Zoltan Sebescen über »Vizekusen«

»Wir waren einzigartig«

Zoltan Sebescen war 2001/02 Teil einer Leverkusener Mannschaft, die Fußball von einem anderen Stern spielte – und doch alles verlor. Wir sprachen mit dem ehemaligen Nationalspieler über zweite Plätze und leere Vitrinen. Zoltan Sebescen über »Vizekusen«

Zoltan Sebescen, kann Bayer Leverkusen einfach niemals Deutscher Meister werden?

Würde ich nicht sagen. Warum?

Die Parallelen zu der Bayer-Mannschaft von 2001/02 sind doch unübersehbar, wenn man die aktuelle Truppe betrachtet.

Das sehe ich nicht so, wir hatten 2002 eine wesentlich routiniertere Mannschaft, die Auswahl von Jupp Heynckes hat doch überhaupt keinen Bezug zu dieser ganzen Vizekusen-Geschichte. Das wird die Jungs nicht interessieren.

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Aber dieser ewigen Makel des zweiten Platzes – das gehört doch zur Historie dieses Vereins. Hat das gar keine Wirkung auf die Spieler?

Für die Vereinsverantwortlichen, die Fans oder die Journalisten, die sich in den vergangenen zehn Jahren intensiv mit Bayer beschäftigt haben ist das sicherlich ein relevanter Punkt. Aber die aktuelle Spielergeneration stört das nicht, die sind ja auch im Durchschnitt erst seit ein paar Jahren im Verein.

Mit Ausnahme von René Adler, der 2001/2002 bereits mit der ersten Mannschaft mittrainierte...

Das stimmt, René gehörte damals eigentlich auch zu unserem Team. Aber auch der wird deshalb keine Folgeschäden mitgenommen haben.

Wie ist das bei Ihnen?

Diese Saison kann und muss man ja aus zwei Blickwinkeln betrachten: Auf der einen Seite haben wir damals einen Fußball gespielt, der seinesgleichen gesucht hat. Wir haben die Liga dominiert, waren im Pokalfinale, haben halb Europa ausgeschaltet... 2001/02 gab es wirklich keine Mannschaft der Welt, die wir nicht hätten schwindelig spielen können.

Und die andere Seite?

Im Fußball zählen nur Titel und Erfolge. Nach zwei oder drei Jahren interessiert es keinen Menschen mehr, ob du mit tollem Fußball Zweiter geworden bist. Sie hatten in dieser Saison definitiv das beste Jahr Ihrer kurzen Karriere.

Was bedeutet diese Zeit heute für Sie persönlich?

Das war mein absolutes Highlight, die größte Saison meines Lebens. Und das lasse ich mir auch nicht kaputt reden, nur weil ich keinen Pokal in meine Vitrine stellen konnte. Diese Leverkusener Mannschaft ist doch bis heute unerreicht was Spielkultur und letztlich auch Finalteilnahmen angeht.

Was war das Besondere an dieser Mannschaft?

Die Zusammenstellung war eigentlich perfekt. In jedem Mannschaftsteil haben wir uns optimal ergänzt und Klaus Toppmöller hatte den besten Job der Welt – wir haben uns quasi von alleine aufgestellt. Und bis kurz vor Saisonende, als sich Jens Nowotny und ich noch verletzten, gab es keine längeren Ausfälle. Der Trainer hatte immer seinen Stamm von 14, 15 Spielern zu Verfügung.

Von Toppmöller gibt es das Zitat: »Es ist mir egal, dass wir damals keinen Titel gewonnen haben, was zählt war der unglaubliche Fußball, den wir den Zuschauern bieten konnten.«

Das fasst ja eigentlich das zusammen, was ich gerade gesagt habe, von daher stimme ich dem Trainer zu. Wir konnten es mit jeder Mannschaft der Welt aufnehmen. Leverkusen 2001/02 war einzigartig.

Heute trifft Bayer auf Bayern, im Tor der Münchener steht ein alter Bekannter: Angeblich kreiden ehemalige Mitspieler Jörg Butt noch heute den Siegtreffer von Zidane im Champions-League-Finale an...

Da muss man dem Jörg aber wirklich Böses wollen, wenn man so etwas behauptet. Ich habe mir dieses Tor bis heute mindestens 50 Mal angeschaut – den kann er nicht halten. Das Problem war, dass wir nicht genügend Tore geschossen haben, denn die Chancen waren da. Das ist viel schlimmer.

Das Leverkusen der Gegenwart ist kurz vor Saisonende eingebrochen, jetzt droht sogar der Platz in der Champions League verloren zu gehen. Was war 2002 der Auslöser für die verpasste Meisterschaft?

Wenn man es an etwas fest machen möchte, dann am Spiel gegen Werder Bremen (32. Spieltag, d. Red.). Wir waren Tabellenführer, verloren gegen die Bremer und waren anschließend nur noch Zweiter. Bis dahin war alles perfekt, doch die Niederlage hat irgendetwas in der Mannschaft ausgelöst. Und letztlich haben wir es ja tatsächlich vergeigt.

Was zeichnet das Bayer Leverkusen der Gegenwart aus?

Jupp Heynckes hat eine Auswahl, die so jung, so unbekümmert und so talentiert ist, dass sie es ebenfalls mit jedem Gegner der Welt aufnehmen kann. Die Spieler haben so viel Selbstvertrauen, dass sie gar nicht wissen müssen, wer ihnen am nächsten Spieltag gegenüber steht.

Das Selbstvertrauen scheint in den vergangenen Wochen allerdings arg angeknackst zu sein. Was sind die Gründe für den Leverkusener Absturz?

Wenn ich das wüsste, würde ich es Ihnen jetzt verheimlichen, mich als Trainer bei Bayer anstellen lassen und mit der Mannschaft Deutscher Meister werden. Aber: Ich weiß es nicht, tut mir leid.

Was fehlt Bayer Leverkusen noch, um so erfolgreich zu sein wie Bayern München?

Letztlich die Substanz und die Ausdauer im Kader – und das Glück auch mal ein dreckiges Spiel zu gewinnen.

Zoltan Sebescen, Sie als Spezialist: Wer wird Vizemeister?

Ich würde mir wünschen: Bayer Leverkusen. Aber ich glaube: Schalke 04.  

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