03.02.2012

Zum politischen Hintergrund der ägyptischen Stadionkatastrophe

»Die Polizei behandelt uns wie Dreck«

Die Ultras von Al-Ahly Kairo waren aktiv an der Revolution in Ägypten beteiligt, jetzt sind sie offenbar Opfer einer furchtbaren Stadionkatastrophe geworden. Für 11FREUNDE#114 sprachen wir mit Ultra-Sprecher Amr Fahmy über Fußball und Politik.

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Hintergrund: Dieses Interview wurde bereits im Frühjahr 2011 geführt. Die »Ultras Ahlawy« gehörten damals zu den aktivsten Kämpfern der ägyptischen Revolution. Nach der Katastrophe beim Spiel Al-Masri gegen Al-Ahly in Port Said, bei der offenbar mehr als 70 Menschen getötet und mehr als 1000 Menschen verletzt wurden – viele von ihnen Ultras von Al-Ahly – werden die ersten Vorwürfe laut, die Ausschreitungen hätten einen politischen Hintergrund gehabt. 11FREUNDE sprach mit Amr Fahmy, Sprecher der »UItras Ahlawy«, der größten Ultra-Gruppierung des ägyptischen Traditionsvereins.



Amr Fahmy, der bekannte Blogger Alaa Abd El-Fattah hat im arabischen Fernsehsender »Al-Dschasira« behauptet: »Die Ultras von Al-Ahly haben bei der ägyptischen Revolution eine wichtigere Rolle gespielt als alle anderen politischen Parteien.« Stimmt das?


Amr Fahmy: Nur teilweise, denn die Aussage geht von einem falschen Punkt aus: In Mubaraks Ägypten existierten andere Parteien als seine Nationaldemokratische Partei nur auf dem Papier. Für den Westen sah das nach Demokratie aus, aber die Realität war eine andere, wie inzwischen wohl allen klargeworden ist. Während der Revolution waren wir Ultras wie alle anderen jungen Ägypter auf der Straße – mit dem Unterschied, dass wir organisiert sind. Das ist auch der Grund dafür, dass wir während der Mubarak-Diktatur quasi die einzige wirklich existierende Opposition junger Ägypter waren.

Wie ist Ihre Gruppierung organisiert?

Amr Fahmy: Die »Ultras Ahlawy« sind die größte Fangruppe des Klubs, unsere Mitglieder stammen alle aus Kairo. Gemeinsam mit den »Ultras Devils«, einer Gruppe aus Alexandria, kontrollieren wir heute die Talta Chimal, die Nordkurve mit fast 40 000 Zuschauern. Diese beiden großen Gruppen sind in verschiedene kleine Sektionen unterteilt, die von jeweils zwei Anführern repräsentiert werden. Wir treffen uns jede Woche und planen gemeinsam das nächste Spiel: Wie viele Pyros brauchen wir? Wie viel Material für die Choreografie? Wer hat seinen monatlichen Beitrag noch nicht bezahlt? Aber wir haben kein Klubhaus und keinen festen Treffpunkt – 
das hätte es der Polizei in der Vergangenheit zu einfach gemacht, gegen uns vorzugehen. Vielleicht holen wir das jetzt nach.

Das amerikanische Magazin »Sports Illustrated« schreibt, dass Al-Ahly nicht nur der größte afrikanische Klub sei, sondern auch »die politischsten Fans« des Kontinents habe.

Amr Fahmy: Unser Verein hat eine klar nationalistische Vergangenheit (»Al-Ahly« bedeutet übersetzt »national«, d. Red.). Er war der erste rein ägyptische Klub während der englischen Kolonialzeit, und die Revolution gegen die Briten 1919 wurde angeführt von Saad Zaghlul – der später Vereinspräsident von Al-Ahly wurde. Wir als Gruppe sind aber unpolitisch und haben sowohl Kommunisten als auch Liberale, Anarchisten oder Islamisten in unseren Reihen. Nur Mubarak-Sympathisanten wird man bei uns nicht finden.

Wie hat sich die Opposition gegen Mubarak dargestellt?

Amr Fahmy: Wir haben uns seit unserer Gründung 2007 gegen seine Polizisten gewehrt und wurden dafür in den Medien als Terroristen und Gewalttäter dargestellt. Wobei ich zugeben muss, dass wir nicht mit Pusteblumen geworfen haben.

Der Fußballjournalist Davy Lane schreibt, dass bei den Kämpfen mit Mubarak-Anhängern vor allem »Ultra-Taktiken« zum Einsatz gekommen seien: »Es gab zugewiesene Steinewerfer, Spezialisten für das Umwerfen und Abfackeln von Fahrzeugen und Versorgungscrews, die wie am Fließband Munition nachlieferten.« Treffen seine Beobachtungen zu?

Amr Fahmy: Diese Beschreibungen passen eher auf Anhänger der Muslimbrüder, die zu Beginn der Revolution auf der Straße keine Rolle spielten, aber später bei den Kämpfen gegen die Pro-Mubarak-Fraktion mitgeholfen haben. Wir sind in den Straßenkämpfen eher wie bei den Auseinandersetzungen im Stadion aufgetreten: geschlossen auf die Polizisten los, als sie ihre Knüppel auspackten. Und Sie können mir glauben, dass wir mit prügelnden Polizisten in den vergangenen Jahren sehr viele Erfahrungen gemacht haben. Das war ein Krieg, und wir haben ihn gewonnen.

Hatte Ihre Gruppe dabei Opfer zu beklagen?

Amr Fahmy: Zwei Ultras sind bei den Straßenkämpfen ums Leben gekommen, am 25. und 28. Februar wurden sie von Polizisten erschossen. Wie viele von uns leicht oder schwerer verletzt wurden, kann ich nicht genau sagen. Es waren jedenfalls sehr viele.

Ultras sollen nicht nur an gewaltsamen Auseinandersetzungen beteiligt gewesen sein, sondern wurden auch wegen ihres organisierten Auftretens als wichtig während der Revolution gepriesen. Wie muss man das verstehen?

Amr Fahmy: Mir ist das, ehrlich gesagt, etwas zu viel der Heldenverehrung. Wir wollten keine Märtyrer sein, aber Ultras sind nun einmal anders als viele der anderen jungen wütenden Ägypter: Wir haben keine Angst vor der Polizei, denn schwingende Knüppel und Tränengas sind für uns nichts Neues. Es war ganz selbstverständlich, dass wir ganz vorne mit dabei waren, als die Menschen auf der Straße kämpften.

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