Xavi über Barca und Messi

»Technik ist wichtiger als Kraft«

Xavi galt als heißester Kandidat für den Titel »Weltfußballer des Jahres«. Pustekuchen. Hier spricht der Profi des FC Barcelona über die Gier nach Erfolg, die Ära Lionel Messi und die Provokationen José Mourinhos. »Technik ist wichtiger als Kraft«
Heft#110 01/2011
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Xavi, Sie haben seit 2008 alles gewonnen, was es im Fußball zu gewinnen gibt. Ist man da nicht irgendwann auch mal satt?

Nein, denn wenn du dich einmal an den Erfolg gewöhnt hast, willst du immer mehr davon. Er ist wie eine Droge, du kriegst niemals genug.

Wird Barcelona also zum dritten Mal in Folge Meister?

Wir sind auf dem richtigen Weg, die Einstellung stimmt, das Klima in der Mannschaft auch. Wir haben alles, was man braucht, um weiter Titel zu sammeln.

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Gibt es bestimmte Erfolge, die Sie unbedingt noch erleben wollen?

Viele sogar. Noch besser zu sein als das Dream Team und seine vier Mei- sterschaften in Folge, zum Beispiel. (Unter Trainer Johan Cruyff wurde der FC Barcelona 1991, ’92, ’93 und ’94 Spanischer Meister, d. Red.)

2011 findet das Champions-League-Finale in Wembley statt. Wäre das nicht ein besonders geeigneter Schauplatz, um erneut den Europacup zu gewinnen?


Natürlich. Letzte Saison wollten wir unbedingt das Finale in Bernabeu erreichen, aber dann fehlte uns gegen Inter ein Tor (1:3, 1:0 im Halbfinale, d. Red.). Jetzt brennen wir darauf, das Endspiel an dem Ort zu spielen, an dem das Dream Team unter Cruyff 1992 den ersten Landesmeister-Titel in Barcas Vereinsgeschichte holte.

Zu Beginn der Saison schien Barca aber Mühe zu haben, seine Spiele zu gewinnen, besonders zu Hause im Camp Nou.

Das Problem ist, dass wir uns, anders als in den Jahren zuvor, schwerer tun, frühe Tore zu schießen und unsere Gegner damit unter Druck zu setzen. Diese Saison sind wir oft diejenigen, die das erste Tor kassieren. Das ist uns gegen Hercules Alicante passiert, gegen Panathinaikos Athen,
Rubin Kazan ...

Vielleicht wissen diese Gegner inzwischen einfach, wie man gegen Barcelonas System der absoluten Ballkontrolle spielen muss.

Für mich liegt der Schlüssel darin, das erste Tor zu schießen, das bringt uns
Sicherheit. Wenn unser Gegner in Führung geht, obwohl er eigentlich nur die Null halten will, macht das die Sache für uns erheblich schwieriger. So war das übrigens auch beim Spiel Spanien gegen die Schweiz. (0:1 im ersten Vorrundenspiel der WM, d. Red.)

Im direkten Duell haben Sie Real Madrid Ende November mit 5:0 gedemütigt. Dennoch scheint Real unter José Mourinho stärker als in den Vorjahren zu sein. Die Neuzugänge, besonders Mesut Özil und Sami Khedira, haben sich schnell eingewöhnt.


Das sind sicherlich zwei gute Spieler. Aber von denen hatte Real schon vorher eine ganze Reihe: Cristiano Ronaldo, Higuain, Casillas, Pepe, Marcelo. Aber was wirklich zählt, ist das Kollektiv, die Mannschaft. Das ist das Entscheidende. Und auch wenn sie unsere Philosophie nicht teilen, gewinnt dieses Real seine Spiele und gibt immer alles.

Nach der WM hatten Sie nur wenig Urlaub. Wie läuft es bei Ihnen persönlich?


Körperlich bin ich eingeschränkt. Ich musste diese Saison schon zwei Wochen aussetzen, weil ich unter Schmerzen an der Achillessehne litt. Aber diese Ruhetage haben mir gut getan, ich konnte meine Batterien wieder aufladen.



Haben sie schon verarbeitet, dass Sie jetzt für alle Zeiten Weltmeister sind?

Ja, weil uns wirklich jede erdenkliche Art von Ehrung zuteil wurde. Spanien ist nicht gerade bekannt dafür, große Titel zu gewinnen, deswegen hört das jetzt als Welt- und Europameister gar nicht mehr auf. Am wichtigsten ist mir aber, dass wir diese Titel mit gutem Fußball gewonnen haben und die Menschen das anerkennen.

Das Echo nach dem sehr hart geführten Finale gegen die Niederlande war eindeutig.

Besonders bewegend fand ich die Worte von Sepp Blatter, der sagte, es sei an der Zeit gewesen, einen Weltmeister zu erleben, der schönen Fußball spielt. Das beweist, dass die Technik in diesem Sport wichtiger bleibt als die
bloße Kraft. Und wir sind eine Generation guter Fußballer, in der Nationalmannschaft genauso wie bei Barca.

Stimmt es eigentlich, dass Sie Ihr Trikot aus dem Finale Michel Platini geschenkt haben?

Ja, weil er mich darum gebeten hat. Also habe ich auf dem Trikot unterschrieben und es ihm überreicht. Es ist schon etwas Besonderes, wenn der Präsident der UEFA, der ein sehr großer Spieler war, einen um sein Trikot bittet.

Haben Sie Erinnerungen an seine aktive Zeit?

Ich habe ihn als Spieler kaum erlebt, weil ich zu klein war, aber mein Vater erzählte mir, dass er einzigartig war. Ein paar seiner Spiele für Juventus und die französische Nationalmannschaft habe ich auf Video gesehen. Persönlich kennengelernt habe ich ihn bei der U 20-Weltmeisterschaft
in Nigeria 1999.

Wo Sie mit Spanien den Titel holten.

Jeder dachte, dass ich als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet würde, der Preis ging aber an meinen heutigen Mannschaftskameraden Seydou Keita. Da kam Platini zu mir und sagte: »Du warst der Beste, du hättest die Auszeichnung verdient gehabt.«



Es scheint, als habe er Sie seitdem immer ein wenig im Auge behalten.

Ja, er hat immer wieder das Gespräch gesucht, genauso wie er es bei Andres Iniesta getan hat. Einmal sagte er, dass er liebend gern mit uns zusammengespielt hätte, dass wir ihn an das Mittelfeld erinnern, das er mit Giresse und Tigana in der Nationalmannschaft bildete. Ein großes Kompli- ment.

Am 10. Januar wird in Zürich der Goldene Ball für den Weltfußballer des Jahres vergeben. Träumen Sie davon, diese Auszeichnung
zu gewinnen?


Ich wünsche mir vor allem, dass dieses Jahr ein spanischer Spieler gewinnt. Und wenn das nicht klappt, dann soll es mein Freund Lionel Messi werden.
Er ist wirklich der beste Spieler der Welt und wird in den nächsten Jahren noch eine ganze Reihe Goldene Bälle gewinnen. Aber gut, in WM-Jahren spielt das Turnier natürlich eine Rolle bei der Vergabe, und Andres und ich sind nun mal Weltmeister geworden.

Ist Messi wirklich der Beste der Welt?

Spieler wie ihn gibt es nur alle fünfzig Jahre. Wenn wir Spanier bei der Wahl zum Weltfußballer eine Chance gegen ihn haben, dann nur dank der Tat- sache, dass Argentinien bei der WM nicht so viel Erfolg hatte. Ansonsten hätten wir nicht den Hauch einer Chance. Für mich ist Messi noch stärker als Diego Maradona. Seine Vorherrschaft wird noch Jahre andauern.

Zum ersten Mal wird auch der Trainer des Jahres gewählt. Kann sich Pep Guardiola, Ihr Coach bei Barca, Chancen ausrechnen?

Absolut. Auch abgesehen von den Titeln, die er mit Barca geholt hat, hat er Maßstäbe gesetzt. Es gibt Trainer, die erfolgreich sind, an denen sich aber trotzdem niemand orientiert. Guardiola aber ist schon jetzt eine Marke, wie vor ihm Arrigo Sacchi oder Johan Cruyff.

Was zeichnet diese Trainer aus?

Sie alle haben Dinge verändert, haben neue Taktiken erfunden; die Dreierkette, die hängende Spitze. Wie bei den Spielern gibt es auch unter Trainern Auserwählte. Zu dieser Kategorie würde ich übrigens auch Alex Ferguson zählen.

Und José Mourinho? Sie kennen ihn seit seiner Zeit als Bobby Robsons Co-Trainer bei Barca. Obwohl er ein Provokateur vor dem Herrn ist, hatten Sie immer ein gutes Verhältnis zu ihm.

Er hat seinen eigenen Kopf, und das muss man akzeptieren. Es gibt aber zwei Mourinhos: den Menschen und den Trainer, der die Polemik liebt. Wir
sollten sein Auftreten nutzen und daraus zusätzliche Motivation ziehen. Er will um jeden Preis gewinnen. Aber wir wollen gewinnen und dabei guten Fußball spielen.

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