Wolfgang Sidka über den Irak

»Da ist viel Potenzial«

Nach drei Jahren in Deutschland ist Wolfgang Sidka zurück in Nahost: Als Nationaltrainer Iraks. Wir sprachen mit ihm über die neue Herausforderung und ein Team, das seit neun Monaten kein Länderspiel bestritten hat. Wolfgang Sidka über den IrakImago

Wolfgang Sidka, wann hat Sie das Fernweh wieder gepackt?

Eigentlich wollte ich als Trainer in Deutschland Fuß fassen. Ich habe ja die letzten drei Jahre bei verschiedenen unterklassigen Klubs gearbeitet, zuletzt beim Regionaligisten FC Oberneuland.

[ad]

Sie kündigten Anfang 2009 nach nur zwei Monaten.

Und im Winter 2009 sagte ich mir: Wenn du bis Sommer 2010 keinen neuen Job in Deutschland gefunden hast, schaust du dich wieder im Ausland um.

Warum dann gleich Irak? Die Nationalmannschaft hat seit neun Monaten kein Länderspiel bestritten...

...weil der Irakische Fußballverband wegen Einmischung seitens der Regierung von der FIFA gesperrt wurde. Keine leichten Voraussetzungen, das stimmt. Es begann mit einem Anruf eines Agenten, der gute Kontakte zum irakischen Verband und dem Präsidenten hatte. Er kannte und schätzte mich aus meiner Zeit als Nationaltrainer Bahrains. Als er mir das Angebot unterbreitete, habe ich mir keine konkreten Gedanken gemacht. Ich sagte mir: Anhören kannst du dir alles. Mal sehen, was dahinter steckt.

Haben Sie mit Bernd Stange gesprochen?

Als Nationaltrainer Bahrains habe ich Bernd Stange häufig im Rahmen von Länderspielen getroffen. Wir haben uns auch gelegentlich zum Bier oder Kaffee verabredet und einfach so über unsere Jobs geredet. Daher wusste ich natürlich, dass ein Trainerjob im Irak kein Zuckerschlecken ist. Auch wusste ich, dass in den letzten drei Jahren vier Trainer geschasst wurden. Und trotzdem: Ich freue mich auf den Job.

Ist die Erwartungshaltung im Irak zu hoch?

Der Irak hat 2007 die Asienmeisterschaft gewonnen. Man siegte gegen Teams aus Japan und Korea, daran muss sich das Team messen.

Aber hat das Team denn überhaupt die Qualität? Oder war der Erfolg eher mit dem EM-Sieg Griechenland 2004 zu vergleichen?


Natürlich war das eine große Überraschung. Ob das Team aber die Qualität hat auf Dauer auf einem solchen Niveau zu spielen, kann ich momentan noch nicht beurteilen, denn ich habe bislang noch nicht mit der Mannschaft trainiert. Ich werde aber demnächst mit mehreren einheimischen Spielern für fünf Tage und dann noch einmal für zehn Tage in ein Trainingslager fahren. Dann werde ich mit diesen und den Spielern der ausländischen Ligen eine schlagkräftige Truppe zusammenstellen.

Sie klingen optimistisch.

Es ist auf jeden Fall Potenzial da. Auch wenn viele Europäer anderes vermuten: Im Irak wird ähnlich wie in Deutschland trainiert. Jeden Tag unter professionellen Voraussetzungen. Und die Spieler, die ich bereits vor meiner Ankunft kannte, machen mir auch Hoffnung. Da ist zum Beispiel Nachtat Akram, der bei Twente Enschede spielt. Oder auch Yunis Mahmund, den ich schon bei al-Gharafa in Katarr trainierte. Er wurde damals Torschützenkönig und ist ein Stürmer, der auch in der Bundesliga mithalten könnte.

Wie kommunizieren Sie denn mit den Spielern?

Einige sprechen Englisch, allerdings nicht so viele wie noch in Bahrain. Mit den anderen verständige ich mich über einen einheimischen Assistenztrainer.

Konnten Sie einen Trainerstab aus Deutschland mitbringen?

Ich habe mir vertraglich zusichern lassen, dass ich einen deutschen Co-Trainer und zwei irakische Assistenztrainer bekomme. Der deutsche Co-Trainer ist allerdings noch nicht gefunden.

Sie wohnen in Arbil, einer Großstadt im Norden des Iraks. Wollte der Verband, dass Sie nach Bagdad ziehen?

Ich wollte und konnte das selbst entscheiden. Bagdad kam für mich auch nicht in Frage. Das wäre mir zu gefährlich gewesen. Arbil hingegen ist zwar eine große Stadt, doch viel übersichtlicher und sicherer. Sie liegt in Kurdistan, nahe der Grenze zur Türkei. Die Lufthansa fliegt hier regelmäßig hin, und viele deutsche Firmen sind hier ansässig.  

Wie gefällt Ihnen das Land?

Die Leute sind freundlich und zuvorkommend. Irak musste ja viel durch die Kriege und Embargos leiden. Ich habe aber den Eindruck, dass das Land nun die Talsohle durchschritten hat. Es könnte ein blühendes Land werden. Aber das dauert natürlich.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!