Zvjezdan Misimovic im Interview

„Mein Traum: Ein Tor gegen Kahn“

Zvjezdan Misimovic ist der Hoffnungsträger des erstarkenden VfL Bochum. Im Gespräch mit 11freunde.de erzählt er von seinem Lehrmeister Hermann Gerland, der harten Zeit in Liga 2 und seiner großen Kunst - dem Freistoßschießen. Imago

Vielen jungen Talenten, die beim FC Bayern von Hermann Gerland trainiert wurden, gelang es, sich im Profifußball zu etablieren. So auch Ihnen. Vermittelt er die elementaren Eigenschaften, die Profifußballer nötig haben, besser als andere?

Hermann Gerland war selbst Profi und lange Trainer in der Bundesliga. Er weiß, wie es im Profigeschäft abläuft und welche Eigenschaften ein Spieler benötigt, um sich als Profi zu etablieren. Was ich sehr an ihm schätze, ist seine ehrliche und direkte Art. Gerland teilt seinen Spielern sofort mit, was ihn stört, auch wenn sie die Wahrheit manchmal nicht hören wollen.

Aber eine realistische Einschätzung der eigenen Leistung zu erhalten, ist doch eine gute Sache.

Natürlich, doch manchmal auch eine unangenehme, gerade für junge Spieler. Wenn ein Talent bei ihm ankommt und der Meinung ist, dass es schon viel erreicht hätte, sorgt Gerland schnell für Bodenhaftung. Dafür ist er der richtige Typ. Mir persönlich musste er ab und an auch in den Hintern treten, was im Nachhinein gar nicht schlecht war.

Hermann Gerland war auch lange Trainer in Bochum. Hat er Ihnen 2004 zum Wechsel an die Castroper Straße geraten?

Richtig, er vermittelte mir damals, dass Bochum eine gute Adresse für mich und meine weitere sportliche Entwicklung wäre. Er stellte dann auch den Kontakt her. Ich habe nicht bereut, damals auf den Rat von Gerland gehört zu haben.

Wieso der Wechsel zur vermeintlich „grauen Maus“ im Ruhrpott? Es gab sicherlich andere Angebote für einen talentierten Rohdiamanten des FC Bayern.

Sicherlich gab es auch andere Angebote. Ich war vor meinem Wechsel mehrmals hier gewesen und habe mir alles angeschaut. Dazu passte die sportliche Situation und Perspektive. Ich kam zu der Entscheidung, dass ich am besten nach Bochum passte.

[ad]

Für die Bayern absolvierten Sie davor 15 Bundesligaminuten. Woran haben Sie als junger Spieler festgemacht, dass es besser wäre das Schlaraffenland in München zu verlassen?

Am Anfang war es schön, mit den großen Stars zu trainieren und von ihnen zu lernen. Doch irgendwann wollte ich regelmäßig spielen, mich weiterentwickeln. In München war die Chance dazu nicht sehr groß. Es bringt auch nichts, sich mit ein paar Kurzeinsätzen beim großen FC Bayern zu begnügen.

Ein langwieriger Abnabelungsprozess?

Als für mich klar war, dass ein Vereinswechsel sinnvoll wäre, habe ich mich schnell für den VfL Bochum entschieden. Die Chance zu spielen war viel größer, ich wollte mich einer neuen Situation stellen und mich beweisen. Das war keine schwere Entscheidung.

In Bochum bekamen Sie endlich die Chance, sich zu bewähren. Es scheint, dass ihnen der Schritt in die Bundesliga leicht fiel. Immerhin haben Sie in ihrer ersten Saison 31 Einsätze verzeichnen können.

Man darf nicht vergessen, dass ich bereits Nationalspieler für Bosnien-Herzegowina war, als ich nach Bochum kam. Ich konnte also etwas Erfahrung vorweisen. Mit 31 Einsätzen war ich am Ende durchaus zufrieden.

Was Sie in ihrer ersten Bundesligasaison durchmachten, erleben manche Profis in ihrer gesamten Kariere nicht. Den unglücklichen Knockout im UEFA-Cup gegen Standart Lüttich, von dem sich die Mannschaft nicht mehr erholen konnte und am Ende gar abstieg, erlebten Sie auf dem Platz. Sie wurden kurz vor dem Ausgleichstreffer für Lüttich eingewechselt.

Ich war total geschockt, wie alle anderen auch. Wir waren in beiden Partien die bessere Mannschaft. In der 90. Minute kassierten wir ein dummes Gegentor und schieden aus.

Das dumme Gegentor entwickelte sich zu einem Trauma. Wieso kann sich ein Profiteam von einem sicherlich ernüchternden und entscheidenden Gegentreffer über eine gesamte Saison nicht mehr erholen?

Schwer zu sagen, aber ich möchte unseren Abstieg 2005 eigentlich nicht auf dieses Gegentor zurückführen. Profis müssen Niederlagen verarbeiten und mit Niederlagen umgehen. Wir hatten und haben jede Woche die Chance, uns neu zu beweisen. Vor zwei Jahren wurde dieses Tor von den Medien als Grund unserer Misere festgemacht, vielleicht ist es uns deshalb schwerer gefallen, es zu vergessen.

Als junger und neuer Spieler waren Sie in solch einer Situation ohnmächtig.

In der Vorrunde kam ich meistens von der Bank, da war es für mich, mit damals 22 Jahren eigentlich unmöglich, Einfluss zu nehmen. Sicher habe ich versucht, den anderen zu helfen, aber in der Mannschaftshierarchie war ich noch nicht so weit oben, dass ich das Zepter hätte übernehmen können. In der Rückrunde, als ich Stammspieler wurde, ging es dann etwas besser.



Sie waren letzte Saison maßgeblich am Wiederaufstieg beteiligt. Ein entscheidendes Jahr für ihre Kariere?

Zuerst wollte ich nicht in die 2. Bundesliga. Ich habe befürchtet, dass meine Chancen in der Nationalmannschaft Bosnien-Herzegowinas als Zweitligaspieler erheblich sinken würden. Die letzte Saison hat nicht nur mich sondern auch die gesamte Mannschaft stärker gemacht. Wir mussten ständig gewinnen. Diesem Druck hat die Mannschaft standgehalten.

Oft sprechen junge Spieler davon, dass sie sich in der 2. Bundesliga die nötige Härte geholt haben.

Sicher habe ich in der 2. Bundesliga mehr auf die Füße bekommen als in der Bundesliga. Im Unterhaus wird eine andere Spielweise verlangt. Zuerst wird dagegengehalten, ehe nach 70 Minuten vielleicht noch spielerische Elemente in die Waagschale geworfen werden. Dass wussten wir aber.

Klingt, als hätten Sie sich vor besagter Zweitligasaison bewusst vorgenommen, härter und aggressiver zu spielen. Das Ergebnis: Neun gelbe Karten und zwei gelb-rote Karten. Für einen offensiven Mittelfeldspieler gar nicht schlecht.

Dass ich mich in der 2. Liga wehren musste war klar. Dort weht ein rauer Wind. So kommen dann neun gelbe Karten zustande. Bei den gelb-roten Karten gingen die Emotionen leider mit mir durch. Elf Karten für einen offensiven Mittelfeldspieler sind aber sicher nicht an der Tagesordnung, das stimmt (lacht).

In dieser Saison läuft es für Sie persönlich recht gut. Ihr Verein kämpft sich nun langsam nach oben, dank ihrer Freistöße. War ihnen vor der Saison klar, dass ihre ruhenden Bälle überlebenswichtig für den VfL werden könnten?

Ich freue mich, dass ich durch meine Fähigkeiten am ruhenden Ball zum momentanen Erfolg beitragen kann. Unserer Mannschaft war klar, dass Standardsituationen sehr wichtig für uns sein könnten. Zu Beginn der Saison haben wir diesbezüglich wenig zu Stande gebracht, was sich zum Glück gebessert hat.

Wie oft legen Sie Sonderschichten ein, um den Ball über die Plastikmauer zu zirkeln?

Letzte Saison habe ich sehr viel trainiert und nur ein Tor per Freistoß erzielt. Bei dieser mickrigen Ausbeute habe ich es in dieser Saison bleiben lassen. Mit Erfolg, immerhin habe ich schon zwei Freistöße direkt verwandeln können (lacht). Aber im Ernst: Die Situation zwischen Training und Spiel ist nicht vergleichbar, weshalb Freistöße auch nicht wettkampfnah zu trainieren sind. Der Druck und die Fans fehlen im Training. Im Fuß hat man es sowieso - oder eben nicht.

Freistoßtraining ist also sinnlos?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Im Training kann man die Durchführung eines Freistoßes sehr gut üben. Es bringt im Spiel Sicherheit, wenn der Ablauf automatisiert ist. Ich nehme beispielsweise immer vier Schritte Anlauf und laufe in einem bestimmten Winkel zum Ball an.

In ihren Teams avancierten Sie immer schnell zum Freistoßschützen.

Ich habe eigentlich immer Freistöße getreten. Ab der B-Jugend habe ich meine Technik auch gezielt trainiert und mir nach den Übungseinheiten oft einen Torhüter geschnappt.

Worin lag der Reiz, dass Sie Freistöße schießen wollten? Gab es einen Spieler, den Sie wegen seiner Freistoßtechnik bewunderten?

Sinisa Mihajlovic fand ich sehr gut. Er verwandelte einmal in einem Spiel drei Freistöße. Und natürlich bewundere ich Juninho für seine Art, Freistöße zu schießen. Er hat in Frankreich schon über 30 davon verwandelt.

Ist ihre Quote im Training noch besser als im Spiel?

Natürlich, ich erwähnte ja bereits, dass Training und Spiel nicht vergleichbar sind. Im Training haut man dem Keeper von zehn Schüssen sechs oder sieben rein. Wichtig ist, dass platziert geschossen wird.

Schon mal eine Trainingsmauer zerschossen?

Nein, bis jetzt noch nicht. Aber ich gehöre auch nicht zu der Fraktion von Freistoßschützen, die den Hammer herausholt. Ich schlenze den Ball lieber über die Mauer oder ins Torwarteck.



Früher gab es keine Plastikmauern. Die fußballerischen Grobmotoriker einer Mannschaft mussten die Mauer mimen. Hatten Sie je Mitleid mit einer Mauer?

Ich wäre jedenfalls nicht gerne in der Mauer gestanden (lacht). Bei mir hatten die Jungs aber wenig zu befürchten, da ich nie mit Absicht in die Mauer zielte und meistens versucht habe, den Ball über sie zu spielen.

Dann haben Sie auch noch keinen Spieler ins Krankenhaus oder zumindest vom Platz geschossen?

Zum Glück ist das noch nicht passiert.

Ein perfekter Freistoß zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er ...

...scharf und platziert geschossen wird und etwas Zählbares dabei heraus springt.

Muss er nicht auch in einer bestimmten Art und Weise ins Tor fliegen, damit Sie komplett zufrieden sind? Das Tor am Wochenende gegen Hamburg war zwar schön aber Stefan Wächter war noch am Ball dran. Wurmt das nicht?

Ob der Torwart noch dran ist oder der Ball abgefälscht wird, ehe er die Torlinie überquert, ist mir völlig egal. Den Schuss versuche ich natürlich so zu setzen, dass ihn niemand mehr berührt, bevor er theoretisch ins Tor fliegen soll.

Haben Sie nach dem Schuss ein besonderes Gefühl im Fuß, wenn der Ball perfekt getroffen wurde?

Das bemerke ich im Zweifel an der Flugbahn des Balles, wenn ich ihm nach dem Schuss hinterher schaue. Ein besonderes Prickeln habe ich nicht im Fuß.

Und spüren Sie manchmal noch vor dem Schuss, dass der Ball rein geht?

Ich bin ab und an überzeugt, dass ich den Freistoß verwandele.

Und geht es manchmal trotzdem daneben?

Es kann gar nicht immer klappen, da bin ich realistisch.

Haben Sie einen Freistoß schon einmal so verzogen, dass dabei ein Einwurf für den Gegner heraussprang?

Ein Einwurf für den Gegner sprang zum Glück noch nicht heraus, aber gefühlte Fieldgoals habe ich schon erzielt.

Wer ist momentan der gefährlichste Freistoßschütze der Welt?

Ganz klar, dass ist Juninho von Olympique Lyon. An ihn kommt keiner ran.

Und der beste aller Zeiten?

Ebenfalls Juninho. Seine Schusstechnik, die Flugbahn, die Bälle nach Freistößen von ihm vollziehen - dass ist schon einzigartig.

Und was halten Sie von Chilavert? Immerhin war er Torwart.

Das ist bemerkenswert. Ich glaube aber, dass er in Europa nicht so erfolgreich mit seinen Freistößen gewesen wäre.

Würden Sie sich trauen, einen Freistoß so zu schieben, wie es Ronaldinho gegen Bremen getan hat? Wäre die Mauer nicht gesprungen, hätte es ziemlich peinlich für den brasilianischen Superstar ausgesehen.

Dieses Selbstbewusstsein zeichnet große Spieler aus. Außerdem ist es notwendig, auch mal etwas zu riskieren. Und wer weiß, vielleicht hatte er sich vor dem Spiel eine DVD angesehen und gewusst, dass Werders Mauer hochspringt. Jedenfalls hat er den Ball eiskalt verwandelt.

Und die gegensätzliche Variante? Haben Sie schon mal einen Freistoß à la Ronald Koeman oder Massimilian Porcello, der kürzlich aus 45 Metern traf, abgefeuert?

Versucht habe ich das sicherlich schon mal. Dem Ball weniger Effet mitzugeben, ihn dafür mehr mit dem Vollspan zu treffen. Am Ende muss ich eingestehen, dass solche Distanzen zu weit für mich sind.

Der beste Freistoß aller Zeiten?

Spontan fällt mir David Beckhams Freistoß aus der WM-Qualifikation 2001 gegen Griechenland ein. Die eigene Nationalmannschaft in der letzten Spielminute zu einer Weltmeisterschaft zu schießen, ist nicht von schlechten Eltern. Dazu war es auch noch ein sehr schöner Freistoß.

Träumen wir einmal: Ihr ganz persönlicher Freistoßtraum sieht wie folgt aus...

Allianz-Arena. 90. Minute. Spielstand 0:0. Ich laufe an und erziele den Siegtreffer für den VfL Bochum. Und ganz wichtig: Im Tor steht Oliver Kahn ( lacht ).


Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!