04.06.2013

Wollten Sie Duisburg nie verlassen, Bernard Dietz?

»Wer im Leben nicht verliert, weiß nicht, wie schön Gewinnen ist«

Nach dem Lizenzentzug des MSV Duisburg hat Vereinslegende Bernard »Ennatz« Dietz einen offenen Brief an die Fans geschrieben. Für unsere Ausgabe #112 sprachen wir mit dem langjährigen Kapitän der Deutschen Nationalelf über Vereinstreue, die plötzliche Ausbootung im Nationaldress und weshalb niemand häufiger in der Bundesliga verlor.

Interview: Bernd Müllender Bild: Imago

Haben Sie sich beim Bundestrainer beschwert?
Ich bekam einen Brief von Jupp Derwall, mit Schreibmaschine geschrieben. Er sei enttäuscht über meine Äußerungen in einem Interview, das gehöre sich nicht. Ich hatte vor Blockbildung und Egoismus gewarnt. Und von da gehörte ich nicht mehr dazu. Bei der WM 82 war ich trotzdem bei einem Spiel dabei: als Betreuer einer Thekenmannschaft, die ein Brauerei-Turnier gewonnen hatte.

Welches Match war es?
Das Österreich-Spiel in Gijon. Wo die Zuschauer mit den Geldscheinen gewedelt haben und die armen Algerier nachher geweint. Da hab’ ich mich auch geschämt.

Rückblende: die WM 1978 in Argentinien. Militärjunta, 30 000 Tote und Vermisste. Ein Unrechtsstaat. Wie wurde das in der Mannschaft aufgenommen?
Im Vorfeld hatte man sowas gehört. Es gab ja auch Boykottgedanken. Aber wenn du nicht fährst, fährt ein anderer. Wir haben in einem Militärgelände gewohnt, viel Polizei, zehn Mann vom Bundesgrenzschutz, das war schon beklemmend. Aber Näheres wussten wir nicht, auch nicht vom Foltern.

Und dann kam der Wehrmacht-Oberst Hans-Ulrich Rudel zu Besuch.
Den haben wir kaum wahrgenommen. Der hat ein paar Worte gesagt und ist wieder abgezogen. Ich kannte den auch gar nicht.

Beim EM-Finale 1976 gegen die CSSR standen Sie mit auf dem Platz.

Warum haben Sie Uli Hoeneß nicht den Ball beim Elfmeterschießen weggenommen? Sie waren doch ein sicherer Schütze.
Ich behauptete, ich hätte Wadenkrämpfe. Auf gut Deutsch: Ich habe gekniffen. Nachher habe ich mir in den Hintern gebissen. Höher als Hoeneß hätte ich auch nicht drüberschießen können. Aber ich habe mich nie vorgedrängt. Beim MSV habe ich jahrelang Elfmeter geschossen, bis auf zwei waren alle drin. Einmal gegen Köln, entscheidendes Spiel, kurz vor Schluss nullnull, der Schiedsrichter pfeift Elfer. Alle haben weggeguckt. Ich hatte Füße wie Blei! Im Tor Toni Schumacher, der Wahnsinnige. Ich wusste, der will einen immer angucken. Ich also die Augen nur auf den Boden. Ich weiß nicht mehr, ob ich angelaufen oder angegangen bin. Blick nur auf den Boden, und ich treffe den Ball gar nicht richtig. Aber der Toni steht auf dem falschen Fuß und der Ball kullert an ihm vorbei. 1:0 gewonnen.

Wie kamen Sie eigentlich aus Bockum-Hövel in Westfalen zum MSV?
Ich war Landesligaspieler, habe aber nie in der Auswahl gespielt, nicht mal Kreisauswahl. Immer zu klein und zu langsam, so einen wie mich konnte keiner brauchen. Plötzlich schoss ich 1969 in zehn Spielen 19 Tore. Dann Probetraining beim 1. FC Köln. Ich komme in die Kabine, und da sitzen Overath, Weber, Simmet. Experten, die ich nur aus dem Fernsehen kannte. Die Kölner wollten mich nehmen – und gleich nach Lünen in die Regionalliga ausleihen. Das war mir zu komisch. Dann kam der Anruf vom MSV. Wieder Probetraining, wieder Urlaub nehmen, zwei Schichten fahren und vorarbeiten, jemanden finden, der mich hinfährt. Ich war 22 und hatte weder Auto noch Führerschein.


Es hat sich gelohnt: Der MSV Duisburg nahm Sie unter Vertrag.
Mein erstes Spiel machte ich am 3. Spieltag als Linksaußen in Bremen. Mein Gegenspieler: Horst-Dieter Höttges. Das weiß ja heute keiner mehr, was das bedeutet! Nach 20 Minuten hat der mich so umgehauen, dass ich geblutet habe. Später kommt eine Flanke von rechts, und der Bernard Dietz haut das Ding in den Giebel. 1:0. Erstes Spiel, erstes Tor. Gewonnen haben wir 2:0. Zum nächsten Heimspiel kamen aus Bockum-Hövel ein paar hundert Leute nach Duisburg, »Ennatz, Ennatz«, brüllte der halbe Stehplatzblock. Und so kam ich auf 30 Spiele als Linksaußen.

Wie wurden Sie Verteidiger?
Vor meiner dritten Saison haben wir ein paar Testspiele in England gemacht. Rudi Fassnacht kam als Trainer und stellte mich als linker Verteidiger auf. Der wusste, der Bernard fliegt in alles rein, der hat vor nichts Angst. Die Engländer mit ihrem Kick and Rush preschten mir entgegen, aber ich habe alles weggehauen. Von da an war ich Abwehrspieler.

Kein Spieler in der Bundesliga hat so oft verloren wie Sie: 495 Spiele, davon 221 Niederlagen!
Ich kenne die Zahl. Erst habe ich gedacht: Das kann nicht sein. Aber in zwölf Jahren MSV haben wir vielleicht neun Mal gegen den Abstieg gespielt. Ich war jede Saison über 30 Spiele dabei. Da verlierst du eben oft. Und in den drei Bundesligajahren auf Schalke kamen auch noch Niederlagen dazu. Ich sag immer: Wer im Leben nicht verliert, der weiß nicht, wie schön Gewinnen ist.
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