Wolfgang Holzhäuser über seinen Rücktritt bei Bayer Leverkusen

»Viele haben mich ausgelacht«

Wolfgang Holzhäuser tritt vom Posten als Geschäftsführer bei Bayer 04 Leverkusen zurück. Mit seinen Ideen für Reformen hat der Hesse die Bundesliga geprägt – und immer wieder auch genervt. In 11FREUNDE #140 zieht der streitbare Funktionär eine sentimentale Bilanz.

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140

Wolfgang Holzhäuser, Sie treten als Geschäftsführer von Bayer 04Leverkusen zurück. Haben Sie die Lust am Meckern verloren?
Im Gegenteil. Wenn mir etwas fehlen wird, dann das Meckern. Etwas zu entwickeln, war und ist Teil meiner Mentalität.

Warum hören Sie dann auf?
Ich wollte den Tag meines Abschieds selbst bestimmen. Mir klang der Satz des ehemaligen Telekom-Chefs Ron Sommer im Ohr, der sagt, dass die Leistung einer Laufbahn stets vom Ende aus beurteilt wird. Als wir in dieser Saison bei den Bayern gewannen, fing ich an zu überlegen, ob diese Spielzeit vielleicht die richtige für den Abschied sein könnte.

Und wann waren Sie sicher?
Vor einem Spiel, dass wir mal wieder »unbedingt gewinnen mussten«, wie es so schön heißt. Ich stand einen Kilometer von der BayArena im Auto an einer Ampel und grübelte, ob ich mich eigentlich aufs Spiel freue oder ob ich Angst vor der Niederlage habe. Das erste Mal überlegte ich, ob es nicht besser wäre, wieder nach Hause zu fahren. Mir wurde klar, dass ich mit dem Druck nicht mehr so umgehen kann wie früher.

Sie haben die Liga häufig mit Reformvorschlägen konfrontiert. Welche Ihrer Ideen halten Sie im Nachhinein für völligen Quatsch?
Ob es völliger Quatsch war, lasse ich mal dahin gestellt, aber ich habe mal den Vorschlag gemacht, die Spannung in der Liga durch ein zeitlich aufeinanderfolgendes Hin- und Rückspiel zu erhöhen und dabei dem Gesamtsieger Europapokalmuster einen Extrapunkt zu geben. Stellen Sie sich vor, wir verlieren durch ein Abseitstor in München, und am Samstag drauf folgt das Rückspiel bei uns. Der Vorschlag war so brisant, dass Sepp Blatter einen Brief schrieb, um uns davon abzubringen und Franz Beckenbauer sagte: »Fußball muss einfach bleiben, den muss sogar meine Oma verstehen.« Die Diskussion anzustoßen war politisch falsch, auch wenn ich die Idee nach wie vor für nicht schlecht halte.

Welche Ideen waren noch politisch unvermittelbar?
Ich plädiere weiterhin dafür, ein Halbfinale und Finale um die deutsche Meisterschaft zu spielen.

Eine Play-Off-Runde.
Falsch, es soll nicht jeder gegen jeden spielen, sondern am Saisonende ein Halbfinale Erster gegen Vierter und Zweiter gegen Dritter stattfinden. Da würde die Nation beben. Ist aber nicht durchsetzbar.

Warum eigentlich nicht?
Weil wir Deutschen konservativ sind und der Fußball erzkonservativ.

Vielleicht kommt Bewegung in die Sache, wenn der FC Bayern auch nächstes Jahr mit 25 Punkten Vorsprung Meister wird.
Glaube ich nicht, dafür werden allein schon die Bayern sorgen.

Welche Idee haben Sie nie zu äußern gewagt.
Zu spät, ich habe sie leider vor einem halben Jahr geäußert.

Welche meinen Sie?
Der Fußball hat fast alle Sportarten aus dem Fernsehen verdrängt. Das finde ich fürchterlich. Wissen Sie, wer Deutscher Meister über 100 Meter ist?

Ähem.
Sehen Sie, das weiß kein Mensch. Durch den neuen TV-Vertrag haben alle Vereine nun gut zehn Millionen Euro mehr im Jahr. Mein Vorschlag war, ob wir Bundesligisten uns nicht darauf verständigen könnten, einen geringen Prozentsatz davon anderen Sportarten zur Verfügung zu stellen. Weil das Geld sonst wieder nur in die Taschen der Spieler und derer Berater wandert. Aber viele haben mich ausgelacht.

Und welche Reform darf niemals kommen?
Die Abschaffung der Verzahnung zwischen den Ligen. Die Bundesliga darf nie ein geschlossenes System werden. Auf- und Abstieg muss es immer geben.


Als ein Architekt des Ligaverbandes DFL haben Sie die Kommerzialisierung des Fußballs mit voran getrieben. Was ist eigentlich für Sie Fußballkultur?
Blöd gesagt: Sonntagmorgen im Regen mit den Rentnern bei einem Jugendspiel am Spielfeldrand zu diskutieren. Fußballkultur ist jedenfalls nicht, wenn Fans bei einem Bundesligaspiel, wenn das Fernsehen da ist, auf dem Zaun stehen und Tradition einklagen. Das sorgt zwar für Atmosphäre, hat aber nichts mit Fußballkultur zu tun.

Träumen Sie noch oft von 2002?
Ja, aber schlimmer ist das Trauma von Unterhaching. Bis heute bin ich noch höchst frustriert, wenn ich da vorbeifahre. 2002 waren wir immerhin drei Mal Zweiter in wichtigen Wettbewerben. Aber 2000 in Unterhaching waren wir praktisch Meister. Dort zu verlieren, war furchtbar.

Welche Spielertransfers haben Ihnen am meisten bedeutet?
Simon Rolfes und Stefan Kießling. Rolfes, weil er von vielen als Zweitligaspieler gescholten wurde, und es bei uns in die Nationalelf schaffte. Kießling, weil er mit einer Ablöse von fünf Millionen Euro ein großes Wagnis darstellte. Seine Einstellung stimmte, aber anfangs ging vieles schief. »Bild« titelte: »Die teuerste Bratwurst der Bundesliga«. Wenn ich die Schlagzeile finde, lass ich sie  einrahmen und hänge nebendran sein Bild mit der Torjägerkanone.

Und welcher Spieler bereitete Ihnen die meisten schlaflosen Nächte?
Ballack. Dabei konnte der Michael gar nichts dafür. Wir haben das Thema falsch eingeschätzt. Wir fürchteten, Simon Rolfes würde wegen seines Knorpelschadens nicht mehr zurückkommen und wir brauchten einen Leitwolf. Aber er war nicht mehr der Ballack, den wir aus der ersten Zeit bei Bayer 04 kannten.

Karl-Heinz Rummenigge empfindet die Bezeichnung »Funktionär« als Beleidigung. Wie sehen Sie das?
Ich empfinde ihn nicht als negativ, schließlich habe ich nur so Spuren im Fußball hinterlassen können. Als Aktiver hätte ich das nie geschafft.

Ihnen ist es gelungen, den despektierlichen Begriff der »Werkself« in ein positives Licht zu rücken.
Ich habe mich lange dagegen gewehrt, das Bayer Leverkusen ein Klub ist, der im Labor geschaffen wurde und Geld ohne Ende bekommt. Meine Politik zielte darauf ab, eine Nische zu finden, die sowohl einen Gegensatz zu sogenannten Traditionsklubs als auch zu Vereinen wie Wolfsburg oder Red Bull Gottweißwas bildet. Diese Nische heißt nun  »Werkself«.

Mit »Vizekusen« wird Ihnen das nie gelingen.
Aber auch den Begriff haben wir uns schützen lassen. Uli Hoeneß hat mal gesagt: »Wer Vizekusen schützen lässt, würde bei mir entlassen.« Mich hat das amüsiert: Denn ich wollte nie für die Bayern arbeiten und offenbar hat ihn meine Aussage geschäftlich interessiert. Unser Konzept war, dass die Nation in Tränen ausbrechen solle, wenn wir wieder mal Zweiter werden. Als Vorbild diente Raymond Poulidor, der in Frankreich in den Sechzigern zum Idol seiner Ära avancierte, weil er bei der Tour de France drei Mal Zweiter und fünf Mal Dritter wurde, das Rennen aber nie gewann.

Stichwort: Hoeneß. Wer war in all den Jahren Ihr Lieblingsfeind unter den Bundesliga-Bossen?
Heribert Bruchhagen, obwohl der Begriff »Feind« nicht stimmt. Wir schätzen uns sehr, aber wir können nicht umhin uns ständig aufs Neue die Meinung zu geigen. Er stellt sich ja gern als Retter der Entrechteten dar. Deswegen nenne ich ihn den »Robin Hood aus dem Riederwald«. Ein guter Mann, aber am Ende auch nur ein Dieb. (Lacht.)

Jetzt können Sie es doch sagen: Was hat Sie an Reiner Calmund am meisten genervt?
Die episch langen Mittagessen, bei denen man sich partout nicht wegstehlen konnte.

Weil soviel gegessen oder so ausdauernd geredet wurde?
Das eine bedingte das andere.

Wie ging das überhaupt? Sie, der penible Mann der Zahlen und Calmund, der für Transfers auch mal in die Trickkiste griff.
So gesehen waren wir kongeniale Partner. Wissen Sie, ich habe den Satz geprägt: »Profifußball heißt: Sport ist Maximum bei ausgeglichener Finanzstruktur.« Das haben wir hinbekommen. Wir haben die Ziele, die wir erreicht haben, immer bezahlen können.

Sind Sie eigentlich so penibel, wie es immer heißt?
Ich kann penibel sein, wenn wir einen Transfers von einer Million machen, das Geld in drei Raten fließt und Mitarbeiter vergessen, Zinsen zu vereinbaren. Denn eine Million ist nicht eine Million, wenn ich sie über einen Zeitraum von zwei Jahren bekomme. Dann muss ich 30 000 Euro Zinsen drauf legen. Da bin ich penibel, aber sonst würde ich mich nicht als Appatschik sehen. Ich bin sehr von Musik beeinflusst, wenn Sie jetzt nicht hier wären, würde unter Garantie der iPod laufen.

Und was?
Jazz. Früher habe ich viel Rock gehört. Emerson, Lake & Palmer, Chicago, Blood, Sweat and Tears, Pink Floyd. 1975 aber fragte mich ein Studienfreund, ob ich mit zu einem Konzert von Passport käme.

Dem Projekt des deutschen Jazzers Klaus Doldinger.
Ich sagte: »Bist Du bescheuert, was soll ich mit Doldinger?« Allerdings spielte er an dem Abend mit zwei Schlagzeugern, einer war Keith Moon, der Drummer von The Who. Also ging ich mit und war fortan Jazz-Fan.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn im Stadion nach dem Abpfiff sofort die Partymucke losdröhnt.
Ich versuche, es nach bestem Wissen und Gewissen zu ignorieren. Auch ein Vorstoß, den ich heute nicht mehr machen würde.

Die Partymucke abzuschaffen?
Das nicht, aber ich habe mich sehr für eine wiedererkennbare Vereinshymne eingesetzt. Allerdings kam bei der Auftragsarbiet ein furchtbares Gedudel heraus, aber nichts Gehaltvolles mit dem Potenzial zu wachsen, wie etwa »You never walk alone« beim FC Liverpool.

Welches Ritual werden Sie in Zukunft vermissen?
Zwanzig Minuten vor Anpfiff von der Ersatzbank den Spielern beim Warmmachen zuzuschauen, mit ihnen beim Auflaufen abzuklatschen und nach dem Spiel in die Kabine zu kommen. Ich bin beim letzten Saisonspiel in Hamburg, als alle schon weg waren, nochmal zurück in Kabine, um sie mir genau anzuschauen, denn ich wusste: Hier komme ich nie wieder her.

Sie sind sehr sentimental.
Ich neige zur Melancholie. Deswegen möchte ich auch keine offizielle Verabschiedung. Kurz den Mitarbeitern »Auf Wiedersehen« sagen, das schaffe ich, aber es darf nicht länger als fünf Minuten dauern.

Weil sonst die Tränen schießen.
So ungefähr.

Und Bilder, so wie wir sie nun auch von Jupp Heynckes kennen, wollen Sie nicht.
Ich will sie niemanden zumuten. Wer mich kennt, weiß, dass ich diese Ader habe. Um mich aufzumuntern, brauche ich regelmäßig meine Portion Deep Purple.

Frühphase.
»Made in Japan«, na klar.

Das Livealbum.
Und dann natürlich »Child in Time«.

Ist das der Song, den Sie sich gönnen, wenn Sie am 30. September endgültig die heiligen Hallen in der BayArena verlassen?
Nein, dann wird wohl ein Song des Jazzers Nils Landgren laufen.

Und welcher?
»Please don’t tell me how the story ends«

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