28.06.2013

Wolfgang Holzhäuser über seinen Rücktritt bei Bayer Leverkusen

»Viele haben mich ausgelacht«

Wolfgang Holzhäuser tritt vom Posten als Geschäftsführer bei Bayer 04 Leverkusen zurück. Mit seinen Ideen für Reformen hat der Hesse die Bundesliga geprägt – und immer wieder auch genervt. In 11FREUNDE #140 zieht der streitbare Funktionär eine sentimentale Bilanz.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Als ein Architekt des Ligaverbandes DFL haben Sie die Kommerzialisierung des Fußballs mit voran getrieben. Was ist eigentlich für Sie Fußballkultur?
Blöd gesagt: Sonntagmorgen im Regen mit den Rentnern bei einem Jugendspiel am Spielfeldrand zu diskutieren. Fußballkultur ist jedenfalls nicht, wenn Fans bei einem Bundesligaspiel, wenn das Fernsehen da ist, auf dem Zaun stehen und Tradition einklagen. Das sorgt zwar für Atmosphäre, hat aber nichts mit Fußballkultur zu tun.

Träumen Sie noch oft von 2002?
Ja, aber schlimmer ist das Trauma von Unterhaching. Bis heute bin ich noch höchst frustriert, wenn ich da vorbeifahre. 2002 waren wir immerhin drei Mal Zweiter in wichtigen Wettbewerben. Aber 2000 in Unterhaching waren wir praktisch Meister. Dort zu verlieren, war furchtbar.

Welche Spielertransfers haben Ihnen am meisten bedeutet?
Simon Rolfes und Stefan Kießling. Rolfes, weil er von vielen als Zweitligaspieler gescholten wurde, und es bei uns in die Nationalelf schaffte. Kießling, weil er mit einer Ablöse von fünf Millionen Euro ein großes Wagnis darstellte. Seine Einstellung stimmte, aber anfangs ging vieles schief. »Bild« titelte: »Die teuerste Bratwurst der Bundesliga«. Wenn ich die Schlagzeile finde, lass ich sie  einrahmen und hänge nebendran sein Bild mit der Torjägerkanone.

Und welcher Spieler bereitete Ihnen die meisten schlaflosen Nächte?
Ballack. Dabei konnte der Michael gar nichts dafür. Wir haben das Thema falsch eingeschätzt. Wir fürchteten, Simon Rolfes würde wegen seines Knorpelschadens nicht mehr zurückkommen und wir brauchten einen Leitwolf. Aber er war nicht mehr der Ballack, den wir aus der ersten Zeit bei Bayer 04 kannten.

Karl-Heinz Rummenigge empfindet die Bezeichnung »Funktionär« als Beleidigung. Wie sehen Sie das?
Ich empfinde ihn nicht als negativ, schließlich habe ich nur so Spuren im Fußball hinterlassen können. Als Aktiver hätte ich das nie geschafft.

Ihnen ist es gelungen, den despektierlichen Begriff der »Werkself« in ein positives Licht zu rücken.
Ich habe mich lange dagegen gewehrt, das Bayer Leverkusen ein Klub ist, der im Labor geschaffen wurde und Geld ohne Ende bekommt. Meine Politik zielte darauf ab, eine Nische zu finden, die sowohl einen Gegensatz zu sogenannten Traditionsklubs als auch zu Vereinen wie Wolfsburg oder Red Bull Gottweißwas bildet. Diese Nische heißt nun  »Werkself«.

Mit »Vizekusen« wird Ihnen das nie gelingen.
Aber auch den Begriff haben wir uns schützen lassen. Uli Hoeneß hat mal gesagt: »Wer Vizekusen schützen lässt, würde bei mir entlassen.« Mich hat das amüsiert: Denn ich wollte nie für die Bayern arbeiten und offenbar hat ihn meine Aussage geschäftlich interessiert. Unser Konzept war, dass die Nation in Tränen ausbrechen solle, wenn wir wieder mal Zweiter werden. Als Vorbild diente Raymond Poulidor, der in Frankreich in den Sechzigern zum Idol seiner Ära avancierte, weil er bei der Tour de France drei Mal Zweiter und fünf Mal Dritter wurde, das Rennen aber nie gewann.

Stichwort: Hoeneß. Wer war in all den Jahren Ihr Lieblingsfeind unter den Bundesliga-Bossen?
Heribert Bruchhagen, obwohl der Begriff »Feind« nicht stimmt. Wir schätzen uns sehr, aber wir können nicht umhin uns ständig aufs Neue die Meinung zu geigen. Er stellt sich ja gern als Retter der Entrechteten dar. Deswegen nenne ich ihn den »Robin Hood aus dem Riederwald«. Ein guter Mann, aber am Ende auch nur ein Dieb. (Lacht.)

Jetzt können Sie es doch sagen: Was hat Sie an Reiner Calmund am meisten genervt?
Die episch langen Mittagessen, bei denen man sich partout nicht wegstehlen konnte.

Weil soviel gegessen oder so ausdauernd geredet wurde?
Das eine bedingte das andere.

Wie ging das überhaupt? Sie, der penible Mann der Zahlen und Calmund, der für Transfers auch mal in die Trickkiste griff.
So gesehen waren wir kongeniale Partner. Wissen Sie, ich habe den Satz geprägt: »Profifußball heißt: Sport ist Maximum bei ausgeglichener Finanzstruktur.« Das haben wir hinbekommen. Wir haben die Ziele, die wir erreicht haben, immer bezahlen können.
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