02.04.2011

Zum Geburtstag vom Dortmunder Westfalenstadion

Rüdiger Abramczik: »Beste Freunde«

Am 2. April 1974 wurde das Dortmunder Westfalenstadion eingeweiht. Natürlich mit einem Derby gegen den Erzrivalen aus Schalke. Zum Geburtstag des imposantesten Stadions der Liga erinnert sich Schalke-Legende Rüdiger Abramczik.

Interview: Andreas Bock Bild: imago

Rüdiger Abramczik, Sie wuchsen in Gelsenkirchen auf, kamen aus einer klassischen Arbeiterfamilie, Ihr Vater war Schlosser. War er einverstanden damit, dass Sie Fußballprofi werden wollten?

In unserer Familie war Sport immer sehr präsent. Ein Bruder boxte, der andere machte Karate, zwei spielten Fußball. Und mein Vater unterstützte uns von Anfang an, er hat uns gefördert. Er hat uns mit dem Auto immer zu den Sportstätten gebracht. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass er mal sagte: »Jungs, macht mal was anderes.«  Für ihn war es in Ordnung, dass ich den Wunsch hatte, Fußballer zu werden.



Schon im Alter von zehn Jahren wurden Sie von Berni Klodt beim SV Erle entdeckt.

Ich hatte mit Erle schon ein- oder zweimal gegen die Schalker Jugend gespielt. Da fragten mich die Trainer schon ab und an mal, ob ich nicht Lust hätte, bei Schalke mitzutrainieren.

Ein Traum für einen Jungen, der in Gelsenkirchen aufwächst.

Irgendwie schon. Aber ich wollte zu dem damaligen Zeitpunkt nicht auf Teufel komm raus zu Schalke. Ich wollte eigentlich nur Fußball spielen – es war mir egal, wo. Aber Berni Klodt ließ nicht locker, er machte mir Schalke 04 schmackhaft, er kam nach den Spielen häufig auf mich zu und erklärte mir, was ich verbessern könnte, was ich auf Schalke lernen könnte. Das waren Kleinigkeiten, doch es hatte Hand und Fuß. Zudem war er einfach ein verdammt netter Kerl, er übte eine gewisse Faszination auf mich aus. Dann traf er sich noch mit meinem Vater und irgendwann bin ich dann rüber.

Sie galten bald als der »Schalker Straßenfußballer«.

Ein blöder Begriff. Denn zum einen haben wir als Kinder ja nie auf den Straßen gespielt, sondern immer auf einer Wiese in der Nachbarschaft, die von den Zechenhäusern eingerahmt war. Zum anderen lernt doch eigentlich jeder Junge seine Tricks zuerst auf solchen Bolzplätzen, Wiesen oder auf der Straße und geht erst später in einen Verein. Insofern: Wer ist kein Straßenfußballer?

Schon mit 17 Jahren machten Sie Ihr erstes Bundesligaspiel. Wie aufgeregt waren Sie, plötzlich mit Schalker Größen wie Helmut Kremers, Rainer Budde oder Jürgen Sobieray auf dem Platz zu stehen?

Ich war überhaupt nicht nervös, denn ich trainierte schon als 16-Jähriger nachmittags mit der ersten Mannschaft.

Spürten Sie auch keinen Druck, als die Presse Sie zum Nachfolger des legendären Stan Libuda auserkor?

Nein, denn ich sah das nicht so. Der Stan war ein anderer Spielertyp, er war der bessere Dribbler, aber er hat viel für das Publikum gespielt. Ich habe vielleicht ein bisschen mehr für die Mannschaft gespielt. 

Vor allem haben Sie für Klaus Fischer gespielt.

Wenn man jahrelang miteinander trainiert und spielt, versteht man sich irgendwann blind. Recht bald kristallisierten wir beide uns als gute Partner heraus. Wir passten perfekt zueinander: ich konnte gute Flanken reinschlagen und Klaus Fischer versenkte die mit seinem Schädel. 

Oder wie beim Jahrhunderttor per Fallrückzieher.


Das stimmt. Ich bin auch ein bisschen stolz, dass ich an diesem tollen Tor beteiligt war.

Wie war Ihr Verhältnis zu Klaus Fischer abseits des Platzes?

Ich habe heute noch ein sehr gutes Verhältnis zu ihm. Streit gibt es immer mal, aber wir haben uns nie so gestritten, dass wir uns nie wieder sehen wollten. Ich kann Ihnen sagen: Der Klaus ist ein super Typ. Ich mag den.

Als Sie in der Nationalmannschaft gegen Nordirland debütierten, war Trainer Derwall hin und weg. Er sagte: »Noch nie hat ein Spieler so ein überzeugendes Debüt gegeben wie Abi. Der hat Flanken für drei Länderspiele geschlagen.« Schwebten Sie nach Hause?

Ganz ehrlich: Der Gegner war nicht sonderlich stark. Und an dem Tag gelang mir wirklich alles. Da haust du dann ein paar gute Flanken, aus denen dann auch noch Tore entstehen – das gibt dir schon großes Selbstvertrauen. Abgehoben bin ich deshalb aber nicht. Ich habe nie gesagt: »So, nun bin ich der Größte!« Ich bin bodenständig von meinen Eltern erzogen worden und immer so geblieben.

Max Merkel, der kurze Zeit Ihr Trainer war, sagte einmal: »Ehe Abramczik Nationalspieler wird, werde ich Sänger an der Metropolitan Opera.« War dieses Debüt eine Genugtuung für Sie?

Der Mann hat auch viele andere böse Sachen über mich gesagt. (lacht) Aber als ich ihn viele Jahre später noch mal getroffen habe, entschuldigte er sich bei mir.

Woher rührte Merkels Zorn?

Max stellte sich das auf Schalke viel einfacher vor, als es letztendlich war. In vielen Dingen kollidierte er mit der Mannschaft.

Zum Beispiel.

Die Spieler verstanden seinen Humor überhaupt nicht. Merkel stieß auf taube Ohren. Und schon bald drehte der Wind und das Team rebellierte gegen ihn. Irgendwann waren die Fronten zwischen Trainer und Mannschaft so verhärtet, dass man sich gegenseitig nur noch Gemeinheiten an den Kopf warf.  

Aber er stellte Sie noch auf.

Ja. Und eigentlich dachte ich bis zu dem Zeitpunkt, als er diesen Spruch raushaute, dass wir keine Probleme miteinander hätten. Wir verloren dann aber in Hamburg, Merkel war unglaublich sauer. Er pickte sich mit mir einen jungen Spieler heraus, weil er dachte: der wehrt sich eh nicht. Vor den älteren Spielern hatte er noch ein bisschen Angst. (lacht)

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