Yves Eigenrauch im Interview

„Ich wünsche S04 den Titel nicht“

Einst war YYYYYves Schalkes Liebling. Doch nun hat er es sich mit vielen verscherzt: In einem offenen Brief ging er auf Distanz zu seinem Ex-Klub. Wir sprachen mit dem Idol auf Abwegen. Imago

Herr Eigenrauch, warum gönnen Sie dem FC Schalke 04 den deutschen Meistertitel nicht?

Nicht gönnen ist der falsche Ausdruck. Das wäre irgendwie herablassend. Ich wünsche Schalke die Meisterschale nicht wirklich. So habe ich das formuliert.

Und was ist der Grund dafür?


Ich habe in letzter Zeit einige Sachen gehört, gelesen und gesehen, aufgrund dessen es mir eben schwer fällt, Schalke den Titel zu wünschen.

Was zum Beispiel?


Ich möchte nicht ins Detail gehen. Nur so viel: Auf der Geschäftsstelle bleibt angesichts der vielen Arbeit keine Zeit mehr für die persönliche Note. Irgendwie ist die zwischenmenschliche Nähe verloren gegangen. Alles wird immer professioneller und daher distanzierter – auch was das Verhältnis der Spieler zu den Fans angeht. Für viele scheint Fußballspielen nur noch ein reiner Job, ein Geschäft zu sein.

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Ist das in Stuttgart anders? Wünschen Sie deshalb dem Konkurrenten den Titel?

Nein, das ist sicherlich überall ähnlich. Mir ist es egal, wer nach dem 34. Spieltag vorne ist. Schauen Sie sich nur mal die Homepages der Vereine an. Das ist ein Einheitsbrei. Warum nutzt man dieses Medium nicht, um die Fans ehrlich zu informieren.

An welche Themen denken Sie dabei?


Zum Beispiel das Thema Gazprom, Hauptsponsor vom FC Schalke 04. Dem russischen Staatskonzern werden ja alle möglichen dubiosen Machenschaften nachgesagt. Der Verein könnte doch seine Homepage dafür nutzen, um sich zu diesen Vorwürfen zu äußern und uns zu erläutern, warum die Kritik unangebracht ist.

Interessiert das die Fans überhaupt?


Manche schon, aber sicher nicht alle. Als Reaktion auf meinen offenen Brief hat beispielsweise ein Fan in einem Internetforum geschrieben, dass ihm die Sache mit Gazprom egal sei. Er wechsle ja auch nicht seine Frau, wenn die sich ihre Haare blond färbe. Ist doch ein harter Vergleich oder? Für manche Leute bedeutet Fußball einfach alles. Dafür leben sie. Aber das kann es doch nicht sein, diese bedingungslose Hingabe. Es gibt doch viel wichtigere Dinge, zum Beispiel Klimaschutz oder die fehlende Solidarität in unserer Gesellschaft und und und.

Was bedeutete für Sie als Spieler der FC Schalke 04?

Das waren ein paar Buchstaben für mich. Es war nicht der Verein FC Schalke 04, an dem mein Herz hing, sondern das Umfeld und die außergewöhnliche Zuneigung, die ich seitens der Fans spürte.

Hatten Sie jemals an einen Wechsel gedacht?

Nie. Ich war ein Spieler, der ein familiäres Umfeld schätzte. Und das hatte ich bei Schalke gefunden.

Wären Sie nicht schwach geworden, wenn der FC Bayern München mit dem Scheckbuch gewunken hätte?

Nein. Aber die Frage stellte sich erst gar nicht. Dafür waren meine fußballerischen Mittel viel zu bescheiden. Ich kann mich ganz gut selber einschätzen. Eine Fähigkeit, die heute vielen Spielern abhanden gekommen zu sein scheint.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Das hat sicherlich auch mit den Beratern zu tun. Die reden den Jungs ein, dass sie die Besten sind und zu dem oder dem Verein wechseln sollen, nur weil sie selber von den Transfers profitieren.


Bei aller Kritik am Profifußball, gehen Sie trotzdem manchmal ins Stadion?

Nein, ich habe keine Lust, Geld dafür auszugeben. Es bringt mir nichts, auf der Tribüne zu sitzen. Das fand ich schon immer langweilig.

Und was ist mit der Sportschau im Fernsehen. Die gibt’s ja quasi zum Nulltarif?

Die schaue ich mir ab und zu mal mit meiner fünfeinhalb Jahre alten Tochter an. Aber ich habe noch nie viel Fußball geschaut oder Sportzeitschriften gelesen. Das ganze Trara interessierte mich schon als Jugendlicher nicht. Und als Spieler war das nicht anders. Ich wollte selber kicken und nicht anderen dabei zuschauen.

Es gibt die Anekdote, wonach Sie 1998 vor dem Uefa-Cup-Rückspiel gegen Inter Mailand mit dem Namen Ronaldo nichts anfangen konnten…

Ich wusste, dass Ronaldo ein guter Fußballer war. Aber viel gesehen hatte ich bis dato von ihm nicht. Geschweige denn, dass ich wusste, wie gut er wirklich war.

Wie schafft man es als sperriger Typ wie Sie, zum Publikumsliebling und zur Kultfigur zu werden?

Ich denke, die Leute haben registriert und honoriert, dass ich authentisch bin. Und es hatte wohl auch mit meiner Spielweise zu tun. Ich konnte nicht allzu viel am Ball, aber ich habe mich immer sehr angestrengt.

Können Sie sich noch an den 19. Mai 2001 erinnern, als im Schalker Parkstadion schon die Meisterschaft gefeiert wurde und der FC Bayern München gegen den HSV in der letzten Minute noch den Ausgleich machte und sich die Schale holte?

Ich war nicht im Kader, saß auf der Tribüne und war gekommen, um einen Erfolg zu sehen. Aber als es anders kam, war ich nicht wirklich betroffen.

Obwohl Sie als Profi elf Jahre für den FC Schalke gespielt haben?

Die verlorene Meisterschaft hatte für mich keine weitere Relevanz. Genauso wenig wie der Erfolg von 1997. Da kam am Ende eines Spiels der Gewinn des Uefa-Cups raus. Mehr nicht.

Gleichzeitig beschweren Sie sich darüber, dass der Verein die „Eurofighter“ mit einem unpersönlichen Serienbrief zum 10-Jährigen-Treffen eingeladen hat…

Das ist etwas anderes. Hier geht es um das Verhältnis zwischen Verein und Spieler. Ich und einige andere Spieler hätten sich damals über einen Siegerring oder irgendein anderes persönliches Andenken sehr gefreut. Ich hätte stattdessen auf die Prämie verzichtet. Andere Spieler übrigens auch. Stattdessen erhielten einige von uns bei ihrer Verabschiedung 2002 eine bescheuerte, blaue Breitling-Uhr, auf deren Rückseite schlicht eingraviert wurde: Zur Erinnerung FC S04.

Sie werden dem Treffen am 21. Mai fernbleiben?

Ich bin mit meiner Familie beim Zelten in Mecklenburg-Vorpommern.

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