Zweitligalegende Werner Nickel über 10.000 Schallplatten

»Die fühlen sich immer noch gut an«

Zweitligalegende Werner Nickel (u.a. Stuttgarter Kickers und FC St. Pauli) sammelt seit über 30 Jahren Schallplatten. Zwischenzeitlich besaß er 10.000 Scheiben. Ein Gespräch über Platzmangel, Flohmärkte und Charly Dörfel.

Werner Nickel, kennen Sie Charly Dörfel?
Klar. Als ich beim FC St. Pauli spielte, haben wir uns ein paar Mal bei mir getroffen und Platten aufgelegt. 

Experten unter sich.
Kann man so sagen. Charly war ein lustiger Vogel. Er besaß damals aber schon mehr Schallplatten als ich.
 
Er sagt, dass er 23.000 Schallplatten besitzt.
Ich hatte damals 10.000 Stück, 5000 Singles, 5000 LPs. Einsortiert in einem sieben Meter langen und zwei Meter hohen Regal. Die Singles habe ich aus Platzgründen irgendwann verscherbelt. Aktuell besitze ich etwa 7000 Platten und 5000 CDs. Ich habe ein schönes Regal, da sieht man das Holz gar nicht, sondern hat das Gefühl, dass die Platten an der Wand schweben.
 
Dörfel muss auch damals schon sehr beeindruckt von Ihrem Einrichtung gewesen sein?
Warum?
 
Sie sollen damals in Ihrer ganzen Wohnung Lautsprecherboxen aufgestellt haben.
Ja, stimmt. Die Boxen standen überall, im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, sogar in Bad und Küche. Ohne Musik ging es einfach nicht.

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Kaum vorstellbar, dass sich heutige Fußballer mit so viel Hingabe einem Hobby zuwenden.
Damals, in den siebziger Jahren, war die Fußballwelt ja auch noch eine andere. Ich war jedenfalls kein Profi im heutigen Sinne. Ich studierte Anglistik, Sport und Pädagogik, nebenher kickte ich in der Zweiten Liga für Vereine wie den FC St. Pauli, Mainz 05, Waldhof Mannheim oder die Stuttgarter Kickers. Wenn man so will, war Fußball mein eigentliches Hobby.
 
Sie haben über 250 Zweitligaspiele gemacht und 85 Tore geschossen. Keine schlechte Quote. Wieso rief nie ein Bundesligist an?
Ich hatte zu Beginn meiner Karriere eine Anfrage von Hannover 96, doch das Angebot aus Hamburg reizte mich mehr. Es gab ein kleines Handgeld und der FC St. Pauli hatte Bundesliga-Ambitionen. Zweimal scheiterten wir knapp in der Aufstiegsrunde. Schön war auch die Zeit bei den Stuttgarter Kickers, wo ich mit Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald und Karl Allgöwer gekickt habe.
 
Auch Plattensammler?
Nein, auf den Fahrten musste ich immer den DJ machen.
 
Mit einem portablen Plattenspieler?
Leider nein. Aber damals kam ja die MC (Music-Cassette, d. Red.) auf den Markt. Sie kennen das: Platte auflegen, Kassette rein, aufnehmen und dann so lange hören, bis das Band nudelt.

Was für ein Typ Plattenkäufer waren Sie denn?
Ich hing viel auf Flohmärkten rum. Schnell mit dem Finger in die Kiste – kenn ich, hab ich, ah, eine kleine Perle, handeln, fertig. Als die CD aufkam, herrschte Goldgräberstimmung in den Plattenläden, denn die Leute dachten, das Vinyl würde vom Markt verschwinden. Da habe ich oft Ramschposten gekauft, Kartons mit 200 bis 300 Platten. Das waren Glückskäufe, und nicht immer wusste ich, welche Musik mich erwartet.
 
Kennen Sie die Geschichte von Warren Hill?
Der die Velvet-Underground-Scheibe kaufte?
 
Auf einem New Yorker Flohmarkt fand er eines Tages eine Scheibe mit dem ominösen Aufdruck »Velvet Underground. 4-25-66. Att N. Dolph«. Er kaufte sie für 75 Cent und stellte später fest, dass es sich um eine Dubplate des ersten Velvet-Underground-Albums handelte. Davon soll es nur zwei Stück weltweit geben. Er verkaufte sie für 25.000 Dollar.
Fantastisch, nicht wahr? Ich habe zwar auch einige besondere Editionen im Schrank, etwa vom weißen Beatles-Album, doch ich denke nicht, dass ich auf einem ähnlichen Schatz sitze.
 
Haben Sie Ihre Sammlung denn nie katalogisiert?
Das haben andere für mich gemacht.
 
Andere?
Vor einigen Jahren habe ich zwei Studenten damit beauftragt. Die sind sämtliche Platten alphabetisch durchgegangen und haben sie in einem Dokument erfasst. Das war eine Heidenarbeit.

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Welche Musik haben Sie denn früher am liebsten aufgelegt?
Ich bin Jahrgang 1951 und Mitte der Sechziger über die Beatles und Stones zur Musik gekommen. Damals waren Tonträger beinahe überlebenswichtig (lacht). Es gab ja nur drei oder vier Radiosender, und die dudelten immer das gleiche Zeugs.
 
Und heute?
Heute höre ich auch gerne Jazz und Soul. Auch moderne Pop- und Rockmusik. Super finde ich zum Beispiel den Song »Heart Shaped Gun« von der Sängerin Schmidt. Ich kaufe mir auch häufiger die Musik-Zeitschriften. In einer stand letztens eine Liste mit den besten 50 Singles aller Zeiten, die habe ich mir alle auf meinen iPod gezogen.
 
Sie haben dem Vinyl abgeschworen?
Ich finde es schön, dass das Vinyl überlebt hat, hier in Wiesbaden hat kürzlich erst wieder ein charmanter Laden aufgemacht. Ich lege heute seltener auf, manchmal gleiten meine Finger noch in Flohmarktkisten und ziehen vergessene Stones-Platten raus. Das fühlt sich immer noch gut an. Trotzdem höre ich heute hauptsächlich über meinen iPod Musik. Da sind über 50.000 Songs drauf. (Pause) Was natürlich auch irgendwie Quatsch ist – wann will ich das denn alles hören?

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