Das Finale im 11FREUNDE-Ticker
Felicidades, Europameister!
Text: Dirk Gieselmann und Fabian Jonas Bild: Imago
Herzlichen Glückwunsch, Spanien! Das Team von Luis Aragones besiegte im EM-Finale die Deutschen mit 1:0. Wie Angela Merkel mitging, Klinsi fast den Flitzer machte und es am Ende doch nicht reichte – lest es jetzt nach im 11FREUNDE-Ticker.
Mit »Let me entertain you« geht es zu Ende. Für uns jedenfalls, die wir damit diesen EM-Ticker beschließen wollen. Wir wurden unterhalten, oft gut, manchmal weniger, hervorragend in jedem Fall von einer spanischen Meister-Mannschaft, die sich auch von Italien nicht zermürben ließ, die dreckig gewann, als es notwendig war, und spielerisch überzeugte, wann immer es ging. Gegen Deutschland ging es.
Auf Wiedersehen, liebe Fußballfans. Es waren lange und schöne drei Wochen. Wir sehen uns in der neuen Saison zum Bundesliga-Ticker!
»Thank God, it's over. Wir wären fertig. Hiermit, ja.« (Uwe Johnson)

Der Stadion-DJ versucht hartnäckig, den Spaniern jede Partylaune auszutreiben, spielt schlechte Discomucke der 70er und 80er und kommt schließlich über ein paar Takte Funpunk zur Hüttengaudi und wieder zurück zum siebten »Viva Espana«.
Während die Spanier feiern, schraubt sich Bastian Schweinsteiger, einsam im Strafraum sitzend, am Ohr herum, als wolle er es abmontieren, hätte fortan keine Verwendung mehr dafür. Ist es ein Versuch, sich jetzt, viel zu spät, doch noch einmal die Kaltschäuzigkeit eines Luca Toni in Bundesligaform anzueignen? Oder liegt es daran, dass gerade das unvermeidliche »We are the Champions« ertönt, das man eigentlich gerne mitgrölen würde, nach einer Niederlage aber prinzipiell ablehnt?
Die Siegerehrung. Ersatzkeeper Palop trägt sein Kindertrikot, Platini wäre auch gern Spanier und dann: Der spanische Kapitän Iker Casillas reißt den Pokal empor. Dass zu diesen herzerwärmenden Bildern der Soundtrack von »Fluch der Karibik« gespielt wird, ist nur ein weiterer Beweis für die irrige Annahme der Eventmanager, dass wir ohne die Verabreichung von Tonnen von Kitsch keine Empfindungen haben können.
Sollten wir den Deutschen ein Zeugnis ausstellen, würde es in etwa so ausfallen: Ordentlich gegen Polen, desaströs gegen Kroatien, Dienst nach Vorschrift gegen Österreich, irreal gut gegen Portugal, gespenstisch gegen die Türkei, mittellos gegen Spanien. Seien wir ehrlich: Das reicht nicht für den Titel. Freuen wir uns also ein paar Tage über den zweiten Platz. Möglichst bald aber sollten wir wieder Standardsituationen üben.
Die Spanier werfen ihren Opa Luis Aragones so energisch in die Höhe, dass man Angst um seine Gesundheit bekommt. Der jedoch lacht zum ersten Mal seit Monaten, denn er weiß: Er hat den Fluch, wenn es ihn denn je gab, besiegt. Spanien hat erstmals seit 1964 einen internationalen Titel errungen. Nichts gegen die Deutschen, vor deren Energieleistung wir ebenfalls den Hut ziehen, aber: Wir gönnen es den Jungs.
93. Aus! Aus! Der Traum ist aus! Deutschland ist nicht Europameister, Spanien hingegen schon. Und das absolut zu Recht. Wir senden einen herzlichen Glückwunsch, und alle Freunde des Spiels werden sich uns anschließen.
91. Vier Torschüsse in 90 Minuten, null Flanken, die auch nur im Entferntesten gefährlich wurden. Eine Bilanz, die zu dürftig ist. Aber verlassen wir unsere Fan-Perspektive und widmen uns den ästhetischen Aspekten des Spiels: Die Spanier haben ein streckenweise verzückendes Kurzpassspiel aufs Parkett gelegt, spektakuläre Chancen herausgespielt, uns gezeigt, was moderner Fußball ist (nicht nur in diesem Spiel, sondern schon im ganzen Turnier) und werden in wenigen Sekunden verdient Europameister sein.
89. Während wir dem deutschen Mittelfeld so beim Rumstorchen zugucken, denken wir: Schade, dass Michael Ballack nicht mitspielen konnte. Vielleicht hätte dem Spiel seinen Stempel aufdrücken können.
86. Bartels beschwört die Fußballgötter, hofft, »dass sich das rächen wird, dass die Spanier die Dinger nicht reinmachen«. Wir lassen ihn gewähren, gelähmt, ratlos. Und hoffen einfach mit. Aber wie, so ganz ohne Ball?
85. Die Deutschen gerade wie die Dicken im Sport, die nie mitmachen dürfen. Sie kriegen den Ball einfach nicht mehr, werden nur mal angeschossen im besten Fall. Die Spanier haben aber auch wirklich nullkommanull Bock, sich das noch nehmen lassen.
81. Senna rutscht um Haaresbreite an einer Hereingabe vorbei. Meine Fingerkuppenverletzung (siehe unten) bricht wieder auf, ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr.
78. Bad idea: Lehmann verspürt außerhalb Strafraums Lust, Beach-Volleyball zu spielen, ist gedanklich wohl schon in den Ferien. Rosetti zum Glück auch, lässt die fällige Rote Karte stecken.
78. Weltschmerz kommt für für existentielle Verzweiflung, also Gomez für Klose.
77. Schlechte Nachricht für die Deutschen: Die Spanier haben null Bock, sich das hier noch nehmen zu lassen. Die zwischenzeitliche Nervosität haben sie zum selben Zeitpunkt abgelegt wie Ballack und Co. ihren plötzlichen Elan. Wir bereiten erste Überschriften vor. »Es hat nicht sollen sein«, schnitzt Jonas sich zusammen. Abgelehnt. Es hat nicht sollen sein.
76. Klinsi rutscht unruhig auf seinem VIP-Sessel hin und her. Gleich macht er den Flitzer.
75. Geheimrezept Pathos: Die deutschen Schlachtenbummler singen die Hymne. Lehmann lauscht gerührt, Köpke auch, die anderen haben keine Zeit.
74. Bartels beginnt mit dem Fazit. Selten hatten wir schlechtere Laune.
71. Frings hat die Schnauze voll, übernimmt jetzt die Standards und haut den Freistoß in Casillas Arme. Wir tickern inzwischen im Stehen, fordern unsere eigene Einwechslung.
67. AAAAAAAAAAH. »Wie kann das passieren?«, unken Kollege Jonas und Tom Bartels im Chor. Irritation macht sich breit. Was passiert hier? Jansen jedenfalls macht bei der Abseitsfalle nicht mit, gleich zwei Spanier stehen frei vor Lehmann, der hält jedoch Ramos' Kopfball. Nur Sekunden später einen Schuss von Iniesta. Der deutsche Schwung wieder eingefroren. Oder nur angefroren? WEITER!
64. EEEEEEEEEEEYYYY! Silva gegen Poldi mit einem leichten Glasgow-Kiss, Poldi lässt sich nicht fallen, mault nur, was wir ansonsten immer ganz großartig fänden, im Moment aber: na, geht so. Ballack findet es auch nicht großartig, rudert wild mit den Armen. Bleibt aber beim Freistoß, den Schweinsteiger meilenweit ins Toraus setzt. Kollege Gieselmann löscht auch seine Nummer aus seinem Handy.
60. KOMM! LOS! Mit einem Mal sind die Deutschen da, gewinnen die Zweikämpfe, die Spanier werden hibbelig. Chance für Schweini, abgewehrt! Kollege Jonas hat sich aus der Phantomschmerzhölle zurückgekämpft, seinen Body komplett vereist. Vielleicht gewinnen wir das Ding ja doch noch!
58. JAAA bzw. NEIN! Ballgewinn von Jansen gegen Puyol, der flankt, Schweini legt ab, Ballack ballert, knapp vorbei! ES GEHT DOCH! ES GEHT DOCH! Angela Merkel hüpft hoch, ist total verzückt. Was macht Kurt Beck wohl gerade?
57. Das Gefühlschaos geht weiter: Kuranyi macht sich zu Einwechslung bereit. Wir denken schnell an Mario Gomez, und mit einem Mal kommt uns unser eigenes Leid ganz klein vor.
55. Die Realität hat unsere Taktikbesprechung eingeholt: Wir fühlen uns beschissen. Schon wieder eilt Torres mit raumgreifenden Schritten allein auf Lehmann zu. Doch immerhin: Der lässt sich nicht noch mal vernatzen.
54. Ist unser Hoffen und Bangen vielleicht jetzt schon umsonst und irgendwie albern? Die Spanier spielen das ganz cool runter, kommen zu guten Chancen durch Xavi und Silva. Wie sollen wir uns bloß fühlen? Wir ziehen uns zur Taktikbesprechung zurück.
51. Der Bundestrainer wird immer nachdenklicher, hat schon drei Finger am Mund. Hoffentlich kommt was dabei raus.
50. Selten eine Sache gesehen, was so gut funktioniert wie die spanische Abseitsfalle. Klose indes interessiert sich momentan nicht für Perfektion: Marchena schwingt ihm das Schussbein ins Skrotum durch. Kollege Jonas erleidet einen Phantomschmerz-Anfall, windet sich.
46. Klose schafft zum ersten Mal eine technisch saubere Ballannahme, wird aber prompt zurückgepfiffen. Abseits. Stimmt schon. Kollege Gieselmann mault trotzdem, es sei doch nur so ein bisschen... egal. Weiter, immer weiter!!!
Hiobsbotschaft! Hiobsbotschaft! Hiobsbotschaft! Jansen für Lahm! Der Verteidiger muss wegen einer Fleischwunde auf dem Spann raus. Jetzt Jansen... ... ... ... ... Ach, was soll's? Prinzip Hoffnung.
»Da wird Lahm von Torres überholt«, spricht Netzer mit Heiko Waßers Stimme, als er die Zeitlupe studiert. Sind wir hier bei der verdammten Formel 1? Wir wollen nicht überholt werden!
Erst jetzt sehe ich DELLINGS KRAWATTE, auf die tatsächlich Fußbälle geprintet sind! So etwas Geschmackloses ist mir zuletzt untergekommen, als mein Bio-Lehrer Pullover trug, auf die Pullover gedruckt waren.
Waldemar Hartmann und Ottfried Fischer stehen in einem Einspielfilmchen rum, Delling grinst debil. Immerhin: Netzers Einstecktuch hat sich wieder empor gekämpft. zu wenig für den Mittelfeld-Methusalem. »Das reicht für den Augenblick nicht«, knarzt er.
Kollege Jonas ist sich nicht zu schade, zum Kühlschrank zu sprinten. Vielleicht stelle ich ihn im zweiten Durchgang gegen Torres. Auch Odonkor wäre eine Alternative zu den lauffaulen Merte und Metze. Er könnte mit dem spanischen Top-Stürmer Fangen spielen, ihn so ablenken.





