Wollten Sie Duisburg nie verlassen, Bernard Dietz?

»Wer im Leben nicht verliert, weiß nicht, wie schön Gewinnen ist«

Nach dem Lizenzentzug des MSV Duisburg hat Vereinslegende Bernard »Ennatz« Dietz einen offenen Brief an die Fans geschrieben.

Heft#112 03/2011
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Bernard Dietz, viele Teenager werden es nicht mehr wissen: Der Kapitän der Europameistermannschaft 1980 kam vom MSV Duisburg.
Kapitän wurde ich, als Helmut Schön nach der WM 1978 aufhörte. Jupp Derwall hat Sepp Maier zum Kapitän bestimmt und gesagt: Als zweiten nehmen wir den Bernard Dietz. Da hatte ich schon weiche Knie. Im Dezember gab es ein Freundschaftsspiel in Düsseldorf gegen Holland. Burdenski sollte mal im Tor spielen, sagte Derwall. Erst abends auf dem Zimmer habe ich darüber nachgedacht: was? Dann bist du ja Kapitän!


Haben Sie ein Glas Sekt darauf getrunken?
Ich habe sofort meine Frau angerufen: »Pack die Mutter morgen ein, die muss mit ins Stadion. Ich trage die Nationalmannschaft auf’n Platz.« Ich weiß heute gar nicht mehr, wem ich die Hand geschüttelt habe. Johan Cruyff war nicht mehr dabei, vielleicht Neeskens oder einem von den Kerkhof-Brüdern. 1979 hatte Sepp Maier einen Autounfall und kam nicht mehr zurück. Von Ende 1978 bis Anfang 1981 haben wir über 20 Spiele nicht verloren. 19 Mal war ich Kapitän. Aber wir hatten auch eine tolle Truppe, da hätte es gar keinen Kapitän gebraucht.

Als Außenverteidiger wurde man damals deutlich weniger wertgeschätzt als heute. Ausgerechnet auf dieser Position wurden Sie Kapitän. Und Sie galten noch dazu als Leisetreter.
Vorher war auch der Berti Vogts Kapitän. Du brauchst Charakter, Vorbildfunktion – darauf kommt es an, nicht so sehr auf die Position.

Als Kapitän haben Sie in Italien 1980 den EM-Titel geholt. Und Sie haben uns Lothar Matthäus eingebrockt!
Naja, eingebrockt. Er war mit 19 bei der EM 1980 zum ersten Mal dabei. Es stand 3:0 gegen Holland, Lothar sollte nach 70 Minuten seinen ersten Einsatz bekommen. Da habe ich gesagt, okay, ich gehe raus. Nach einer Minute tritt der einen Holländer um. Elfmeter. 3:1, dann 3:2. Und was hatten die noch für Chancen. Jupp Derwall ist der Angstschweiß in Strömen runtergeflossen. Vor dem Turnier hat mich Lothar angesprochen und gejammert: Mensch, was soll ich machen? Jupp Derwall will mich mitnehmen nach Italien, aber ich habe meiner Freundin versprochen, mit ihr in Urlaub zu fahren. Eine spezielle Type.

Und Jupp Derwall als Trainer?
Ein Kumpeltyp. Er hätte etwas autoritärer sein sollen. Auch mein Abgang war nicht so toll. Nach meinem 50. Spiel Anfang 1981 wollte ich zurücktreten. Derwall sagte: »Nein, wir brauchen dich noch.« Dann kam Paul Breitner zurück, es gab Unruhe im Team. Paul war ja immer sehr eigen: Wenn zehn Leute rot gesagt haben, hat er grün gesagt. Und dann war es grün. Vor dem nächsten Spiel kam Derwall zu mir, zu seinem Kapitän: »Du setzt mal aus.« Ich blieb auf der Bank, dann noch mal. Schließlich in Stuttgart gegen Brasilien habe ich wieder gespielt. Es gab Elfmeter. Paul Breitner schnappt sich den Ball, obwohl Manni Kaltz immer unser Schütze war. Ich sage zum Manni: Was macht der? Das gibt’s doch gar nicht. Und? Verschossen. Wiederholung. Wieder verschossen. Und das Spiel 1:0 verloren. Dennoch war abends Party bei Hansi Müller in der Kellerbar, tolle Stimmung. Co-Trainer Erich Ribbeck hat die Klampfe rausgeholt und gesungen ...

Bitte, Erich Ribbeck als Sänger?
Er sang Heimatlieder. War alles toll. Nur Bernd Schuster fehlte, der Eigenbrötler war im Hotel geblieben. Derwall hat ihn nachts noch aus dem Bett geholt, zur Rede gestellt und aus der Nationalmannschaft geworfen. Und für mich war das auch das letzte Mal, ohne dass ich es wusste. Denn vor dem nächsten Länderspiel habe ich abends Sportstudio geguckt, da wurden immer die Namen bekanntgegeben. Und Bernard Dietz war nicht mehr dabei.

Haben Sie sich beim Bundestrainer beschwert?
Ich bekam einen Brief von Jupp Derwall, mit Schreibmaschine geschrieben. Er sei enttäuscht über meine Äußerungen in einem Interview, das gehöre sich nicht. Ich hatte vor Blockbildung und Egoismus gewarnt. Und von da gehörte ich nicht mehr dazu. Bei der WM 82 war ich trotzdem bei einem Spiel dabei: als Betreuer einer Thekenmannschaft, die ein Brauerei-Turnier gewonnen hatte.

Welches Match war es?
Das Österreich-Spiel in Gijon. Wo die Zuschauer mit den Geldscheinen gewedelt haben und die armen Algerier nachher geweint. Da hab’ ich mich auch geschämt.

Rückblende: die WM 1978 in Argentinien. Militärjunta, 30 000 Tote und Vermisste. Ein Unrechtsstaat. Wie wurde das in der Mannschaft aufgenommen?
Im Vorfeld hatte man sowas gehört. Es gab ja auch Boykottgedanken. Aber wenn du nicht fährst, fährt ein anderer. Wir haben in einem Militärgelände gewohnt, viel Polizei, zehn Mann vom Bundesgrenzschutz, das war schon beklemmend. Aber Näheres wussten wir nicht, auch nicht vom Foltern.

Und dann kam der Wehrmacht-Oberst Hans-Ulrich Rudel zu Besuch.
Den haben wir kaum wahrgenommen. Der hat ein paar Worte gesagt und ist wieder abgezogen. Ich kannte den auch gar nicht.

Beim EM-Finale 1976 gegen die CSSR standen Sie mit auf dem Platz.

Warum haben Sie Uli Hoeneß nicht den Ball beim Elfmeterschießen weggenommen? Sie waren doch ein sicherer Schütze.
Ich behauptete, ich hätte Wadenkrämpfe. Auf gut Deutsch: Ich habe gekniffen. Nachher habe ich mir in den Hintern gebissen. Höher als Hoeneß hätte ich auch nicht drüberschießen können. Aber ich habe mich nie vorgedrängt. Beim MSV habe ich jahrelang Elfmeter geschossen, bis auf zwei waren alle drin. Einmal gegen Köln, entscheidendes Spiel, kurz vor Schluss nullnull, der Schiedsrichter pfeift Elfer. Alle haben weggeguckt. Ich hatte Füße wie Blei! Im Tor Toni Schumacher, der Wahnsinnige. Ich wusste, der will einen immer angucken. Ich also die Augen nur auf den Boden. Ich weiß nicht mehr, ob ich angelaufen oder angegangen bin. Blick nur auf den Boden, und ich treffe den Ball gar nicht richtig. Aber der Toni steht auf dem falschen Fuß und der Ball kullert an ihm vorbei. 1:0 gewonnen.

Wie kamen Sie eigentlich aus Bockum-Hövel in Westfalen zum MSV?
Ich war Landesligaspieler, habe aber nie in der Auswahl gespielt, nicht mal Kreisauswahl. Immer zu klein und zu langsam, so einen wie mich konnte keiner brauchen. Plötzlich schoss ich 1969 in zehn Spielen 19 Tore. Dann Probetraining beim 1. FC Köln. Ich komme in die Kabine, und da sitzen Overath, Weber, Simmet. Experten, die ich nur aus dem Fernsehen kannte. Die Kölner wollten mich nehmen – und gleich nach Lünen in die Regionalliga ausleihen. Das war mir zu komisch. Dann kam der Anruf vom MSV. Wieder Probetraining, wieder Urlaub nehmen, zwei Schichten fahren und vorarbeiten, jemanden finden, der mich hinfährt. Ich war 22 und hatte weder Auto noch Führerschein.


Es hat sich gelohnt: Der MSV Duisburg nahm Sie unter Vertrag.
Mein erstes Spiel machte ich am 3. Spieltag als Linksaußen in Bremen. Mein Gegenspieler: Horst-Dieter Höttges. Das weiß ja heute keiner mehr, was das bedeutet! Nach 20 Minuten hat der mich so umgehauen, dass ich geblutet habe. Später kommt eine Flanke von rechts, und der Bernard Dietz haut das Ding in den Giebel. 1:0. Erstes Spiel, erstes Tor. Gewonnen haben wir 2:0. Zum nächsten Heimspiel kamen aus Bockum-Hövel ein paar hundert Leute nach Duisburg, »Ennatz, Ennatz«, brüllte der halbe Stehplatzblock. Und so kam ich auf 30 Spiele als Linksaußen.

Wie wurden Sie Verteidiger?
Vor meiner dritten Saison haben wir ein paar Testspiele in England gemacht. Rudi Fassnacht kam als Trainer und stellte mich als linker Verteidiger auf. Der wusste, der Bernard fliegt in alles rein, der hat vor nichts Angst. Die Engländer mit ihrem Kick and Rush preschten mir entgegen, aber ich habe alles weggehauen. Von da an war ich Abwehrspieler.

Kein Spieler in der Bundesliga hat so oft verloren wie Sie: 495 Spiele, davon 221 Niederlagen!
Ich kenne die Zahl. Erst habe ich gedacht: Das kann nicht sein. Aber in zwölf Jahren MSV haben wir vielleicht neun Mal gegen den Abstieg gespielt. Ich war jede Saison über 30 Spiele dabei. Da verlierst du eben oft. Und in den drei Bundesligajahren auf Schalke kamen auch noch Niederlagen dazu. Ich sag immer: Wer im Leben nicht verliert, der weiß nicht, wie schön Gewinnen ist.

Und es gab schließlich auch Erfolge.
Klar, vor allem die Heimspiele gegen die großen Bayern in den Siebzigern. Ich habe mal gesagt, wenn wir nur zu Hause gegen die Bayern spielen würden, wäre der MSV Deutscher Meister. Es gab Sieg auf Sieg: 1971 am letzten Spieltag 2:0, tausende Zuschauer auf der Laufbahn. Nach dem zweiten Tor hat sich Sepp Maier verletzt raustragen lassen, weil ihn angeblich Zuschauer angerempelt hätten. Es half nichts. Gladbach wurde durch unser 2:0 Meister. Gegen München habe ich die meisten Tore gemacht, auch später auf Schalke noch. Mein absoluter Lieblingsgegner. In Duisburg habe ich 1977 einmal vier Stück beim 6:3 gemacht. Als Verteidiger! Das hat es nie mehr gegeben.

Als Trainer haben Sie später, wie soll man sagen, versagt?!
In Bochum war ich sieben Jahre Jugend- und Amateurtrainer, das war sensationell. 14 meiner Spieler wurden später Profis, einige sogar Nationalspieler: Leute wie Yildiray Bastürk, Paul Freier, Frank Fahrenhorst, Delron Buckley. Die hatte ich, seit sie 16 waren. Denen habe ich gesagt: Andere sagen dir, wie toll du bist und was du kannst. Ich sage dir, was du alles noch nicht kannst. Dann sollte ich nicht mehr Talente ausbilden, sondern 1999 die Profis in der 2. Liga betreuen. Ich bin drauf eingegangen und wollte den Job nur sieben Spiele bis zur Winterpause machen. Wir haben fast alles gewonnen, die VfL-Fans haben gesungen »Wir wollen keinen andern ...«. Aber nee, ich bin wieder zu meinen Amateuren, die brauchten mich. Anderthalb Jahre später wieder das Gleiche. Ich habe es also noch mal bei den Profis versucht. Erst wurde der Sohn von Klaus Toppmöller verpflichtet. Da wusste ich nix von. Dann kam Dariusz Wosz zurück aus Berlin. Ich fragte nur, warum? Da sagte der Präsident Werner Altegoer: Musste sein. Der Altegoer war immer da. Als ich in die Kabine kam, saß er schon da. Ständig hielt er Reden. Da wirste madig. Einmal nach dem Abschlusstraining kam er zu mir: »Der Wosz muss Kapitän werden, der Schröder aus der Mannschaft ...« Da habe ich gesagt, kein Problem, und bin aufgestanden. Sagt der: »Was machen Sie jetzt?« Sage ich: »Ich gehe nach Hause. Wenn Sie das alleine machen können, brauchen Sie mich ja nicht und können das Gehalt sparen. Abfindung können Sie auch behalten. Wenn ich nicht arbeite, will ich kein Geld.« Ich habe immer gesagt, wenn ein Spieler sich irgendwo oben ausweint und Gehör kriegt, ist es vorbei. Dann bist du als Trainer angreifbar. Und wenn du mit Herz dabei bist, gehste kaputt.


2006 haben Sie es noch mal als Coach bei Rot-Weiß Ahlen probiert.
Das war ähnlich, da wollten auch alle mitreden. Wenn Spieler sich woanders ausweinen können, erreichst du sie nicht mehr. Dann geht es nur hinten herum. Nicht mein Ding. Danach war Schluss mit Trainer Dietz.

Können sich Spieler heute alles erlauben? Was denken Sie, wenn ein Spieler wie Demba Ba in Streik tritt?
Unglaublich, die kommen einfach nicht zum Training. Die tanzen allen auf der Nase rum. Da gehe ich kaputt dran. Aber: Die Spieler heute werden auch entmündigt, die haben selbst keinen Einfluss mehr, man nimmt denen alles ab. Heute kommen schon 17-Jährige mit Beratern. Ich hatte nie einen Berater. Das ist heute nicht mehr meine Welt.

Wie wäre denn der Profi Bernard Dietz heute? Ein Popstar mit eigener Homepage?
Ich habe noch nicht mal Internet, keine Mail. Brauch’ ich alles nicht.

Sie haben nie gezockt und auf Gehaltserhöhungen gedrängt?
Man hat über Vorstellungen geredet. Dann kamen in den Vertrag: Laufzeit, Gehalt, Prämien, fertig. Nix Auto, Wohnung oder solche Extras. Mein erstes Gehalt waren 1200 Mark. Weil der MSV ja nie Geld hatte, bekam ich immer die Hälfte der Abstellungsgebühr für die Nationalmannschaft vom DFB. Ich habe mein eigenes Geld eingespielt. Wenn ich es drauf angelegt hätte, ich hätte Millionen verdienen können. Aber ich hatte immer ein Dach überm Kopf, wir sind glücklich. Gut, ich hätte mehr Geld auf die Kinder verteilen können. Aber dann hätten die vielleicht zu viel, ohne was dafür tun zu müssen.

Wollten Sie vor dem Abstieg 1982 nie weg aus Duisburg?
Es gab Angebote. 1975 war mit Eintracht Frankfurt fast alles klar, es stand schon in der Zeitung. Da komm ich nach einem Spiel zu meinem Auto. Steht da ein Ehepaar: »Ennatz, Sie dürfen uns nicht verlassen!« Die haben gefleht und geweint. Also bin ich geblieben, wegen dieser Begegnung. 1980 bekam ich einen Anruf von Hennes Weisweiler, damals Trainer bei Cosmos New York. Da spielten Beckenbauer, Pelé – aber nee, ich bin bei meiner Mannschaft geblieben.

Und heute?
Bin ich Vorstandsberater und Repräsentant beim MSV, der Oberförster für Traditionspflege, auch in den Fanklubs. Und ich helfe meinem Sohn bei der Fußballschule.

Da wollen Sie »den Straßenfußball wieder in den Verein holen«. Was heißt das?
Wir wollen keine Leistung, keine Talente sichten, sondern Kindern Freude machen, auch wenn sie noch nie vor den Ball getreten haben. Das ist eine Art Vorschule für einen Verein. Straßenfußball auf einem normalen Platz. Den meisten Kindern sagt der Name Bernard Dietz nichts, aber einmal kam so ein ganz Kleiner und sagte: »Mein Schuh ist auf.« Ich bück mich runter mit meinen kaputten Knien und sage: »Kannste das noch nicht?« Sagt der: »Doch, aber du machst mir so ’ne schöne Bundesligaschleife.«

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