Zum Weltfernsehtag (2): Wolfgang Ley über Eurosport

»Wir haben geackert wie die Verrückten«

Wolfgang Ley kommentierte auf Eurosport einst siebzehn Sportarten gleichzeitig – und ließ sich nicht aus der Fassung bringen.

imago

Heute ist Weltfernsehtag. Wir feiern das mit ein paar Klassikern zum Thema. Lest heute vier Interviews aus unserem Archiv: Heribert Faßbender über die »Sportschau«, Wolfgang Ley über »Eurosport«, Gaby Papenburg über »ran« und Ulli Potofski über »Anpfiff«. Gesammelt findet ihr alle Interviews hier.

Wolfgang Ley, warum kommentieren Sie nicht mehr für die großen TV-Sender?
Es gab einen führenden Kopf in der Kirch-Gruppe, der meine Karriere Mitte der neunziger Jahre abrupt beendete. Ich war damals Fußballchef des DSF und hielt mit meiner Meinung über ihn nicht zurück. Der Mann hatte einfach keine Ahnung vom Geschäft – und er konnte nicht mit Kritik umgehen. Er kegelte mich also aus dem Unternehmen.

Warum haben Sie nicht bei einem anderen Sender angeheuert?
Ich ging zu Eurosport, doch auch dort musste ich die Segel streichen, denn es stellte sich heraus, dass jener Herr sehr lange Arme hat. Ich merkte zudem, dass es in dem Geschäft sehr schwierig ist, irgendwo unterzukommen, wenn man mal draußen war. Meine letzte große Reportage war das EM-Finale 1996. Eigentlich ein wunderschöner Abgang. Dennoch: Gerade vor großen Turnieren wie einer WM oder der Copa America kribbelt es natürlich.

Wie viele Spiele haben Sie eigentlich täglich bei Eurosport kommentiert?
Es kam vor, dass ich an einem Tag drei Sachen machte, etwa ein Live-Spiel und später noch zwei Zusammenfassungen. Später, beim DSF, schob man irgendwo noch eine Moderation dazwischen. Wir haben geackert wie die Verrückten.

Sie kommentierten oft, ohne am Spielort zu sein. Haben Sie damals vorgegeben, live im Stadion zu sein?
Nein, das wäre ja Selbstmord gewesen. Die Zuschauer hätten sich jedenfalls zurecht gefragt: Der Ley kommentierte doch vorhin noch NHL in den USA, danach Leichtatheltik in Deutschland, wieso sitzt der jetzt schon bei der WM in Italien? Übrigens habe ich erst 2011 die Planica-Skiflugschanze zum ersten Mal in natura gesehen. Ich kannte die, obwohl ich häufig Skispringen kommentierte, nur vom Bildschirm aus meiner kleinen Übertragungsbox.

Sie kommentierten unter vielen anderen Sportarten Boxen, Leichtathletik, Fußball oder Tennis. Waren Sie ein Allround-Experte?
Am Anfang dachte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn häufig: Ach, Wolfgang, die Sportart kannst du ja auch noch machen. So ging es allerdings vielen Kollegen im Sender. Ein Eurosport-Reporter kommentierte in der Frühphase zum Beispiel sehr gerne Reiten. Dabei nannte er nur die Namen der Pferde – die der Reiter kannte er scheinbar nicht. Rückblickend kann man natürlich sagen: Die Haltung, auf allen Gebieten Experte sein zu wollen, ist totaler Quatsch – und auch ich fiel mit dieser Einstellung mal auf die Schnauze. Du musst dich einfach spezialisieren. Meine Steckenpferde waren später Fußball und Boxen, im Winter dann Langlauf, Biathlon und Eishockey.

Sie kamen aber zu Eurosport, weil man Sie für einen Bob-Fachmann hielt.
Es war so, dass ich seit meiner Jugend von einer Reporter-Karriere träumte. Ich volontierte Anfang der siebziger Jahre bei Axel Springer, war lange in den Sport- und Fußballredaktionen der »Bild«, später beim »Express«. Das Problem damals: Die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten vererbten die Jobs mehr oder weniger. Da kamst du nicht rein. Eines Tages rief dann ein Mann vom sehr jungen Sender Eurosport an: »Herr Ley, Sie sind doch Bob-Experte. Können Sie morgen ein Rennen kommentieren?« Da sagt man natürlich nicht nein.

Klingt ein bisschen nach einem städtischen Offenen Kanal.
So war es auch. Ich hatte zwar ein wenig Ahnung von Bobfahren, doch nicht genug, um ein Rennen über eine Stunde zu kommentieren. Also bereitete ich mich über zehn Stunden vor – und ich schlug mich einigermaßen okay. Die akribische Vorbereitung blieb auch danach stets mein Credo. Für NHL-Spiele sprach ich mit Trainern und Experten, recherchierte oft mehr als acht Stunden jedes Detail aus. Schon aufgrund der Tatsache, dass ich manchmal mehrere tausend Kilometer entfernt vor einem kleinen Fernseher hockte, blieb mir nichts anderes übrig. Ich war einfach zu weit weg, um wirklich dabei zu sein.

Sie kannten das aus Ihrer Zeit bei der »Bild« in München ganz anders. Dort waren Sie Hausreporter des FC Bayern, immer nah dran am Geschehen.
Damals war die Distanz nicht so gegeben wie heute, es herrschte keine Skepsis gegenüber den Medien. Beispielsweise wussten wir von etlichen Storys der Spieler, die heute bis zum Letzten ausgeschlachtet würden, jedes Techtelmechtel, jeden Fehltritt, jede Party. Doch weil wiederum die Spieler wussten, dass wir darüber nicht schrieben, verhielten sie sich sehr offen. Wir hatten ein tolles Verhältnis.

Mit wem verstanden Sie sich am besten?
Mit Paul Breitner und Franz Beckenbauer bin ich heute noch befreundet. Ich verstand mich außerdem mit Gerd Müller sehr gut. Der hatte ja unglaubliche Flugangst und saß deswegen stets ganz hinten im Flugzeug – jemand hatte ihm erzählt, dass er bei einem Absturz dort die besten Chancen aufs Überleben hätte. Häufig spielten wir dort gemeinsam Maumau, denn Gerd war im Gegensatz zu den anderen kein guter Skat-Spieler. In dieser Zeit entdeckte er auch den Alkohol, vorher hatte er ja nie viel getrunken. Wegen seiner Flugangst kippte er sich auf einer Strecke München-Hamburg fünf Whiskeys rein.

Wie konnten die Spieler sicher sein, dass Sie darüber nicht schreiben?
Es entstand mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis. Außerdem passierte viel zu viel auf dem Feld, als dass es andere Storys zum Aufpeppen gebraucht hätte. Gerd sagte einmal zu mir: »Wolfgang, schreib was du willst, du schreibst ja eh nichts Böses.«

Es gab nie Streit?
Einmal kam es zu einem Disput. Der FC Bayern hatte in Mexiko gespielt und mehrere Spieler, unter anderem Gerd Müller, waren vom Platz gestellt worden. »Gerd Müller, dieser Sportsmann?«, fragten sich alle Kollegen in Deutschland. Also rief ich den damaligen Manager Robert Schwan an und erkundigte mich, was vorgefallen war. Er log mich an: »Ach, das war nichts, der Gerd ist nur ausgewechselt worden.« Ich wusste zu dem Zeitpunkt vom deutschen Botschafter in Mexiko, dass Müller tatsächlich die Rote Karte gesehen hatte. Ich schrieb daraufhin einen bösen Artikel. Schwan war sehr erzürnt. Die Wogen glätteten sich allerdings bald wieder

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!