WM-Reiseanbieter Vietentours zieht Bilanz

»Das war eine glatte Fünf«

Wolfgang Vieten, Veranstalter von Sport-Reisen, und sein WM-Projektchef Frank Jungemann ziehen Bilanz. Ein Gespräch über gestohlene Schuhe, die Trickserei der FIFA bei der Ticketvergabe und wenig Vorfreude auf die WM 2018.

Tim Jürgens

Wolfgang Vieten, Frank Jungemann, nach der WM 2010 bilanzierten Sie, dass die negative Berichterstattung über Südafrika Ihnen rund 2000 Buchungen gekostet habe. Wie war das in Brasilien?
Wolfgang Vieten: Die Berichterstattung war deutlich fairer. Was aber für Missstimmung sorgte, war die Angst vor Krawallen, wie sie beim Confed Cup stattgefunden haben. Viele fürchteten, nicht rechtzeitig zu den Spielen zu kommen, etwa weil der Bus umlagert oder die Reifen zerstochen würden. Das hat auch uns Kopfzerbrechen bereitet. Aber verglichen mit der Schwarzmalerei, die es im Vorfeld der WM 2010 gab, war das ein Klacks.

Wie sehr hat Sie das Thema Sicherheit tangiert?
Vieten: Wir haben im Vorfeld in Katalogen, in Internet-Blogs und auf Info-Treffs auf das Sicherheitsproblem hingewiesen. Manche Kollegen sagten: »Wolfgang, Du machst ja regelrecht Anti-Stimmung.« Aber mir war wichtig, dass niemand ängstlich nach Brasilien reist, sonst ist es besser zuhause zu bleiben.

Ist nun während des Turniers viel passiert?
Vieten: Letztlich ist die Realität dem sehr nahe gekommen, was wir vorausgesagt haben: Dem Leverkusener Profi Stefan Reinartz wurden die Schuhe am Strand gestohlen. Einigen Reisenden wurde der Schmuck vom Hals gerissen oder das Handy aus der Tasche gestohlen. Einem Mitarbeiter wurde im Bus die Tasche abgenommen, einem anderen wollten Räuber Geld abnehmen, aber er kam ungeschoren davon. Alles nicht schön, aber letztlich doch zu verkraften.

Als Reiseveranstalter durften Sie diesmal keine WM-Tickets anbieten. Woran lag das?
Vieten: Wir durften auch bei den WMs 2002 und 2006 keine Tickets verkaufen. Die FIFA und ihr angeschlossenes Reise- und Ticketunternehmen »Match« wissen genau, wo sie unsere Hilfe brauchen und wo nicht. Brasilien ist ein Land, das die Menschen bereisen wollen. Hier macht »Match« das Geschäft gern allein. In Südafrika hat uns die FIFA hingegen gern als Authorized Tour Operator genommen, weil es schwierig war, Kunden für das Land zu begeistern.

Sie sind mit Ihrem Geschäft also auf die Gunst der FIFA angewiesen?
Frank Jungemann: Wenn sie uns brauchen – so wie in Südafrika – arbeiten sie mit uns, aber wenn sie wissen, dass sie die Tickets ohne uns loswerden, lassen sie uns links liegen. Diesmal brauchten sie nur Agenturen, die ihnen die teuren VIP-Tickets verkaufen. Darauf haben wir aber verzichtet.

Entzieht das Ihnen als Veranstalter von WM- und EM-Reisen nicht mittelfristig die Geschäftsgrundlage?
Vieten: In Europa steuern wir auf diese Situation zu. Wir waren gerade bei der UEFA in Nyon. Die fanden unsere Kataloge der letzten zwanzig Jahre und unsere Programme wirklich toll, weil unsere Reisen sehr fanorientiert sind. Aber sie sagten auch: »Euer Geschäft ist tot.«

Warum?
Vieten: Sobald ein Champions League Finale oder eine Europameisterschaft vergeben werden, ist das Event gewissermaßen schon ausverkauft. Der normale Fußballfan hat keine Chance mehr an Karten heranzukommen. Als Reiseveranstalter kommen wir auch nur noch an die Kategorie von VIP-Tickets um die 2000 Euro. Aber das hat nichts mehr mit einem Turnier für Fans zu tun, sondern richtet sich ausschließlich an reiche Leute oder Firmenkunden. Wir beide aber sind Fans – und möchten ein Programm für Leute machen, die so ticken wie wir.

Das Problem mit der Kommerzialisierung im Fußball.

Vieten: Die FIFA und die UEFA brauchen diese Art von Fußballbegeisterten nicht mehr, die wir ansprechen möchten. Jedes Land verteilt an seine Fanklubs zwei-, dreitausend Tickets, damit ein bisschen Stimmung ins Stadion kommt, der Rest geht an die VIP- und Sponsorenkunden, die sich teilweise gar nicht richtig für Fußball interessieren. Diese Entwicklung vollzieht sich seit über zehn Jahren. Auf dem Weg ins Stadion vorm Finale 2002 in Yokohama sagte ich im Bus – mehr aus Spaß, weil wir in einen Stau kamen: »Ich hoffe, Sie waren alle schon einmal im Stadion.« Darauf hat die Hälfte der Leute verneint, fünf meinten sogar, dass sie Fußball hassen.

Jungemann: Bei der EM 2004 haben Gäste, die die Reise gewonnen hatten, ihre Finaltickets in Lissabon verfallen lassen, um shoppen zu gehen.
Vieten: Wir können also nur hoffen, dass in Zukunft möglichst viele Turniere in Ländern wie Georgien oder Aserbaidschan stattfinden, weil diese Länder für Reisende blöd gesagt so unattraktiv sind, dass die FIFA dort gern unser Know-How in Anspruch nimmt. Dann sind auch die normalen Fans wieder gut genug. Mal sehen, vielleicht wird das auch in Russland und Katar der Fall sein.



In jedem Reiseführer heißt es: In Brasilien braucht man sehr viel Geduld. War die Reiseplanung für Sie hier langwieriger als bei früheren Turnieren?

Jungemann: Als wir vor der WM in Deutschland Hotelverträge gemacht haben, wurde verhandelt, der Vertrag unterschrieben und die Sache war erledigt. In Südafrika und Brasilien mussten wir vor dem Verhandeln erst einmal ein persönliches Verhältnis zum Besitzer und zum General Manager aufbauen, man musste bis zu zehn Mal zu Gesprächen anreisen, Kaffeetrinken, das war sehr zeitintensiv. Die großen Kettenhotels sind alle über die FIFA geblockt, wir mussten also Kontakt zu kleinen Familienbetrieben aufbauen. Die kennen uns aber nicht und hatten noch nie mit einer WM zu tun. Sie sind also entsprechend skeptisch.

Was dauert in Brasilien sonst noch länger als bei uns?

Jungemann: In einem nagelneuen Hotel in Rio arbeiten zwanzig Leute am Empfang, aber keiner weiß genau, wie man mit Rooming Listen für große Gruppen umgeht. Ich habe gehört, dass die französischen Spielerfrauen zum Viertelfinale angereist sind. Der Check-in begann um 14 Uhr und war um 17 Uhr noch nicht abgeschlossen.

Gab es Vertragspartner, die Verabredungen nicht eingehalten haben?

Jungemann: Bei den Hotels hat nach der guten Vorarbeit alles geklappt.

Vieten: Wir hatten ein Problem mit unserem Flug zum Achtelfinale in Porto Alegre. Nach der Auslosung entschieden wir uns zunächst für Salvador als Standort für unsere Gäste – wo Deutschland als Gruppenzweiter sein Achtelfinale gespielt hätte. Dort ist es wesentlich wärmer und kulturell reizvoller. Als sich abzeichnete, dass Deutschland Gruppensieger wird und wir die Gäste nach Porto Alegre chauffieren müssen, haben wir Kontakt zu einem Charterunternehmen aufgenommen. Nach dem 2:2 gegen Ghana setzte uns die brasilianische Airline plötzlich die Pistole auf die Brust. Wir müssten jetzt sofort buchen, dabei war der Gruppensieg keineswegs sicher. So haben wir etwas zerknirscht einen Tag vorm letzten Vorrundenmatch gegen die USA den Vertrag unterschrieben. Doch alles ging gut aus, Deutschland musste in Porto Alegre ran. Als wir aber auf unser Recht pochten, wurde uns mitgeteilt, dass wir den Vertrag zwar unterschrieben hätten, die Airline aber nicht.

Wie ging das aus?
Vieten: Wir mussten ganz neu anfangen und zahlten nun für eine Maschine mit 178 Plätzen dasselbe, was wir vorher für zwei Maschinen mit je 110 Plätzen bezahlt hätten. Am Ende kostete der Flug rund 1100 Euro pro Gast, was schon deshalb ein Unding war, weil in Brasilien kein Inlandsflug mehr als 1000 Reals, umgerechnet 330 Euro, kosten darf. Hinzu kam, dass wir einen Großteil der Mitarbeiter nicht mitnehmen konnten und für einige Gäste einen Linienflug zubuchen mussten. Ich konnte nur mitreisen, weil zwei Kunden aus gesundheitlichen Gründen zuhause blieben.

Welche Alltäglichkeiten waren in Brasilien besonders nervenaufreibend?
Vieten: Wir hatten oft Probleme mit Bussen. Es kam vor, dass zwei von drei Bussen vorfuhren, um Gäste abzuholen, der dritte aber nicht. Als man nachfragte, hieß es: »Der Fahrer ist krank.« Niemand hielt es für nötig, uns zu informieren.

Sie veranstalten seit 1994 zu jedem großen Turnier Reisen. War Brasilien die bislang komplizierteste WM?
Vieten: Der Organisation und Verlässlichkeit der Südafrikaner würde ich im Nachhinein eine Note zwischen zwei bis drei geben. Die der Brasilianer eine glatte Fünf.

Glauben Sie, dass es in vier Jahren bei der WM in Russland einfacher für Ihr Unternehmen wird?

Jungemann: Die Organisation ist sicher leichter, weil die Mentalität eine andere ist, die Distanzen zwischen den Spielorten aber sind ein ähnliches Problem wie hier.  
Vieten: Ich bin kein Russlandfan. Wir könnten es dort mit mafiaähnlichen Strukturen zu tun bekommen, was die Hotelsituation anbetrifft. In Sotschi wurden uns Zimmer verkauft, die wir letztlich nicht in Anspruch nehmen konnten. Mit viel Glück bekamen wir später unsere Anzahlung zurück. Unsere Gäste haben dann in Istanbul gewohnt und wurden von uns zu den Spielen eingeflogen. Idiotie, aber wirklich passiert. In so einer Situation kann ich als Reiseveranstalter nur sehr schlecht arbeiten.
Jungemann: Das Risiko, dass man dort mehr verliert als gewinnt, ist durchaus gegeben.

Ist es vorstellbar, dass Sie aus diesen Gründen gar keine Reise zur WM 2018 anbieten?

Vieten: Das kann ich nicht ausschließen. Ich habe mein ganzes Leben nur Dinge gemacht, die mir Spaß machen. Unsere Mitarbeiter, Frank, meine Frau Petra und ich machen diesen Job mit sehr viel Herzblut. Wir arbeiten in einem sehr familiären Klima. Ich habe also keine große Lust, eine Reise zu veranstalten, bei der ich von vornherein weiß, dass ich über den Tisch gezogen werde. Dann lieber Golfreisen für Rentner nach Arizona, als eine WM in Russland. 


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