Zum 60. Geburtstag der Mighty Mouse

Jimmy Hartwig: »Kevin Keegan war ein Kumpel, kein Star«

Kevin Keegan war nicht nur der erste internationale Superstar in der Bundesliga, sondern auch einer der ersten Popstars im Fußball. Heute wird er 60 Jahre alt. Sein ehemaliger Mitspieler Jimmy Hartwig erinnert sich an Keegans Jahre in Deutschland. Zum 60. Geburtstag der Mighty MouseImago

Jimmy Hartwig, Ihr ehemaliger Mitspieler Kevin Keegan soll einst haufenweise Liebesbriefe von jungen Damen bekommen haben. War er der erste Popstar der Liga?

Jimmy Hartwig: Er wurde von den Medien zum Star gemacht, sah sich selbst aber gar nicht so. Der Erfolg bei den Damen kam dabei weniger durch den Fußball, sondern entstand vielmehr dadurch, weil er mit seiner Musik-Single »Head Over Heels In Love« einen echten Hit landete. Das war allerdings kein großes Wunder, seine Backingband hieß nämlich Smokie.

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Wie groß war der Erfolg Ihres Liedes »Mama Calypso«?

Jimmy Hartwig: Der hielt sich in Grenzen. Doch ganz ehrlich: Ich war der bessere Sänger, Kevin hatte die bessere Band und vielleicht auch den besseren Song.

Zusammen aufgetreten sind Sie nie.

Jimmy Hartwig: Leider nein. Vielleicht sollten wir das mal nachholen – in einer Rentnerband. (lacht)

Als Sie 1978 zum HSV wechselten, spielte Kevin Keegan bereits ein Jahr in Hamburg. Er galt als einer der großen Fußballer seiner Zeit, zudem als Transfer-Coup des Fußball-Visionärs Dr. Peter Krohn. Wie weit schwebte Keegan über allem?

Jimmy Hartwig: Überhaupt nicht. Der Mann war ein hervorragender Kumpel und hatte keinerlei Starallüren. Das hat mir vom ersten Tag an imponiert.

Wie haben Sie ihm imponiert?

Jimmy Hartwig: Vielleicht mit der ersten Trainingseinheit. Da habe ich den alten HSVer Peter Nogly erstmal in die Bande gecheckt. Respekt verschaffen, hieß das damals.

Wie kamen Sie mit Kevin Keegan ins Gespräch?

Jimmy Hartwig: Mir gefiel seit jeher der englische Fußball, und von dort konnte Kevin ja eine Menge berichten. Er hatte die großen Jahre beim FC Liverpool miterlebt, gewann dreimal die Meisterschaft und hatte, als er zum HSV kam, mit den Reds gerade den Europapokal der Landesmeister gewonnen.

Haben Sie auch abseits des Platzes viel unternommen?

Jimmy Hartwig: Gelegentlich. Wenn wir mit dem HSV unterwegs waren, hielten wir jedenfalls zusammen. Einmal reisten wir etwa nach Hong Kong. Dort angekommen, schlendern wir zwei durch ein Einkaufsviertel, mit einem Mal bleibt Kevin vor einem Juwelier stehen, er hatte eine goldene Uhr erblickt, eine Rolex. »Viel günstiger als in Deutschland. Die kaufe ich mir«, sagt er. Ich antworte: »Vergiss es, die ist gefälscht!« Tagelang zogen wir ihn also mit seinem ach so tollen Schnäppchen auf. In Hamburg zurück ging er schnurstracks zu einem Experten, der das Ding untersuchte. Und siehe da: Die Uhr war echt. Wir sagten erstmal gar nichts mehr.

Mit wem verstand sich Kevin Keegan außerdem?

Jimmy Hartwig: Er hat sehr häufig mit dem Jugoslawen Iwan Buljan Backgammon gespielt. Ich schaute nur zu und lernte das Spiel. Selbst mitspielen wollte ich nicht – da ging es um richtig hohe Beträge. Wissen Sie, der HSV war in jenen Jahren eine herrliche Zweckgemeinschaft. Wir waren nicht alle die besten Freunde, mussten nicht gemeinsam in den Urlaub fahren, wussten aber trotzdem: DIe anderen Jungs sind für einen da. Das war ein gutes Gefühl.

Ist so auch der epochale Sieg des HSV gegen Real Madrid im Frühjahr 1980 zu erklären?

Jimmy Hartwig: Absolut. Wir hatten das Hinspiel 0:2 gegen diese Übermannschaft mit Del Bosque, Stieleke, Cunningham, Camacho und Benito verloren. Im Rückspiel fegten wir Real dann mit 5:1 aus dem Volksparkstadion. Kevin Keegan schoss zwar kein Tor, doch ich sehe den Bekloppten heute noch die linke Seite auf und ab rennen.

Sie spielten nicht. Wieso?

Jimmy Hartwig: Ich lag mit Meniskusproblemen im Krankenhaus. Der Fernseher lief natürlich. Einerseits bitter, andererseits wurde ich selten so gut von einem Fußballspiel im TV unterhalten.

Das FInale verlor der HSV gegen Nottingham Forest. War man sich nach dem Sieg gegen Real Madrid zu sicher?

Jimmy Hartwig: Das Finale verlor nicht die Mannschaft, das Finale verlor der Trainer. Ich erinnere mich noch an die Minuten vor dem Spiel. Wir saßen in der Kabine und Branko Zebec verlas die Namen der ersten Elf. Es fehlten: Horst Hrubesch und Jimmy Hartwig. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Vor allem die Entscheidung gegen Horst verstand ich nicht. Gegen die kopfballstarken Engländer wollte Zebec den Mann draußen lassen, der zu recht das »Kopfballungeheuer« genannt wurde und der im Halbfinale gegen Real zwei Tore gemacht hatte. Zebec stellte stattdessen den laufenden Meter Jürgen Milewski auf. Absolut unverständlich.

Nach der Niederlage im Europapokal-Endspiel verließ Kevin Keegan den HSV und ging zurück nach England. Wog der Frust über die Niederlage so stark?

Jimmy Hartwig: Nein, er überwarf sich mit Branko Zebec. Das Training unter Zebec war eh schon hart, ich hatte nicht selten Blut im Schuh. Im Sommer 1980 war es allerdings unmenschlich. Wir mussten bei 35 Grad im Schatten zum Training – 50 Runden auf Tempo war die Ansage. Kevin wollte schon auf Zebec los, wir mussten ihn zurückhalten. Er schrie: »Ich bin doch kein Leichtathlet!« Einen Tag später sagte er dann: »Noch eine Saison unter dem Vogel halte ich nicht aus.« Dann war er weg.

Zebec musste ein paar Monate später gehen.

Jimmy Hartwig: Happel kam und mit ihm die wirklich großen Jahre des HSV. Wie viel stärker die Mannschaft wohl mit ihm gewesen wäre? Man mag es sich kaum ausmalen.

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