09.04.2011

Wolfgang Kleff blickt zurück

»Wir waren zu euphorisch«

Fragen Sie mal einen Hund, wer der beste Torwart Deutschlands sei, und der Hund wird sagen: »Kleff!« Wir sprachen mit dem legendären Gladbacher Keeper über die Fohlenelf, Fußball als Kunstform und die rauschhaften 70er.

Interview: Maik Großmann Bild: imago
Schließlich war da noch ein Europacup-Rückspiel gegen Everton, in dem Sie wie im Rausch die unmöglichsten Bälle pariert haben. War das Ihr endgültiger Durchbruch?

Das war es wohl, zumal es auch live im Fernsehen übertragen wurde und ich direkt danach dann in die Nationalmannschaft kam. Jetzt wollen Sie aber natürlich auch die Vorgeschichte hören, nämlich was im Hinspiel passiert ist. Da kam also eine Toilettenrolle in meinen Strafraum geflogen, und die störte mich dermaßen, nicht weil sie benutzt war, sondern weil ich dachte, jemand konnte darüber stolpern, dass ich hingegangen bin um sie aufzuheben. Als nächstes sah ich dann, wie sich dieser Mittelfeldspieler den Ball zurecht legt und ihn zum Entsetzen der Zuschauer, das werde ich nie vergessen, aus 45 oder 50 Metern ins Netz schlägt. Das allein war für mich dann die Verpflichtung fürs Rückspiel.

Ausgeschieden sind Sie dann trotzdem, so wie ohnehin tragische Europapokalduelle so etwas wie Gladbachs Markenzeichen wurden. Ein Jahr später kam es zum Büchsenwurf-Spiel gegen Mailand, 1973 dann die Pleite im Finale gegen Liverpool.

Vergessen Sie nicht das ominöse Spiel bei Real Madrid, wo der Schiedsrichter uns zwei reguläre Tore nicht anerkannt hat! Der hatte wahrscheinlich an der Costa Brava eine Eigentumswohnung, so wurde damals vermutet. Ja, da waren schon viele tragische Spiele dabei. Und da wären wir dann wieder bei den Bayern, die uns da immer einen Tick voraus waren. Gladbach hat auch international eher den schönen Fußball gespielt, aber gerade gegen die großen Gegner eben nicht auf den Punkt. Bayerns Spiel war nicht so schnell und weniger unbeschwert, aber ganz einfach kälter. Allein Gerd Müller war ein Mann, der mit einem einzigen Angriff ein Spiel entscheiden konnte. Die haben anschließend Real Madrid ja auch rausgeworfen, aber in dem Fall sind wir wirklich betrogen worden, sonst hätten wir das auch getan.

1973 kam es zum legendären Pokalendspiel, in das Günter Netzer sich in seinem letzten Spiel selbst zum Sieg einwechselte. Man kann wohl sagen, damit hat er Ihnen die Show gestohlen.

Sicher, das war eins meiner besten Spiele, aber so ist das eben im Fußball. Da kann einer 89 Minuten verschwunden sein, dann kommt er rein, macht das entscheidende Tor und ist der Held. Gerade in diesem Fall haben die Medien das natürlich auch aufgebauscht. Der Günter hatte keine große Saison gespielt und war schlecht in Form, obwohl er kurioserweise dann nach Madrid wechselte. Ich bin mir auch sicher, dass es dem Trainer schwergefallen ist, ihn draußen zu lassen, das hatte nicht nur persönliche Gründe. Er wäre ja verrückt gewesen, einen Günter Netzer in Bestform nicht spielen zu lassen.

Die Spannungen zwischen ihm und Hennes Weisweiler waren trotzdem inzwischen immens. War sein Abschied an dieser Stelle sogar notwendig?


Es war sicherlich damals okay für ihn und auch für uns, damit wir uns von dem großen Namen Günter Netzer mal etwas freischwimmen konnten. Für die Entwicklung anderer Spieler war das insofern schon nötig. Es wäre ja auch traurig für eine Mannschaft, wenn sie nur von einem einzelnen Spieler abhängig wäre. Allerdings war Günter zu dieser Zeit nicht von der Mannschaft isoliert, überhaupt nicht. Kleinere Aufmüpfigkeiten hat es sicher immer gegeben. Ich kann mich an eine Sitzung auf der Geschäftsstelle erinnern, wo sich alle über den lauffaulen Netzer beschweren wollten. Der einzige, der dann etwas gesagt hat, war aber Luggi Müller, alle anderen haben das hinter vorgehaltener Hand getan. Es war ja tatsächlich so, dass der Luggi und auch Peter Dietrich immer ein bisschen mehr für den Günter tun mussten, dafür war seine Kreativität aber auch einmalig.

Nun waren die 70er auch gesellschaftlich eine wilde Zeit. Gab es auch dahingehend Konfrontationen?


Absolut nicht. Jeder hatte zwar seine Clique, in der er sich bewegte, und jeder hatte seine eigenen Ansichten. Aber politisch angehaucht waren wir im Großen und Ganzen gar nicht. Wenn ich jetzt noch mal Revue passieren lasse, was damals so passiert ist: Autofreier Sonntag zum Beispiel, den hab ich damals überhaupt nicht auf dem Programm gehabt. Später hat dann Ewald Lienen den Krefelder Appell initiiert, den hat man aus Gefälligkeit mit unterschrieben, aber nicht weil man sich Gedanken machte, irgendetwas zu bewegen. Politisch war ich völlig uninteressiert und die meisten meiner Mitspieler ebenso. Ich bin auch nicht im Pelzmantel rumgelaufen und hab mir ein Schmuckstück durch die Nase gezogen. Das hätte ich wirklich als lächerlich empfunden. Wenn man ohnehin bekannt ist und auch mal im Fernsehen auftaucht, dann muss man sich nicht auch noch wie einen Weihnachtsbaum behängen. Man ist dann schon auffällig genug.

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