04.12.2013

Zum 60. Geburtstag: Jean-Marie Pfaff über seine verrückte Karriere

»Die Bundesliga machte mir Angst«

Happy Birthday, Jean-Marie Pfaff! Der verrückte Belgier wird heute 60 Jahre alt. Für unsere Interviewreihe »Der Fußball, mein Leben & ich« sprachen wir einst mit Pfaff über die nächtlichen Gewohnheiten von Lothar Matthäus, Einwürfe von Uwe Reinders und Reality Soaps.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago


Obwohl Sie Angebote von größeren Klubs bekamen.
Ajax wollte mich haben, AZ Alkmaar, Twente Enschede, später auch Feyenoord.

Und warum sind Sie nicht gewechselt?
Ich war glücklich in Beveren, ich komme aus dieser Gegend. Meine Familie war mein Ein und Alles. Fußball sollte Spaß machen, ich habe es anfangs nie als Geschäft verstanden. Wir hatten eine gute Mannschaft und spielten in den Siebzigern ständig um die Meisterschaft. Ich hatte einfach das Gefühl, in Beveren noch etwas erreichen zu können.

In der Saison 1977/78 gewannen Sie den belgischen Pokal und kamen bis ins Halbfinale des Europapokals.
Wir haben sogar Inter Mailand aus dem Wettbewerb geworfen. Erst gegen den FC Barcelona mit Johan Neeskens und Hans Krankl mussten wir uns geschlagen geben. Ich bin damals zur Vorbereitung zu den Spielen von Borussia Mönchengladbach gefahren, um die Europacupatmosphäre kennenzulernen. Ich fuhr nachmittags rüber, kam nachts zurück und ging morgens wieder zur Arbeit.

Wie bitte, selbst in der Europapokalsaison haben Sie noch voll gearbeitet?
Natürlich, morgens um halb acht stand ich auf der Matte, und es ging jeden Tag bis halb vier. Und wenn wir in Mailand spielten, musste ich zwei Tage unbezahlten Urlaub nehmen.

Im Jahr 1979 stand Ihre Karriere vor dem Aus. In einem Pokalspiel 1979 gegen den KSC Lokeren sollen Sie einen Linienrichter getreten haben.
Ich schwöre beim Leben meiner Kinder: Ich habe nichts gemacht. Aber es folgte die schlimmste Zeit meines Lebens.

Sie wurden für ein halbes Jahr gesperrt.
Die Öffentlichkeit ließ mich fallen wie eine heiße Kartoffel. In dieser Zeit bekam meine Mutter einen Herzinfarkt, meine Schwiegermutter litt unter Magenbluten, und ich flog aus der Nationalmannschaft. Die Kinder wurden in der Schule gehänselt.

Was war passiert?
Lokeren erzielte in der letzten Spielminute beim Stande von 2:1 für uns ein Tor. Der Linienrichter zeigte Abseits an, doch als der Schiedsrichter ihn fragte, hielt er den Mund und gab den Treffer. Nach dem Abpfiff traf ich den Linienrichter auf dem Weg in die Kabine. Er wollte mir die Hand geben, aber ich verweigerte ihm den Handschlag. Genau in diesem Moment fiel neben uns eine Zeitung herunter, die ich mit dem Fuß beiseite kickte. Das Gespann sprach Französisch, ich verstand nicht, was sie redeten. Hinterher stand im Spielbericht, ich hätte ihm einen Kniestoß verpasst.

Was hatten die Referees gegen Sie?
Meine Erklärung ist, dass die großen Klubs aus Brüssel ein Problem mit dem Erfolg von Beveren hatten – und das Gespann stammte aus der Hauptstadt. Ich hörte später, dass die Schiedsrichter nach dem Spiel von den Verantwortlichen von Lokeren in ein Lokal eingeladen wurden, in das Verheiratete normalerweise nicht hineingehen … Sie wissen, was ich meine. Und dort sollen sie morgens um vier Uhr das Schreiben an den Verband aufgesetzt haben.

Eine Verschwörung. Wie ging es Ihnen in der Zeit Ihrer Sperre?
Ich habe einen Monat gar nicht mehr trainiert, ich war traurig und tief verletzt. In dieser Phase dachte ich das erste Mal daran, Belgien zu verlassen. Als ich wieder ins Training einstieg, lief mir unser 50-jähriger Co-Trainer davon, so lustlos fühlte ich mich. Wenn die Sperre nicht gewesen wäre, wäre ich vielleicht nie weggegangen.

Gute zwei Jahre später wechselten Sie zum FC Bayern.
Kurz vor der Sperre hatten wir bei einem Turnier in Toulouse gegen Bayern gespielt. Da wurde der Klub auf mich aufmerksam. Anfang 1982 kam dann ein Anruf, dass die Bayern einen Torwart suchten, weil sie mit Manfred Müller und Walter Junghans nicht mehr ganz glücklich waren. Ich traf Uli Hoeneß inkognito im Hotel in Düsseldorf. Ein Treffen wie in einem Agentenfilm. Sie machten mir ein Angebot – und wieder bekam ich Bedenken, ob ich unterschreiben sollte.

Was war denn los?
Mir machte die Bundesliga ein bisschen Angst, die deutsche Disziplin, der ständige Erfolgsdruck. Wie gesagt, bis dahin war Fußball für mich Spaß. Dann gingen die Bilder von Ewald Lienen durch die Presse, dem im Spiel gegen Werder Bremen der Oberschenkel aufgeschlitzt worden war. Sollte ich in so eine Liga wechseln? Meine Frau drohte fast mit Scheidung, als sie meine Zweifel hörte. Sie erinnerte mich daran, wie übel man mir bei der Sperre mitgespielt hatte. Ich unterschrieb – zum Glück.

Ihr Start in München fiel denkbar schlecht aus. Beim Saisonauftakt gegen Werder Bremen glitt Ihnen ein Einwurf von Uwe Reinders über die Finger, der FC Bayern unterlag mit 0:1.
Das war kein Fehler, das war ein Unfall. Ich wollte den Ball aus dem Strafraum fausten, als von hinten Klaus Augenthaler hochsprang und meinen Arm nach unten drückte. Da war in der Halbzeit gleich der Teufel los.

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