Pantomimen in Super-Slowmo
Werder-Leverkusen im 11FREUNDE-Liveticker
Text: Lucas Vogelsang Bild: Imago
Lange roch es nach 0:0. Dann gab Vander den traurigen Clown, die Leverkusener lachten sich schlapp. Und Rudi Völler jubelweinte in eine Bremer Wand aus Pfiffen. Das Protokoll der Emo-Schlacht im 11Freunde-Liveticker!
Leverkusen ist Zweiter, das Gefühl kennt der Klub nur allzu gut aus dem Jahre 2002. Man will also schnell da wegkommen. Oben drüber steht nur noch Emporkömmling Hoffenheim. Dass Fußballtraditionalisten tatsächlich mal Bayer die Daumen drücken würden – mein Gott, wer hätte das gedacht?
Bei Werder indes weiß ja kein Mensch mehr, was er überhaupt denken soll. Die meisten Hütten kassiert, dafür aber auch die zweitmeisten geschossen. Macht summa summarum Rang 10, das ist nicht Fleisch und – was bei den Bremern besonders erstaunt – noch nicht mal Fisch.
Sieht also so aus, als wenn beide gewinnen wollen heute Abend. Um irgendwie Meister zu werden, in einer Saison, an deren Ende jemand obsiegen könnte, der jetzt noch nicht mal aufgestiegen ist. Oder, naja. Em. Hallo? Aufgelegt.
Wir tickern jedenfalls den sich anbahnenden Wahnsinn direkt aus dem Teilchenbeschleuniger. Wir sehen uns um 19:45 Uhr. Schalten Sie ein!
Werder gegen Leverkusen – ein »richtungsweisendes Spiel«, wie wir es ausdrücken würden, wenn man es uns im ARD-Reporter-Seminar beigebracht hätte. Aber auch dann stünde nicht fest, wohin diese Richtung denn eigentlich weist.
Wir wünschen viel Spaß.
19:45 Uhr
Guten Abend meine Damen und Herren, liebe Freunde des runden Leders und der gepflegten Torflut. Willkommen zum einzigen Ticker in Berlin, der kein Gras verkauft.
An den Mikrofonen im kleinsten Irrenhaus der Liga, wenn nicht sogar der Welt sind heute Abend Lucas Vogelsang (»N'Abend«) und als Backup, bei eventuellen Tobsuchtsanfällen oder Torvergiftungen, Max Ost (»Hallo!«).
19:50 Uhr
Lustige Runde bei Premiere. Dieter Nickles hat Marco Bode und Bruno Labbadia zu Gast. Man kennt sich und tauscht Kunstrasen-Anekdoten aus. Es gibt Krapfen und lauwarmes Bier. Schön.
19:55 Uhr
Dieses Spiel ist nicht nur für Bode und Labbadia ein ganz besonderes. Rudi Völler trifft ebenfalls auf eine große Jugendliebe und konnte sich vor dem Anpfiff dann auch nicht ganz entscheiden: Jetzt trägt er Bayer-Trikot und Bremen-Schal. Nicht hübsch, erfüllt aber seinen Zweck.
1. Minute
Anstoß in Bremen. Noch 0:0. Aber Bremen kommt. Frings schon Gelb-Rot gefährdet. Helmes bislang ohne Ballkontakt.
2.
Freistoß Bremen. Der redaktionseigene Werder-Hool Erik Rossel hat bereits sein Shirt ausgezogen und trommelt mit einem mitgebrachten Döner auf dem Tisch: »Los, bearbeitet den Adler.« Das werden lange 90 Minuten. Der Adler faustet den Ball aus dem Strafraum.
Rossel schmeißt den Döner in Richtung Fernseher.
3.
Schon die zweite Großchance für Werder. Menschenknäuel im Strafraum. Naldo und Adler üben sich im Synchron-Fallrückziehen. Naldo trifft Henrique am Kopf. Das gibt Abzüge in der B-Note. Adler ist sauer und fordert Naldo zum Duell, indem er ihm mit einem seiner großen Goofy-Handschuhe durch das Gesicht fährt.
5.
Das Spiel hat sich nach den anfänglichen Strafraum-Szenen, die erschreckend an die Media-Markt Eröffnung im Berliner »Alexa« erinnerten, beruhigt. Patrick Hlemes ist noch immer ohne Ballkontakt. Rudi Völler schaukelt sich mit wechselseitigen Schlachtgesängen hoch.
7.
Özil spielt einen Doppelpass mit sich selbst. Übersieht den besser postierten Frings. Der droht mit Rücktritt. Wird aber von Baumann beruhigt. Frank Baumann wird nach seiner Karriere ein Psychologie-Studium beginnen. Oder Karten legen auf 9Live. Mal sehen.
9.
Bremen schnürt die Leverkusener in der eigenen Hälfte ein. Fast wirkt es so, als hätten sich Bode und Labbadia die Trikots von Rosenberg und Almeida übergezogen. Das ist doppelt bitter für Bayer. Denn als Trainer-Vertretung wurde Erich Ribbeck reaktiviert.
Als Ticker-Stargast hat sich kurzfristig Jan Delay aka Jan Eißfeldt angemeldet. Er wird sich melden, wenn er da ist. Wir dürfen gespannt sein.
11.
Bruno Labbadia als Almeida taucht frei vor Adler auf. Verfehlt das Tor aber knapp. Man merkt ihm die fehlende Spielpraxis an. Durchatmen bei Adler. Rüdiger Vollborn macht sich sicherheitshalber schon warm. Nostalgie--Zirkus im Weserstadion.
14.
Der 11Freunde-Ticker ist aufgrund technischer Probleme im Tim-Warp gefangen. Ich ticker jetzt das Spiel Bayern München-Werder aus der Bremer Meistersaison 2004.
15.
Micoud tanzt Lucio aus. Aber der Ball wird abgefälscht. Ailton lehnt an der Werbebande und smalltalkt mit dem Balljungen.
18.
Endlich zurück in der Jetztzeit. Özil tanzt mit Henrique. Aaron Hunt läuft wie aufgezogen an der Seitenlinie auf und ab. Hat eine Motivationspille von Frings eingeworfen: Guarana-Extrakt mit Traubenzucker-Koffein-Melasse. Und Patrick Helmes? Spielt auch mit. Sagt der Spielberichtsbogen.
20.
Frings selbst wirkt, als hätte er sich einen Partykasten »Club Mate« direkt an die Venen geschlossen, hat Augen wie Sailormoon.
22.
Max Ost meldet sich per Satellitentelfon aus Karlsruhe und gibt den Zwischenstand durch: 2:0 für Schalke. Kuranyi mit einem Tor und einer Vorlage. Man hatte uns ja gewarnt, dass der Ost es mit der Realität nicht so ganz genau nimmt, aber gleich so viel Fantasie hätte ich ihm nicht zugetraut. Wenn er das nächste Mal anruft, lass ich's einfach klingeln.
24.
Leverkusen erspielt sich mit der Rainer Calmund-Gedächtnis-Taktik etwas Übergewicht.
Mal sehen, ob es was hilft. Patrick Helmes scheint heute jedenfalls an Appetitlosigkeit zu leiden. Spielt aber noch.
26.
Im Mittelfeld geht es jetzt hin und her. Mir wird ganz schwindelig. Ein Spiel wie ein Batik-T-Shirt.
28.
Max Ost sinniert über Namen und Tabellen: Leverkusen ist bei diesem Spielstand Tabellenführer. Vor Hoffenheim, Hamburg und Schalke. Und Bayern? Die stehen vor Bielefeld und Cottbus. Egal, ob es bei diesem 0:0 bleibt. Das ist zu viel für den Weißwurst-Extremisten. Er verlässt die Redaktion um zu Hause Glühbirnen zu verprügeln.
30.
Bremen spielt jetzt wie Hoffenheim. In Super-Slowmo.
33.
Helmes und Kießling mühen sich gegen die Bremer Hintermannschaft, doch die Bälle kommen zu ungenau oder kullern, eiern, seppeln auf den stoischen Vander zu. Unser Stargast aus Hamburg schaut sich das kurz an und meint dann: »Da geht leider nichts/ und da wird nie was geh'n/ denn man wird Michael Jordan auch niemals in Fila sehen.«
35.
Frings verliert den Ball gegen Vidal. Jan Delay schaltet das Bild auf Freeze-Modus und schaut sich dem Lutscher seine Tatoos an. Sein Kommentar: »Der hat so viel Stil wie ein Cornetto-Eis«. Max Ost schaut ihn nur fragend an. Er ist mehr der Bum-Bum-Typ.
38.
Torfabriken, Zaubersturm, Abwehrchaoten. Was wurde vor dem Spiel nicht alles auf den Boulevard gerotzt. Und jetzt das: Kurz vor der Halbzeit steht es 0:0. Und das Spiel ist in etwa so amüsant wie eine Stadionführung in Cottbus. Mit Bruno Akrapovic.
41.
Leverkusen dominiert das Spiel. Helmes hat Kießling auf die Schultern genommen. Und Castro schlägt Flanke um Flanke. Nur: Naldo ist immer noch größer. Der sieht auch irgendwie aus wie Dortmunds Dede auf Stelzen.
43.
Vander versucht einen harmlosen Schuss zu fangen. Wurde aber von Vidal mit chilenischem Voodoo hypnotisiert und hält den Ball für eine heiße Kartoffel. Tänzelt jetzt wie ein aufgeregter Homer Simpson auf der Seitenlinie. Bis der Ball ins Aus tropft.
45.
Leverkusen und Bremen: 0:0. Und wir können kurz vor dem Halbzeitpfiff konstatieren: Bleibt es bei diesem 0:0, wird Hoffenheim nicht absteigen.
Abpfiff. Im richtungsweisenden Spiel um die Vizemeisterschaft 08/09 geht es nach der Pause weiter. Das Schlußwort gehört noch einmal Herrn Delay: »Das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen.« Danke. Mit diesem olympischen Gedanken entlassen wir die Spieler in die Kabinen und warten auf Bode, Nickles, Labbadia und vielleicht Matthias Sammer. Man weiß ja nie.
Halbzeit-Teeparty.
Dieter Nickles legt sich mit Jan Delay an und stellt fest: »Bei Bremen ist das Feuer dann irgendwie ausgegangen.« Der Eißfeldt holt ein Taschenmikro aus seinem XXL-Hoodie und beginnt mit einem Freestyle-Diss gegen Nickles. Max Ost unterlegt das mit einer bayrischen Beatbox. Spontan-Jam in der 11Freunde-Redaktion. Mein persönlcihes Woodstock.
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