05.06.2008

Wolfgang Rolff im Interview

»Diesmal packen wir es!«

Im EM-Halbfinale 1988 gegen Holland sprang Wolfgang Rolff als Libero ein, konnte aber das 1:2 nicht verhindern. Wir sprachen mit ihm über seine bitterste Niederlage, Ronald Koemans Hygieneverhalten und die Revanche 2008.

Interview: Alex Raack Bild: Imago
Wer hat bei der EM 1988 diesen Durchbruch schaffen können?

Meiner Meinung nach war das vor allem Uli Borowka, der ein gutes Turnier gespielt hat und dabei in den Vordergrund getreten ist.

1988 war für Sie ohnehin ein besonderes Jahr: Mit Bayer Leverkusen haben Sie den Uefa-Cup gewinnen können. Was überwiegt: die Freude über den Vereinstriumph oder der Ärger über das Ausscheiden mit der Nationalmannschaft?

Erstmal muss ich sagen, dass ich sehr glücklich darüber war, bei der Europameisterschaft im eigenen Land überhaupt dabei gewesen zu sein. Es ist eine tolle Atmosphäre, im eigenen Land zu spielen, das war damals genauso wie 2006. Die Stadien waren voll, die Stimmung klasse. Das Ausscheiden realisiert man eigentlich erst wesentlich später, man freut sich einfach, mit der Nationalmannschaft bei einem Turnier gespielt zu haben. Naja, und den Uefa-Cup gewinnt man auch nicht alle Tage.

Es hört sich so an, als ob ihnen ein Titel mit der Nationalmannschaft nicht wirklich fehlt.

Doch, natürlich war und bin ich auch traurig darüber, dass es dazu nicht gereicht hat. 1989 bin ich dann nach Straßburg gewechselt, was später der Grund dafür war, warum ich 1990 nicht bei der WM dabei war. In den drei Turnieren, die ich mit Deutschland gespielt habe, hat es nicht zum Titel gereicht. Das ist schon schade.

Warum waren sie in Italien nicht mit dabei?


Als ich den Vertrag mit Straßburg unterschrieben habe, standen die auf Platz sechs. Danach hat die Mannschaft kein Spiel mehr gewonnen und ich musste im Jahr darauf in der zweiten Liga spielen. Früher war es noch nicht so gang und gäbe, dass man Zweitligaspieler nominiert, wie das heute der Fall ist.

Sie galten ja als der typische Kettenhund, der die gegnerischen Spielmacher ausschaltet. Laufstark, zweikampfstark, robust. Michel Platini, ihr Gegenspieler im Landesmeister-Finale 1983, wird sich sicherlich noch daran erinnern. Wie sah ihre Vorbereitung auf den Gegner aus?


Jeder Spieler hat ja seine Funktion innerhalb der Mannschaft. Wenn wir gegen Mannschaften gespielt haben, die individuelle Klassespieler wie Michel, Laudrup, Platini oder wie diese so genannten Spielmachertypen alle hießen, in ihren Reihen hatten, hat man schon geschaut, wer gegen wen spielen soll. Da hieß es dann: Okay, du hast schon 1986 gegen den gespielt, das ist deiner. Die Funktion würde heute wahrscheinlich ein Torsten Frings übernehmen, wenn man denn unbedingt einen einzelnen Spieler aus der Partie nehmen müsste.

Ist es als Defensivspieler eine Freude, gegen die besten Spieler der Welt anzutreten, oder manchmal eine Qual, weil die eigenen Fähigkeiten im Spielaufbau nicht zur Entfaltung kommen?


Es ist natürlich schön, gegen solche Spieler zu spielen, aber darüber hinaus macht man ja auch was für die eigene Mannschaft und für das Spiel. Es hängt sicherlich auch davon ab, wie man miteinander harmoniert, den Gegner übernimmt. Das hätte man auch im Finale 1986 gegen Argentinien machen können. Wenn Lothar Matthäus und ich zusammen gegen Maradona gespielt hätten, hätte Lothar sicher mehr Freiheiten gehabt, sich nach vorne einzuschalten, und ich hätte ihm dem Rücken freihalten können. So aber hat Thomas Berthold nach seiner Rotsperre wieder gespielt, und ich saß draußen. Aber gut, das war halt die Entscheidung von Franz Beckenbauer, die Lösung so zu finden. Das hätte man natürlich auch anders machen können (lacht).

Gibt es ihren Spielertyp im modernen Fußball überhaupt noch?


Doch, den gibt es noch. Essien von Chelsea ist so ein Spieler, Carrick von Manchester United auch. Natürlich wird dieser Part nicht mehr ganz so extrem gespielt wie noch vor 20 Jahren. Beim HSV haben wir das damals so gespielt, wenn ein gegnerischer Spieler so dominant war, dass man ihn aus dem Verkehr ziehen musste. Natürlich ohne das eigene Offensivspiel zu vernachlässigen, da muss man flexibel agieren. Viele Mannschaften spielen heute mit zwei Sechsern vor der Abwehr, die sich in ihren Aufgaben entsprechend absprechen können. Bei Werder Bremen spielen wir mit der Raute, da müssen dann Spieler wie Frings oder Baumann diese Spieler übernehmen. Wenn ringsum alles funktioniert und man sich auf seine Mitspieler verlassen kann, läuft das Spiel.

Das heißt, so sehr, wie es immer behauptet wird, hat sich das Fußballspiel gar nicht geändert?


Nein – es wird ja immer von den verschiedenen Taktiken gesprochen: 4-3-3 oder nur mit drei Abwehrspielern, Viererkette plus vier im Mittelfeld. Ich denke, jede Mannschaft hat eine gewisse Flexibilität, und die hat auch die deutsche Nationalmannschaft, die sicherlich mit 4-2-2-2 spielen wird. Und mit Stoßstürmern wie Gomez oder Kuranyi kann man auch mit drei offensiven Mittelfeldspielern und einem Stürmer spielen. Da ist die deutsche Mannschaft gut aufgestellt, und Jogi Löw kann seine Taktik so variieren, wie er es gerade braucht.

Sie haben in einem früheren Interview mal behauptet, jede Mannschaft brauche einen echten »Sauhund«. Wer war das beim Turnier 1988?


Naja, es gab einige erfahrene Spieler im Kader. Ich zum Beispiel hab auch mal draufgehauen (lacht), das ist ja klar, aber ob man das jetzt Sauhund nennen will, weiß ich nicht. Wir hatten schon aggressive Spieler in der Mannschaft. Ich war aggressiv, der Lothar Matthäus war aggressiv, Uli Borowka war aggressiv. Wir hatten 1988 einige, die auch schon mal draufhauen konnten.

Vor allem Joachim Löw plädiert ja immer wieder dafür, dass die Abwehrspieler mit wenig Körpereinsatz die Zweikämpfe gewinnen. Aber und zu mal den Schlappen drüber halten, ist doch mit Sicherheit nicht die schlechteste Variante in manchen Spielsituationen.

Das braucht man, es ist ja kein körperloses Spiel. Fußball ist ein Zweikampfspiel und man kann nicht immer jeden ablaufen. Es ist zwar schön, wenn man im Laufen den Zweikampf gewinnt, doch nur damit kommt man auch in der heutigen Zeit nicht aus. Da muss man schon mal in den Zweikampf gehen, um sich Respekt zu verschaffen.

Was ist denn schöner: Eine gut getimte Grätsche an der Außenlinie oder dem Gegner den Ball sauber ablaufen?


Wenn man so stark ist, dass man den Zweikampf ohne Tackling zu 100% schafft, ist das ok, aber meistens ist das ja nicht der Fall. Man muss auch mal richtig in den Zweikampf gehen und ich glaube jeder Spieler ab einer bestimmten Qualität geht so intensiv, wie es erlaubt ist, in den Zweikampf.

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