30.03.2008

»Wir waren im Negativstrudel«

Ulms Oliver Unsöld im Interview

Als der SSV Ulm am 24. Spieltag der Saison 1999/2000 auf dem 12. Tabellenplatz steht, redet man vom UI-Cup. Doch es kommt ganz anders: Auf ein 1:9 gegen Bayer Leverkusen folgt der freie Fall – bis in die Oberliga. Oliver Unsöld ahnte es.

Interview: Maximilian Hendel Bild: imago
Es gab während der ganzen Bundesliga-Saison eine große Euphorie in der ganzen Stadt. Haben Sie das Gefühl irgendwelche Erwartungen nicht erfüllt zu haben?

Wenn man das Resultat sieht, dann haben wir die Erwartungen nicht erfüllt. Aber ich glaube, wir haben unser Gesicht immer gewahrt und auf dem Platz ehrliche Arbeit geleistet. Wir haben immer das Maximum rausgeholt und bis zum letzten Schweißtropfen alles gegeben. Deshalb kann man uns eigentlich nichts vorwerfen.

Können Sie beschreiben, was damals im Verein los war, als der Aufstieg in die erste Liga feststand?

So viele Änderungen gab es gar nicht. Genauso wie in den Jahren zuvor sind wir ganz normal ins Trainingslager gefahren. Was dann natürlich hinzukam, war der Ausbau des Stadions. Die Zusatztribünen wurden angebaut und die Stehplätze wurden erhöht, damit das Stadion ein größeres Fassungsvermögen hat. In einer Ecke wurde eine Art Zelt aufgebaut, das als VIP-Raum diente. Alles nur Kleinigkeiten.

Gab es den Glauben, dass sich der Verein langfristig in der Bundesliga etablieren könnte?

Wir waren alle so realistisch, dass wir uns den Klassenerhalt vorgenommen haben. Ich würde den Verein von damals mit Mainz 05 von heute vergleichen. Die haben es natürlich geschafft, länger in der ersten Liga zu bleiben und spielen jetzt – nach dem Abstieg – wieder um den Aufstieg mit. Das hätte ich uns auch zugetraut. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Liga, aber nicht auf Dauer in der ersten Liga.

Sie waren einer der wenigen, der in zwei Jahren vom Regionalligaspieler zum Bundesligaprofi wurde. Haben Sie an ihre eigene Stärke geglaubt?

(lacht) Naja, es ging schon alles sehr schnell und ich hatte auf einmal viele Freunde, die ich vorher nicht hatte. Ich denke die Mannschaft war bundesligatauglich. Gewisse Spieler – und da zähle ich mich auch dazu – haben an ihrem Maximum gespielt. Aber man passt sich dem Niveau immer an, wie man so schön sagt. Wären wir nicht bundesligatauglich gewesen, hätten wir sicher nicht zehn Spieltage vor Schluss dreißig Punkte gehabt. Aber: bei wahren Bundesligaprofis zeigt sich das dann auch über mehrere Jahre. Und das haben wir eben nicht geschafft.

War es am Ende auch eine Frage der Erfahrung?

Richtig. Wenn Sie sich unsere Mannschaft anschauen, sehen Sie, dass da nicht viele vorher in der Bundesliga gespielt haben.

Haben Sie keine Angst gehabt, dass man ihnen irgendwann erfahrene Spieler vorsetzen würde?

Die Angst ist bestimmt manchmal da gewesen. Aber wenn ich vor so etwas immer Angst hätte, dann wäre ich kein Profi geworden. Wir hatten einen Trainer, der jedem einzelnen Spieler seine Stärken aufgezeigt hat und mich auch in meinem Glauben bestärkt hat. Wären wir da zu ängstlich gewesen, dann hätten wir es sicher auch nicht von der Regionalliga in die Bundesliga geschafft. Es war schon ein gewisses Selbstvertrauen da. Ich war da recht positiv eingestimmt und habe mir gedacht: »Die können holen, wen Sie wollen, ich werde mich auf jeden Fall wieder durchsetzen.« Es kam ja auch so. Es wurden mit Vragel da Silva, Hans van der Haar, Leandro und so weiter erfahrene Spieler geholt. Aber im Endeffekt konnte ich mich doch durchsetzen. Ich habe schließlich 33 von 34 Spielen gemacht.

Gab es auch viele Leute, die auf die Euphoriebremse traten oder gar pessimistisch waren?

Auf die Euphoriebremse hat eigentlich niemand getreten. Aber meine Frau oder die Familie hat mich schon wieder auf den Boden zurückgeholt. Die hat mir klar gemacht, dass das auch ganz schnell wieder vorbei sein kann. Gerade weil ich Ulmer bin, musste ich da ein bisschen aufpassen. Die Leute sagen schnell, dass man arrogant geworden sei. Aber ich glaube ich kann von mir sagen, dass ich nie groß abgehoben bin oder den starken Mann raushängen lassen habe.

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