Zum Geburtstag: Uwe Seeler im großen Karriere-Interview

»Wir kotzten wie die Reiher«

Whisky mit Schön, Schwarzwälder Kirsch mit dem HSV – bis auf ein paar Schnäpse war Uwe Seeler Deutschlands Vorzeigefußballer Nummer eins. Wir sprachen mit ihm über Partys in London und Dienstfahrten nach Hannoversch-Münden.

Heft#109 12/2010
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Uwe Seeler, Jürgen Werner hat über Sie geschrieben: 1946 begann die Beziehung Uwe Seeler und HSV auf einem kleinen Sportplatz in Ochsenzoll.
Das stimmt. So kurz nach dem Krieg lag Hamburg ja noch in Schutt und Asche, aber am Ochsenzoll baute Günther Mahlmann – damals Studienrat – die Jugendarbeit beim HSV wieder auf. Und ich war mit dabei. So wie Jürgen Werner und all die anderen Jungs, die später den HSV symbolisierten.

In welcher Jugend starteten Sie?
1946 gab es noch keine Jugendteams, wie man das heute kennt. Wir fingen in der fünften Mannschaft an, natürlich waren die Teams in verschiedene Altersklassen eingeteilt. Aber es konnte durchaus vorkommen, dass man als talentierter 11-Jähriger gemeinsam mit 15-Jährigen auf dem Platz stand. Die Verbände hatten das aber bald geregelt und wir liefen für die HSV-Knabenmannschaft auf.

So kurz nach dem Krieg – wie oft mussten Sie hungrig zum Training?
Gar nicht so häufig, wie man denken könnte. Ich komme zwar aus sehr einfachen Verhältnissen, aber weil mein Vater Erwin schon vor dem Krieg für den HSV gespielt hatte und nun so etwas wie eine Identifikationsfigur im Verein war, hatten wir Seelers immer ein paar kleine Vorteile.

Zum Beispiel?
Damit die HSV-Herren nicht mit leerem Magen auf den Platz mussten, spendierte der Verein ordentliches Essen. Ich war derjenige, der die großen Pötte mit Essen ins Vereinsheim am Rothenbaum schleppen musste. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass da nicht regelmäßig  auch genügend Futter für die Familie Seeler abfiel...

Die HSV-Jugend trainierte derweil am Ochsenzoll. Gut zwölf Kilometer von Ihrer Wohnung in der Winzeldorferstraße in Hamburg-Eppendorf entfernt. Wie sind Sie dahin gekommen?
Anfangs mit der U-Bahn, später mit einem von mir selbst konstruierten Fahrrad. Dem Vater eines Mannschaftskollegen gehörte ein Fahrradgeschäft, da habe ich so lange gearbeitet, bis ich zwei Räder und und einen Rahmen zusammen hatte. Damit ging es dann die zwölf Kilometer hin und zurück. Außer den Wettkampftagen, da hat uns Trainer Günther Mahlmann das Training verboten – er wollte nicht, dass wir schon vor dem Spiel zu sehr verausgabten.

Bevor Sie beim HSV anfingen, sollen Sie eine äußerst ruhmreiche Karriere als Straßenbolzer hingelegt haben.
Allerdings! Da ging es Straße gegen Straße, gespielt wurde auf Asphalt zwischen Schutt und Asche. Was besonders bei mir regelmäßig für Schürfwunden und blauen Flecken gesorgt hat, ich lag ja dauernd quer in der Luft.

Konnte man damals schon die kommende Weltkarriere von Seeler junior erahnen?
Ich urteile sehr ungern über mich selbst, aber was ich Ihnen immerhin verraten kann: Ich wurde meistens als Erster in die Mannschaften gewählt, obwohl ich der Kleinste und Jüngste war. Mein Bruder Dieter ist fünf Jahre älter als ich, aber der musste immer warten, bis sein kleiner Bruder zugelost worden war...

Was, außer blauen Flecken, haben Sie noch in Erinnerung, wenn Sie an die Zeit auf der Straße denken?
Bälle und Fensterscheiben. Die Bälle waren unsere Schätze, unsere Heiligtümer. Mit denen wurde so lange gebolzt, bis die Luft vollständig aus ihnen entwichen war – und dann haben wir sie wieder eigenhändig zusammen genäht. Das waren am Ende richtige Eier, aber immer noch unsere Schätze. Das Thema Fensterscheiben endete für mich meistens schmerzhaft: Wann immer ein Fenster in Eppendorf zu Bruch ging, wurde ich dafür verantwortlich gemacht. Häufig zu Recht. Zu Hause gab es dann ein paar Hiebe mit dem Kochlöffel von Muttern. Glücklicherweise hielt sich der finanzielle Schaden meist in Grenzen. Bei uns im Haus wohnte Glasermeister Buhl, bei dem hatte mein Vater schon einen speziellen Deal ausgehandelt.

Ihr Vater Erwin wurde beim HSV nur »Old Erwin« oder gleich »Vadder« genannt. Haben Sie beim Bolzen wenigstens mit seinen alten Schuhen auftrumpfen können?
Ach was, die waren mir doch viel zu groß. Schuhe bekam man damals nur gegen Bezugsschein, die waren also extrem rar. Meine waren immer ziemlich schnell kaputt, aber barfuß ging ja auch nicht bei all den Glassplittern und Trümmerteilen auf der Straße. Also habe ich mir die Töppen meiner Schwester »geliehen« und als die Sohle schon halb ab war, wieder zurück in ihren Schrank gelegt. Mein Gott, das gab ein Theater!

Sie kommen aus einer richtigen Fußballer-Familie, Ihr Vater war Fußballer, Ihr älterer Bruder auch – da war doch eigentlich klar, dass Sie auch Fußballer werden mussten.
Nicht unbedingt, denn mein Vater hat uns nie dazu gedrängt in seine Fußstapfen zu treten. Der hat Dieter und mir nur eines gesagt: »Damit ihr Bescheid wisst: Weicheier will in meinem Haus nicht haben.« Das saß. Er war ja selbst ein harter Kerl, der im Hafen malochte und auch auf dem Fußballplatz keine Gefangenen machte. Wenn wir mit Beulen, Schrammen oder kleinen Wunden nach Hause kamen, wurde ein nasser Lappen über die verletzte Stelle gelegt und gut war. Das hat mich geprägt, kein Zweifel.

Dabei wäre Ihre HSV-Karriere fast gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hätte: Schon nach den ersten Übungseinheiten am Ochsenzoll sollen Sie lieber wieder auf der Straße gebolzt haben, als regelmäßig zum Training zu gehen...
Auf der Straße bei den Jungs war ich der König. Das war natürlich reizvoller, als sich im Training zu schinden.

Was hat Sie letztlich bekehrt?
Wieder einmal mein Vater. Mein Bruder kam eines Abends vom Training nach Hause und meinte: »Ich soll dir von Herrn Mahlmann ausrichten, dass du ruhig auch mal wieder zum Training kommen könntest.« Das hat mich allerdings nicht sonderlich beeindruckt.

Was hat Ihr Vater gesagt?
Er meinte: »Wie du willst. Ich habe nur gedacht, dass du ein guter Fußballspieler werden willst.« Das saß erneut! Wenig später tauchte ich wieder reumütig am Ochsenzoll auf. Auch, weil mir Günther Mahlmann inzwischen gedroht hatte, mich bei den Punktspielen nicht mehr einzusetzen.

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