01.03.2009

Wolfgang Sidka zieht Bilanz

Batistuta, Intifada, Nordkorea

Sieben Jahre hat Wolfgang Sidka in der arabischen Wüste gearbeitet, trainierte Batistuta, erlebte die Intifada und fotografierte in Nordkorea. Doch nun will Sidka endlich zurück in die Bundesliga – »als was auch immer«. 

Interview: Alex Raack Bild: imago

Wolfgang Sidka, mit Verspätung: Willkommen zurück! Sieben Jahre waren sie in Bahrain und Katar als Trainer tätig, in Deutschland haben Sie bislang nur kleinere Klubs trainiert. Wieso?

Seit 2007 bin ich wieder hier und musste bislang feststellen: es ist sehr sehr schwierig in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Sieben Jahre war ich weg vom Fenster und der Bahrain liegt ja nicht vor meiner Haustür.



Zuletzt haben Sie den FC Oberneuland trainiert, das Engagement jedoch bald wieder beendet. Warum?

Dazu müssen Sie wissen, dass ich in Oberneuland wohne und die Verantwortlichen im Verein seit langer Zeit kenne. Nachdem ich hier ein paar Monate trainiert habe, musste ich jedoch erkennen: unsere Auffassungen sind doch sehr unterschiedlich. Ich wollte nicht ewig in der Regionalliga bleiben, sondern mehr erreichen und habe deshalb auch sehr intensiv zweimal am Tag trainieren lassen. Das war der Mannschaft einfach zu viel Aufwand.

Sie waren zu professionell für den Verein und die Liga?


Mit einem Satz kann man das so sagen, ja.

Als Sie 2000 Deutschland verließen, war Ihnen da klar, dass ein Wechsel in ein Fußball-Entwicklungsland möglicherweise einen Imageschaden bedeuten könnte?

Nein, das war mir nicht bewusst und ich habe das auch unterschätzt. Die Einschätzung ist aber falsch. In Deutschland haben Länder wie Bahrain oder Katar überhaupt keinen Stellenwert, man will hierzulande gar nicht glauben, dass es dort gute Fußballer gibt. Ich habe in Katar zwei große Klubs trainiert, Al Arabi und Al-Gharafa. In beiden Vereinen waren sehr gute Spieler, die ich auch in Deutschland empfohlen habe, die es auch in der Bundesliga hätten schaffen können.

Der arabische Raum als quasi noch ungenutzter Markt für Spielertransfers?

Richtig. Es gab Ausnahmen, wie die Iraner Karimi oder Ali Daei, auch Spieler aus dem nordafrikanischen Raum. Die Vorurteile sind in Deutschland doch noch sehr groß.

Nach Ihrer Entlassung in Bremen, dem kurzen Gastspiel in Osnabrück, war plötzlich zu lesen: Wolfgang Sidka geht in den Bahrain. Wie ist dieser Wechsel zu Stande gekommen?

Ich bin auf der Autobahn von Bremen nach Berlin und bekomme plötzlich einen Anruf von einem Journalisten vom DSF. Thomas Walz war das, den kannte ich damals aber gar nicht. Und der fragt mich: »Herr Sidka, können sie sich vorstellen die Nationalmannschaft von Bahrain zu trainieren?«

Wie kam es dazu?

Sage ich ihnen: der ehemalige Nationaltrainer der Bahrainis hatte quasi als letzte Amtshandlung den Auftrag bekommen einen neuen Auswahltrainer zu holen. Und: es sollte ein Deutscher sein. Wegen deutscher Wertarbeit, Disziplin und so weiter. Dieser Ex-Trainer hat in Garmisch nun den Thomas Walz kennen gelernt, der ihm ein paar mögliche Kandidaten für das Amt genannt hat. Einer davon war ich. Ich hab mich erst nicht dafür interessiert, das Ganze auf die lange Bank geschoben. Bis eine Einladung aus Bahrain kam. Ich hatte nichts zu verlieren, also, dachte ich mir, geh einfach mal hin. Eine knappe Woche war ich da und war beeindruckt, wie die sich um mich bemüht haben.

Also haben Sie zugesagt?

Also habe ich zugesagt. Man hatte mir einen Vertrag zugeschickt, den ich sehr sorgfältig studiert habe, sogar noch von meinen Anwalt habe absegnen lassen. Doch als ich bei der Vertragsunterzeichnung dasitze, vor mir jede Menge Presseleute, neben mir die Verbandsmitglieder, sehe ich, dass da ein zusätzlich Absatz in den Vertrag aufgenommen wurde. Ich kannte das Schriftstück ja in und auswendig.

Was stand da?

Sieben Monate Vertrag, die ersten drei Monate mit täglicher Kündigungsfrist.

Tägliche Kündigungsfrist?

Ich hab eine Minute lang überlegt. Den Sportminister zu meiner Rechten, den Verbandspräsidenten zu meiner Linken. Entweder es klappt, Wolfgang, oder es klappt nicht. Ich habe unterschrieben. Aus sieben Monaten sind schließlich sieben Jahre geworden. Ohne tägliche Kündigungsfrist.

Sind Sie denn schon immer so ein abenteuerlustiger Typ gewesen? Ihre Stationen als Spieler (Hertha BSC, 1860 München, Werder Bremen) lassen darauf ja nun nicht unbedingt schließen.

Nein, überhaupt nicht. Das war damals purer Zufall. Aber ich habe nicht darüber nachgedacht, sondern den Wechsel nach Bahrain durchgezogen. Das war vermutlich meine große Stärke. Mich hat auch beeindruckt, wie reizend und gastfreundlich man mich behandelt hat. Man hat mir ja nicht nur einen halben Tag Aufmerksamkeit gewidmet. 2002 hatte ich den Präsidenten von Bahrain in meinem Haus in Bremen sitzen, mit seinem persönlichen Begleiter, der Sekretär und Bodyguard war. Der saß bei mir im Wohnzimmer in Jeans und T-Shirt, ohne seinen weißen Kittel an. Wir haben Fußball geguckt.

Zu Beginn Ihrer Zeit als Nationalcoach mussten Sie erst einmal einige Dinge vor Ort klären.

Ganz genau. Ich habe den Verantwortliche gesagt: ich brauche zwei Leute. Einen Fitnesstrainer von Sporthochschule und einen Psychologen, der mich mal zehn Tage besucht. Was Klinsmann 2004 in Deutschland eingeführt hat, das habe ich schon 200 gemacht. Hat nur keiner drüber geschrieben, weil es keiner mitbekommen hat. Der Fitnesstrainer hat dann mit den Jungs die Leistungsdiagnostik durchgezogen und anschließend hatte ich entsprechende Daten, an denen ich ganz klar festmachen konnte, wo ich ansetzen musste. Meine Spieler waren unglaubliche gute Fußballer, die hatten Koordination und Technik. Was sie nicht hatten war Kraft und Ausdauer.

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