden Moment. Dann fahren sie ihre giftig-langhaarige ukrainische Fangzunge aus und packen zu.
Nun trifft dieser blauweiße Bermuda auf Bayers drollige Frischlinge (manchmal auch: tollende Häschen oder ballverliebte Rehkitze), die in ihrer schier unerschütterlichen doch bisweilen völlig überkandidelt wirkenden Spielfreude ziemlich genau in das Beuteschema von Favres rationalen Punktejägern passen.
Auf den ersten Blick deutet also alles auf einen Nachmittag mit dem Gemetzelpotenzial einer Lemminggroßfamilienfeier hin.
Doch so einfach ist das nicht. Denn Bayer Leverkusen ist nach Cottbus Herthas schlimmster Alptraumgegner. Die Pillendreher von der anderen Seite des Rheins haben vier der letzten fünf Spiele im Olympiastadion für sich entscheiden können. Meist haben sie die Gastgeber dabei vorgeführt, gedemütigt, abgewatscht. Herthas letzter Heimsieg gegen Leverkusen fiel dann auch in etwa in die Pubertätsphase des Bayerkaders. Zudem ist die Kindergarten- spaßkapelle von Dressman Labbadia die auswärtsstärkste Mannschaft der Bundesliga und hat in Patrick Helmes auch längst einen neuen Rudi Völler in ihren Angriffsreihen.
Der Ausgang dieses Spiels zwischen der Leverkusener Hüpfburgbrigade und den Berliner Uhrwerkpragmatikern ist also völlig offen.
Unsere Prognose: Lässt sich Patrick Helmes bis zum Anpfiff einen Völlergedächtnisschnauz stehen, gewinnt Bayer. Gelingt es jedoch Lucien Favre, seinen Spielern auch noch die Fähigkeit der chamäleonhaften Rasencamouflage anzutrainieren, entscheiden die Berliner heute die Meisterschaft.
Seid dabei! Nach nur einem Spot geht's weiter.
15:15 Uhr
Im Premiere-Studio herrscht ausgelassene Stimmung: Dieter Hoeneß (noch verschwitzt vom Tänzchen in Cottbus) hat sich als Elliott das Schmunzelmonster verkleidet und grinst mit Premiere-Experte und Modemanager Oliver Bierhoff um die Wette, hat Ballettschuhe dabei. Für alle Fälle.
15:18 Uhr
Unentschieden im Lächel-und Zähnezeigen-Kontest zwischen Bierhoff und Hoeneß dem Jüngeren. Kurz schien es so, als hätte Dieter seinen Bruder Uli mit zum Interview gebracht. Doch der zweite Blick verrät: es ist nur der runde, sehr dunkelrote Premiere-Mikrofonpuschel. Verblüffend.
15:20 Uhr
Sebastian Hellmann und Oliver Bierhoff sehen aus wie aus einer P&C-Wurfsendung ausgeschnittene Jackett-und-Oberhemden-Modells. Faltenfrei der Anzug, faltenfrei auch das Gesicht. Warten auf Barbie.
15:25 Uhr
Freizeit-Medium Hellmann interviewt den Teamgeist von Hertha BSC. Bierhoff gruselt sich, versteckt sich hinter dem Monitor, sucht in seinem Handy nach der Nummer von Dr. Peter Venkmen. Vergeblich.
15:27 Uhr
60.000 Zuschauer im Olypiastadion. Lucien Favre lobt den Gegner, Labbadia auch. Dieter Nickles ist verwirrt, gibt ab an Reif, der sich selbst loben wird. Bis zum Abpfiff.
15:28 Uhr
Reif erinnert von Spiel zu Spiel mehr an eine dieser ominösen Großtanten aus 50er-Jahre Defa-Filmen. Reif, Torte, Teeservice. Vielleicht eine Idee für eine neue Talkshow im Dritten. Sendeplatz: Irgendwann Sonntags um die Mittagszeit.
15:30 Uhr
Schweigeminute. Auch für Reif. Dann Anpfiff. Noch 0:0.
1.
Erst Amokgedenkminute, dann Fußball. "Ein Spagat" findet Reif, macht eine Rückwärtsrolle und landet im Telemark. Der Auftakt ist gelungen.
3.
Erste zaghafte Annährungen. Noch nicht viel los. Deshalb an dieser Stelle ein kleines Suchspiel. Die BILD-Zeitung hat irgendwo auf dem Platz eine Miniatur-Meisterschale vergraben. Wer sie findet, darf sie behalten.
5.
Simunic läuft heiß, verkrampft sein Gesicht zu einer Zweikampffratze. Helmes hält Sicherheitsabstand. Besser so.
8.
Reif kegelt mit Floskeln. Die Sportredaktion der BZ schreibt mit. Noch fünf Minuten und sie haben alleÜberschriften für die kommende Woche.
10.
Ein Spiel, wie wir es erwartet haben: Leverkusen spielt No Look Doppelpässe mit dem Absatz und wahlweise auch mit der Unterlippe. Hertha wartet.
12.
Lucien Favre überträgt die Koordinaten des Spielfelds auf ein Reiskorn, schnippt es in Richtung Labbadia.
14.
Erste Halbchance für Hertha. Aber Raffael immitiert die Bühnenpräsenz Pantelics und läuft sich in der leverkusener Viererkette fest, anstatt auf Voronin zu spielen, der im freien Raum so manisch winkt wie eine manische Winkerkrabbe. Umsonst.
16.
Hertha übt den letzten Pass, wirkt aber alles noch so albern, wie Ü40-Frauen, die sich Hello-Kitty-Aufkleber auf ihre bunten Umhängetaschen kleben.
20.
Erste Ecke für Leverkusen. Angeblich Handspiel von Rodnei. Raffati winkt ab. Helmes (hysterisch) will alle Spieler zwingen, die Szene noch einmal in langsam nachzuspielen. Simunic macht den Scheibenwischer. Situation geklärt.
23.
Herthas Spiel wirkt noch immer wie ein Stilleben aus der IKEA-Bildergalerie mit Rahmen. Leverkusen macht auf Picasso. Labbadia will seinen ohne Zucker. Lucien Favre schaut ihn mitleidig an.
25.
Dardai sucht die BILD-Meisterschale, findet aber nur einen Schneidezahn von Axel Kruse. Ist enttäuscht und leitet geistesabwesend einen Konter der Leverkusener ein.
28.
Beide Teams spielen jetzt quer. Sieht aus wie eine Einheit "Pulle" beim Katertraining einer Kneipenmannschaft aus Wilhelmsruh. Nur ohne Nazis an der Seitenlinie.
30.
Reif moniert die Höhepunktarmut des Spiels. Ihm ist das Gesicht eingeschlafen. Hätte er nicht auf Anraten seines Arbeitgebers das Räusperknöpfchen wieder entdeckt, man würde es jetzt fleischig klatschen hören. Dann widmet er sich wieder seiner Lieblingsbeschäftigung: Die Aussprache von Lateinvokabeln bei laufendem Spiel üben. qed.
33.
Rodnei, der irgendwie immer auch an eine Kreuzung zwischen Sammy Kuffour und einem ausgewachsenen Vogel Strauss erinnert, zerpflügt die linke Seite. Ist schon in Strafraumhöhe. Dann fällt ihm auf, dass Leverkusen in Ballbesitz ist und er trottet zurück in die eigne Hälfte.
35.
Voronin peitscht sich in den Bayer-Strafraum, muss aber erkennen, dass Leverkusen nicht Cottbus ist und bleibt hängen. Anschließend verfällt er wieder in die Appetenzstarre seiner Teamkollegen.
38.
Kießling gewinnt ein Kopfballduell gegen Simunic, verfehlt das Tor aber ganz knapp. Simunic holt eine Polaroid-Kamera aus seinem Schlüpfer und fotografiert Kießling im Close-Up, dann heftet er das Bild an den Pfosten. Die Ansage ist eindeutig. Kießling macht die Wechselgeste. In Comicsprache: "Schluck!"
40.
Voronin wirkt inmitten der Leverkusener Abwehr so verloren und deplatziert wie Stefan Effenberg in einer Literatur-Quizshow. Darf nicht mal jemanden anrufen. In Comicsprache: "Schluchz!"
42.
Ein Spiel mit weniger Chancen als das Prekariat.
44.
Voronin und Nicu versuchen, sich gegen acht Leverkusener zu behaupten. Scheitern aber wie zwei Nerds beim Ausscheidungstraining für das College-Football-Team.
45.
Lucien Favre wirkt trotzdem gelöst. Seine Reiskorntaktik ist aufgegangen: Die Leverkusener schwitzen schon, während wie blauweißen Trikots noch so knitterfrei sind, wie die Hemden aus der Oliver-Bierhoff-Kollektion.
45. +1
Abpfiff. 0:0. Ein Spiel ohne Fußball. Labbadia klettert entnervt auf die Tribüne, wirft Falko Götz das Trikot von Charisteas zu, will in der zweiten Hälfte auf volle Offensive setzen. Favre reagiert und läuft sich warm.
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