Zum 60. Geburtstag: Jean-Marie Pfaff über seine verrückte Karriere

»Die Bundesliga machte mir Angst«

Happy Birthday, Jean-Marie Pfaff! Der verrückte Belgier wird heute 60 Jahre alt. Für unsere Interviewreihe »Der Fußball, mein Leben & ich« sprachen wir einst mit Pfaff über die nächtlichen Gewohnheiten von Lothar Matthäus, Einwürfe von Uwe Reinders und Reality Soaps.

Heft#121 12/2011
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Jean Marie Pfaff, als Junge aus der Peripherie von Antwerpen wurden Sie zum größten belgischen Fußballer aller Zeiten. Woher haben Sie Ihr Talent?
Das wurde mir in die Wiege gelegt, zum Fußballer bin ich dann ganz klassisch auf der Straße geworden.

Wie müssen wir uns Ihre Jugend vorstellen?
Ich hatte fünf Brüder. Nach der Schule ging es raus zum Kicken. Einen Rasen kannten wir nicht, auf der Wiese haben bei uns nur die Pferde geweidet.

Und Ihr Ehrgeiz kannte keine Grenzen.
Zumindest hatte ich immer einen Hang zum Perfektionismus. Mein Vater starb, als ich zwölf war. Ich wuchs mit insgesamt elf Geschwistern auf, und wir lebten in sehr einfachen Verhältnissen. So lernten wir früh, uns durchzusetzen. Bis auf einen haben es alle meine Brüder bis in die erste belgische Liga geschafft.

Wie äußerte sich Ihr Perfektionismus?
Mir musste nie ein Trainer in den Hintern treten. Ständig suchte ich nach Wegen, besser zu werden. Schon lange bevor es üblich war, dass Torhüter ein spezielles Programm absolvieren, habe ich mit Sepp Maier in München Torwarttraining in seiner Tennishalle in Anzing gemacht.

Wie müssen wir uns das vorstellen?
Bald nach meinem Wechsel 1982 schlug ich dem Klub vor, ihn als Torwarttrainer einzustellen. Aber damals wollten sie ihn nicht, offenbar waren die Verantwortlichen der Meinung, dass Sepp zu viel Blödsinn machte. Deshalb fuhr ich zwei Jahre lang zwei, drei Mal in der Woche nach der Einheit an der Säbener zu ihm nach Anzing und trainierte mit ihm.

Und was hielten die Bayern-Granden davon?
Die wussten nichts. Irgendwann saß ich nach einem Spiel beim HSV neben Franz Beckenbauer im Flugzeug, der damals die Nationalelf betreute, und riet ihm, Sepp als Torwarttrainer zum DFB zu holen. Er hat sich überzeugen lassen, aber der FC Bayern hat sich erst dafür entschieden, als ich München schon wieder verlassen hatte.

Warum wollten Sie ursprünglich Torwart werden?
Ich konnte nie verlieren, und es fiel mir leichter, wenn es in meiner Hand lag, den entscheidenden Fehler zu machen, als wenn es ein anderer tat. Hinzu kam, dass ich immer gerne Fritten mit Mayonnaise gegessen habe. Mir fehlte auf dem Platz die Kondition, um ein Spielmacher zu sein.

Und eines Tages entdeckten Sie die Talentförderer des KSK Beveren beim Kicken auf der Straße?
Ach was, ich folgte dem Beispiel meines großen Bruders Jean-Baptiste und schloss mich dem Verein an. Damals war der Klub ein kleiner Zweitligist. Wir hatten Hobbytrainer, die im Hafen oder auf der Post arbeiteten. Die motivierten uns, indem sie uns nach guten Spielen auf die Schulter klopften oder uns eine Schokokugel als Belohnung gaben.

Wann erwachte der Wunsch in Ihnen, Profi zu werden?
Es gab in den Sechzigern und Siebzigern kaum Vollprofis in Belgien. Natürlich träumte ich von Wohlstand und tollen Autos. Aber diese Träume standen nie in direkter Verbindung zum Fußball.

Was verdienten Sie bei dem Provinzklub?
Ich bekam 60 Euro Grundgehalt und zusätzlich rund 100 Euro pro Punkt. Davon musste ich die Handschuhe und mein Schuhwerk selbst bezahlen. Bis ich nach München wechselte, hat meine Frau die Trikots gewaschen, und ich ging parallel zum Fußball einer geregelten Arbeit nach.

Als was?
Mit 15 fing ich als Techniker in einer Weberei an, anschließend habe ich einige Jahre in der Post als Briefsortierer gearbeitet. Mit Anfang 20 machte ich dann eine Ausbildung bei der Bank.



Obwohl Sie Angebote von größeren Klubs bekamen.
Ajax wollte mich haben, AZ Alkmaar, Twente Enschede, später auch Feyenoord.

Und warum sind Sie nicht gewechselt?
Ich war glücklich in Beveren, ich komme aus dieser Gegend. Meine Familie war mein Ein und Alles. Fußball sollte Spaß machen, ich habe es anfangs nie als Geschäft verstanden. Wir hatten eine gute Mannschaft und spielten in den Siebzigern ständig um die Meisterschaft. Ich hatte einfach das Gefühl, in Beveren noch etwas erreichen zu können.

In der Saison 1977/78 gewannen Sie den belgischen Pokal und kamen bis ins Halbfinale des Europapokals.
Wir haben sogar Inter Mailand aus dem Wettbewerb geworfen. Erst gegen den FC Barcelona mit Johan Neeskens und Hans Krankl mussten wir uns geschlagen geben. Ich bin damals zur Vorbereitung zu den Spielen von Borussia Mönchengladbach gefahren, um die Europacupatmosphäre kennenzulernen. Ich fuhr nachmittags rüber, kam nachts zurück und ging morgens wieder zur Arbeit.

Wie bitte, selbst in der Europapokalsaison haben Sie noch voll gearbeitet?
Natürlich, morgens um halb acht stand ich auf der Matte, und es ging jeden Tag bis halb vier. Und wenn wir in Mailand spielten, musste ich zwei Tage unbezahlten Urlaub nehmen.

Im Jahr 1979 stand Ihre Karriere vor dem Aus. In einem Pokalspiel 1979 gegen den KSC Lokeren sollen Sie einen Linienrichter getreten haben.
Ich schwöre beim Leben meiner Kinder: Ich habe nichts gemacht. Aber es folgte die schlimmste Zeit meines Lebens.

Sie wurden für ein halbes Jahr gesperrt.
Die Öffentlichkeit ließ mich fallen wie eine heiße Kartoffel. In dieser Zeit bekam meine Mutter einen Herzinfarkt, meine Schwiegermutter litt unter Magenbluten, und ich flog aus der Nationalmannschaft. Die Kinder wurden in der Schule gehänselt.

Was war passiert?
Lokeren erzielte in der letzten Spielminute beim Stande von 2:1 für uns ein Tor. Der Linienrichter zeigte Abseits an, doch als der Schiedsrichter ihn fragte, hielt er den Mund und gab den Treffer. Nach dem Abpfiff traf ich den Linienrichter auf dem Weg in die Kabine. Er wollte mir die Hand geben, aber ich verweigerte ihm den Handschlag. Genau in diesem Moment fiel neben uns eine Zeitung herunter, die ich mit dem Fuß beiseite kickte. Das Gespann sprach Französisch, ich verstand nicht, was sie redeten. Hinterher stand im Spielbericht, ich hätte ihm einen Kniestoß verpasst.

Was hatten die Referees gegen Sie?
Meine Erklärung ist, dass die großen Klubs aus Brüssel ein Problem mit dem Erfolg von Beveren hatten – und das Gespann stammte aus der Hauptstadt. Ich hörte später, dass die Schiedsrichter nach dem Spiel von den Verantwortlichen von Lokeren in ein Lokal eingeladen wurden, in das Verheiratete normalerweise nicht hineingehen … Sie wissen, was ich meine. Und dort sollen sie morgens um vier Uhr das Schreiben an den Verband aufgesetzt haben.

Eine Verschwörung. Wie ging es Ihnen in der Zeit Ihrer Sperre?
Ich habe einen Monat gar nicht mehr trainiert, ich war traurig und tief verletzt. In dieser Phase dachte ich das erste Mal daran, Belgien zu verlassen. Als ich wieder ins Training einstieg, lief mir unser 50-jähriger Co-Trainer davon, so lustlos fühlte ich mich. Wenn die Sperre nicht gewesen wäre, wäre ich vielleicht nie weggegangen.

Gute zwei Jahre später wechselten Sie zum FC Bayern.
Kurz vor der Sperre hatten wir bei einem Turnier in Toulouse gegen Bayern gespielt. Da wurde der Klub auf mich aufmerksam. Anfang 1982 kam dann ein Anruf, dass die Bayern einen Torwart suchten, weil sie mit Manfred Müller und Walter Junghans nicht mehr ganz glücklich waren. Ich traf Uli Hoeneß inkognito im Hotel in Düsseldorf. Ein Treffen wie in einem Agentenfilm. Sie machten mir ein Angebot – und wieder bekam ich Bedenken, ob ich unterschreiben sollte.

Was war denn los?
Mir machte die Bundesliga ein bisschen Angst, die deutsche Disziplin, der ständige Erfolgsdruck. Wie gesagt, bis dahin war Fußball für mich Spaß. Dann gingen die Bilder von Ewald Lienen durch die Presse, dem im Spiel gegen Werder Bremen der Oberschenkel aufgeschlitzt worden war. Sollte ich in so eine Liga wechseln? Meine Frau drohte fast mit Scheidung, als sie meine Zweifel hörte. Sie erinnerte mich daran, wie übel man mir bei der Sperre mitgespielt hatte. Ich unterschrieb – zum Glück.

Ihr Start in München fiel denkbar schlecht aus. Beim Saisonauftakt gegen Werder Bremen glitt Ihnen ein Einwurf von Uwe Reinders über die Finger, der FC Bayern unterlag mit 0:1.
Das war kein Fehler, das war ein Unfall. Ich wollte den Ball aus dem Strafraum fausten, als von hinten Klaus Augenthaler hochsprang und meinen Arm nach unten drückte. Da war in der Halbzeit gleich der Teufel los.



Gingen die Mitspieler auf Sie los?
Nein, aber Pal Csernai machte mich runter: »Du bist jetzt nicht mehr in Belgien.« Ich spürte den eisigen Wind, der mir ins Gesicht blies. Immerhin: Paul Breitner kam nachher zu mir und sagte, ich solle mich nicht verrückt machen.

Wie tief saß der Frust?
Belgische Zeitungen schrieben: »In drei Monaten kommt Pfaff zurück.« Ich kannte diesen Druck von der Nationalelf, wo ich als Spieler eines kleinen Klubs anfangs auch der Kofferträger sein sollte. Wenn ich das nicht sein wollte, musste ich mich durchsetzen! Eine Woche nach Bremen hielt ich super gegen Fortuna Düsseldorf. Das Publikum im Olympiastadion jubelte: »Jean-Marie, Jean-Marie!« Da wusste ich, dass ich nicht allein bin.

Wie gut war die Kameradschaft in der Münchner Mannschaft?
Im Profifußball hat man keine Freunde, da gibt es nur Kollegen. Das merkte ich, wenn ich verletzt war oder ein unglückliches Tor kassierte. Die anderen Torleute hatten ihre Fürsprecher im Team, die lauerten nur darauf, dass ich einen Fehler mache. Ich nenne keine Namen, aber ich habe es sogar erlebt, dass ein Spieler einen Gegner vorbeiziehen ließ, um mich in Schwierigkeiten zu bringen.

Wie haben Sie darauf reagiert?
Ich habe nur gesagt: »Mein Freund, mach das nie, nie wieder.«

1987 sagten Sie: »Im Strafraum empfinde ich Einsamkeit.«
Ein Torwart ist immer allein, denn er ist der entscheidende Mann. Wenn ein Stürmer eine Chance vergibt, ist es eine Kleinigkeit, aber wenn einem Keeper ein Eckball durchrutscht, ist es eine Katastrophe. Ich habe auch während der Spiele immer nach Beschäftigung gesucht, ständig Gymnastik gemacht, nicht nur um warm zu bleiben, auch um diese Einsamkeit zu vergessen.

Wer war Ihr Zimmerkollege in München?
Vier Jahre lang Lothar Matthäus und später Hansi Flick.

Wie war es mit Lothar Matthäus?
Laut (lacht). Er hat lang Fernsehen geschaut, während ich oft schon um elf Uhr schlafen ging. Aber Lothar ist Lothar, wir waren gute Kollegen.

In die Bayern-Annalen gingen Sie ein, als Sie im UEFA-Cup-Spiel 1983 gegen PAOK Saloniki im Elfmeterschießen den entscheidenden Ball zum 9:8 verwandelten. Waren Sie ein guter Feldspieler?
Im Training war ich beim Fünf gegen Zwei dabei, auch wenn ich oft überlegt habe, es sein zu lassen.

Warum?
Weil man für jedes Mal Tunneln zehn Mark in die Mannschaftskasse zahlen musste. Das war sehr teuer.

Aber für einen Elfmeter im entscheidenden Moment waren Sie gut genug?
Ganz ehrlich, ich hatte vor Saloniki noch nie einen Elfmeter geschossen. Aber in dem Shoot-out hatten schon alle Feldspieler geschossen. Plötzlich sagte Udo Lattek: »Jean-Marie, du musst schießen.« Ein Schock. Mein Ersatzkeeper Manfred Müller war ein netter Kollege, er hat mir Mut zugesprochen. Also habe ich tief durchgeatmet und das Ding verwandelt.


Warum gingen Sie nach München zurück in die belgische Provinz zu Lierse SK?
Meine Schwiegermutter und meine Schwester waren 1987 gestorben. Ich sehnte mich nach der Nähe zur Familie. Wissen Sie, ich habe immer gewusst, dass das Leben erst nach der Karriere beginnt. Dann erweist es sich, ob man als Mensch zurechtkommt. Deswegen wusste ich auch immer, wo mein Platz ist.

Der Höhepunkt Ihrer fußballerischen Laufbahn war die WM 1986 in Mexiko. Die belgische Elf scheiterte erst im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister Argentinien.
Unser Coach Guy Thys hatte ein Team aus Spielern von kleinen Vereinen zusammengestellt, nachdem jahrzehntelang in Belgien nur die Spieler von Anderlecht, Lüttich und Brügge den Stamm der Nationalelf bildeten. Wir waren hungrig, unser Ehrgeiz hat uns so weit gebracht. Der größte Erfolg des belgischen Fußballs. Aber wissen Sie, dass ich bei dem Spiel gegen Argentinien auch immer an die Bundesliga denken muss?

Nein, warum denn?
Weil ich beim Einlaufen ins Aztekenstadion hörte, wie jemand von der Tribüne ständig brüllte: »Jean-Marie, Jean-Marie«. Erst dachte ich, es sei nur ein verrückter Fan, aber es hörte einfach nicht auf. Irgendwann schaute ich rüber und sah, wer mich da anfeuerte.

Wer denn?
Otto Rehhagel winkte mir von der Tribüne aus zu.

Nach Ihrem Rücktritt 1990 haben Sie sich aus dem Fußball zurückgezogen.
Damals habe ich versprochen, zehn Jahre für meine Kinder da zu sein. Meine Familie hatte sich bis dahin immer nach mir gerichtet. Als die zehn Jahre um waren, bekamen wir von einem Sender das Angebot, eine Doku-Soap über unsere Familie zu machen. Eigentlich sollten es nur ein, zwei Staffeln werden, am Ende wurden es zehn Jahre. Wir haben gerade die letzten Folgen gedreht.

Sie haben zehn Jahre lang mit Kameras gelebt. War das nicht furchtbar nervig?
Das hat mich nie gestört. Ich wollte zeigen, dass ein Mensch, der durch den Fußball zum Weltstar geworden ist, normal bleiben kann. Wir haben am Sonntagabend um halb neun regelmäßig zwei Millionen Zuschauer. Wahnsinn.

Fehlt Ihnen der Fußball?
Seit Jahren halte ich Vorträge für Unternehmen über meinen Werdegang, das Verhältnis zwischen Geschäftsmann und Fußballer. Nun überlege ich, ob ich noch mal als Trainer anheuere. Meine Töchter haben gesagt, es wäre doch nett, sich mal Spiele meiner Mannschaft im Stadion anzuschauen …

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