02.11.2013

Zu kritisch: Newcastle United sperrt die Lokalpresse aus

»Ob das Zufall ist? Ich weiß es nicht!«

Drei Lokalzeitungen sind von Newcastle United vom Medienbetrieb ausgesperrt. Ein Gespräch mit dem Sport-Chefreporter des »Evening Chronicle« über die Gründe für den Bann, die Reaktion der Fans und über die Fußballstadt Newcastle.

Interview: Stephan Knieps Bild: Imago

Für die Fans von Newcastle United war es »time4change«, Zeit für einen Wandel: Vor dem Heimspiel gegen den FC Liverpool vor knapp zwei Wochen (Endstand: 2:2) zogen einige Hundert Anhänger der Magpies durch die Straßen Newcastles. Ihr Zorn richtete sich vor allem gegen Mike Ashley, der seit 2007 Klubeigentümer ist, sowie Newcastles Manager Alan Pardew und den Sportdirektor Joe Kinnear. »Wir sind der Klub mit der drittgrößten Fangemeinde Englands, einer der größten Klubs Europas – aber wir gehen nirgendwohin«, schimpfte »time4change«-Chef Graham Cansdale. (Hier geht es zum Video des Protestmarsches >>> ) In der Tat verfügt der St. James‘ Park in Newcastle nach dem Old Trafford in Manchester und dem Emirates Stadion in London mit über 52.000 Plätzen über das drittgrößte Fassungsvermögen der Premier-League-Stadien. Aber trotz namhafter Spieler wie Moussa Sissoko, Papiss Demba Cissé und den französischen Nationalspieler Yohan Cabaye und einem Gesamtwert von 165 Millionen Euro entkam die Mannschaft vergangene Saison nur knapp dem Abstieg und dümpelt auch jetzt im Niemandsland der Tabelle. Nach der 1:2-Derby-Niederlage in Sunderland vergangene Woche wurden Journalisten im Presseraum dann Zeuge eines skurrilen Vorfalls, der auf Video aufgezeichnet worden war: Lee Ryder, Sportreporter der lokalen Zeitung »Evening Chronicle«, versuchte Alan Pardew eine Frage zu stellen. Aber Newcastles Pressechefin unterbrach ihn: »Sorry, Lee, Du kennst die Situation. Du kannst keine Fragen stellen.« (Hier geht es zum Video >>>) Was war passiert? Newcastle United hatte beschlossen, Journalisten aller drei örtlichen Zeitungen vom Medienbetrieb auszusperren – wegen kritischer Berichterstattung. Ryder berichtet seit neun Jahren über Newcastle United, seit sechs Jahren ist er Sport-Chefreporter des »Evening Chronicle«. Die Zeitung hat eine tägliche Auflage von etwa 50.000.

Lee Ryder, Newcastle United hat Sie und Ihre Journalistenkollegen des »Evening Chronicle«, des »Journal« und der »Sunday Sun« von seinem Medienbetrieb ausgesperrt. Was haben Sie bloß getan?
Wir haben über den Protestmarsch der Fans berichtet: Vor dem Heimspiel gegen Liverpool haben Newcastle-Fans gegen den Führungsstil von Mike Ashley demonstriert. Und weil wir das auf insgesamt 16 Seiten erzählt haben, in allen drei Zeitungen zusammen, wurden wir verbannt. Wir dürfen nun nicht mehr die Medienplätze am St James‘ Park nutzen, nicht mehr zur Pressekonferenz gehen, nicht mehr in die Mixed-Zone. Und wir haben ein Rede-Verbot mit den Managern und den Spielern.

Sie haben über den Protestmarsch berichtet? Das war alles?
Ja, das ist der ganze Grund. Ziemlich simpel. Es gibt auch eine Menge Leute, die das nicht in Ordnung finden, etwa Mitglieder des Parlaments, die National Union of Journalists. Aber auch ehemalige Newcastle-Spieler, die Fans.

Newcastle United schrieb Ihrem Chefredakteur, Ihre Berichterstattung über den »time4change«-Protestmarsch sei »komplett unverhältnismäßig«. Glaubt der Verein etwa, er könne sich in Ihre Berichterstattung einmischen?
Ich weiß nicht, was sie damit erreichen wollen. Viele britische Medien haben über die Fan-Proteste berichtet, Sky und ITV, die BBC, auch viele überregionale Zeitungen wie der Daily Mirror, die Sun, die Daily Mail. Aber komischerweise sind wir die einzigen Zeitungen, die dafür bestraft worden sind. Es ist nicht fair.

Warum wollen viele Newcastle-Fans Mike Ashley nicht mehr?
Sie finden, der Klub ist nicht so ambitioniert wie er sein könnte und sein sollte. Sie denken, wir sollten mehr Spieler kaufen, wir sollten stärker versuchen, die anderen Klubs herauszufordern. Wir sollten versuchen, in die europäischen Wettbewerbe zu kommen. Das ist eigentlich alles. Es geht einfach darum, ein konkurrenzfähiges Team auf den Rasen zu bringen. Wir sind ja offensichtlich eine große Stadt mit einem großen Stadion und vielen Supportern. Aber der Wille fehlt, das macht die Leute unglücklich.

Die Fans fordern, dass Ashley, der Milliardär, mehr Geld ausgibt für Newcastle?
Genau. Sie wollen mehr Herausforderungen. Nicht unbedingt mehr Erfolg um jeden Preis, aber wir haben das Gefühl, der Verein steht still.

Ganz praktisch: Haben Sie noch einmal versucht ins Stadion zu kommen, seitdem der Bann ausgesprochen worden ist?
Wir dürfen ja nach wie vor ins Stadion. Ich gehe dann als Privatmann. Wir dürfen nur nicht mehr in die Räume für die Pressevertreter.

Aber es ist verboten, die Spieler zu interviewen?
Offiziell ja.

Wie meinen Sie das?
Einige Spieler sind inzwischen so etwas wie unsere Freunde. Ich weiß ja nicht, wie es bei Euch in Deutschland ist, aber bei uns ist es so, dass wir zu den Spielern der Klubs, die wir covern, mit der Zeit sehr gute Beziehungen aufbauen. Und dann reden wir mit ihnen eben wie mit Freunden.

Newcastle United ist in Ihren Zeitungen ein großes Thema. Wie berichten Sie denn jetzt über den Verein, wenn Sie offiziell gar nicht mehr mit seinen Vertretern sprechen dürfen?
Ach, wir bekommen immer irgendwie eine Story. Keine unserer Geschichten wird vom Verein gemacht. Wir sind Journalisten. Wir recherchieren, wir haben gute Kontakte, wir finden Wege. Längst nicht alles baut auf einer Pressemitteilung auf. Wir berichten weiterhin so, wie wir es immer getan haben. Und wenn der Verein sich entscheidet, uns aus seinem Presse-Verteiler zu nehmen, wird uns das nicht davon abhalten, täglich eine Zeitung zu machen.

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