08.05.2012

Zum Abriss der Gegengerade am Millerntor: Buchautor Michael Pahl im Interview

»Werner Lorant wurde mit Kippen beschmissen«

Auf der Gegengerade am Millerntor wurde die Fankultur des FC St. Pauli geboren. Nun wird die Tribüne abgerissen. Wir sprachen mit Michael Pahl, Historiker und Buchautor, über den Abschied von der Gegengerade.

Interview: Christoph Erbelding Bild: Imago

Michael Pahl, am Millerntorstadion rücken die Bagger an, um die altehrwürdige Gegengerade abzureißen...
Michael Pahl: ...ich bin gerade auf der Homepage, dort wurden schon die ersten Bilder veröffentlicht. Verrückt, wie schnell das alles geht. Aber die Bagger dürften gar nicht mehr so viel Arbeit haben.

Wie meinen Sie das?
Michael Pahl: Nach dem letzten Spiel gegen Paderborn (der FC St. Pauli gewann 5:0, d. Red) wurden die 2000 Sitzschalen, die es auf der Tribüne gab, für jeweils 20 Euro verkauft. Der Andrang darauf war so groß, dass keine einzige Schale übrig geblieben ist. Es wurden aber auch Sitzbänke aus den Verankerungen gerissen, sämtliche Schilder und alles, was zu kriegen war, mitgenommen.

Wie lief der Abschied ansonsten ab?
Michael Pahl: Ich hatte das Gefühl, viele Zuschauer waren diesmal besonders früh da. Jeder wollte sich richtig von seinem Platz verabschieden. Außerdem gab es eine beindruckende Abschiedschoreo. Nach dem Spiel wurde ein Abschiedsfoto geschossen und man konnte noch zwei Stunden da bleiben, sein letztes Bierchen trinken, seine letzte Wurst essen, bevor es zu Ende ging.

Sind auch bei Ihnen ein paar Tränen geflossen?
Michael Pahl: Mir ist das schon sehr nahe gegangen. Die Gegengerade war etwas Besonderes, denn dort ist in den achtziger Jahren all das entstanden, was den FC St. Pauli einzigartig macht. Hierher kamen die Leute von der Hafenstraße und aus der linken Szene, um gemeinsam Fußball zu schauen. Hier wurde zum ersten Mal die Totenkopffahne geschwenkt. Wenn so ein Ort verschwindet, nimmt einen das mit. Klar ist aber auch: Wir brauchen ein neues Stadion, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Können Sie sich erklären, warum die Gegengerade Ende der 1980er-Jahre zum Herzstück der Fanszene auf St. Pauli wurde?
Michael Pahl: Die Leute haben einen Verein gesucht, den sie unterstützen konnten. Beim FC St. Pauli gab es bis dahin keine Szene, man konnte also praktisch einen fanleeren Raum besetzen. Dass sich das Ganze auf die Gegengerade konzentriert hat, ist schwer zu erklären. Ich für meinen Teil  fand es großartig, dass es dort auch entlang des Spielfeldes Stehplätze gab.

>> Die besten Bilder der Gegengerade gibt's hier in der Galerie

Was waren die legendärsten Spiele, die Sie auf der Gegengerade erlebt haben?
Michael Pahl: 1988 empfingen wir am fünften Spieltag den VfB Stuttgart, den damaligen Tabellenführer. Wir lagen zurück, konnten das aber noch Spiel drehen. Jürgen Gronau schoss das 2:1-Siegtor in der 86. Minute. Danach ist die Gegengerade richtig explodiert! 1995 hielt Sie dann unserem Druck nicht mehr stand: Wir führten im letzten Spiel der Saison gegen den FC Homburg 5:0 und standen als Aufsteiger in die Bundesliga fest. Es ertönte ein Pfiff, vermeintlich der Abpfiff, und wir stürmten den Platz. Plötzlich kam das Gerücht auf, Schiedsrichter Bodo Brandt-Cholle habe die Partie  noch nicht ordnungsgemäß beendet und die Punkte könnten uns abgezogen werden. Alles war ruhig – bis Brandt-Cholle den Abbruch dementierte. Dann konnte Gott sei Dank gefeiert werden...

Die St. Pauli-Fans sind auch bekannt für ihren Humor. An welchen Scherz erinnern Sie sich?
Michael Pahl: Werner Lorant war mit 1860 München am Millerntor zu Gast, in einer Zeit, als er dem Rauchen angeblich entsagt hatte und für Nikotinpflaster Werbung machte. Als er zur Trainerbank vor der Gegengerade kam, segelten zahlreiche Zigarettenpackungen in seine Richtung. Ich glaube, es war sogar eine ganze Stange dabei. Er hat es aber mit Humor genommen und darüber gelacht. Ob er sich eine angezündet hat, ist leider nicht bekannt. (lacht)

Der Stadionumbau des FC St. Pauli läuft seit 2006. Nach und nach werden alle Tribünen abgerissen und neu gebaut. Wie wird der Umbau unter den Zuschauern bewertet?
Michael Pahl: Ein modernes Stadion ist wichtig für den FC St. Pauli. Das sehen die allermeisten Zuschauer auch ein. Trotzdem schwingt natürlich viel Wehmut mit. Da ist es hilfreich, dass die einzelnen Tribünen nacheinander abgerissen werden und das ganze Stadion nicht in einem Rutsch verschwindet. Wir Zuschauer von der Gegengerade konnten uns jetzt sechs Jahre auf den Abriss einstellen, die Zuschauer der Tribüne auf der Nordseite haben noch bis 2014 Zeit. Wichtig ist, dass der Verein darauf achtet, die Fans mit in die Planungen mit einzubeziehen. Dafür spricht, dass im Neubau weiterhin drei Stehplatztribünen geplant sind.

Glauben Sie, dass die Stimmung im neuen Stadion ähnlich gut sein wird?
Michael Pahl: Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Auf der neuen Gegengerade wird es sogar noch mehr Stehplätze geben als vorher. Bisher waren es 6000, demnächst werden es 10000 sein. In was für einem Stadion man steht, ist letztlich ohnehin nicht entscheidend. Nicht die Bausubstanz macht ein Stadion aus, sondern die Menschen, die es füllen. Und die werden sich ja nicht ändern.

Michael Pahl, wenn Sie einen Wunsch frei haben: Was muss auf der neuen Gegengerade unbedingt von der alten Tribüne übernommen werden?
Michael Pahl: Es gab hinter der Tribüne einen Catering-Bereich, der alles zu bieten hatte, was man sich vorstellen kann: Von Latte Macchiato, Kuchen und Crêpes über vegetarische und indische Snacks bis hin zur Pizza, zum Bier oder zur Wurst. Das hatte unheimlich viel Charme, besonders, weil die lokalen Verkäufer immer provisorisch ihre eigenen Büdchen aufgebaut haben. Ich habe zwar wenig Hoffnung, dass das bewahrt bleiben kann, aber es war ja von Wünschen die Rede. (lacht)

>> Die besten Bilder der Gegengerade gibt's hier in der Galerie

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