Zu kritisch: Newcastle United sperrt die Lokalpresse aus

»Ob das Zufall ist? Ich weiß es nicht!«

Drei Lokalzeitungen sind von Newcastle United vom Medienbetrieb ausgesperrt. Ein Gespräch mit dem Sport-Chefreporter des »Evening Chronicle« über die Gründe für den Bann, die Reaktion der Fans und über die Fußballstadt Newcastle.

Für die Fans von Newcastle United war es »time4change«, Zeit für einen Wandel: Vor dem Heimspiel gegen den FC Liverpool vor knapp zwei Wochen (Endstand: 2:2) zogen einige Hundert Anhänger der Magpies durch die Straßen Newcastles. Ihr Zorn richtete sich vor allem gegen Mike Ashley, der seit 2007 Klubeigentümer ist, sowie Newcastles Manager Alan Pardew und den Sportdirektor Joe Kinnear. »Wir sind der Klub mit der drittgrößten Fangemeinde Englands, einer der größten Klubs Europas – aber wir gehen nirgendwohin«, schimpfte »time4change«-Chef Graham Cansdale. (Hier geht es zum Video des Protestmarsches >>> ) In der Tat verfügt der St. James‘ Park in Newcastle nach dem Old Trafford in Manchester und dem Emirates Stadion in London mit über 52.000 Plätzen über das drittgrößte Fassungsvermögen der Premier-League-Stadien. Aber trotz namhafter Spieler wie Moussa Sissoko, Papiss Demba Cissé und den französischen Nationalspieler Yohan Cabaye und einem Gesamtwert von 165 Millionen Euro entkam die Mannschaft vergangene Saison nur knapp dem Abstieg und dümpelt auch jetzt im Niemandsland der Tabelle. Nach der 1:2-Derby-Niederlage in Sunderland vergangene Woche wurden Journalisten im Presseraum dann Zeuge eines skurrilen Vorfalls, der auf Video aufgezeichnet worden war: Lee Ryder, Sportreporter der lokalen Zeitung »Evening Chronicle«, versuchte Alan Pardew eine Frage zu stellen. Aber Newcastles Pressechefin unterbrach ihn: »Sorry, Lee, Du kennst die Situation. Du kannst keine Fragen stellen.« (Hier geht es zum Video >>>) Was war passiert? Newcastle United hatte beschlossen, Journalisten aller drei örtlichen Zeitungen vom Medienbetrieb auszusperren – wegen kritischer Berichterstattung. Ryder berichtet seit neun Jahren über Newcastle United, seit sechs Jahren ist er Sport-Chefreporter des »Evening Chronicle«. Die Zeitung hat eine tägliche Auflage von etwa 50.000.

Lee Ryder, Newcastle United hat Sie und Ihre Journalistenkollegen des »Evening Chronicle«, des »Journal« und der »Sunday Sun« von seinem Medienbetrieb ausgesperrt. Was haben Sie bloß getan?
Wir haben über den Protestmarsch der Fans berichtet: Vor dem Heimspiel gegen Liverpool haben Newcastle-Fans gegen den Führungsstil von Mike Ashley demonstriert. Und weil wir das auf insgesamt 16 Seiten erzählt haben, in allen drei Zeitungen zusammen, wurden wir verbannt. Wir dürfen nun nicht mehr die Medienplätze am St James‘ Park nutzen, nicht mehr zur Pressekonferenz gehen, nicht mehr in die Mixed-Zone. Und wir haben ein Rede-Verbot mit den Managern und den Spielern.

Sie haben über den Protestmarsch berichtet? Das war alles?
Ja, das ist der ganze Grund. Ziemlich simpel. Es gibt auch eine Menge Leute, die das nicht in Ordnung finden, etwa Mitglieder des Parlaments, die National Union of Journalists. Aber auch ehemalige Newcastle-Spieler, die Fans.

Newcastle United schrieb Ihrem Chefredakteur, Ihre Berichterstattung über den »time4change«-Protestmarsch sei »komplett unverhältnismäßig«. Glaubt der Verein etwa, er könne sich in Ihre Berichterstattung einmischen?
Ich weiß nicht, was sie damit erreichen wollen. Viele britische Medien haben über die Fan-Proteste berichtet, Sky und ITV, die BBC, auch viele überregionale Zeitungen wie der Daily Mirror, die Sun, die Daily Mail. Aber komischerweise sind wir die einzigen Zeitungen, die dafür bestraft worden sind. Es ist nicht fair.

Warum wollen viele Newcastle-Fans Mike Ashley nicht mehr?
Sie finden, der Klub ist nicht so ambitioniert wie er sein könnte und sein sollte. Sie denken, wir sollten mehr Spieler kaufen, wir sollten stärker versuchen, die anderen Klubs herauszufordern. Wir sollten versuchen, in die europäischen Wettbewerbe zu kommen. Das ist eigentlich alles. Es geht einfach darum, ein konkurrenzfähiges Team auf den Rasen zu bringen. Wir sind ja offensichtlich eine große Stadt mit einem großen Stadion und vielen Supportern. Aber der Wille fehlt, das macht die Leute unglücklich.

Die Fans fordern, dass Ashley, der Milliardär, mehr Geld ausgibt für Newcastle?
Genau. Sie wollen mehr Herausforderungen. Nicht unbedingt mehr Erfolg um jeden Preis, aber wir haben das Gefühl, der Verein steht still.

Ganz praktisch: Haben Sie noch einmal versucht ins Stadion zu kommen, seitdem der Bann ausgesprochen worden ist?
Wir dürfen ja nach wie vor ins Stadion. Ich gehe dann als Privatmann. Wir dürfen nur nicht mehr in die Räume für die Pressevertreter.

Aber es ist verboten, die Spieler zu interviewen?
Offiziell ja.

Wie meinen Sie das?
Einige Spieler sind inzwischen so etwas wie unsere Freunde. Ich weiß ja nicht, wie es bei Euch in Deutschland ist, aber bei uns ist es so, dass wir zu den Spielern der Klubs, die wir covern, mit der Zeit sehr gute Beziehungen aufbauen. Und dann reden wir mit ihnen eben wie mit Freunden.

Newcastle United ist in Ihren Zeitungen ein großes Thema. Wie berichten Sie denn jetzt über den Verein, wenn Sie offiziell gar nicht mehr mit seinen Vertretern sprechen dürfen?
Ach, wir bekommen immer irgendwie eine Story. Keine unserer Geschichten wird vom Verein gemacht. Wir sind Journalisten. Wir recherchieren, wir haben gute Kontakte, wir finden Wege. Längst nicht alles baut auf einer Pressemitteilung auf. Wir berichten weiterhin so, wie wir es immer getan haben. Und wenn der Verein sich entscheidet, uns aus seinem Presse-Verteiler zu nehmen, wird uns das nicht davon abhalten, täglich eine Zeitung zu machen.

Wie haben die Fans auf den Presse-Bann reagiert?
Die Fans sind sauer. Dies sind die Zeitungen ihrer Stadt, sie bilden die Plattform, die Newcastle auch nutzen sollte, um anderswo in die Nachrichten zu kommen. Die Fans finden das Verhalten des Vereins peinlich.

Und sie unterstützen Sie?
Ja, sie finden, wir haben alles richtig gemacht. Die Fans sind auf unserer Seite. Wir haben heftige Reaktionen bekommen von den Leuten. Gestern haben wir allein fünf Seiten nur mit Kommentaren der Fans gedruckt. Man darf auch eines bei Newcastle nicht vergessen: Das hier ist eine Fußball-Stadt. Ich weiß, dass Ihr in Deutschland auch sehr fußballinteressiert seid; und ich weiß dass Ihr auch spezielle Fußball-Magazine habt, wie den »Kicker« oder das Magazin, für das Du arbeitest. Aber wir in Newcastle haben keine Fußball-Zeitung. Wir haben den »Evening Chronicle«. Das ist unsere Fußball-Zeitung. Jeder, der etwas über Newcastle United lesen will, kauft sich die Zeitung. Gestern hatten wir 21 Seiten nur über Newcastle.

Glauben Sie, es ist ein Vorteil für Mike Ashley, dass Newcastle so weit weg ist von London, der Hauptstadt mit all seinen überregionalen, großen Zeitungen?
Es ist auf jeden Fall ein Problem für Ashley, wenn die lokale Presse nicht mehr über seinen Verein berichtet. Denn dann werden sie auch in den überregionalen Medien weniger wahrgenommen. Sie brauchen uns als lokale Plattform, und sie brauchen gute PR um dieses Problem nun zu lösen.

Ist das der Grund, warum der Verein die anderen Medien nicht ausgesperrt hat?
Ich denke der Grund dafür liegt im Ausmaß der Berichterstattung über die Fanproteste. Wir sind eine Lokalzeitung, wir machen so etwas natürlich größer. Aber die Frage, die Sie stellen müssen, lautet: Hat das Fernsehen auch groß über den Protestmarsch berichtet? Die Antwort ist: Ja! Und dann müssen Sie fragen: Ist es Zufall, dass die Mitarbeiter von Sky weiterhin berichten dürfen? Sky, der Sender, der viel Geld bezahlt? Ist das Zufall? Ich weiß es nicht, ich weise nur drauf hin.

Stimmt es, dass Mike Ashley einmal forderte, auch Zeitungen sollen Geld dafür bezahlen, wenn sie über die Premier League berichten?
Ich habe davon gehört. Ich glaube, er gehörte einmal einer Kommission an, die den Vorschlag machte, Lokalzeitungen sollten 10.000 Pfund pro Saison für die Berichterstattung zahlen. Aber das ist ja ganz offensichtlich ein ziemlich lächerlicher Vorschlag. Könnte so ein Bann denn eigentlich auch in Deutschland passieren?

In der Bundesliga? Schwer vorstellbar…
Aha, aha…

Mike Ashley hat bereits vergangene Saison Reporter der Daily Mail und des Sunday Telegraph verbannt wegen kritischer Berichterstattung nach einer 0:6-Heimniederlage. Was stimmt nicht mit seinem Verständnis von freier Presse?
Was mit Mike Ashley nicht stimmt? (lacht) Das kann ich leider auch nicht sagen, er redet ja nicht mit uns.

Ist es denn in England so, dass die Leute nun sagen: Ach, schon wieder ein Presse-Bann? In Deutschland wäre so etwas ein großer Skandal.
Das ist ein großes Wort, oder? Es ist auf jeden Fall keine gute Situation für den Sport. Die Leute hier möchten über Fußball sprechen. Nicht darüber, dass Zeitungen verbannt werden. Wir möchten über die Fortführung der guten Fußball-Tradition in Newcastle diskutieren. Viele gute Spieler haben hier früher gekickt. Unter Charlie Mitten in den 50ern, in den 60ern hatten wir ein Team, das eine Europäische Trophäe gewonnen hat (der sog. Messestädte-Pokal 1968/69, Anmerkung d. Red.), wir hatten Malcom Macdonald in den 70ern, Paul Gascoigne, Peter Beardsley und Chris Waddle in den 80ern, in den 90ern hatten wir Alan Shearer, wir hatten all diese großen Spieler. Und darüber möchten wir reden, nicht über Politik. Newcastle ist eine Fußball-Stadt. Und so denken die Fans.

Glauben Sie, das Verhältnis zwischen Fußballvereinen und den Medien ist allgemein schlechter geworden?
Ich denke, die Premier League will in erster Linie ein erfolgreiches Produkt sein, wie zum Beispiel die Bundesliga oder La Liga, oder wie in den USA die NFL, die NBA. Deshalb sind sie auch nicht glücklich über solche Aktionen wie jetzt von Newcastle. In ihren Augen beschädigt so etwas das Produkt Premier League. Der Erfolg ist entscheidend, und die Werbung. Und die kriegen sie durch uns, durch die Medien. Und deshalb möchten sie auch, dass die Spieler Interviews geben, das ist ein Symbol. Was Newcastle macht, ist schlecht für die ganze Premier League.

Sind Sie denn trotz allem noch Newcastle-Fan?
Ich war Newcastle-Fan bis Mike Ashley kam – und ich werde Newcastle-Fan sein, wenn Mike Ashley wieder weg ist.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!