04.06.2013

Wollten Sie Duisburg nie verlassen, Bernard Dietz?

»Wer im Leben nicht verliert, weiß nicht, wie schön Gewinnen ist«

Nach dem Lizenzentzug des MSV Duisburg hat Vereinslegende Bernard »Ennatz« Dietz einen offenen Brief an die Fans geschrieben. Für unsere Ausgabe #112 sprachen wir mit dem langjährigen Kapitän der Deutschen Nationalelf über Vereinstreue, die plötzliche Ausbootung im Nationaldress und weshalb niemand häufiger in der Bundesliga verlor.

Interview: Bernd Müllender Bild: Imago

Bernard Dietz, viele Teenager werden es nicht mehr wissen: Der Kapitän der Europameistermannschaft 1980 kam vom MSV Duisburg.
Kapitän wurde ich, als Helmut Schön nach der WM 1978 aufhörte. Jupp Derwall hat Sepp Maier zum Kapitän bestimmt und gesagt: Als zweiten nehmen wir den Bernard Dietz. Da hatte ich schon weiche Knie. Im Dezember gab es ein Freundschaftsspiel in Düsseldorf gegen Holland. Burdenski sollte mal im Tor spielen, sagte Derwall. Erst abends auf dem Zimmer habe ich darüber nachgedacht: was? Dann bist du ja Kapitän!


Haben Sie ein Glas Sekt darauf getrunken?
Ich habe sofort meine Frau angerufen: »Pack die Mutter morgen ein, die muss mit ins Stadion. Ich trage die Nationalmannschaft auf’n Platz.« Ich weiß heute gar nicht mehr, wem ich die Hand geschüttelt habe. Johan Cruyff war nicht mehr dabei, vielleicht Neeskens oder einem von den Kerkhof-Brüdern. 1979 hatte Sepp Maier einen Autounfall und kam nicht mehr zurück. Von Ende 1978 bis Anfang 1981 haben wir über 20 Spiele nicht verloren. 19 Mal war ich Kapitän. Aber wir hatten auch eine tolle Truppe, da hätte es gar keinen Kapitän gebraucht.

Als Außenverteidiger wurde man damals deutlich weniger wertgeschätzt als heute. Ausgerechnet auf dieser Position wurden Sie Kapitän. Und Sie galten noch dazu als Leisetreter.
Vorher war auch der Berti Vogts Kapitän. Du brauchst Charakter, Vorbildfunktion – darauf kommt es an, nicht so sehr auf die Position.

Als Kapitän haben Sie in Italien 1980 den EM-Titel geholt. Und Sie haben uns Lothar Matthäus eingebrockt!
Naja, eingebrockt. Er war mit 19 bei der EM 1980 zum ersten Mal dabei. Es stand 3:0 gegen Holland, Lothar sollte nach 70 Minuten seinen ersten Einsatz bekommen. Da habe ich gesagt, okay, ich gehe raus. Nach einer Minute tritt der einen Holländer um. Elfmeter. 3:1, dann 3:2. Und was hatten die noch für Chancen. Jupp Derwall ist der Angstschweiß in Strömen runtergeflossen. Vor dem Turnier hat mich Lothar angesprochen und gejammert: Mensch, was soll ich machen? Jupp Derwall will mich mitnehmen nach Italien, aber ich habe meiner Freundin versprochen, mit ihr in Urlaub zu fahren. Eine spezielle Type.

Und Jupp Derwall als Trainer?
Ein Kumpeltyp. Er hätte etwas autoritärer sein sollen. Auch mein Abgang war nicht so toll. Nach meinem 50. Spiel Anfang 1981 wollte ich zurücktreten. Derwall sagte: »Nein, wir brauchen dich noch.« Dann kam Paul Breitner zurück, es gab Unruhe im Team. Paul war ja immer sehr eigen: Wenn zehn Leute rot gesagt haben, hat er grün gesagt. Und dann war es grün. Vor dem nächsten Spiel kam Derwall zu mir, zu seinem Kapitän: »Du setzt mal aus.« Ich blieb auf der Bank, dann noch mal. Schließlich in Stuttgart gegen Brasilien habe ich wieder gespielt. Es gab Elfmeter. Paul Breitner schnappt sich den Ball, obwohl Manni Kaltz immer unser Schütze war. Ich sage zum Manni: Was macht der? Das gibt’s doch gar nicht. Und? Verschossen. Wiederholung. Wieder verschossen. Und das Spiel 1:0 verloren. Dennoch war abends Party bei Hansi Müller in der Kellerbar, tolle Stimmung. Co-Trainer Erich Ribbeck hat die Klampfe rausgeholt und gesungen ...

Bitte, Erich Ribbeck als Sänger?
Er sang Heimatlieder. War alles toll. Nur Bernd Schuster fehlte, der Eigenbrötler war im Hotel geblieben. Derwall hat ihn nachts noch aus dem Bett geholt, zur Rede gestellt und aus der Nationalmannschaft geworfen. Und für mich war das auch das letzte Mal, ohne dass ich es wusste. Denn vor dem nächsten Länderspiel habe ich abends Sportstudio geguckt, da wurden immer die Namen bekanntgegeben. Und Bernard Dietz war nicht mehr dabei.

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