29.09.2013

Wolfgang Overath über Spielmacher, Selbstzweifel und Netzer

»Er hatte keine Chance gegen mich«

Der deutsche Fußball der siebziger Jahre war geprägt von einem Duell: Wolfgang Overath gegen Günter Netzer. Für unser 11FREUNDE SPEZIAL »Das waren die Siebziger« sprachen wir mit Overath über Spielmacher, Selbstzweifel und seinen Konkurrenten. Und weil Overath heute seinen 70. Geburtstag feiert, lest ihr erstmals Online die komplette Fassung.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Imago

Wolfgang Overath, in den Siebzigern überstrahlte der Spielmacher alles. Worauf basierte die besondere Stellung der »Zehn«?
Schon in meiner Jugend galt der Zehner als der wichtigste Spieler der Mannschaft. Fritz Walter war die größte Zehn, der Spielmacher schlechthin. Er wurde zum Idol vieler Jugendlicher. Wer in Deutschland Spielmacher sein wollte, hat seitdem immer die Zehn gewollt.

Was zeichnete einen Spielmacher aus?
Der klassische Spielmacher war der absolute Mittelpunkt des Spiels. Er wollte selbst permanent den Ball haben. Nur er hat entschieden, ob langsam gespielt wurde, ob gewartet werden musste oder ob es mit einem Steilpass weiterging.

Das Tempo und den Rhythmus eines Fußballspiels zu bestimmen – wie lernt man das?
Gar nicht. Der Spielmacher ist Spielmacher, weil er als Spielmacher geboren wurde. Das Gefühl, das Spiel zu verzögern und den richtigen Pass im richtigen Moment zu spielen, muss er im Blut haben. Sonst hat er keine Chance, Spielmacher zu sein.

Wann wussten Sie, dass Sie Spielmacher sind?
Ich habe schon in der Jugend versucht, immer jeden Ball zu kriegen, so schnell wie möglich. Wenn du den Ball hast, kannst du das Spiel bestimmen. Wenn du in der Spitze spielst, bist du hingegen immer auf die anderen angewiesen.




Borussia Mönchengladbach gilt als die offensivste Bundesligamannschaft der Siebziger …
Das Spiel der Gladbacher war aber eigentlich nur auf den Zehner, Günter Netzer, abgestellt. Hennes Weisweiler hat in der Öffentlichkeit immer erzählt: »Wir sind eine offensive Mannschaft.« Im Grunde war seine Mannschaft aber sehr defensiv eingestellt. Weisweiler hat sich lauter Spieler geholt, die hinten dichtmachten, wie Luggi Müller, Sieloff oder Hacki Wimmer. Sie haben hinten die Räume zugestellt, dann den Ball abgefangen und zu Netzer gespielt. Eigentlich hat Gladbach immerzu auf Konter gewartet. Nur deswegen haben sie dann so häufig 5, 6 oder 7 zu 1 gewonnen.

Netzer war der Spielmacher des Europameisters 1972. Wie haben Sie die Position zurückerobert?
1974 hatte ich die Spielmacherrolle wieder, spielte aber schlecht. Ich kam nicht mit dem Druck klar. Die Journalisten schrieben prompt: »Jetzt muss der Netzer wieder ran!« Obwohl ich vorher über 70 Länderspiele bestritten hatte, durchlebte ich vor der WM meine schwierigste Zeit. Ein Spielmacher braucht viel Selbstvertrauen. Schließlich versucht er, das Spiel immer schnell nach vorne zu tragen, auch mit riskanten Pässen. Solche Pässe gelingen einem aber nur, wenn man eine breite Brust hat.

Haben Sie in dieser Zeit ernsthaft an Ihren Fähigkeiten gezweifelt?
Sicher habe ich gezweifelt. Ich war kein robuster Spieler, kein Brecher, der über die Kraft zum Erfolg kam. Ich hatte Phasen, in denen ich als Techniker sehr stark gespielt habe, in anderen aber auch sehr schwach. Vor der WM fehlte mir die Sicherheit in meinem Spiel. Die Tendenz in der Öffentlichkeit war eindeutig: Netzer sollte an meiner Stelle spielen. Je mehr ich das mitbekam, jedes Bundesliga-Wochenende damit konfrontiert wurde, desto unsicherer wurde ich. Bei den Vorbereitungsspielen fehlte Netzer, wurde von Real Madrid nicht freigestellt. In dieser Phase habe ich katastrophal gespielt. Ich habe sogar überlegt, ob ich die WM absage. Schließlich hatte ich vorher schon genug erreicht, war Zweiter und Dritter geworden.

Sie wollten vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land wirklich abdanken?
Ja, aber dann hat Bundestrainer Helmut Schön gesagt: »Wolfgang, Du musst kommen.« Ich bin also hingefahren nach Malente, die Eisentür der Sportschule ging hinter mir zu und von da an habe ich kein Fernsehen mehr geschaut, keine Zeitungen mehr gelesen. Und im ersten Spiel habe ich alle an die Wand gespielt, als ob ich nie eine schlechte Phase gehabt hätte. Das ging von einer Sekunde auf die andere, plötzlich war ich wieder Stammspieler. Netzer wurde allerdings, je länger das Turnier dauerte, immer besser. Er überwand während des Turniers seine konditionellen Defizite, die er aus Spanien mitgebracht hatte.

Warum hat er trotzdem nicht gespielt bei dieser WM?
Er hatte keine Chance gegen mich. Seine einzige Möglichkeit wäre es gewesen, wenn er in den letzten 15 Minuten gegen die DDR einen Freistoß reingehauen hätte. So konnte ich alle mit meiner Leistung überzeugen und steigerte mich von Spiel zu Spiel. Ich bin auch gegen die DDR nicht ausgewechselt worden, sondern selbst rausgegangen, weil ich mich verletzt hatte. Erst hinterher wurde mir klar: Wenn wir noch gewonnen hätten, wäre die Stimmung wohl wieder zugunsten Netzers gekippt.

Einen erbitterten Zweikampf um die exponierte Position gab es aber nicht?
Privat waren wir immer Freunde. Wir haben viel miteinander telefoniert und uns getroffen, ich habe ihn in seiner Diskothek besucht. Dann haben wir natürlich über Fußball gesprochen, aber auch über Geschäfte und Geldanlagen. Bei der WM 1970 war Netzer nicht im Kader und ist privat nach Mexiko geflogen. Er hat sich über die Erfolge riesig mit mir gefreut, war nach dem Uruguay-Spiel sogar bei mir auf dem Zimmer. Wenn wir in der Bundesliga gegeneinander spielten, ging es aber trotzdem hart zur Sache. Er hat vorher den kleinen Berti Vogts heiß gemacht, und ich habe zu Heinz Simmet gesagt: »Pack dir den Netzer mal!«

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