ZIS-Polizeidirektor Ingo Rautenberg über Stadionverbote

»Wir müssen jede Straftat verfolgen«

Fußballfans sind keine Verbrecher? Ingo Rautenberg, Polizeidirektor der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) kennt auch andere Geschichten. Für die aktuelle Printreportage »Draußen vor der Tür« sprachen wir mit ihm über Stadionverbote. ZIS-Polizeidirektor Ingo Rautenberg über Stadionverbote
Heft#118 09/2011
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Am 14. und 15. Januar findet in Berlin der Fankongress 2012 statt. Der Grundgedanke lautet: »Wie schaut der Fußball in der Zukunft aus und welche Rolle spielen die Fans dabei?« Am Samstag und Sonntag wird es Podiumsdiskussionen und Workshops zu Themen wie 50+1, Pyrotechnik, Anstoßzeiten, Selbstbestimmung in der Kurve, soziale Verantwortung, Eintrittspreise etc. geben. Diskussionsteilnehmer sind u.a. Martin Kind (Präsident von Hannover 96), Jonas Gabler (Autor von »Die Ultras«), Dirk Grosse (Sky Deutschland AG), Holger Hieronymus (Geschäftsführer DFL), Hendrik Große Lefert (Sicherheitsbeauftragter DFB) oder Kevin Miles (Football Supporters Federation). Weitere Infos findet ihr auf www.fankongress-2012.de.

Im Laufe dieser Woche lest hier auf der 11FREUNDE-Homepage Interviews und Berichte zum Thema Fankultur. Ihr findet alle Berichte gesammelt unter www.11freunde.de/fans. Das folgende Interview wurde erstmals im August 2011 veröffentlicht.

Ingo Rautenberg, wenn ein Fußballfan vom DFB oder den jeweiligen Vereinen ein Stadionverbot erhält, werden automatisch auch seine persönlichen Daten in der von der ZIS verwalteten »Gewalttäter Sport«-Datei archiviert. Wie lange bleiben diese Daten dort gespeichert?


Ingo Rautenberg: Der Verein ist dazu verpflichtet, die gesammelten Daten eines Stadionverbotlers zu löschen, wenn das jeweilige Stadionverbot beendet ist. Die in diesem Zusammenhang bei der Polizei überarbeiteten personenbezogenen Daten sind dann ebenfalls zu löschen.

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Juristen und betroffene Fans werfen Ihren Kollegen seit Jahren vor, nach Festnahmen Stadionverbote nicht nur zu empfehlen, sondern sogar von den Vereinen oder dem DFB einzufordern. Das ist allerdings nicht Aufgabe der Polizeikräfte. Was sagen Sie dazu?

Ingo Rautenberg: Dass die Polizei den Vereinen empfiehlt, Stadionverbote gegen beschuldigte Fans auszusprechen, liegt daran, dass die Vereine mit ihrem Ordnungspersonal Verstöße im Zuge der Anreise, vor Spielbeginn und nach Spielende außerhalb des Stadions nicht feststellen können. Die Polizei kann nur Stadionverbote anregen. Für die Entscheidung der Aussprache und Umsetzung der, von der Polizei angeregten, Stadionverbote ist letztendlich der Verein verantwortlich.

Die zahlreichen Aussagen betroffener Fans sprechen allerdings eine andere Sprache.

Ingo Rautenberg: Ich kann nur mit Zahlen argumentieren. Für Nordrhein Westfalen (die ZIS ist dem Landeskriminalamt NRW zugeordnet, d. Red.) ergibt sich folgendes Lagebild: In der Rückrunde der Saison 2010/11 wurden seitens der Polizei in der 1. Bundesliga lediglich in 50 Prozent der Fälle Stadionverbote gegen Störer angeregt, die fest- oder in Gewahrsam genommen wurden. In der 2. Bundesliga waren es sogar nur 25 Prozent.

Das Verhältnis zwischen Fußballfans und der Polizei gilt als vergiftet. Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Ingo Rautenberg: Indem man miteinander redet. Der Kommunikationsprozess zwischen Fans und der Polizei ist äußerst wichtig, besonders für das Verständnis beider Seiten füreinander. Nicht alle Fans wissen zum Beispiel, dass die Polizei auf Grund des Legalitätsprinzips verpflichtet ist, jede Straftat zu verfolgen. Zur Feststellung der Person können dann Identifizierungsmaßnahmen und erkennungsdienstliche Behandlungen erforderlich werden.

Aus der aktiven Fanszene, insbesondere der Ultra-Szene, ist häufiger der Vorwurf zu hören, dass Polizisten bestimmte Fangruppen »auf dem Kieker« hätten und diese im Stadion besonders unter die Lupe nehmen würden.

Ingo Rautenberg: Polizisten erstellen vor jedem Fußballspiel eine Gefahrenprognose. Die Aufgabe ist es, die Sicherheit im Rahmen des Spiels zu gewährleisten. Wenn sich manche Fans dann schon auf dem Weg ins Stadion daneben benommen haben, dann ist es doch verständlich, dass die Beamten die jeweiligen Personen insgesamt und auch im Stadion kritisch beobachten.

Ingo Rautenberg, Helmut Spahn, der scheidende DFB-Sicherheitschef, hat im Interview mit 11FREUNDE gesag: »Unser einheitliches Ziel ist es: Stadionverbote gerecht, einzelfallbezogen, transparent und absolut nachvollziehbar auszusprechen.« Wie sehr entspricht das der Realität?

Ingo Rautenberg: Dazu möchte ich bemerken: Die Einzelfallbehandlung in der Praxis zu jeder Zeit umzusetzen, ist auf Grund der gruppendynamischen Prozesse und der Vermischung zwischen Störern und auch anderen, beispielsweise sich nicht entfernenden Fans, sehr schwierig. Vom Schreibtisch aus klingen diese Vorgaben immer recht einfach, in den jeweiligen Situationen vor Ort braucht es schon sehr viel Fingerspitzengefühl.

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