17.12.2006

Wolfgang Rolff über große Siege

»Ein Team braucht Sauhunde«

Wolfgang Rolff hat viele Mannschaften dazu gebracht, über sich hinauszuwachsen – so wie heute an der Seite Thomas Schaafs den SV Werder Bremen. Im Gespräch erzählt er, wie es ist, ein Leitwolf zu sein.

Interview: Andre Tucic Bild: Imago
Wolfgang Rolff über große Siege


Beschreiben Sie bitte Ihren Alltag als Co-Trainer.

Hauptaufgabe ist die alltägliche Arbeit auf dem Trainingsplatz. Dann kommen noch Aspekte wie Spielbeobachtung und Video-Auswertung hinzu.

Klingt überschaubar. Aber Sie als Leitwolf müssten doch prädestiniert sein, für mannschaftliche Geschlossenheit zu sorgen. Wie erschafft man Zusammenhalt in der Truppe?

Es ist wichtig, den Spielern das Gefühl zu geben, dass sie gebraucht werden. Und zwar von der Nummer 1 bis zur Nummer 22. Nur so wächst eine homogene Truppe heran. Als Trainer weist man dann den einen oder anderen Spieler darauf hin, mal einen gewissen Kollegen in den Arm zu nehmen oder mit ihm essen zu gehen. Letztlich ist eine familiäre Anbindung an den Verein sehr wichtig.

Werder, eine Familie mit dem knorrigen Vater Thomas Schaaf?

Wer ihn kennt, weiß, dass er nicht knorrig ist. Als Spaßvogel will ich ihn nicht bezeichnen, aber er ist absolut offen – es ist ein angenehmes Zusammenarbeiten. Knorrig stellt er sich mitunter nur nach außen dar.

In der Familie herrscht ein Kommen und Gehen: Gegenüber der Meistermannschaft von 2004 sind außer Klasnic, Baumann, Borowski, Schulz und Reinke keine Spieler mehr im Kader. Wie geht das, binnen so kurzer Zeit eine dermaßen homogene Truppe auf die Beine zu stellen?

Einige Spieler, die wir halten wollten, haben Werder verlassen. Anderen haben wir ans Herz gelegt, sich eine neue Perspektive zu suchen. Daher war es erforderlich, Neueinkäufe zu tätigen. Dabei sind für uns sind die Charakterzüge genauso entscheidend wie die Flexibilität auf mehreren Positionen. Darauf legen wir sehr großen Wert. Natürlich wollen wir nette und aufgeschlossene Menschen in der Mannschaft haben. Aber jedes Team braucht Sauhunde, die für Reibungspunkte sorgen. Daher muss man ab und an einen holen, der unbequem ist. Man sieht es ja derzeit am HSV, wie sehr ihnen ein Sergej Barbarez fehlt.

Und wer ist der Sauhund bei Werder?

Im Augenblick haben wir keinen provokanten Spieler im Kader. Johan Micoud war einer, der Reizpunkte gesetzt hat. Und derzeit ist Torsten Frings jemand, der sich eindeutig zu Wort meldet.

Pflegen Sie eigentlich auch ein privates Verhältnis zu dem einen oder anderen Spieler?

Eher nicht. Natürlich kommt es mal vor, dass man sich im Restaurant über den Weg läuft. Und das ist dann auch angenehm. Aber wir verabreden uns nicht außerhalb des Platzes. Ich kann jedoch behaupten, mit allen ein gutes Verhältnis zu pflegen.

Diego spricht nur einige Brocken Deutsch. Dennoch hat er sich sofort integriert.

Das ist ein Reifeprozess, der bereits in der Vorbereitung beginnt. Er spricht Englisch. Das ist sicherlich ein Vorteil, denn bei uns spricht fast jeder Englisch.

Werder verliert 2:0 in Barcelona, der CL-Traum ist geplatzt. Dennoch fertigt man Frankfurt im Tagesgeschäft leicht und locker mit 6:2 ab. Nur drei Tage danach. Wie geht das?

Im ersten Moment waren die Köpfe unten. Aber wir haben die nötige Qualität, um im Tagesgeschäft zu bestehen. Entscheidende Faktoren sind Konzentration, Laufbereitschaft und das Zweikampfverhalten. Das spielerische Potenzial ist ja vorhanden. Das wissen auch die Spieler.

Wer tritt eher auf die Euphoriebremse, Thomas Schaaf oder Wolfgang Rolff?

In diesem Punkt sind wir beide sehr ähnliche Typen.

Weder Thomas Schaaf noch Sie stehen gerne im Rampenlicht.

Die Medienlandschaft hat sich grundlegend geändert. Zu meiner aktiven Zeit waren nur ein oder zwei Journalisten vor Ort, ab und an ein Kamerateam - nun sind es unzählige. In der heutigen Zeit ist Fußball ein Produkt, das einen Markt bedienen muss. Und als Trainer muss man mitspielen, das ist uns beiden klar.


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