04.12.2013

Zum 60. Geburtstag: Jean-Marie Pfaff über seine verrückte Karriere

»Die Bundesliga machte mir Angst«

Happy Birthday, Jean-Marie Pfaff! Der verrückte Belgier wird heute 60 Jahre alt. Für unsere Interviewreihe »Der Fußball, mein Leben & ich« sprachen wir einst mit Pfaff über die nächtlichen Gewohnheiten von Lothar Matthäus, Einwürfe von Uwe Reinders und Reality Soaps.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Jean Marie Pfaff, als Junge aus der Peripherie von Antwerpen wurden Sie zum größten belgischen Fußballer aller Zeiten. Woher haben Sie Ihr Talent?
Das wurde mir in die Wiege gelegt, zum Fußballer bin ich dann ganz klassisch auf der Straße geworden.

Wie müssen wir uns Ihre Jugend vorstellen?
Ich hatte fünf Brüder. Nach der Schule ging es raus zum Kicken. Einen Rasen kannten wir nicht, auf der Wiese haben bei uns nur die Pferde geweidet.

Und Ihr Ehrgeiz kannte keine Grenzen.
Zumindest hatte ich immer einen Hang zum Perfektionismus. Mein Vater starb, als ich zwölf war. Ich wuchs mit insgesamt elf Geschwistern auf, und wir lebten in sehr einfachen Verhältnissen. So lernten wir früh, uns durchzusetzen. Bis auf einen haben es alle meine Brüder bis in die erste belgische Liga geschafft.

Wie äußerte sich Ihr Perfektionismus?
Mir musste nie ein Trainer in den Hintern treten. Ständig suchte ich nach Wegen, besser zu werden. Schon lange bevor es üblich war, dass Torhüter ein spezielles Programm absolvieren, habe ich mit Sepp Maier in München Torwarttraining in seiner Tennishalle in Anzing gemacht.

Wie müssen wir uns das vorstellen?
Bald nach meinem Wechsel 1982 schlug ich dem Klub vor, ihn als Torwarttrainer einzustellen. Aber damals wollten sie ihn nicht, offenbar waren die Verantwortlichen der Meinung, dass Sepp zu viel Blödsinn machte. Deshalb fuhr ich zwei Jahre lang zwei, drei Mal in der Woche nach der Einheit an der Säbener zu ihm nach Anzing und trainierte mit ihm.

Und was hielten die Bayern-Granden davon?
Die wussten nichts. Irgendwann saß ich nach einem Spiel beim HSV neben Franz Beckenbauer im Flugzeug, der damals die Nationalelf betreute, und riet ihm, Sepp als Torwarttrainer zum DFB zu holen. Er hat sich überzeugen lassen, aber der FC Bayern hat sich erst dafür entschieden, als ich München schon wieder verlassen hatte.

Warum wollten Sie ursprünglich Torwart werden?
Ich konnte nie verlieren, und es fiel mir leichter, wenn es in meiner Hand lag, den entscheidenden Fehler zu machen, als wenn es ein anderer tat. Hinzu kam, dass ich immer gerne Fritten mit Mayonnaise gegessen habe. Mir fehlte auf dem Platz die Kondition, um ein Spielmacher zu sein.

Und eines Tages entdeckten Sie die Talentförderer des KSK Beveren beim Kicken auf der Straße?
Ach was, ich folgte dem Beispiel meines großen Bruders Jean-Baptiste und schloss mich dem Verein an. Damals war der Klub ein kleiner Zweitligist. Wir hatten Hobbytrainer, die im Hafen oder auf der Post arbeiteten. Die motivierten uns, indem sie uns nach guten Spielen auf die Schulter klopften oder uns eine Schokokugel als Belohnung gaben.

Wann erwachte der Wunsch in Ihnen, Profi zu werden?
Es gab in den Sechzigern und Siebzigern kaum Vollprofis in Belgien. Natürlich träumte ich von Wohlstand und tollen Autos. Aber diese Träume standen nie in direkter Verbindung zum Fußball.

Was verdienten Sie bei dem Provinzklub?
Ich bekam 60 Euro Grundgehalt und zusätzlich rund 100 Euro pro Punkt. Davon musste ich die Handschuhe und mein Schuhwerk selbst bezahlen. Bis ich nach München wechselte, hat meine Frau die Trikots gewaschen, und ich ging parallel zum Fußball einer geregelten Arbeit nach.

Als was?
Mit 15 fing ich als Techniker in einer Weberei an, anschließend habe ich einige Jahre in der Post als Briefsortierer gearbeitet. Mit Anfang 20 machte ich dann eine Ausbildung bei der Bank.

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