Wolf Werner im Interview

„Die Trainer müssen es ausbaden“

Nach der kommenden Saison werden die beiden Regionalligen zu einer 3. Bundesliga zusammengelegt. Wir sprachen mit Wolf Werner, Sportdirektor von Fortuna Düsseldorf, über Fluch und Segen der neuen Spielklasse. Imago
Heft #69 Sonderheft 2007/08
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69

Herr Werner, glauben Sie, dass die Vereine der Regionalligen ein Wettrüsten betreiben und es in der kommenden Saison ein Hauen und Stechen um die Qualifikationsplätze für die neue 3. Bundesliga geben wird?

Ja. Ein Wettrüsten birgt jedoch die Gefahr, dass man sich durch hohe Investitionen zwar sportlich für die neue 3. Liga qualifiziert, dann aber dann keine Lizenz erhält, weil man sich finanziell übernommen hat. Ich denke, dass jeder Verein versuchen wird, sich sportlich zu verbessern, dabei aber mit Vernunft handeln wird. Niemand wird vor der Saison seine finanziellen Grenzen überschreiten. Wenn es aber dann in der Saison nicht läuft, und wenn die eine oder andere Mannschaft hinter ihren Erwartungen zurückbleibt, muss man abwarten, wie die Verantwortlichen darauf reagieren werden. Da letztes Jahr schon fast 50% aller Trainer im Profibereich ausgetauscht wurden, gehe ich auch dieses Jahr davon aus, dass die Trainer wieder die Leidtragenden sein werden und es ausbaden müssen.

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Was ist Ihr Ziel mit Fortuna Düsseldorf für die nächste Saison? Die Qualifikation für die 3. Liga, oder peilen Sie ganz klar den Aufstieg in Liga 2 an?

Den Aufstieg in die 2. Liga geben wir nicht vorbehaltlos als Zielstellung aus. Wir haben zwar einen sehr guten, aber keinen übermächtigen Kader zusammengestellt. Wir hoffen, im oberen Bereich mitzuspielen, und mit ein oder zwei zusätzlichen Verstärkungen traue ich der Mannschaft auch sehr wohl zu, sich dort zu etablieren. Die Zielvorgabe Aufstieg wäre nach der unbefriedigenden Rückrunde in der letzten Saison allerdings vermessen.

Unternehmen auch Sie in diesem Jahr besondere finanzielle Anstrengungen, um Ihr Ziel zu erreichen?

Bis dato kaum, wir versuchen aber noch, ein oder zwei herausragende Spieler zu verpflichten. Das wäre dann ein Mehr an Investitionen. Wenn wir den Kader noch verstärken, dann werden wir das mit Spielern tun, die mindestens Zweitliganiveau haben.

Wird das die wichtigste Saison in der Düsseldorfer Vereinsgeschichte?

In der gesamten Vereinsgeschichte mit Sicherheit nicht, dafür hat die Fortuna viel zu viel Tradition und lange Jahre in der ersten Liga gespielt. Aber um nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten oder gar in die 4. Liga abgeleiten, wird die kommende Saison schon eine sehr bedeutungsvolle Spielzeit - nicht nur für die Fortuna, sondern für alle Traditionsvereine in der Regionalliga.

Haben Sie auch Befürchtungen, dass Sie durch die erhöhten Investitionen bei den Konkurrenten einen Qualifikationsplatz verpassen könnten? Holstein Kiel ist ja ein warnendes Beispiel, wie man mit großen Erwartungen und Budget in die Saison gehen kann und dann scheitert.

Die Kieler sind mit der Ansage in die Saison gestartet, aufsteigen zu wollen. So vermessen sind wir nicht. Wir wollen uns relativ souverän für die 3. Liga qualifizieren. Wir hoffen natürlich, gut aus den Startlöchern zu kommen, und dann vorne mitspielen zu können. Aber dafür bedarf es wie gesagt noch ein oder zwei Verstärkungen. Die Jungs, die bisher aus der Oberliga und aus der Regionalliga zu uns gestoßen sind, waren in ihren Mannschaften alles herausragende Spieler. Wir sind also selbstbewusst, aber der Ball muss erstmal gespielt werden.

Wer sind Ihre Aufstiegfavoriten für die kommende Regionalligasaison?


Das ist schwer zu sagen. Das sind sicher die Zweitligaabsteiger Rot-Weiss Essen und Eintracht Braunschweig zu nennen, und es wird auch sicher wieder eine Überraschungsmannschaft geben. Es wird sich zeigen, wie sich die Saison entwickelt und ob sich die Etablierten so durchsetzen werden, wie sie es hoffen.

Ist die neue Spielklasse ein Fortschritt?

Als damals die 2. Liga ins Leben gerufen wurde, wurde auch von vielen Leuten schwarz gemalt, doch letztendlich ist nichts passiert. Ich bin optimistisch, dass sich auch diese 3. Liga einspielen, und zu einer guten Liga im deutschen Fußball werden wird. Die sportliche Qualität wird steigen, weil dann nur die 20 besten von 37 Vereinen dabei sind. Es findet also eine Spitzenkonzentration nach oben statt. Das erhöht eindeutig die sportliche Qualität. Man muss seinen Kader dann zwar verstärken, aber durch den Wegfall von 17 Vereinen wird auch eine Vielzahl von Spielern frei, die unbedingt 3. Liga spielen wollen und es sportlich auch können.

Und finanziell?

Die neue Liga wird sicherlich ein finanzieller Kraftakt. Doch es ist auch noch nicht einmal klar, wie hoch die Fernsehgelder sein werden. Das muss alles noch festgelegt werden.

Warum gibt es die 3.Liga eigentlich?


Die Initiative ging von den Traditionsmannschaften wie Düsseldorf, Osnabrück, Lübeck und Braunschweig aus. Diese Vereine waren unzufrieden mit der zweigleisigen Regionalliga, vor allem mit der Tatsache, dass immer mehr zweite Mannschaften der Profivereine in den Regionalligen gespielt haben. In den anfänglichen Überlegungen war sogar vorgesehen, die Meisterschaft dieser Liga gänzlich ohne Reserveteams auszutragen. Doch dagegen wurde erfolgreich interveniert.

Sie waren damals Leiter des Werder-Jugendinternats. Damals haben sie diese Entscheidung sicherlich begrüßt. Wie sehen sie das heute als Verantwortlicher einer ersten Mannschaft?

Auch wenn ich jetzt bei der Fortuna bin, ist es immer noch meine Auffassung. Wenn wir schon eine Konzentration der guten Spieler schaffen, dann kann man die herausragenden Spieler der U23-Teams nicht ohne weiteres in die 4. Liga stopfen. Zumindest sportlich muss die Möglichkeit bestehen, dass die zweiten Mannschaften aufsteigen können. Die bisweilen heraufbeschworene Gefahr, dass die Reserveteams die Liga dominieren werden, ist nicht sonderlich groß. Die vergangene Saison hat gezeigt, dass sich diese Teams vielfach in den unteren Tabellenregionen bewegen. Es sind sogar drei U-Teams abgestiegen.

Aber Hand aufs Herz, als Geschäftsführer Sport der Fortuna muss Ihnen doch an attraktiven Gegner gelegen sein.


Natürlich. Aber es kann ja nicht sein, dass beispielsweise ein Tim Borowski zu seiner Zeit in der Amateurmannschaft von Bremen, nur weil er in der zweiten Mannschaft spielt, in die 4. Liga runtergestuft wird. Spieler dieser Kategorie müssen die Chance haben, sich in der 3. Liga zu beweisen. Die besten deutschen U23-Spieler müssen zumindest theoretisch dort spielen können. Da hat sich meine Meinung nicht geändert.

Und die Gefahr, dass die 3.Liga langfristig nur als Nachwuchsreservoir für die Profimannschaften funktioniert...

Insgesamt kommt mit der 3. Bundesliga ein gesunder Wettbewerb auf uns zu. Vieles wird sich aber ohnehin von alleine regulieren, denn die zweiten Mannschaften werden keinen Cent Fernsehgelder mehr erhalten. Das heißt die finanzielle Belastung ruht allein auf der Profimannschaft, welche die zweite Mannschaft in Zukunft komplett subventionieren muss. Deshalb wird es von den Profivereinen nur ein sehr eingeschränktes Interesse geben, sich mit ihren Reserveteams in der 3. Liga zu etablieren.

Die BVB-Amateure haben auch durch ein Tor von Profispieler Lars Ricken am letzten Spieltag die Klasse gehalten.

Man muss noch über die eine oder andere Regularie nachdenken und bestimmte Dinge einschränken. Nach den Statuen und Durchführungsbestimmungen war die Handlungsweise von Borussia Dortmund durchaus legitim. Aber dass in der Endphase der Meisterschaft Sebastian Kehl eingesetzt wurde, mag zumindest moralisch gewertet werden. Man darf nicht vergessen, dass es sich bei Kehl um einen Nationalspieler handelt, der folglich fußballerisch aus einer ganz anderen Sphäre kommt.

Die Traditionsmannschaften haben die Reform angestoßen, wer hat sich denn dagegen gesträubt?

Es gab zum einen von den Vereinen Widerstand, die nicht so viel Tradition haben, besonders von den kleineren Vereinen aus dem Süden. Diese mussten die Befürchtungen haben, dass sie sich nicht für die 3. Liga qualifizieren, da sie nicht die dafür notwendigen finanziellen Mittel haben. Zum anderen gab es großen Widerstand von den Profivereinen, die damals eine Reservemannschaft in der Regionalliga hatten. Es war von der zuständigen Kommission ja praktisch schon beschlossen, die zweiten Mannschaften zu eliminieren. Erst auf Intervention der Profiteams, die mit ihren Reserveteams in der Regionalliga vertreten waren, wurde ein vernünftiger Kompromiss gefunden. Für die erste Drittligasaison dürfen sich nun maximal vier Reserveteams qualifizieren, ab dem zweiten Jahr gibt es diesbezüglich dann keine Beschränkungen mehr.

Glauben Sie, dass das kommende Modell mit drei Bundesligen in dieser Form langfristig Bestand haben wird? Schließlich hat es in der Vergangenheit unterhalb der 1. und 2. Liga aus verschiedenen Gründen immer wieder Änderungen gegeben.

Man hat sich international umgesehen und hat erkannt, dass man mehr für die Nachwuchsförderung tun muss. Im Breitensport sind wir in Deutschland super aufgestellt, aber wir haben Defizite, was die Spitzenforderung betrifft. Um die Jahrtausendwende gab es in dem Bereich den größten Mangel. Der Nachwuchs ist vor allem ein Opfer des Bosman-Urteils geworden. Erstens konnte man in der Folge ablösefrei wechseln, und zweitens gab es dadurch eine Schwemme von Spielern auf den deutschen Markt, vornehmlich aus dem aus dem Osten. Das brachte automatisch ein großes Ausbildungshemmnis für die jungen Spieler mit sich.

Trugen die Vereinstrainer auch eine Mitschuld?


Viele Trainer haben auf fertige Spieler aus dem Ausland gesetzt, anstatt jungen Spielern das Vertrauen zu schenken. Zu meiner Zeit bei Werder Bremen hatten wir zeitweise bis zu 16 Spieler im Kader, die entweder unserer A-Jungen oder unserer zweiten Mannschaft entstammten. Das war phänomenal für die damaligen Verhältnisse. Andere Vereine hatten keinen einzigen Nachwuchsspieler in ihren Reihen. Bochum z. B. hatte in der A-Jugend mehrfach Dortmund und Schalke den Rang abgelaufen, in ihrem Bundesligakader aber tauchte kaum ein Nachwuchsspieler auf. Für uns in Bremen war das unfassbar.

Was war der Knackpunkt, dass DFB und Vereine wieder verstärkt den Weg der Nachwuchsförderung eingeschlagen haben?

Die Einsicht kam durch das Desaster unserer Nationalmannschaft bei den Turnieren 1998 und 2000. Die Schuld an dem schlechten Abschneiden der Deutschen wurde vielfach dem Nachwuchs zugeschoben, aber der konnte am wenigsten dafür. Das Dilemma hatten der DFB und die DFL zu vertreten, aber doch nicht der Nachwuchs. Ein wichtiger Schritt war, 2001 die Nachwuchsleistungszentren für die Bundesligisten zur Verpflichtung zu machen. Von da an ging man dann wieder verstärkt dazu über, den Nachwuchs zu fördern.

Die Einführung der 3. Liga ist jetzt ein weiterer Schritt für eine Verbesserung die Nachwuchsförderung?

Ja, auf jeden Fall. Viele Mannschaften der 3. Liga leihen sich Spieler aus dem Nachwuchs der Bundesligisten. Das sind oft Spieler, die mit 18, 19 Jahren noch nicht so weit sind, in der Bundesliga zu spielen. Diese Spieler bekommen die Chance über den – ich nenne es „Zweiten Bildungsweg“ - sich in der 3. Liga zu beweisen und sich über diesen Umweg wiederum für die Bundeslisten zu empfehlen. Es hat in der Vergangenheit immer wieder Beispiele gegeben, dass dieses gut funktioniert. Die Vereine der 3. Liga profitieren auf diese Weise also auch stark von den Ausbildungsanstrengungen der 1. Liga. Die Bundesligisten legen den Grundstock der Ausbildung der jungen Spieler, und wir führen die Arbeit dann fort.

Wie funktioniert das System der Ausbildungsaufwandsentschädigung?


Auf Grund eines Streites zwischen Wilhelmshaven und Oldenburg kam es zu einem Gerichtsurteil, welches das bestehende System der Ausbildungsentschädigung leider komplett gecancelt hat. Da hat ein fußballfremder Richter ein Urteil gefällt, ohne die Zusammenhänge zu kennen. Innerhalb Deutschlands müssen die Vereine seitdem keine Ausbildungsentschädigung mehr zahlen. Da haben sich die streitenden Vereine selber ins Knie geschossen. Der DFB hat bis dato noch keine Lösung, wie man wieder etwas ähnliches installieren kann.

Wie ist die Ausbildungsentschädigung international geregelt?

Bei der UEFA und auch bei der FIFA verhält es sich komplett anders. Da müssen wesentlich höhere und restriktivere Ausbildungsentschädigungen gezahlt werden. Im Vergleich dazu waren wir in Deutschland regelrecht Eurofuchser. UEFA und FIFA hingegen schlagen da richtig zu. Wechselt ein junger Spieler innerhalb Deutschlands, ist zur Zeit kein einziger Euro fällig. Wechselt aber ein U23 Spieler aus Dänemark oder aus dem Senegal nach Deutschland, müssen die deutschen Vereine die Summe bezahlen, die sie durch die Ausbildungsanstrengung des anderen Vereins gespart haben. Da kann ein 22jähriger durchaus bis zu 500.000 Euro kosten. Da halte ich für absolut überzogen und wirklichkeitsfremd. Darüber hinaus ist es auch hemmend. Die Australier zum Beispiel sind über diese Regelung stinksauer, denn dadurch ist die Nachfrage nach australischen Jugendlichen gering. Sie möchten aber gerne junge Spieler ins Ausland transferieren, da die Qualität ihrer Liga nicht so hoch ist. In anderen Ligen können sie sich sportlich besser weiterentwickeln, was wiederum der Nationalmannschaft zu Gute kommen würde. Aber wer zahlt schon für einen jugendlichen Australier eine solche Wahnsinnsumme?

Aber für den deutschen Nachwuchs ist das doch positiv.


Die Medaille hat zwei Seiten. Dadurch ist natürlich endlich eingedämmt, dass die Vereine beliebig Spieler aus der ganzen Welt verpflichten und deutschen Talenten der Weg versperrt wird. Doch ich habe in all den Jahren, in denen ich im Nachwuchsbereich gearbeitet habe, auch die Erfahrung gemacht, dass es für die unsere jungen Spieler wichtig ist, in ihrer fußballerischen Ausbildung auch auf andere Mentalitäten und Spielweisen zu treffen. Das unterbleibt dadurch vollkommen, weil man keinen unter 18jährigen mehr holen kann. Unterhalb der 2. Liga darf man auch keinen Nicht-EU-Spieler mehr verpflichten. Unsere Jugendspieler werden dann mit keinem Brasilianer mehr konfrontiert, so bleibt man von der fußballerischen Ausbildung relativ einseitig. Es macht einen Unterschied, ob nur Europäer gegeneinander spielen, oder ob noch einige Südamerikaner oder Afrikaner dabei sind.

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