09.04.2011

Wolfgang Kleff blickt zurück

»Wir waren zu euphorisch«

Fragen Sie mal einen Hund, wer der beste Torwart Deutschlands sei, und der Hund wird sagen: »Kleff!« Wir sprachen mit dem legendären Gladbacher Keeper über die Fohlenelf, Fußball als Kunstform und die rauschhaften 70er.

Interview: Maik Großmann Bild: imago

Hallo Herr Kleff. Uli Hoeneß hat mal gesagt, Gladbach hätte zwar den schickeren Fußball gespielt, die überragende Mannschaft der 70er Jahre wäre aber klar der FC Bayern gewesen. Was sagen Sie dazu?

Dagegen kann man gar nicht mal viel sagen. Wir haben zwar mehr Meisterschaften geholt und auch zweimal den UEFA-Cup gewonnen, aber international waren die Bayern ganz einfach abgeklärter und hatten dadurch auch mehr Erfolg. Unser Spiel war da manchmal zu euphorisch.



Zur Borussia kamen Sie 1968 vom Amateurklub VfL Schwerte, und das obwohl Sie dort nicht einmal Stammspieler gewesen waren. Kann das stimmen?


Na ja, ich war schon in der Jugend gut gewesen, nur hat man mich da nicht entdeckt. Zum Beispiel habe ich lange Zeit nie in einer Auswahl gespielt. In Schwerte gab es dann einen älteren Torwart, der unbedingt noch sein verdientes letztes Jahr bekommen sollte. Das hab ich akzeptiert und dafür, das stimmt tatsächlich, ein Jahr in der Reserve gespielt. Danach war ich dann aber gleich Stammspieler und das auch sehr erfolgreich. In den Zeitungen schrieb man damals immer von der »1:0-Mannschaft aus Schwerte«. Soll also heißen, ein Tor hat uns immer zum Sieg gereicht, weil ich so gut gehalten habe.

Irgendwann kam es dann zum Probetraining in Gladbach. Fans und Medien waren anfangs eher skeptisch. Kaum waren Sie aber Stammkeeper, wurde Gladbach dann zum ersten Mal Meister. Zufall?

Das wäre ein wenig vermessen. Dass wir gleich Meister wurden, lag eher daran, dass Hennes Weisweiler taktisch umgedacht und gezielt die Abwehr verstärkt hat. Bestimmt hab ich dazu auch beigetragen, aber erst mit Luggi Müller und Klaus-Dieter Sieloff wurden wir hinten so stabil, dass wir auch mal ein 1:0 oder 2:1 nach Hause bringen konnten. Das war der Schlüssel zum Titel. Klar war ich ein unbeschriebenes Blatt, aber das hat mich nicht gekümmert. Bei meinem ersten Spiel gegen Aachen hatte ich gerade an die zehn Kilo verloren, weil ich das harte Training nicht gewohnt war. Meinen zweiten Einsatz bekam ich dann genau ein halbes Jahr später, nämlich wieder gegen Aachen. Mit Volker Danner war da irgendwas vorgefallen, der flippte öfter mal aus und da hat ihn der Hennes Weisweiler eliminiert. Zu mir hatte er mittlerweile Vertrauen. Ich kam also ins Tor und hab von da an siebeneinhalb Jahre durchgespielt, ohne einmal auszusetzen.

Alle bisherigen Deutschen Meister waren bis dahin Eintagsfliegen geblieben, Nürnberg sogar direkt abgestiegen. Warum hat Gladbach sich an der Spitze halten können?

Weil wir unserer Zeit weit voraus waren. Wir waren so stabil, dass der Weisweiler in aller Ruhe junge Leute dazuholen und kontinuierlich einbauen konnte. So hatten wir dann nicht nur elf, sondern 16 oder 17 gute Spieler und damit eine viel bessere Breite als die Meister vor uns. Wenn dann Günter Netzer mal ausfiel, kam halt der Dietmar Danner rein. Der hat zwar etwas anders gespielt, konnte ihn aber voll ersetzen. Außerdem waren wir spielerisch natürlich erheblich stärker als es meinetwegen Nürnberg und Braunschweig gewesen waren.

Der Titel wurde 1971 verteidigt und das in der wohl aufwühlendsten Saison, die es in der Bundesliga je gegeben hat. Fangen wir mal beim Pfostenbruch an.

Den habe ich aus ungefähr 115 Metern Entfernung erlebt, da ich ja logischerweise im anderen Kasten stand. Es gab irgendwie einen Freistoß oder Eckball, jedenfalls eine Flanke. Herbert Laumen kam mit Wucht angelaufen, wollte sich am Netz festhalten und hat das Ding damit zum Einsturz gebracht. Das lag aber nicht an seinem Übergewicht.

Werder wollte unbedingt zu Ende spielen, Ihr Team dagegen eine Neuansetzung. Bis heute behaupten die Bremer beharrlich, Gladbach hätte deswegen alle Versuche torpediert, das Tor wieder aufzustellen.

Nein, nein, das war völlig unmöglich. Das konnte man gar nicht, weil der Pfosten ja durchgebrochen war. Man hat in der Hektik ja noch versucht, vom Nachbarplatz ein anderes Tor zu besorgen. Außerdem war ein Fundament im Boden eingelassen. Da hätte es schon einen Bagger gebraucht, um das rauszuholen und danach neu einzubetonieren. In der kurzen Zeit war das natürlich unmöglich. Am liebsten hätten wir doch selbst weitergespielt, weil wir natürlich gewinnen wollten, um die Bayern auf Abstand zu halten. Wiederholungsspiel, okay, das wäre vielleicht ein Argument gewesen. Aber die Rechtslage war völlig undurchsichtig, weil es so einen Fall ja noch nie gegeben hatte.

Völlig überraschend gingen die Punkte am grünen Tisch nach Bremen und hätten Gladbach in der Endabrechnung fast zur Meisterschaft gefehlt. Die Bayern boten damals für diesen Fall ein Entscheidungsspiel an. Ein scheinheiliges Manöver?

Daran kann ich mich gar nicht erinnern, und ich bin auch nicht sicher, ob der DFB so etwas mitgemacht hätte. Es wäre natürlich ärgerlich gewesen, wenn der Punkt uns am Ende gefehlt hätte, aber es war eben nicht mehr zu ändern und außerdem schon mitten in der Saison passiert. Wir hatten also genug Zeit, uns damit abzufinden.

In Erinnerung blieb die Spielzeit ohnehin eher wegen des Bundesligaskandals. Was haben Sie davon mitbekommen?

Ich war nicht einmal schockiert, sondern hab nur gedacht, die reden von etwas anderem. Für mich war das so weit entfernt wie der Mond, und ich war mir auch über die Konsequenzen überhaupt nicht im Klaren, zumal es uns ja überhaupt nicht betraf. Es war einfach unvorstellbar für mich. Aber wie man im Nachhinein sieht, ist wenn es um Geld geht wohl vieles möglich im Sport. Natürlich darf man so etwas gar nicht erst anfangen, aber wenn dann auch noch zu viele Leute Bescheid wissen, dann ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis es rauskommt. Von daher war es also Dummheit, Naivität und ein bisschen Habgier.

Hat es bei Ihnen denn auch jemand versucht? Gerade als Torwart war man für Bestechungen ja interessant, siehe Manfred Manglitz vom 1. FC Köln.

Nein, das wäre ja schockierend gewesen. Ich selbst habe tatsächlich erst davon erfahren, als es nach der Saison öffentlich gemacht wurde. Wir hatten das natürlich auch nicht nötig und sind hier bei Borussia Mönchengladbach immer anständig behandelt worden. Gut, die Bezahlung war eine andere, aber die lag völlig im Rahmen der damaligen Zeit. Vor allem hat der Vorstand uns die Redlichkeit vorgelebt. Helmut Grashoff und Dr. Helmut Beyer, das waren integre Leute, der eine Unternehmer und der andere Kaufmann. Bei solch gestandenen Geschäftsleuten wäre das niemals in die Tüte gekommen. Da hätten dann schon halbseidene Unterweltler am Werk sein müssen.

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