Zum Geburtstag vom Dortmunder Westfalenstadion

Rüdiger Abramczik: »Beste Freunde«

Am 2. April 1974 wurde das Dortmunder Westfalenstadion eingeweiht. Natürlich mit einem Derby gegen den Erzrivalen aus Schalke. Zum Geburtstag des imposantesten Stadions der Liga erinnert sich Schalke-Legende Rüdiger Abramczik. Zum Geburtstag vom Dortmunder Westfalenstadionimago

Rüdiger Abramczik, Sie wuchsen in Gelsenkirchen auf, kamen aus einer klassischen Arbeiterfamilie, Ihr Vater war Schlosser. War er einverstanden damit, dass Sie Fußballprofi werden wollten?

In unserer Familie war Sport immer sehr präsent. Ein Bruder boxte, der andere machte Karate, zwei spielten Fußball. Und mein Vater unterstützte uns von Anfang an, er hat uns gefördert. Er hat uns mit dem Auto immer zu den Sportstätten gebracht. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass er mal sagte: »Jungs, macht mal was anderes.«  Für ihn war es in Ordnung, dass ich den Wunsch hatte, Fußballer zu werden.

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Schon im Alter von zehn Jahren wurden Sie von Berni Klodt beim SV Erle entdeckt.

Ich hatte mit Erle schon ein- oder zweimal gegen die Schalker Jugend gespielt. Da fragten mich die Trainer schon ab und an mal, ob ich nicht Lust hätte, bei Schalke mitzutrainieren.

Ein Traum für einen Jungen, der in Gelsenkirchen aufwächst.

Irgendwie schon. Aber ich wollte zu dem damaligen Zeitpunkt nicht auf Teufel komm raus zu Schalke. Ich wollte eigentlich nur Fußball spielen – es war mir egal, wo. Aber Berni Klodt ließ nicht locker, er machte mir Schalke 04 schmackhaft, er kam nach den Spielen häufig auf mich zu und erklärte mir, was ich verbessern könnte, was ich auf Schalke lernen könnte. Das waren Kleinigkeiten, doch es hatte Hand und Fuß. Zudem war er einfach ein verdammt netter Kerl, er übte eine gewisse Faszination auf mich aus. Dann traf er sich noch mit meinem Vater und irgendwann bin ich dann rüber.

Sie galten bald als der »Schalker Straßenfußballer«.

Ein blöder Begriff. Denn zum einen haben wir als Kinder ja nie auf den Straßen gespielt, sondern immer auf einer Wiese in der Nachbarschaft, die von den Zechenhäusern eingerahmt war. Zum anderen lernt doch eigentlich jeder Junge seine Tricks zuerst auf solchen Bolzplätzen, Wiesen oder auf der Straße und geht erst später in einen Verein. Insofern: Wer ist kein Straßenfußballer?

Schon mit 17 Jahren machten Sie Ihr erstes Bundesligaspiel. Wie aufgeregt waren Sie, plötzlich mit Schalker Größen wie Helmut Kremers, Rainer Budde oder Jürgen Sobieray auf dem Platz zu stehen?

Ich war überhaupt nicht nervös, denn ich trainierte schon als 16-Jähriger nachmittags mit der ersten Mannschaft.

Spürten Sie auch keinen Druck, als die Presse Sie zum Nachfolger des legendären Stan Libuda auserkor?

Nein, denn ich sah das nicht so. Der Stan war ein anderer Spielertyp, er war der bessere Dribbler, aber er hat viel für das Publikum gespielt. Ich habe vielleicht ein bisschen mehr für die Mannschaft gespielt. 

Vor allem haben Sie für Klaus Fischer gespielt.

Wenn man jahrelang miteinander trainiert und spielt, versteht man sich irgendwann blind. Recht bald kristallisierten wir beide uns als gute Partner heraus. Wir passten perfekt zueinander: ich konnte gute Flanken reinschlagen und Klaus Fischer versenkte die mit seinem Schädel. 

Oder wie beim Jahrhunderttor per Fallrückzieher.


Das stimmt. Ich bin auch ein bisschen stolz, dass ich an diesem tollen Tor beteiligt war.

Wie war Ihr Verhältnis zu Klaus Fischer abseits des Platzes?

Ich habe heute noch ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Streit gibt es immer mal, aber wir haben uns nie so gestritten, dass wir uns nie wieder sehen wollten. Ich kann Ihnen sagen: Der Klaus ist ein super Typ. Ich mag den.

Als Sie in der Nationalmannschaft gegen Nordirland debütierten, war Trainer Derwall hin und weg. Er sagte: »Noch nie hat ein Spieler so ein überzeugendes Debüt gegeben wie Abi. Der hat Flanken für drei Länderspiele geschlagen.« Schwebten Sie nach Hause?

Ganz ehrlich: Der Gegner war nicht sonderlich stark. Und an dem Tag gelang mir wirklich alles. Da haust du dann ein paar gute Flanken, aus denen dann auch noch Tore entstehen – das gibt dir schon großes Selbstvertrauen. Abgehoben bin ich deshalb aber nicht. Ich habe nie gesagt: »So, nun bin ich der Größte!« Ich bin bodenständig von meinen Eltern erzogen worden und immer so geblieben.

Max Merkel, der kurze Zeit Ihr Trainer war, sagte einmal: »Ehe Abramczik Nationalspieler wird, werde ich Sänger an der Metropolitan Opera.« War dieses Debüt eine Genugtuung für Sie?

Der Mann hat auch viele andere böse Sachen über mich gesagt. (lacht) Aber als ich ihn viele Jahre später noch mal getroffen habe, entschuldigte er sich bei mir.

Woher rührte Merkels Zorn?

Max stellte sich das auf Schalke viel einfacher vor, als es letztendlich war. In vielen Dingen kollidierte er mit der Mannschaft.

Zum Beispiel.

Die Spieler verstanden seinen Humor überhaupt nicht. Merkel stieß auf taube Ohren. Und schon bald drehte der Wind und das Team rebellierte gegen ihn. Irgendwann waren die Fronten zwischen Trainer und Mannschaft so verhärtet, dass man sich gegenseitig nur noch Gemeinheiten an den Kopf warf.  

Aber er stellte Sie noch auf.

Ja. Und eigentlich dachte ich bis zu dem Zeitpunkt, als er diesen Spruch raushaute, dass wir keine Probleme miteinander hätten. Wir verloren dann aber in Hamburg, Merkel war unglaublich sauer. Er pickte sich mit mir einen jungen Spieler heraus, weil er dachte: der wehrt sich eh nicht. Vor den älteren Spielern hatte er noch ein bisschen Angst. (lacht)

In der Nationalmannschaft spielten Sie trotz dieses fulminanten Debüts nur zwei Jahre. Auf dem Zenit Ihrer Karriere, 1979, war Schluss. Warum?

Ich habe einmal, nach einem Spiel gegen Malta, etwas gesagt, dass ich später ziemlich bereut habe. Doch ich war jung und unerfahren und da sprudelten manchmal Dinge aus mir heraus, die besser nicht gesagt worden wären.

Was haben Sie denn gesagt?

Ich sagte zum damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger: »Du hast keine Ahnung von Fußball!« Das war sicherlich die größte Dummheit, die mir je passiert ist. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Ich war 23 Jahre alt. Und sage so etwas zum DFB-Präsidenten!

1980 gingen Sie zu Borussia Dortmund. War es für die Schalker ein Schlag ins Gesicht, als Sie wechselten?

Überhaupt nicht. Eigentlich war es so, dass ich gehen musste. Schalke hatte zu dem Zeitpunkt kein Geld, sie mussten mich verkaufen.

Sie hätten zu jedem anderen Verein wechseln können.

Damals lud mich der BVB-Präsident Reinhard Rauball ein, mal vorbeizuschauen. Wir trafen uns dann und ich verstand mich ziemlich gut mit ihm. Am Nachmittag gab ich ihm meine Zusage für einen Wechsel. Doch am Abend rief plötzlich Uli Hoeneß an und fragte, ob ich nicht in der nächsten Saison für den FC Bayern spielen wollte.

Sie hatten beim BVB noch nicht unterschrieben?

Nein. Vermutlich wäre es für meine Karriere auch besser gewesen, wenn ich dem BVB wieder abgesagt hätte und zum FC Bayern gegangen wäre. Ich wäre mit Sicherheit ein paar mal Meister geworden. Doch ich hatte Rauball mein Wort gegeben.

Sie haben nicht gegrübelt?

Eigentlich nicht. Ich bin jemand, der sein Wort hält. Auch wenn Uli Hoeneß weiter versuchte mich zu überreden. »Ach Rüdiger«, sagte er, »du hast doch noch nicht unterschrieben.« Ich sagte: »Mensch Uli, aber der Herr Rauball hat mein Wort.« Und ich habe meine Zeit beim BVB nie bereut, ich habe dort drei tolle Jahre gehabt. Mit Reinhard Rauball bin ich übrigens heute  noch befreundet. 

Wurden Sie von den BVB-Fans sofort akzeptiert?

Ganz im Gegenteil. Ich ging durch schwere Monate, musste mir im Stadion und beim Training immer wieder Sprüche drücken lassen. Das erste Jahr war wirklich hart. Udo Lattek war damals Trainer, der hatte zu der Zeit auch einige private Probleme. Wir spielten nicht sonderlich gut. Im zweiten Jahr löste ihn Branko Zebec ab, wir qualifizierten uns für den UEFA-Cup und ich spielte eine super Saison mit Manfred Burgsmüller.

Im dritten Jahr schossen Sie 16 Tore. Für einen Außenstürmer ein überdurchschnittlicher Wert.

Spätestens in der Saison war ich wirklich in Dortmund angekommen. Und plötzlich spielten zahlreiche andere Ex-Schalker mit mir beim BVB. Zum Beispiel Rolf Rüssmann oder Jürgen Sobieray. Es normalisierte sich alles ein bisschen.

Wie nahmen Sie die Revierderbys eigentlich als Spieler wahr? War das Derby für Sie auch das »Spiel des Jahres«?


Für mich waren das Spiele wie jedes andere auch. In Dortmund waren ja immer 70.000 im Stadion. Ganz egal, ob wir gegen Bochum, Düsseldorf oder Hamburg gespielt haben, es war immer voll. Es waren eher die Medien die das Revierderby mit Bedeutung überluden.

Welches Derby ist Ihnen heute noch vor Augen, als sei es gestern gewesen?

In der Saison 1982/83, meiner letzten beim BVB, haben wir auf Schalke gespielt und gewannen 2:1. Ich schoss beide Tore. Das Spiel fand im letzten Drittel der Saison statt und Schalke rutschte durch diese Niederlage auf den 17. Platz ab. Wirklich freuen konnte ich mich über die zwei Tore nicht.

Sie spielten später auch bei Galatasaray Istanbul Derbys gegen Fenerbahce oder Besiktas. Kann man diese Istanbuler Derbys mit dem Revierderby vergleichen?

Nein. In Istanbul drehen die Leute wirklich durch. Gerade bei Spielen zwischen Galatasaray und Fenerbahce – da gibt es Mord und Totschlag. Im internationlen Vergleich sind Schalke- und Dortmund-Fans also beste Freunde.

Für wen schlägt heute Ihr Herz?

Für beide. Ich gebe deshalb keinen Tipp ab, falls Sie darauf hoffen.

Könnten Sie es sich eigentlich vorstellen, eines Tages für Schalke oder Dortmund zu arbeiten?

Wenn ich ehrlich bin: Das ist ein Traum von mir.

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