Wynton Rufer im Interview

»Wie für den Pokal gemacht«

Wynton Rufer war einer der treffsichersten Stürmer von Werder Bremen. Der Neuseeländer holte mit Werder in den Neunzigern zahlreiche Titel. Hier spricht er über sein Siegtor beim Finale 1992, Thomas Schaaf und die Einsamkeit beim Feiern. Wynton Rufer im InterviewImago

Herr Rufer, wenn in Istanbul heute das UEFA-Cup Finale angepfiffen wird, ist es in Neuseeland noch sehr früh am morgen. Haben Sie sich schon den Wecker gestellt?

Das Spiel wird hier ab 6.30 Uhr live übertragen. Da ich sowieso jeden Tag um 6.00 Uhr aufstehe, ist das kein Problem. Ab dem Viertelfinale konnte ich alle Spiele live sehen. Auch die Champions League Spiele schaue ich mir an. Ich bin es also gewohnt, so früh Spiele zu schauen. Auf einen extra Wecker kann ich also verzichten.

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In aller Ruhe beim Frühstück Fußball schauen. Davon träumen viele in Deutschland.

Ich esse wesentlich später. So früh am Morgen kriege ich noch nichts runter. Da konzentriere ich mich lieber auf das Spiel. Und danach geht dann die Arbeit los.

Wie sehr können Sie die Bundesliga aus Neuseeland beobachten?

Da weiß ich genau bescheid. Ich war sogar im Februar noch beim Spiel HSV gegen Bayern im Stadion. Es ist schon sensationell, dass Wolfsburg jetzt ganz oben steht und vielleicht Meister werden kann. Auch die Hertha ist oben mit dabei. Diese Mannschaften waren zu meiner aktiven Zeit nicht gerade die ersten Adressen in der Bundesliga. Aber für die Liga ist das gut, so bleibt es sehr spannend.

Erinnern Sie sich noch an den 6. Mai 1992?

Natürlich. Da haben wir mit Werder Bremen im Finale des Europapokals der Pokalsieger gegen den AS Monaco gespielt.

Das war das bisher letzte Europapokal-Finale für Werder Bremen. Beim damaligen Sieg schossen Sie sogar das entscheidende 2:0, das zum Titelgewinn reichte. Erinnern Sie sich noch an Ihr Tor?

Das vergisst man nicht. Mirko Votava hat im Mittelfeld den Ball erobert. Dann hat Klaus Allofs einen perfekten Pass auf mich gespielt. Ich lief allein auf den Torwart zu, aber viel Zeit zum Nachdenken war dann nicht mehr. Ich habe den Torhüter umspielt und den Ball eingeschoben. Das ging alles sehr schnell. Als der Ball rein rollte, war ich mir ziemlich sicher, dass wir das Spiel und damit den Titel gewinnen werden. Ein Wahnsinnsgefühl. 

Wie wurde der größte Erfolg in der Bremer Vereinsgeschichte anschließend gefeiert?

(lacht) Das war ein bisschen kurios. Wir haben die drei Tage nach dem Spiel nur gefeiert. Am Wochenende mussten wir dann gegen Eintracht Frankfurt spielen. Das Stadion war ausverkauft, denn die Eintracht konnte mit einem Sieg gegen uns Deutscher Meister werden. Uns war die Bundesliga nach dem Europapokal völlig wurscht. Wir haben drei Tage nicht geschlafen und auch nicht trainiert und auf einmal führen wir 2:0 in Frankfurt. Wieder durch Tore von Allofs und mir. Das war unglaublich. Die Frankfurter taten mir nach dem Spiel ein bisschen leid. Sie hatten so eine gute Mannschaft und hätte den Titel auch gewinnen müssen. Denn am Ende ist dann Stuttgart Meister geworden.

Im Europapokalfinale gegen Monaco wurde vor der Halbzeit Thomas Schaaf eingewechselt. Schaaf feiert in Bremen in dieser Saison sein 10 jähriges Trainerjubiläum. Haben Sie ihm eine solche Trainerkarriere zugetraut?

Nach seiner aktiven Zeit war Thomas Trainer bei der Werder A-Jugend. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einen jungen neuseeländischen Spieler nach Bremen vermittelt, der dann unter Thomas Schaaf trainiert hat. Er war begeistert von Thomas als Trainer. Er scheint also etwas von seinem Job zu verstehen. (lacht) Ich freue mich, dass er die Chance in Bremen bekommen hat und drücke ihm die Daumen, dass er nach dieser Saison wenigstens einen Pokal nach Bremen holt.


Hat sich in seiner aktiven Zeit schon angedeutet, dass er einmal Trainer werden möchte?

Man sieht das eigentlich nicht so. Jeder konzentriert sich sehr auf sich und die Spiele. Da kann man nicht erkennen, ob jemand später Mal ein guter Trainer wird. Wenn man meine alten Mitspieler aus der Schweiz heute fragen würde, ob man mir angemerkt hat, dass ich mal ein ganz guter Stürmer werde, würden die meisten wahrscheinlich auch sagen, dass ich jetzt nicht gerade ein großes Talent war.

Sie waren Teil einer der erfolgreichsten Mannschaften, die Werder jemals hatte. Während Ihrer aktiven Zeit in Deutschland holten Sie einen Meistertitel, zwei Mal den Pokal und einmal den Europacup. Welcher Titelgewinn bleibt Ihnen am besten in Erinnerung?

Eine Meisterschaft ist schon eine tolle Sache. Auch das DFB-Pokalfinale ist ein echtes Erlebnis. Dieses ganze Drumherum, man spielt im Olympiastadion in Berlin, da kann man stolz sein, wenn man dabei gewesen ist. Und im Europapokal misst man sich mit den besten Mannschaften aus den anderen Ländern. Das ist immer etwas besonderes. Ich glaube deswegen nicht, dass man einem Titel mehr Gewicht geben kann

Sie haben in Ihren 50 Europapokalspielen insgesamt 20 Tore erzielt. Das ist eine überdurchschnittlich hohe Quote. 1994 waren Sie sogar Torschützenkönig des Europapokals der Landesmeister. Waren Europapokalspiele für Sie immer eine Extramotivation?

Ich muss schon zugeben, dass ich in den Europapokalspielen immer ein besonderes Gefühl hatte. Als ich in Neuseeland aufgewachsen bin, habe ich die großen Mannschaften der Siebziger – Leeds United und Liverpool – angehimmelt. Ich habe immer davon geträumt, in Europa zu spielen. Als kleiner Junge will man all das, was man aus dem Fernsehen kennt, natürlich auch erleben. Deswegen waren die Europapokalspiele für mich immer eine sensationelle Sache.

Habe Sie vielleicht auch gemerkt, dass die Gegenspieler einen Stürmer aus Neuseeland unterschätzen?

Wenn man das Trikot von Werder Bremen trägt, unterschätzt Dich keiner. Es spielt keine Rolle, ob du dann aus Neuseeland, Neufundland oder sonst wo herkommst. Die Gegenspieler hatten immer Respekt vor uns. Wir waren ja auch eine sehr gute Mannschaft.

Was hat die Werder-Mannschaft der Neunziger ausgezeichnet?


Otto Rehagel war das besondere für mich. Die Art wie er mit den Spielern, vor allem auch den ausländischen, umgegangen ist, die war schon besonders. Damals durften nur zwei Ausländer pro Mannschaft spielen. Rune Bratseth und ich waren am Anfang also ziemlich allein in Deutschland. Das war ja eine ganz andere Kultur. Otto hat sich wirklich sehr gut um uns gekümmert. Später ist dann mit Andreas Herzog noch ein dritter Ausländer dazu gekommen. Otto hat sehr viel für uns und unsere Frauen gemacht. Das waren auch ganz alltägliche Dinge wie zum Möbelgeschäft fahren. Er hat eine besondere Art, um Kameradschaft in einer Mannschaft herzustellen. Er ist ein besonderer Trainer und Mensch.

Ist die Kameradschaft auch ein Grund warum Werder in K.O-Spielen immer zu Höchstform aufläuft?

Mit Sicherheit. Außerdem scheint der Verein irgendwie für den Pokal gemacht zu seinen. Bremen kommt im Pokal immer sehr weit. 

Erkennen Sie noch andere Parallelen zwischen dem Werder der Neunziger und der aktuellen Mannschaft?

In Bremen schafft man es immer wieder, eine gute Mischung aus ausländischen und einheimischen Spielern zu finden. Wenn man sich andere europäische Spitzenmannschaften anguckt, sieht das anders aus. Diese Philosophie prägt natürlich auch ein Spiel. Dennoch sind heute auch viele Sachen anders als damals. Wir waren technisch nicht einmal annähernd so stark wie die Spieler, die heute bei Werder auf dem Platz stehen. Jede Position ist bei Werder mittlerweile doppelt besetzt, das kannten wir auch nicht so.


Wie viele Pokale trauen Sie der Mannschaft in dieser Saison zu?

Ich hoffe, dass sie zumindest einen Pokal holen, um auch im nächsten Jahr im Europapokal spielen zu können. Ich wünsche Ihnen, dass Sie beide Titel holen, aber das wird sehr schwer werden.

In Ihrer Zeit in Bremen wurden die Begrifflichkeit »Wunder von der Weser« geprägt. Sie selbst schossen beim legendären 5:3 gegen den RSC Anderlecht zwei Tore. Können sie erklären, warum die Mannschaft immer wieder verloren geglaubte Spiele drehen konnte?

Es gab ja schon vor meiner Zeit Wahnsinnsspiele in Bremen. Die Partien gegen Dynamo Dresden und Spartak Moskau sind legendär. Das war eben eine ganz besondere Atmosphäre im Weserstadion. Es waren wirklich kleine Wunder, die kann man eben nicht erklären.

Konnte man solche spektakulären Spiele wie das gegen Anderlecht überhaupt sofort verarbeiten oder hat es immer ein paar Tage gedauert bis man begriffen hat, was man gerade erlebt hatte?

Ich hatte immer Spaß daran ein bisschen zu feiern. Das war meine Art, mit diesen Siegen umzugehen. Ich erinnere mich noch, dass ich nach dem Spiel gegen Anderlecht im Handstand über den Platz gelaufen bin. Ich wollte gar nicht mehr in die Kabine. Am Ende war ich fast nackt. Sogar meine Schuhe habe ich zu den Fans geworfen.

Und was war mit ihren Mitspielern? Die Norddeutschen gelten nicht gerade als das emotionalsten Menschen des Landes. Konnten die sich auch freuen?

Das war immer ein bisschen schwierig. Die waren alle ein bisschen zurückhaltender. Feiern war definitiv nicht ihre Stärke. (lacht) Als wir den Europapokal gegen Monaco gewonnen haben, bin ich mit dem in dem Pokal in der Hand auf die Ehrenrunde gegangen. Irgendwann drehte ich mich um und merke, dass meine ganze Mannschaft schon weg war. Die waren schon in der Kabine. Nur Willi Lemke ist mit mir dann noch ein paar Runden gelaufen. Als ich dann in die Kabine kam, saßen sie da alle und haben sich mit dem Sekt zugeprostet. Ich wollte immer lieber draußen feiern. Da war eben eine andere Mentalität.

Nach Ihrer Zeit in Bremen gingen sie kurz nach Japan und spielten dann noch ein Jahr in Kaiserslautern. Haben Sie damals Ihrem alten Trainer Otto Rehagel einen gefallen getan oder wollten Sie unbedingt wieder nach Deutschland zurück?

In Kaiserslautern hatte ich noch einmal eine tolle Zeit. Die haben verrückte Fans und mit Otto Rehagel hatten sie damals einen verrückten Trainer. Wenn ich es mit heute aussuchen könnte, würde ich versuchen noch heute mit Otto zusammen zu arbeiten. Aber meine Familie wolle irgendwann einfach zurück in die Heimat. Und hier bin ich mittlerweile auch sehr glücklich.

Heute haben Sie eine eigene Fußballschule in Neuseeland. Laden Sie manchmal alte Kollegen aus Bremen ein, um den Kindern ein paar Tricks zu zeigen?

Ich versuche natürlich meine guten Kontakte nach Europa zu nutzen, um den Jugendlichen hier ein tolles Training zu bieten. Wir haben hier ein paar wirklich talentierte Jungs, die ich auch immer wieder Mal zum Probetraining nach Deutschland vermitteln kann.

Sie haben insgesamt sechs Jahre in der Bundesliga gespielt. Für die Anhänger von Werder Bremen sind Sie immer noch ein Publikumsliebling. Wie erklären Sie sich das?


Ich war eben ein anderer Typ. Ich habe immer gerne mit den Fans gefeiert und die Nähe gesucht. Das mögen die Leute natürlich. Ich bin außerdem gläubiger Christ und habe mich immer für Projekte in der dritten Welt eingesetzt, bin heute noch Schirmherr für ein weltweites Hilfsprojekt, dass von Werder initiiert wird. Ich denke davor haben die Menschen Respekt. Ich komme immer wieder gerne nach Deutschland und freue mich, dass die Menschen mich noch immer mögen. In meiner Fußballschule habe ich auch immer Praktikanten aus Deutschland. Ich suche auch immer wieder welche. Wenn sie also jemanden kennen?

Im Moment leider nicht.


Schade. Falls Ihnen noch jemand einfällt, kann er sich gerne melden. Hier in Neuseeland freuen wir uns immer über Fußballsachverstand aus Deutschland.(lacht)




Mehr Informationen zu Wynton Rufer »Soccer Academy of Excellence« unter www.wynrs.co.nz

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