Wolfgang Rolff über Werders Ambitionen

»Es liegt jetzt an uns«

Wolfgang Rolff über Werders Ambitionen
Heft #94 09/2009
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94

Herr Rolff, in Werders Mittelfeld hat sich in dieser Saison einiges verändert. Frank Baumann ist weg, dafür ist Tim Borowski wieder da. Was ist in den kommenden Monaten von diesem Mannschaftsteil zu erwarten?

Das Mittelfeld ist natürlich das Herzstück der Mannschaft. Aber man darf nicht vergessen, dass da noch sieben andere Spieler auf dem Platz stehen, ohne die unser Spiel nicht funktionieren kann.  

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Nach der Borowski-Verpflichtung ist Werder mit einem rein deutschen Mittelfeld in die Saison gegangen.

Es zeichnete sich zumindest so ab. Und neben Frings, Borowski, Özil oder Marin haben wir ja noch weitere deutsche Spieler für das Mittelfeld, Peter Niemeyer etwa. Oder Philipp Bargfrede.

Ist diese deutsche Ausrichtung eine bewusste Strategie, die Werder verfolgt?

Das kann man schon sagen, dass es unsere Philosophie hier in Bremen ist, viele deutsche Spieler in der Mannschaft zu haben. In dieser Saison sind wir allerdings besonders deutsch gestrickt. Noch mehr als früher.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es gehört zum Konzept, das seit Jahren verfolgt wird. Wir hatten ja auch in den letzten Jahren überwiegend versucht, auf deutsche Spieler zu setzen. In dieser Saison ist Diego nun nicht mehr dabei und ein Spieler wie Daniel Jensen leider länger verletzt. So hat sich das Verhältnis noch mal verschoben.

Zufall?

Das hängt ja immer davon ab, was der Markt hergibt und wie die Entwicklung einzelner Spieler verläuft. Nicht immer ist diese Philosophie auch so umsetzbar, wie wir uns das vorstellen. Wie man bei Marko Marin oder auch Tim Borowski sehen konnte, ist es ja auch kein Selbstläufer, dass man die Spieler, die man haben will, bekommt. Bei Marko Marin haben wir uns entschlossen, ihn jetzt schon zu holen und eben auch noch die entsprechende Ablöse zu zahlen, Mesut Özil hat sich neben Diego in einer Form weiterentwickelt, die man nicht unbedingt erwarten konnte.  

Gibt es noch andere Faktoren, die bei der Zusammenstellung der aktuellen Mittelfeldformation eine Rolle gespielt haben?

Es ist ja auch eine Systemfrage. Grundsätzlich wollen wir uns mehrere Möglichkeiten schaffen. Wir wollen in diesem Jahr flexibler agieren. Und haben dann nach Spielern gesucht, die in diese Systeme passen und so hat sich das meiste von allein ergeben.

Sie scheinen mit der aktuellen Entwicklung sehr zufrieden zu sein.

Ja, denn ich denke, dass die Spieler, die wir jetzt haben, ganz gut zusammenpassen. Und natürlich ist es eine tolle Sache, dass man die eigene Wunschvorstellung mit so jungen Spielern wie Marin oder Özil, also mit jungen Nationalspielern, umsetzen kann. Das macht es besonders wertvoll.

Gemeinhin gilt aber, dass deutsche Spieler teurer sind als etwa Spieler aus Osteuropa. Erschwert es der Markt, ihre Philosophie umzusetzen?

Nicht unbedingt, bei uns war es so, dass wir eben in den vergangenen Jahren das Glück hatten, internationale Topspieler wie Diego und Micoud für vergleichsweise wenig Geld holen zu können. Und wenn man solche Spieler bekommen kann, greift man zu und baut das Mittelfeld dann um diese Spieler herum auf, ganz egal, ob die deutsch sind oder nicht.  

Sie sprechen Diego an. Wie hat sich Werders Spiel im Mittelfeld ohne den Brasilianer verändert?

Nach dem Weggang von Diego hat sich einiges verändert. Mit Marin haben wir einen ganz anderen Spieler-Typ bekommen, der es uns auch ermöglicht, anders zu spielen als bislang.   

Was spielt Werder denn nun: Raute oder Doppelsechs?

Wir sind nicht auf ein System fixiert. Die Übergänge sind zum Teil fließend.

Was trauen Sie Mesut Özil in der näheren Zukunft zu?

Bisher hat Mesut sich hervorragend entwickelt. Was umso bemerkenswerter ist, da er sich neben Diego beweisen und seinen Platz im Team finden musste. Mesut ist sicher auf dem Weg dorthin, in Zukunft eine solche Spielerpersönlichkeit zu werden.

Ist Werder ohne einen solchen Spielertyp wie Diego nun schwächer?

Das ist schwer zu sagen. Für die Raute prägende Spieler waren Micoud, der das Spiel mit ein, zwei Ballkontakten schnell machen konnte. Oder jemand wie Diego mit seiner individuellen Klasse im Dribbling und diesem besonderen Zug zum Tor. Aber Mesut Özil beweist auch schon große Klasse, und durch die Neuzugänge sind wir, glaube ich, schwerer auszurechnen. Weil wir jetzt auch nicht automatisch mit zwei offensiven Außen spielen werden – wie die Bayern, bei denen Ribéry und Robben über die Flügel kommen.

Werder spielt im Jahr eins nach Diego und der Raute also auch schon mit einem Quadrat. Mit vier Spielern, die es alle eher in die Mitte zieht. Wie soll das funktionieren?

Das funktioniert, indem sich dieses Quadrat und jeder einzelne Spieler flexibel verschiebt. Je nach Spielsituation oder Gegner kann sich das dann durchaus zu einer Raute oder zu einer flachen Vier entwickeln, wie sie die Nationalmannschaft spielt.

Sie sprechen von Flexibilität und Dynamik, aber kann es nicht passieren, dass Werder mit vier hauptsächlich zentralen Mittelfeldspielern das Flügelspiel vernachlässigt?

Die Gefahr sehe ich nicht. Sowohl Özil als auch Marin können ja auch über die Außen kommen. Wir haben jetzt mehr Möglichkeiten zu reagieren.

Welche Rolle spielte die Systemfrage bei der Entscheidung, Borowski zurückzuholen?

Natürlich war das auch ein Grund. Aber es sprach einfach auch so viel für Tim. Die Vorteile sind ja klar. Er hat hier zwölf Jahre gespielt, kennt die Struktur des Vereins, kennt bestimmt 80 Prozent der Mitspieler und musste nicht erst wieder integriert werden. Unabhängig von der Fitness dauerte es maximal eine Woche, dann war er wieder angekommen.  

Das klingt bequem.

Ist es irgendwie auch. Man braucht sich bei einem Spieler wie Borowski einfach keine Gedanken machen. Die Mechanismen greifen sofort. Das erleichtert auch die Arbeit des Trainers ungemein.  

Greift da auch wieder die Philosophie, eher auf deutsche Spieler zu setzen?

Wenn du einen ausländischen Spieler holst, braucht der eine Menge Eingewöhnungszeit, dann gibt es Sprachprobleme, und es dauert eben, bis der Spieler das System verinnerlicht hat. Das bedeutet immer einen immensen Aufwand.

Welche Rolle soll Tim Borowski genau spielen?

Tim war ein Jahr weg und hat wichtige Erfahrungen gesammelt, ist reifer geworden. Das merkt man. Außerdem ist er jemand, der sich problemlos integriert und auch schnell wieder zusammen mit Mertesacker und mit Torsten Frings eine Führungspersönlichkeit im Team darstellen wird. Wir erwarten von ihm, dass er mit seinen 29 Jahren auch in der Lage ist, der Mannschaft seinen Stempel aufzudrücken.

Hat sich Borowskis Standing innerhalb der Mannschaft verändert?

Innerhalb der Mannschaft hat ihm den Wechsel nach München kaum jemand übel genommen, und es ist jetzt auch keiner sauer, dass er wieder da ist (lacht)

Hat er die Chefrolle in den ersten Wochen bereits andeuten können?

Ja. Tim nimmt die Rolle, die wir ihm zugedacht haben, an. Natürlich hatte er in der letzten Saison etwas zu wenig Spielpraxis, aber er hat sofort versucht, sich positiv in die Mannschaft einzubringen.

Gab es noch andere Gründe für die Verpflichtung Borowskis?

Der Markt hat da sicherlich eine wichtige Rolle gespielt. Im Augenblick ist dieser Transfer eben absolut marktgerecht gewesen. Da hat vieles gepasst, auch im Hinblick darauf, was Werder investieren konnte und wollte. Es hätte ja auch sein können, dass die Bayern acht Millionen Ablöse verlangen, dann wäre dieser Transfer nicht zustande gekommen.

Nun hat neben Diego auch Frank Baumann den Verein verlassen. Wie wird sich das auf das Spiel auswirken?

Sicherlich wird Frank Baumann fehlen. Er war ein ganz eigener Spielertyp, mit einem unglaublich gut geschulten Auge und diesem besonderen Spielverständnis. So jemanden kann man nur schwer ersetzen. Er war ein ganz wichtiger Spieler für uns. Aber er hat gesagt, er macht nicht weiter und wir müssen das akzeptieren.  

Es besteht aber die Gefahr, dass Werders Spiel mit zwei defensiven Mittelfeldspielern wie Frings und Borowski wieder das Gleichgewicht verliert, weil eben ein Spieler wie Baumann fehlt. Einer, der rein defensiv denkt.

Das sehe ich nicht so. Wir haben ja in der letzten Saison viele Tore nach Kontern kassiert. Und da war Baumann noch in der Mannschaft. Das Defensivverhalten muss sich in der ganzen Mannschaft anders darstellen als im vergangenen Jahr.

Nach Baumanns Karriereende: Was erwarten Sie nun von Ihrem neuen Kapitän Torsten Frings?

Torsten muss jetzt noch mehr Verantwortung übernehmen als im letzten Jahr. Aber er hat als Vizekapitän in den Spielen ohne Baumann längst bewiesen, dass er das kann. Wichtig ist, dass er jetzt den Ton angibt und dafür sorgt, dass das, was wir vorgeben, auf dem Platz umgesetzt wird.  

Wie genau?

Er soll auf dem Platz für Ordnung sorgen, dafür, dass eine gewisse Struktur oder Disziplin eingehalten wird.

Sie sind also zufrieden mit der Zusammensetzung im Mittelfeld?

Ich denke schon, Man hat ja immer so Ideale. Man muss sich nur mal Barcelona anschauen. Da spielen Xavi, Iniesta, Busquets oder Yaya Toure zusammen. Das sind ja auch technisch starke Mittlefeldspieler, die alle eher offensiv ausgerichtet sind, sich aber wunderbar ergänzen. Wir haben, glaube ich, eine ganz gute Mischung gefunden.  

Ist Werder mit dieser Mischung also bereit für eine Rückkehr in die Bundesligaspitze?

Es liegt jetzt einfach an uns, unsere Vorstellungen mit den Spielern umzusetzen, die uns zur Verfügung stehen. Und da sehe ich uns gut gerüstet. Wir sind auf einem guten Weg.  

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