10.04.2012

You'll never walk alone: Gerry Marsden über seinen Kurvenklassiker

»Die Queen sang leise mit«

Von Liverpool hinaus in die Fußballwelt: Gerry Marsden eroberte mit seinem Hit »You'll never walk alone« erst die Charts und dann die Fankurven auf dem ganzen Globus. Für das 11FREUNDE-Spezial »Fans« sprachen mit ihm über die Beatles, Bill Shanklys Stimme und die Anfield Road.

Interview: Benni Kuhlhoff Bild: Imago

Gerry Marsden, die Fußballwelt verdankt Ihnen die Hymne »You'll never walk alone«...
Gerry Marsden: Da muss ich sie leider korrigieren. Die Fans sind nicht mir zu Dank verpflichtet, sondern dem Komiker-Duo Laurel und Hardy.

Bitte was? 
Gerry Marsden: Im Alter von 16 Jahren liebte ich Stan Laurel und Oliver Hardy. Als ihr neuer Film in den Kinos von Liverpool anlief, rannte ich sofort los, um ihn mir anzusehen. Ich habe mich totgelacht! Doch als ich nach Hause gehen wollte, regnete es draußen in Strömen. Ich wollte nicht nass werden und schaute, was das Kino außerdem im Programm hatte. Zu gleichen Zeit lief der Film »Carousel«, eine ziemlich klebrige Musical-Verfilmung. Eigentlich wollte ich den Film nicht sehen, aber bevor ich nass geworden wäre, entschied ich mich lieber, noch einmal ins Kino zu gehen.

Was passiert dann?
Gerry Marsden: Der Film war furchtbar kitschig und ich dachte kurz darüber nach, mich doch dem Regen auszusetzen, als ich plötzlich eine Ballade hörte, die mich fesselte. Es war die Originalversion von »You'll never walk alone« (YNWA). Ich starrte auf die Leinwand, ein armer Karusselbremser und seine Frau umarmten sich, im Hintergrund lief dieses wunderbare Stück. Es packte mich sofort. Der Text, die Melodie, diese sanfte Schönheit setzte sich in meinem Kopf fest. Ich sagte zu mir: »Ich will diesen Song mit meiner Band auf einer Bühne spielen.«

Ihre Band, die Pacemakers, war eine der angesagtesten Merseybeat-Bands Englands, sie hatten das gleiche Management wie die Beatles. Wir reagierten die anderen Bandmitglieder als sie plötzlich mit dieser Schmachtnummer um die Ecke kamen?
Gerry Marsden: Sie haben sich kaputtgelacht! Sie meinten, dieser Song sei zu langsam für unser Programm. Sie weigerten sich, ihn auch nur einmal zu spielen. Also machte ich ihnen ein Angebot: Wir verpassen dem Song einen Offbeat und beschleunigen ihn dadurch ein klein wenig. Als wir ihn das erste Mal live im Cavern Club spielten, hörten die Leute auf einmal auf zu tanzen. 

Der Horror für jeden Musiker.
Gerry Marsden: Sie starrten uns an, mitten unter ihnen war auch Paul McCartney. In diesem Moment dachte ich: »Die Jungs haben Recht! Dieser Song passt nicht zu den Pacemakers.« Aber als wir fertig waren, brach ein unglaublicher Jubel los. Die Menschen hatten Tränen in den Augen. Dieser Song hat sie offenbar dort berührt, wo kaum ein Song hinkommt: in ihren Herzen.

Was hat McCartney nach der Show gesagt?
Gerry Marsden: Er kam auf uns zu und schüttelte den Kopf: »Ich dachte zuerst, jetzt seid ihr vollkommen durchgedreht. Ihr könnt doch nicht so einen Song auf einer Tanzveranstaltung spielen. Aber jetzt weiß ich es besser: Diese Lied ist einmalig!«

Wie schaffte es der Song letztendlich aus den verrauchten Clubs von Liverpool an die Anfield Road?
Gerry Marsden: Zu dieser Zeit spielten sie an der Anfield Road vor dem Anpfiff immer die Top Ten der Charts. Als Numer eins waren wir dort automatisch präsent. Wir wurden also unmittelbar vor dem Anpfiff gespielt. 

Was für ein Gefühl ist es, wenn zehntausend Fans den eigenen Song mitsingen?
Gerry Marsden: Das Singen war zu dieser Zeit im Kop eine echte Ausnahme. Ich stand bei nahezu jedem Heimspiel im Kop und weiß, wovon ich spreche. Zu einem der Heimspiele im Oktober 1963 kam ich erst kurz vor dem Anpfiff in Anfield an. Ich spürte das Donnern des Kop und rannte die Stufen hoch. Als ich oben stand, hielt ich kurz an, um durchzuatmen. Da bemerkte ich es: Der Kop sang unseren Song! Meine Knie wurden weich. Ich hatte das Gefühl, ich schmelze dahin. Es war absolut unbeschreiblich. Unser Song im Kop! Wir waren die Könige der Welt.

Von dort an hatte Anfield seine Hymne.
Gerry Marsden: Oh nein, ich erzählte meinen Bandkollegen von meinem Erlebnis, aber sie wollten es mir nicht glauben. Also verabredeten wir uns zu einem der nächsten Heimspiele. Dummerweise war YNWA gerade aus der Top Ten gerutscht. Wir standen also im Kop, die Nummer eins verstummte, unser Song wurde nicht gespielt. 

Peinlich.
Gerry Marsden: Die Mannschaften betraten das Spielfeld, als das ganze Stadion rief: »Wo ist unser Song? Wo ist unser Song?« Ich starrte meine Bandkollegen an, wir alle hatten Tränen in den Augen. Auch der DJ wusste, was zu tun ist: Er spielte YNWA. Von diesem Moment an, war unser Song Teil des Klubs.

Und Sie der Star im Kop.
Gerry Marsden: Im Kop gab es keine Stars. Es gab nur den Kop. Es gab nur den FC Liverpool. Hier war jeder gleich. Der Bänker stand neben dem Hafenarbeiter. Der Säufer neben dem treuen Familienvater. Sie alle standen zusammen für Liverpool. Wir sangen zusammen, tranken zusammen, weinten zusammen. Heimspiele des FC Liverpool waren Urlaub vom Leben in dieser wunderschön beschissenen Stadt. 90 Minuten, alle 14 Tage waren alle Sorgen vergessen. Liverpool war unsere Hoffnung, der Kop unser zuhause. Es war eng, es war feucht, er war meist verdammt zugig. Kein schöner Ort, wenn man ihn von außen betrachtet, aber einfach alles, wenn man Teil des Kop war. 

Warum hat der Kop ausgerechnet Ihren Song adaptiert?
Gerry Marsden: Zuallererst glaube ich, dass es ein wunderbarer Song zum Mitsingen ist. Aber es war sicher auch entscheidend, dass wir eine Liverpooler Band waren. Die Fans sind stolz auf ihre Stadt, egal was man in London, Manchester oder sonst wo über Liverpool sagt. Wir lieben es, hier zu leben. Dieser Stolz hat uns als Band sicher sehr geholfen.

Wissen Sie, ob die Mannschaft Ihren Song ebenfalls als Hymne anerkannte?
Gerry Marsden: Zur Hölle, ja! Wir waren 1964 in den USA auf Tour und erfuhren, dass der FC Liverpool ebenfalls seine Sommerpause in den Staaten verbrachte. Eines Abends waren wir in die Ed-Sullivan-Show eingeladen und vor der Aufzeichnung fragte mich Ed, ob ich ihm und dem amerikanischen Volk nicht die Faszination von Fußball erklären wolle. Ich sagte: »Ed, bring einfach die Mannschaft des FC Liverpool auf die Bühne, ich werde mit ihnen unsere Hymne singen. Dann verstehst du, was uns alle so sehr am Fußball fasziniert.« Und tatsächlich, die Mannschaft des FC Liverpool betrat mit uns die Bühne. Tommy Smith, Ian Callaghan, Roger Hunt, sie alle sangen mit. Ein Gänsehaut-Moment.

Stand auch Bill Shankly auf der Bühne?
Gerry Marsden: Shanks war der Lauteste von allen. Er schrie aus voller Seele. Es klang furchtbar. Nach der Show nahm er mich beiseite. Er griff meine Arm, kam ganz nah und sagte: »Gerry, mein Sohn. Ich habe den Menschen in Liverpool eine Fußballmannschaft gegeben, aber du hast ihnen ihren Song gegeben.«

Sie singen den Song regelmäßig live an der Anfield Road?
Gerry Marsden: Wir haben ihn unzählige Male dort gespielt. Einmal war sogar die Queen zu Gast und jemand erzählte mir, sie hätte leise mitgesungen.

Sackt einem da auch mal die Stimme weg, wenn Zehntausende beim Refrain einstimmen?
Gerry Marsden: Manchmal schweige ich einfach und schaue in das Rund. Es ist ein unfassbares Gefühl. Jedes Mal, wenn ich den Rasen betrete, denke ich leise: »Gerry, das ist Anfield. Und du darfst mittendrin sein.« Es ist absolut fantastisch. Wenn der Song langsam ansteigt, die Lautstärke auf den Rängen mitgeht, glauben Sie mir, in diesem Momenten könnte ich tot umfallen. Ich wäre Gott nicht böse.

1989 sangen Sie das Lied vor dem FA-Cup-Finale zwischen den Lokalrivalen des FC Liverpool und dem FC Everton vor 100.000 Menschen in Wembley. Nur vier Wochen zuvor waren 96 Menschen beim Stadionunglück von Hillsborough ums Leben gekommen, über 700 Menschen wurden verletzt. Sie alle waren Fans des FC Liverpool.
Gerry Marsden: Wenn ich an diesem Moment denke, könnte ich weinen. Es war ein schlimmer Tag für den Fußball, für Liverpool, aber vor allem für die Familien, die ihre Söhne, Töchter, Väter und Mütter verloren haben. Ich betrat den Rasen von Wembley, über dem Stadion lag eine beängstigende Ruhe. Als ich YNWA anstimmen wollte, brach ich in Tränen aus. Doch die Stimme der Leute erhob sich, sie sangen mit. Alle. 100.000 Menschen sangen den Song. Auch die Evertonians. Es war so unendlich traurig, aber ich spürte auch so etwas wie Hoffnung.

Was macht für Sie die Fazination des Songs aus?
Gerry Marsden: Er hat etwas Religiöses. Wie ein Choral, den man sonntags in der Kirche singt. Der langsame Anstieg, die Spannung, seine tiefe Aussage: (singt) »When you walk through a storm, hold your head up high , and don't be afraid of the dark...«. Er gibt den Menschen Hoffnung, weil er sagt: Komm schon, mach weiter, das Leben ist nicht so schlimm, auch wenn es manchmal trostlos und grau aussieht. 

Haben Sie jemals den Text vergessen?
Gerry Marsden: Nein, denn ich liebe einfach den Text. Die Leute singen mit, im festen Glauben, dass dieses Lied ihnen weiterhilft. Ich habe schon die verrücktesten Sachen gehört. Großväter werden zu unserem Song begraben, Menschen heiraten zu unserem Song, Kinder werden geboren und das erste, was sie hören ist YNWA. Ist das nicht absolut verrückt?

Denkt man da nicht manchmal: »Oh, mein Gott, es ist doch einfach nur ein Song!«
Gerry Marsden: Ich weiß, dass es nur ein paar Noten und einige Worte sind, die ein genialer Mensch zu einem Kunstwerk zusammengesetzt hat. Aber dieses Kunstwerk ist mehr als nur ein einfacher Song. Es ist ein Stück Leben für viele Menschen auf dieser Welt.

YNWA spricht vor Menschen auf der Schattenseite des Lebens an. Ist es ein Song für Loser?

Gerry Marsden: Dieser Song ist für jeden da. Sehen sie sich doch nur die Menschen auf den Rängen in Liverpool, Glasgow, St. Pauli oder sonstwo auf der Welt an. Sind das alles Verlierer? Oder Gewinner? Wer will das bewerten? Dieser Song spricht ihnen einfach aus der Seele.

Man könnte auch sagen, das Lied ist das perfekte Gegenstück zu Queens »We are the Champions«.
Gerry Marsden: Das wäre wirklich schön – zumindest was die Verkaufszahlen der Alben angeht. (lacht)

Einst war YNWA die Hymne des FC Liverpool, heute wird er sogar in der deutschen Kreisklasse angestimmt.

Gerry Marsden: Ich war in Singapur und die Leute haben den Song gesungen. Ich fragte einen kleinen Junge, woher er das Lied überhaupt kenne. Er erzählte mir, dass er ein Spiel des FC Liverpool im Fernsehen gesehen hatte, er hörte den Kop singen und war fasziniert. Was ich damit sagen will, YNWA wird immer Teil des FC Liverpool sein. Die Leute werden immer neidvoll Richtung Anfield blicken. Hier schlägt das Herz des Fußball. Und vielleicht ist unser Song sein Pulsschlag.

Verliert der Song durch seine extreme Popularität für Liverpool-Fans nicht auch ein Stück von seiner Bedeutung?
Gerry Marsden: Schauen sie in die Gesichter in Anfield. Sie alle wissen, was sie singen! Sie kenne die Lyrics, sie wissen was sie zu bedeuten haben. Jeder verknüpft bestimmte Abschnitte seines Leben mit diesem Song. Wie soll er da jemals an Bedeutung für jeden Einzelnen verlieren?

Manche sage, es ist ein Lied über den Fußball...
Gerry Marsden: Es ist Lied über das Leben. Über den Kampf und die Aufgaben, die uns jeder Tag stellt. Es geht darum, mit sich und seinem Leben zu hadern und am Ende zu merken, dass es nichts Schöneres gibt, als nach einem Scheißtag mit der Erkenntnis aufzuwachen: »Ich gebe nicht auf! Denn das Leben ist schön, weil es Menschen gibt, die zu mir halten, die mir helfen und die mich lieben wie ich bin.« Es ist ganz einfach: You'll never walk alone.

Die Worte »You'll never walk alone« prangen sogar über dem Eingangstor an der Anfield Road.
Gerry Marsden: Eines Tages klingelte mein Telefon. Eine Stimme sagte mir: »Gerry, sie schreiben 'You'll never walk alone' über das Shankly-Gate.« Ich war so unglaublich stolz, weil ich wusste: Ab heute kannst du deinen Kindern und deinen Enkelkindern zeigen, was der alte Knacker einmal gemacht hat. Er hat einen Song in die Fußballwelt getragen.

Seit Jahren plant man in Liverpool, ein neues Stadion zu bauen. Könnte die Anfield Road eines Tages wirklich Geschichte sein?

Gerry Marsden: Man sollte es nicht wagen, dieses Stadion zu zerstören. Die ganze Stadt würde auf die Barrikaden gehen. Die Menschen wollen keinen neues Stadion, das ist nur eine Idee von geldgierigen Investoren, die keine Ahnung haben, dass dieser Ort für viele heiliger ist als die eigenen vier Wände. Wenn sie Anfield niederreißen, entreißen sie dem Klub ein unwiederbringliches Stück seiner Identität. Wenn der Kop stirbt, stirbt auch ein Teil des Fußballs.

Gerry Marsden, sie haben dem Fußball seine ultimative Hymne geschenkt. England gilt zudem als das Land der sangesfreudigsten Fans. Erklären sie es uns: Warum übertönen englische Fans alle anderen weltweit?
Gerry Marsden: Weil wir Engländer sind. 


Das ist das große Geheimnis?
Gerry Marsden: In unseren Stimmen sammelt sich Wut, Hoffnung und Lebensfreude. Wir ölen sie mit ein paar Pints und sind lauter als jeder andere auf dieser Welt. Wir sind Engländer, niemand hat eine Chance gegen unser Roar!

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