25.10.2012

Zwei Fanvertreter über den Dialog mit den Fußballverbänden

»Wir befinden uns in Rückzugsgefechten«

Für unsere Reportage »Der tiefe Graben« (November-Ausgabe) sprachen wir auch mit verschiedenen Fanvertretern. Lest hier das Interview mit Alex Schulz von der Organisation »ProFans« und Christian Bieberstein von der Interessengemeinschaft »Unsere Kurve«.

Interview: Andreas Bock und Ron Ulrich Bild: Imago

Christian Bieberstein, Alex Schulz, am 17. Juli 2012 fand in Berlin der Sicherheitsgipfel statt. Innenminister Hans-Peter Friedrich hatte DFB-Funktionäre und Vereinsvertreter sämtlicher Profiklubs eingeladen, um über Fußballfans zu sprechen. Diese waren allerdings nicht eingeladen. Ist der Dialog zwischen Fans und Verband mittlerweile beendet?
 


Christian Bieberstein (CB): Es war im Grunde ein altbekanntes Szenario. Weder nach der ersten großen Fandemo in Frankfurt (Juni 2005, d. Red.) noch nach dem ersten Fankongress in Leipzig (Juni 2007, d. Red.) oder nach der großen Fandemo in Berlin (Oktober 2010, d. Red.) gab es zufriedenstellende Reaktionen von Verbandsseite. Man redet nicht mit den Fans, man redet über sie. Oder man redet darüber, wie ein Dialog mit Fans auszusehen hat. Dennoch: Die Fans müssen weiterhin versuchen, den Dialog zu suchen.


Alex Schulz (AS): Bei »ProFans« ist die Lage ein bisschen anders. Es werden immer mehr Stimmen laut, die keinen Sinn mehr in Gesprächen sehen. Es wird immer schwieriger zu sagen: »Haltet die Füße still!«  Kürzlich auf unserem Treffen merkte man deutlich, dass bei vielen die Hoffnung auf einen positiven Ausgang schwindet. Die Leute sehen kaum noch Perspektiven.
 
Es fehlen daher nicht mehr viele Ereignisse, dann erklären die ersten Gruppen die laufende Saison zur Abschiedssaison der Fankultur. Spätestens mit dem Wegfall der Stehplätze hieße das Motto: Wenn wir schon untergehen, dann mit wehenden Fahnen und ordentlich Feuer.

Man sitzt also im wahrsten Sinne auf einem Pulverfass?
 


AS: Dann wäre so was wie in Köln Pipifax (nach dem besiegelten Abstieg in der vergangenen Saison entzündeten FC-Fans schwarzen Rauch in der Fankurve, d. Red.). Dann würde eine letzte Saison lang gezeigt, was so geht, Pyro ohne Ende reingeschmuggelt und abgebrannt, man würde sich nochmal richtig austoben. Und es wäre egal, dass jemand drei bis fünf Jahre Stadionverbot bekäme. Ohne Stehplätze wäre Fußball ja eh nicht mehr bezahlbar und die Fankultur am Ende. Ich bin froh, dass die gemäßigten Kräfte noch stark genug sind, auch wenn das auf der Kippe steht. Die meisten sind sich der aktuellen Brisanz bewusst. Daher hält »ProFans« auch weiter an der Dialogbereitschaft fest.
 


Dennoch überwiegt die Enttäuschung?



CB: Tatsächlich befinden wir uns seit Jahren in einem Rückzugsgefecht. Es ist zermürbend. Selbst für die, die am Dialog festhalten. Auch bei uns gibt es viele Mitglieder, die fragen: »Warum fahrt ihr immer wieder nach Frankfurt?« Man sitzt da zwischen den Stühlen, denn einerseits kann man ihre Enttäuschung verstehen, andererseits weiß man auch, dass an einem Dialog kein Weg vorbeiführt.
 

 
AS: Manche Fanszenen ziehen sich wegen der vielen Enttäuschungen auch zurück auf die lokale Ebene. Zuletzt gab es bei uns die »Fantage Mainz«. Da hatten wir mehr Erfolg als mit allen anderen Anliegen zuvor auf Bundesebene.

 
Was ist denn beim Sicherheitsgipfel schiefgelaufen?
 

 
CB: Einige Wochen vor dem 17. Juli wurde vom DFB darüber entschieden, eine »AG Stadionverbote« zu gründen. Dieser AG sollte auch ein Vertreter von uns beiwohnen. Das war zunächst ein weiterer Strohhalm, an dem wir uns festgehalten haben. Auf dem Sicherheitsgipfel wurde dann aber medienwirksam verkündet, dass über eine Erhöhung der Stadionverbote auf zehn Jahre nachgedacht wird. In einem Möglichkeiten- oder Maßnahmenkatalog ist das sogar schriftlich festgehalten. Das ist zwar keine Entscheidung, aber das ist eine Zahl, die erst einmal im Raum steht, ohne dass sie vorher in der AG, die sich zu dem Zeitpunkt nicht mal richtig konstituiert hatte, angesprochen werden konnte.
 

 
Fans wurden nicht in die Gespräche auf dem Sicherheitsgipfel einbezogen.
 

 
CB: Die Vereine haben die Einladung zwar schon im Juni erhalten, doch der Kodex und der Maßnahmenkatalog gingen erst am Vortag um 16 Uhr an die Klubvertreter. Die normale Reaktion hätte sein müssen: Danke, wir haben die Dokumente bekommen, aber wir müssen ihre Inhalte erst mit den Fans und Mitgliedern diskutieren.
 
AS: Wir haben über viele Kanäle versucht, Teil dieser Veranstaltung zu werden. Leider wurde jede Anfrage abgewiesen. Das zeigt deutlich, dass unsere Meinung nicht erwünscht war.
 

Doch Sie sagen selbst: Auf dem Sicherheitsgipfel wurden keine Entscheidungen getroffen.
 

 
CB: Auch wenn es heißt, dass der Katalog nicht bindend sei, hat schon die Aussicht auf ein Zehn-Jahre-Stadionverbot eine immense Außenwirkung, die man hätte vorhersehen können und müssen. Für einen 18-Jährigen, der vielleicht nicht das komplette Ausmaß der Diskussion überblicken kann und zudem eher der Hardliner-Fraktion angehört, ist das jedenfalls ein Schlag ins Gesicht.  
 

 
AS: Ich habe das Gefühl, dass die Fanszenen schon jetzt nicht mehr glauben, was sie zu hören bekommen. Die Wucht dieses Gipfels war zu gewaltig. Jetzt noch etwas gerade zu biegen, ist sehr schwierig, da angeblich nicht beschlossene Dinge medial als Beschlüsse verkündet wurden. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dass man nichts glauben darf, was man nicht schriftlich von höchster Stelle hat. Und das bekommt man eben nicht.
 

 
Zunächst ging es nur um einen Dialog zwischen Fans und Verbänden. Nun schaltet sich die Politik ein. Wie bewerten Sie das?
 

 
CB: Ich finde, dass sich die Verbände trotz ihrer Macht zu selten positionieren. Dabei geht es doch um ihr »Produkt«, das durch populistische Aussagen wie zum Beispiel von Rainer Wendt (Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, d. Red.) in Misskredit gebracht wird.
 

 
AS: Ich habe manchmal das Gefühl, dass es den Verbänden gefällt, wenn sich Politiker oder andere Stellen einmischen. Momentan können sie jedenfalls den Schwarzen Peter einfach weiterschieben. Es beschäftigen sich immer mehr Entscheider mit fanspezifischen Themen, von denen sie keine Ahnung haben. Wir würden es sehr begrüßen, wenn die Politik auch mal Fanvertreter hört und ernst nimmt. Immerhin sind Fans auch Bürger!
 


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