01.03.2009

Wolfgang Sidka zieht Bilanz

Batistuta, Intifada, Nordkorea

Sieben Jahre hat Wolfgang Sidka in der arabischen Wüste gearbeitet, trainierte Batistuta, erlebte die Intifada und fotografierte in Nordkorea. Doch nun will Sidka endlich zurück in die Bundesliga – »als was auch immer«. 

Interview: Alex Raack Bild: imago
Konnten Sie diesbezüglich Abhilfe schaffen?

Das war am Anfang unglaublich schwer. Es fehlte an Disziplin, vor allem an Nachhaltigkeit und Zielstrebigkeit. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: statt rechtzeitig Monate vor dem Saisonstart anfangen zu trainieren, kommen die Spieler erst eine Woche vor dem ersten Ligaspiel. Die sagen sich: das reicht doch, warum soll ich vorher da sein? Wegen der Hitze ist die Sommerpause zwei Monate lang, die Spieler sind also quasi drei Monate ohne Training und steigen erst wenige Tage vor dem Spielbetrieb wieder ein. Das funktioniert so, weil es jeder so macht.

Hatten Sie ein Mittel, dagegen vorzugehen?

Durchgreifen. Auch dafür habe ich ein Beispiel. Vor dem ersten Training war ich mit meinen beiden Co-Trainern – zwei Brasilianern, die schon vorher da waren – auf dem Weg zum Nationalstadion. Von den Spielern kannte ich niemanden. Die Gesichter sahen für mich alle gleich aus. Ich hatte sechs Wochen lang sämtliche Ligaspiele und Trainingseinheiten bei den Vereinen beobachtet und anhand dieser Einrücke die Spieler berufen. Ich sitz also im Auto mit meinen beiden Kollegen, wir wollen zum ersten gemeinsamen Training. 25 Spieler hatte ich ausgewählt, die vor Ort auf mich warten sollten. Die Brasilianer witzeln rum und fragen: »Was meinst du, wie viele kommen? Ich sag: »Na 25, ich habe doch alle eingeladen!« Die antworten nur: »13 oder 14 Spieler, mehr werden nicht da sein.« Und das stimmte genau.

Und wie haben Sie nun durchgegriffen?

Zunächst einmal habe ich mich geduldig gezeigt. Nach zwei Wochen hatte ich endlich alle zusammen. Dann sind zwei Spieler nicht zum Training erschienen. Eine Woche später das gleiche Prozedere. Sie seien müde gewesen und wären auf der Couch eingeschlafen. Da habe ich ihnen gesagt, dort könnt ihr euch jetzt immer ausruhen.

Konsequent.


Ja. Und dann kam aber das Entscheidende. Die Bahrainis sind ja alle ganz heiß darauf für ihr Land zu spielen. Für die Nationalmannschaft geben die alles, die laufen bis zum Umfallen. Nur fehlte es an der Fitness. Der, den ich rausgeschmissen hatte, war mein Mannschaftskapitän, ein wichtiger Spieler also. Die Scheichs von seinem Verein haben sich eingeschaltet, aber ich habe mich nicht umstimmen lassen. Die anderen haben gesehen: jetzt weht hier ein schärferer Wind. In den folgenden Monaten hat Bahrain immer bessere Ergebnisse erzielt, einfach, weil die Mannschaft fitter war und sich spieltechnisch und taktisch erheblich verbessert hatte. Einen der suspendierten Spieler habe ich später begnadigt, weil ich gehört hatte, dass der äußerst hart trainieren würde. Der andere wurde später auch wieder eingeladen. Ich hatte das Herz der Spieler gewonnen. Die haben gemerkt: wenn sie was tun, wird das auch belohnt. Danach sind die 90 Minuten lang nur marschiert.

Mit zählbaren Erfolgen.


Sicher. Die Maßnahmen haben gegriffen. 16-mal hat der Bahrain in Folge gegen den Irak verloren, wir haben die Serie gebrochen. Plötzlich kamen die Zuschauer, die Stadien waren voll. 40.000 Menschen, auch Frauen. Das hatte es vorher auch noch nicht gegeben.

Ihr Abschied aus dem Bahrain verlief dann aber doch etwas unorthodox.

Mein Traum wäre es gewesen, mich mit dem Bahrain für die WM 2006 in meiner Heimat zu qualifizieren. Das ist mir leider versagt geblieben. Wir verloren ein sehr wichtiges Spiel gegen Japan – mir fehlten vier enorm wichtige Spieler – und danach waren wir nur Dritter in unserer Gruppe. Während eines kurzen Trainingslagers in Deutschland bekomme ich einen Anruf aus dem Bahrain: »Trainer, seit einer Woche läuft die Presse Amok. Der Druck ist riesengroß. Wir müssen dich entlassen.« Ohne mich hat der Bahrain dann das entscheidende Spiel gegen Trinidad und Tobago verloren und durfte nicht mit zur WM.

Die viel zitierte Trainer-Philosophie. Gibt es die, und wenn ja, wie lautet Ihre?


Diese ganzen Begriffe werden ja immer neu verpackt. Zum Beispiel das so genannte Vertikalspiel. Was heißt denn Vertikalspiel?

Tja...

Vertikalspiel wird ja immer verwendet, um steile Pässe in die Spitze zu bezeichnen. Wenn mich jemand fragt, sage ich aber: Das sind Pässe, die steil nach oben gehen. Denn das bedeutet ja vertikal. Soll ich also den Ball steil in die Luft spielen, oder was? Es werden immer neue Wörter erfunden. Trainer-Philosophie hieß früher einfach: Spielauffassung. Natürlich hat sich der Fußball in den vergangenen Jahren entwickelt.

Aber die neu verpackte Begriffsflut scheint Sie zu ärgern.

Passen Sie auf. Wenn ich als Trainer sage: ich will schnell und offensiv nach vorne spielen. Da krieg ich doch von jedem Beifall! Wenn ich sage, ich will 100 Tore in der Saison schießen und ein 4:2 ist mir lieber als ein 1:0. Dann sagen alle: so ist es richtig! Aber das umzusetzen ist doch verdammt schwer. Wenn sie ein Team, wie Energie Cottbus trainieren, dann werden sie es wesentlich schwerer haben diese Spielauffassung umzusetzen, als wenn sie Bayern München trainieren.

Das heißt, ein Trainer muss sich immer seiner Mannschaft anpassen?

Natürlich. Um seine Spielauffassung zu vermitteln braucht man ohnehin erst einmal eine fitte Mannschaft. Ohne Fitness kein Erfolg. Sonst könnten sie die All-Star-Mannschaften mit den Größen von früher im Spielbetrieb mitspielen lassen. Spielerisch, technisch sind die alle hervorragend, nur laufen können sie eben nicht mehr so schnell. Und so viel.

Sie haben bei Al-Gharafa die in die Jahre gekommenen Alt-Stars Gabriel Batistuta und Stefan Effenberg gecoacht. Waren das die besten Fußballer, die sie je trainiert haben?

Als Batistuta und Effenberg zu mir kamen, war einer der Einheimischen als Kapitän ausgewählt. Die Binde habe ich gleich Batistuta gegeben und gesagt: »Was Effenberg und Batistuta auf dem Platz sagen, das wird auch gemacht.« Wer da nicht gespurt hat, hat auch nicht gespielt. Batistuta war ein fantastischer Spieler. Ich werde ja auch einen Teufel tun und Spielern wie Batistuta das Fußballspielen zu erklären. Was der gesagt hat, das wurde auch gemacht. Batistuta ist ein unglaublicher Profi. In der Saison ist er mit 26 Treffern Torschützenkönig geworden und hat dafür einen neuen BMW bekommen. Einen Spieler, der so effizient im Verwerten von Torchancen ist, habe ich noch nicht gesehen. Wissen sie, was fußballerisch in Katar das Spannendste war, was ich erlebt habe?

Sagen Sie es uns!


Die Allstar-Mannschaft zu trainieren, die 2004 gegen Bayern München spielen durfte. One-Touch-Fußball, unglaubliche Fußballer. Das hat so ein Spaß gemacht. Basler, Effenberg, Hierro, Batistuta, Leboeuf – solche Fußballer waren dabei. Das war eine ganz große Ehre für mich. Die Bayern haben 600.000 Dollar bekommen und anschließend einen riesigen Pokal. So ein großes Ding hatte ich vorher auch noch nicht gesehen.

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