Wunderheiler Adi Katzenmeier

»Der Schorf muss ab«

Physiotherapeut Adolf »Adi« Katzenmeier ist lebende WM-Geschichte. Bei insgesamt acht Welt- und Europameisterschaften stand der kleine Mann mit dem Lockenkopf an der Außenlinie. Wir sprachen mit ihm über den WM-Fluch. Wunderheiler Adi Katzenmeier

Adi Katzenmeier, verletzte WM-Stars wo man hinschaut. Haben Sie so eine Verletztensmisere schon einmal erlebt?

So etwas hat es immer schon gegeben, diesmal fällt es nur stärker auf, weil es vor allem Stars und sogar einige Mannschaftskapitäne erwischt hat.

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Sie haben Michael Ballack jahrelang die Waden geknetet. Was sagen Sie zu seinem Ausfall?


Da ich weiß, welch enorme Bedeutung die WM in Südafrika für den Michael persönlich gehabt hätte, tut es mir für ihn sehr leid. Das englische Pokalfinale, in dem er sich die Verletzung zuzog, habe ich zufällig im Fernsehen gesehen. Mir war sofort klar, dass es etwas Schlimmes sein muss. Als er gefoult wurde, wollte er gerade weglaufen und befand sich im Drehmoment - schlimmer kann es nicht kommen. Was für ein Pech!

Beinahe verhext.


Fangen Sie jetzt nicht mit solchem Hokuspokus an, damit kann ich nun wirklich nichts anfangen! Betrachtet man das Ganze nüchtern, handelt es sich in den meisten Fällen bloß um die Verkettung unglücklicher Zufälle.

Wieso aber kommt es gerade jetzt zu den vielen Verletzungen; Stimmt die medizinische Versorgung in den Klubs nicht?

Das glaube ich nicht. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass das Problem häufig an einer anderen Stelle zu suchen ist. Die Spieler selbst setzen sich unter ungeheuren Druck und verheimlichen sogar Verletzungen, um beim nächsten Spiel auf dem Platz zu stehen.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen »heilen« und »ausheilen«?

Hat man beispielsweise irgendwo eine offene Wunde, bildet sich darüber zuerst eine schützende Schorfschicht – diesen Prozess nennt man Heilung. Erst wenn der Schorf abfällt, beginnt die Ausheilung. Leider stehen die meisten Spieler dann schon längst wieder auf dem Platz.

Was scheinbar nicht förderlich ist.


Richtig. Verletzungen werden so teilweise über Jahre hinweg verschleppt. Bei mir lagen schon etliche Spieler auf der Liege und haben sich bei mir ausgeheult, nachdem sie mit getapten Verletzungen gespielt hatten und die Wunden im Spiel wieder aufplatzt waren.

Sollten die Spieler generell mehr Verantwortung für ihren Körper übernehmen?


Die Zeit, die der Körper zur Genesung braucht, nimmt er sich letztlich selbst. Er benötigt Pausen. Viel mehr Spieler müssten das verinnerlichen, denn ihr Körper ist auch ihr Kapital. Auch die Trainer sollten darauf mehr Rücksicht nehmen.

Sind die Spieler nach einer langen, kräftezehrenden Saison überhaupt in der Lage eine Welt- oder Europameisterschaft verletzungsfrei durchzustehen?


Ich war bei acht Welt- und acht Europameisterschaften für den DFB im Einsatz und habe oft erlebt wie Spieler bei uns Schlange standen, lange bevor wir überhaupt unsere Sachen aufgebaut hatten. Sogar die Trainer kamen manchmal ramponiert zu mir auf die Liege. Wir hatten immer ordentlich zu tun.

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