Zum Weltfernsehtag (3): Heribert Faßbender über die »Sportschau«

»Wer viel macht, macht auch Fehler«

Heribert Faßbender (r.) war das »Sportschau«-Gesicht der achtziger und neunziger Jahre. Ein Interview über Kult, Kritik und einen Schiedsrichter in der Pampa.

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Heute ist Weltfernsehtag. Wir feiern das mit ein paar Klassikern zum Thema. Lest heute vier Interviews aus unserem Archiv: Heribert Faßbender über die »Sportschau«, Wolfgang Ley über »Eurosport«, Gaby Papenburg über »ran« und Ulli Potofski über »Anpfiff«. Gesammelt findet ihr alle Interviews hier.

Heribert Faßbender, Sie sagten einmal: »Ich will kein Bildschirm-Star werden.« Sind Sie einer geworden?

Ich hielt nie viel vom inflationären Gebrauch des Wortes Star. Die Zuschauer schalten die Sportschau ein, um Bundesligafußball zu sehen und nicht wegen des Moderators. Wenn du allerdings in 20 Jahren rund 400 Mal die Sportschau moderierst, lässt sich eine gewisse Bekanntheit nicht vermeiden.

Hatten Sie denn nie Idole?
Als Kind bewunderte ich Fritz Walter. Das ließ ich damals auch andere wissen. Ich erinnere mich noch an einen Disput im Toto-Laden vor dem Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1951 zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Preußen Münster. Der Toto-Mann war nebenberuflich Geschäftsführer des westedeutschen Fußballverbandes. Als ich ihm meinen Tippschein gab, meinte er gutmütig. »Junge, das musst du noch einmal machen, da hast du dich verschrieben.«

Sie hatten auf Walters Lauterer getippt.
Dabei ging Preußen Münster mit seinem 100.000-Mark-Sturm um Adi Preißler als Favorit in die Partie. Ich blieb aber bei meinem Tipp und behielt Recht – Kaiserslautern gewann mit 2:1. 1966, bei meiner ersten WM als Radioreporter, wohnten Fritz Walter und ich dann im selben Hotel. Fritz war eine große Persönlichkeit. Einmal haben wir gegen eine englische Journalistenauswahl Fußball gespielt, er als Spielmacher, ich als Linksaußen.

Für viele Fußballfans ist es kaum vorstellbar, dass Sie einmal nicht die »Sportschau« moderierten.
Zur »Sportschau« kam ich erst im August 1982. Vorher war ich Leiter der Düsseldorfer WDR-Landesstudios, dort moderierte ich die landespolitische Sendung »Blickpunkt Düsseldorf«. Die älteren der 11FREUNDE-Leser kennen mich vielleicht noch als Hörfunkreporter, der die Bundesliga vom Start an begleitete. Mein Lehrmeister Kurt Brumme hatte mir damals einen wesentlichen Tipp mitgegeben: »Sobald der Ball in Strafraumnähe ist, musst du umschalten und möglichst synchron schildern.«

Den Satz schienen Sie Mitte der Siebziger verinnerlicht zu haben. Niemand konnte damals schneller kommentieren als Sie.
Sie spielen auf das WM-Finale 1974 an, als ich das 2:1-Siegtor für Deutschland schilderte. Eine wissenschaftliche Arbeit der Universität Bonn fand später heraus, dass ich für meinen Satz, der das Tor beschreibt, nur 2,2 Sekunden benötigte. (Laut der wissenschaftlichen Untersuchung schaffte Faßbender bis zu 26,8 Phenomene (Laute) pro Sekunde, d. Red.)

Der Satz lautete: »Da kommt der Ball auf Müller, der dreht sich um die eigene Achse, schießt und Tor!«
Wenn Sie mich jetzt hören, wird es Sie überraschen, dass ich anno 1974 der schnellste Radioreporter gewesen sein soll. Und ganz ehrlich: Ich war selbst ein wenig erstaunt, als ich von dem Ergebnis hörte. Scheinbar hatte die Brumme-Schule ihr Gutes gehabt.

Ein anderer Mentor von Ihnen war Herbert Zimmermann. Was gab er Ihnen mit auf den Weg?
Der berühmteste Radioreporter Deutschlands war Sportchef des NDR und lud mich 1965 als Hörfunkreporter zum Deutschen Pokalfinale nach Hannover ein. Borussia Dortmund gewann damals gegen Alemannia Aachen. Danach konnte ich den BVB auch auf dem Weg zum ersten deutschen Europapokaltriumph begleiten. Eine WDR-Aufnahme zeigt mich nach dem Endspiel gegen Liverpool in einem Interview mit Willi Multhaup: Mit schwarzen Haaren und ohne Bart (siehe Foto, d. Red.). Als ich das beim »Sportschau«-Jubiläum sah, musste ich selbst zweimal gucken. (Lacht.)



Einige Jahre später, 1977, wurden Sie von den Bundesligakapitänen zum besten Fußballfachmann gewählt. Man lobte ihren Wortschatz und ihr Fachwissen. TV-Journalisten wie Ernst Huberty und Rudi Michel nörgelten, dass Sie diesen Preis als Radiomann einheimsten. Wie reagierten Sie auf den Neid der Kollegen?
Gar nicht. Das kann ich mir auch nicht vorstellen. Natürlich freut man sich über Lob, auch ein Jahr später, als mir nach der WM 1978 von der Zeitschrift »Hörzu« das Goldene Mikrofon als bester WM-Reporter verliehen wurde. Grundsätzlich sind solche Umfragen immer Momentaufnahmen und Geschmacksache. Es gab natürlich auch andere Meinungen. Um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: »Wer in der Öffentlichkeit Kegel schiebt, muss sich gefallen lassen, dass nachgezählt wird, wie viel er getroffen hat.« Und jeder zählt anders.

Den Start der »Sportschau« bekamen Sie aufgrund Ihrer Radiokarriere nicht mit. Wissen Sie denn noch, wo Sie am 4. Juni 1961 waren?
Bei der Bundeswehr. Eine brisante Zeit, zwei Monate vor dem Berliner Mauerbau. Beim Radio fing ich 1963 mit dem Bundsligastart an – parallel zum Jura-Studium. Ich erinnere mich noch an mein erstes Bundesligaspiel: Schalke 04 spielte in der alten Glückaufkampfbahn gegen den VfB Stuttgart, die Trainer hießen Georg Gawliczek und Kurt Baluses. Von da an war ich samstags bei der Bundesliga und sonntags bei der Regionalliga. Die Sportschau sah ich wirklich selten, meistens war ich zwischen 18 und 19 Uhr auf dem Rückweg von den Spielen.  

Wie begrüßten Sie Ihre Radio-Zuhörer?
Nicht mit »N’Abend allerseits«. Das entstand erst einige Jahre später, 1979 bei »Blickpunkt Düsseldorf«. Damals suchte ich nach einer Begrüßungsformel, die alle einschließt, Männer, Frauen, Kinder, Alte, Rheinländer und Westfalen. Im Rheinland hätte man gesagt: »N'Abend zusammen.« Das erschien mir zu salopp. Also sagte ich »N'Abend allerseits«. Ich habe nie behauptet, dass das eine besonders kreative Wortschöpfung ist, doch es gab von Anfang an bemerkenswerte Resonanz. Sogar der damalige Ministerpräsident Johannes Rau begrüßte mich nach einer der ersten Sendungen mit diesen Worten. Den Spruch habe ich dann mitgenommen in die »Sportschau«.

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