Werder-Milan im 11FREUNDE-Ticker
Im Wurmloch der Langeweile
Text: Lucas Vogelsang Bild: Imago
Nach einem Spiel mit der Dramatik eines Standbilds trennen sich zwei Teams voller Wachsfiguren 1:1. Wie Thomas Schaaf die zähflüssige Zeit zwischen An- und Abpfiff überbrückte und Frings seinen Halbbruder kennen lernte, erfahrt ihr im 11Freunde-Ticker!

Am Mittwoch um 20:15 Uhr geht es hier los.
An der Tastatur: Lucas Vogelsang.
Seid dabei!
20:15 Uhr
Willkommen zum nördlichsten Italo-Western in der Geschichhte des Uefa-Pokals.
Ein Hauch von Championsleague liegt über dem Weserstadion.
Und für Spannung ist gesorgt, denn:
Zumindest mit Blick auf die Leistungskurve sind die Bremer derzeit die kurvigste Mannschaft Deutschlands, mindestens. Dortmund im Pokal geschlagen, danach in Bielefeld aus Trotz nicht richtig gespielt und gegen Gladbach schließlich im Scheibenschießen nur eine Teilnehmerurkunde erschwommen. Doch nun kommt gerade rechtzeitig der richtige Aufbaugegner: Das Altstar-Team aus Milan. Ein scheinbar übermächtiger und deshalb unglaublich leichter Sparringspartner für Werder. Denn gegen die Schwergewichte wirkt dass Spiel der Bremer immer besonders leicht.
Die Italiener haben auf diese abstruse Arithmetik der Norddeutschen bereits reagiert. denn Milans Trainer Carlo Ancelotti hat Videos der Bremer Auftritte gegen Hannover, Cottbus, Bayern und Hertha angeschaut und zu dem Schluss gekommen, dass Milan heute Abend nur eine Chance hat, in Bremen zu bestehen: Verkleiden. Als unbegabte Graupentruppe. Eine Maßnahme dabei: Die Umbeflockung der Trikots. Beckham spielt heute als Ervin Skela und Pato als Artur Wichniarek. Ancelotti möchte auf diese Weise die Außenseiterrolle der Rossonieri simulieren und die Bremer so zum Sinnlos-Harakiri aus dem Gladbach-Spiel animieren.
Ob das klappt, ob Frings Haarbänder mit Ambrosini und Tim Wiese Wallnuss-Oliven-Bräunungscreme mit Silvio Berlusconi tauschen wird und wer eigentlich diese Antje Lotti ist, der Ticker wird es herausfinden.
Gleich geht’s hier los!
20:20 Uhr
Live vor Ort im Weserstadion, wo es laut Klaus Allofs jetzt sogar nach Meisterliga duftet, ist 11Freunde-Straßenpoet und Gesichtshaarexperte Dirk Gieselmann, der, bewaffnet mit einem Herlitz-Geodreieck bewaffnet, in loser Abfolge die Bartlänge Thomas Schaafs durchgeben wird.
Kollege Gieselmann hat per Flughund (kicker.de) zumindest schon mal die aktuellste Aufstellung geschickt:
So wollen sie spielen:
Wiese - C. Fritz, Mertesacker, Naldo, Boenisch - Baumann - Tziolis, Özil - Diego - Pizarro, Hugo Almeida
Trainer: Schaaf
AC Mailand
Abbiati - Zambrotta, Senderos, Kaladze, Jankulovski - Beckham, Flamini, Ambrosini - Ronaldinho, Seedorf - Pato
Trainer: Ancelotti
20:25 Uhr
"Die Wahrheit liegt auf dem Platz" und "Werder steht am Scheideweg", sagt die ZDF-Stimme Thomas Wark zur Begrüßung.
Das hört sich fast an wie aus dem Kommentarbausatz von Kai Pflaume. Ein Hauch von Championsleague liegt über dem ZDF.
20:29 Uhr
Die Mannschaften laufen ein. Mailands Senioren spielen in Knickerbockers und sind zusammen so alt wie Thomas Schaafs Falte unter dem linken Auge.
Noch fünf Minuten bis Wark feststellen wird, dass Paolo Maldini schon Nationalspieler war, als Özil noch gar nicht geboren war.
20:30 Uhr
Anstoß. Werder sucht seinen Rhytmus. Schaaf mit Schellenkranz an der Seitenlinie.
1.
Gleich eine Ecke für Bremen. Diego, nüchtern, wird sie ausführen.
2.
Bremen schon jetzt mit fast so vielen Chancen wie im Kampf gegen Hans Meyers Antiquitätsfußball. Aber Tziolis scheitert am Mailänder Keeper, einem 23jährigen Belgier, der über Nacht aus Gladbach geholt wurde.
4.
An der Mittellinie haben sich Ambrosini und Frings (in zivil, aber mit Hass in den Augen) in den Haaren.
6.
Jetzt erkennen sie, dass sie Halbbrüder sind. Vater Frings hatte jahrelang einen Wohnwagen an der Adria. Frings wird vom Feld geschickt. Muss unter die Dusche. Sein neues Totenkopftattoo aus der Bravo abwaschen.
8.
Thomas Wark hat seine eigene Chancen-Zählweise entwickelt und rechnet jeden erfolglosen Bremer Angriff auf die 35 Tormöglichkeiten aus dem Gladbach-Spiel rauf. Bremen jetzt mit 40 Großchancen und nur einem Tor: 1:1 für Mailand.
9.
Die Mailänder Abwehr wirkt wie eine Rentnergruppe auf Sightseeing-Tour am Checkpoint Charlie: Ein bisschen Staunen, ein bisschen Nostalgie und ganz viele Pausen. Jankulovski hat Stullen dabei.
10.
Inzaghi macht, was er am besten kann und versteckt sich an der Demarkationslinie zwischen Abseits und Torchance. Hat dazu dem Linienrichter die Fahne geklaut. "Listig", meint Wark.
Und: "Mit allen Wassern gewaschen." Ghostwriter: Fritz von Thurn und Taxis.
12.
Wieder Inzaghi. Wieder abseits. Der Linienrichter hat seine Fahne wieder und Wark philosophiert über das Wort Flügelspiel.
14.
Baumann und Ronaldinho prallen im Mittelfeld aufeinander. Werders Kapitän schüttelt sich. Hat einen Zahnabdruck in der Stirn. Der Brasilianer macht den Surfergruß.
16.
Erste Großchance für Mailand, aber Italienkenner Wiese (Münz-Rimini für goldene Adriabräune, Lieblingsessen: Spaghetti Carbonara) lenkt den Ball zur Ecke. Danach bestreut er sich selbst mit Parmesan.
18.
Schaaf im Bild. Gieselmann meldet: Bartlevel drei (Kurt Beck), noch zwei bis Marx!
20.
Fritz klärt gegen Ambrosini, der sogleich zur italienischen Gestik-Oper ansetzt. Aber Fritz lächelt nur und gibt ihm auf der nach oben offenen Luca-Toni-Skala nur einen Panettone.
23.
Inzaghi macht vor, wie es richtig geht. Fallenlassen, Händekreisen, ein Blick irgendwo zwischen Hund (süß) und Katze (verschlagen). Drei Panettone.
25.
Das Spiel befindet sich im Snooze-Modus. Man kann Schaafs Bart wachsen hören. Jetzt wäre es Zeit, ein paar Hoteltraumreisen an die Türkische Riviera zu verlosen. Jeder Anrufer gewinnt. Und danach gibt es Brüste vor Flipcharts.
Stattdessen nur: Boenisch vor Inzaghi.
28.
Diego klaut Senderos den Ball, muss aber allein gegen alle Italiener spielen, weil der Rest der Mannschaft mit Wiese das Verhalten bei hohen Bällen übt.
30.
An der Seitenlinie tauschen Inzaghi und Wolgang Rolff Schlachtanekdoten aus. Veteranentreff Weserstadion. Und an der Heimorgel: Uli Borowka.
32.
Mailand wird stärker. Chancen für Inzaghi und Seedorf. Schaaf reagiert und zündet Wunderkerzen an. Werders Scrooch wartet auf den Geist der vergangenen Weihnacht.
34.
Das Spiel jetzt so spannend wie ZDF-Videotexttafel 224. Mit Blick auf das kommende Wochenende ist es Zeit für Karnevals-Rhetorik: An Ronaldinho nagt der Zahn der Zeit.
36.
TOOOOR! Ein Tor aus dem Nichts des Entertainment-Vakuums: Mertesacker legt Inzaghi den Ball am Elfmeterpunkt zurecht. Wiese duckt sich , will gar nicht erst hinsehen: 0:1 für Mailand. Schaaf zündet Wunderfackeln an und macht Böllergeräusche.
39.
Uli Borowka (an der Heimorgel) legt "Wunder gibt es immer wieder" auf. Dann geht er stagediven im Werder-Fanblock.
40.
Diego (immer noch nüchtern) hadert mit der Unzulänglichkeit seines Umfelds. Bestellt drei Ramazotti und verlangt von Bremens Pressechef Tino Polster die augenblickliche Herausgabe seiner Autoschlüssel. Verständlich: Wer will schon nach Delmenhorst laufen.
42.
Die Mailänder Taktik geht auf. Die Italiener spielen wie Cottbus und führen mit 1:0.
Ancelotti schickt eine kurze e-mail in die Lausitz: "Danke, Bojan!"
45.
Mailand führt in Bremen mit 1:0. Doch das ist nicht die einzige schlechte Nachricht für Bremen: Wie die Uefa soeben verkündet hat, darf Mesut Özil trotz der ersten Halbzeit im Werder-Trikot, in der zweiten Hälfte für Mailand auflaufen. Möglich macht das eine Zusatzklausel in den Uefa-Statuten. Auf Özils Homepage eskaliert das Forum.
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