»Wir waren im Negativstrudel«

Ulms Oliver Unsöld im Interview

Als der SSV Ulm am 24. Spieltag der Saison 1999/2000 auf dem 12. Tabellenplatz steht, redet man vom UI-Cup. Doch es kommt ganz anders: Auf ein 1:9 gegen Bayer Leverkusen folgt der freie Fall – bis in die Oberliga. Oliver Unsöld ahnte es. »Wir waren im Negativstrudel«imago

Herr Unsöld, Sie haben innerhalb von vier Jahren Auf- und Abstieg des SSV Ulm mitgemacht. Welches Gefühl überwiegt heute, wenn Sie daran zurückdenken?

Ganz klar der Aufstieg. Ich bin ja gebürtiger Ulmer und das war ein Erlebnis, das man in meiner Heimatstadt bestimmt nicht so schnell wieder erleben wird. Die Euphorie in Ulm war schon fantastisch.

Wie haben Sie den Durchmarsch des SSV Ulm erlebt? War in der kurzen Zeit eigentlich realisierbar, was da gerade passiert?

Im ersten Moment sagt man sich: »Oh, jetzt bin ich Bundesliga-Profi.« Eigentlich waren wir Abstiegskandidat Nummer eins in der Zweiten Liga, sind dann aber trotzdem aufgestiegen, obwohl keiner damit gerechnet hatte. Mit ein bisschen Abstand sieht man ein paar Sachen sicher anders und würde auch ein paar Sachen anders machen. Aber damals ging alles zu schnell.

Was hätte man denn anders machen müssen?

Tja, das ist eine gute Frage. Vielleicht hätten wir nicht sagen dürfen: »Jetzt sind wir Profis und in der ersten Liga, jetzt haben wir alles erreicht.« Stattdessen hätten wir noch mehr tun müssen, um die erste Liga auch zu halten. Ich glaube, wenn man zehn Spieltage vor Schluss dreißig Punkte hat und dann am 34. Spieltag fünfunddreißig, dann hat man schon irgendetwas falsch gemacht. Vielleicht haben wir uns zu früh zu sicher gefühlt und schon über andere Ziele gesprochen, ohne das realistische Ziel im Auge zu behalten und alles dafür zu geben.

Welche Ziele wurden denn ausgegeben?


Der Knackpunkt war meiner Meinung nach das Spiel gegen den HSV. Wir hatten in Hamburg 2:1 gewonnen und somit unsere dreißig Punkte sicher. Und dann kamen Interviews zustande – ich weiß nicht mehr wer das war, ich jedenfalls nicht – in denen es hieß: »Wenn es so weiterläuft, dann können wir auf den UI-Cup schauen.« Und da haben wir das wahre Ziel, nämlich den Klassenerhalt, aus den Augen verloren und haben nur nach oben geschaut. Das hätte so nie passieren dürfen. Aber der Fußball bestraft einen relativ schnell. Zuerst die 1:9-Klatsche gegen Leverkusen, dann haben wir unglücklich in Unterhaching verloren, in München wieder eine 0:4-Packung und dann kam Duisburg nach Ulm und jeder hat gedacht: »Wenn wir das Spiel gewinnen, dann sind wir unten weg«, aber wir haben wieder 0:3 verloren. Das sind so Kleinigkeiten, von denen ich mir im Nachhinein gewünscht hätte, dass sie anders verlaufen wären. Gerade die Sache mit den Interviews.

War es in diesem konkreten Fall ein Vorteil für sie, dass Sie aus der Regionalliga kamen und den Blick für das Wesentliche nicht verloren haben?


Ich war immer eher der Typ, der sich auf das Wesentliche konzentriert hat. Ich war immer sehr realistisch und habe mich an solchen Interviews nie beteiligt. Klar wollte ich auch noch länger in der Liga bleiben, aber mir war klar, dass es hart wird. Ich habe mich eher mit einem Lehrling verglichen, der zwar Karriere macht, aber nie so viel zu sagen hat, wie jemand, der eingekauft wird.

»In jeder Ecke ein VIP-Zelt« – Ulmer Euphorie nach dem Bundesliga-Aufstieg >>

Es gab während der ganzen Bundesliga-Saison eine große Euphorie in der ganzen Stadt. Haben Sie das Gefühl irgendwelche Erwartungen nicht erfüllt zu haben?

Wenn man das Resultat sieht, dann haben wir die Erwartungen nicht erfüllt. Aber ich glaube, wir haben unser Gesicht immer gewahrt und auf dem Platz ehrliche Arbeit geleistet. Wir haben immer das Maximum rausgeholt und bis zum letzten Schweißtropfen alles gegeben. Deshalb kann man uns eigentlich nichts vorwerfen.

Können Sie beschreiben, was damals im Verein los war, als der Aufstieg in die erste Liga feststand?

So viele Änderungen gab es gar nicht. Genauso wie in den Jahren zuvor sind wir ganz normal ins Trainingslager gefahren. Was dann natürlich hinzukam, war der Ausbau des Stadions. Die Zusatztribünen wurden angebaut und die Stehplätze wurden erhöht, damit das Stadion ein größeres Fassungsvermögen hat. In einer Ecke wurde eine Art Zelt aufgebaut, das als VIP-Raum diente. Alles nur Kleinigkeiten.

Gab es den Glauben, dass sich der Verein langfristig in der Bundesliga etablieren könnte?

Wir waren alle so realistisch, dass wir uns den Klassenerhalt vorgenommen haben. Ich würde den Verein von damals mit Mainz 05 von heute vergleichen. Die haben es natürlich geschafft, länger in der ersten Liga zu bleiben und spielen jetzt – nach dem Abstieg – wieder um den Aufstieg mit. Das hätte ich uns auch zugetraut. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Liga, aber nicht auf Dauer in der ersten Liga.

Sie waren einer der wenigen, der in zwei Jahren vom Regionalligaspieler zum Bundesligaprofi wurde. Haben Sie an ihre eigene Stärke geglaubt?

(lacht) Naja, es ging schon alles sehr schnell und ich hatte auf einmal viele Freunde, die ich vorher nicht hatte. Ich denke die Mannschaft war bundesligatauglich. Gewisse Spieler – und da zähle ich mich auch dazu – haben an ihrem Maximum gespielt. Aber man passt sich dem Niveau immer an, wie man so schön sagt. Wären wir nicht bundesligatauglich gewesen, hätten wir sicher nicht zehn Spieltage vor Schluss dreißig Punkte gehabt. Aber: bei wahren Bundesligaprofis zeigt sich das dann auch über mehrere Jahre. Und das haben wir eben nicht geschafft.

War es am Ende auch eine Frage der Erfahrung?

Richtig. Wenn Sie sich unsere Mannschaft anschauen, sehen Sie, dass da nicht viele vorher in der Bundesliga gespielt haben.

Haben Sie keine Angst gehabt, dass man ihnen irgendwann erfahrene Spieler vorsetzen würde?

Die Angst ist bestimmt manchmal da gewesen. Aber wenn ich vor so etwas immer Angst hätte, dann wäre ich kein Profi geworden. Wir hatten einen Trainer, der jedem einzelnen Spieler seine Stärken aufgezeigt hat und mich auch in meinem Glauben bestärkt hat. Wären wir da zu ängstlich gewesen, dann hätten wir es sicher auch nicht von der Regionalliga in die Bundesliga geschafft. Es war schon ein gewisses Selbstvertrauen da. Ich war da recht positiv eingestimmt und habe mir gedacht: »Die können holen, wen Sie wollen, ich werde mich auf jeden Fall wieder durchsetzen.« Es kam ja auch so. Es wurden mit Vragel da Silva, Hans van der Haar, Leandro und so weiter erfahrene Spieler geholt. Aber im Endeffekt konnte ich mich doch durchsetzen. Ich habe schließlich 33 von 34 Spielen gemacht.

Gab es auch viele Leute, die auf die Euphoriebremse traten oder gar pessimistisch waren?

Auf die Euphoriebremse hat eigentlich niemand getreten. Aber meine Frau oder die Familie hat mich schon wieder auf den Boden zurückgeholt. Die hat mir klar gemacht, dass das auch ganz schnell wieder vorbei sein kann. Gerade weil ich Ulmer bin, musste ich da ein bisschen aufpassen. Die Leute sagen schnell, dass man arrogant geworden sei. Aber ich glaube ich kann von mir sagen, dass ich nie groß abgehoben bin oder den starken Mann raushängen lassen habe.

»Aggressivität war ein probates Mittel« – Oliver Unsöld über vier Rote Karten und gesunde Härte im Fußball >>

Es gab ein Spiel in Rostock, bei dem vier Ulmer vom Platz gestellt wurden. War Kampf und Härte das Mittel, mit dem Sie in der Liga überleben wollten?

So schlimm war das alles gar nicht. Da war eine Notbremse dabei, das war aber kein böses Foul. Dann hat Hans van der Haar Gelb-Rot gekriegt. Der ist zweimal hart eingestiegen, aber wenn man die Fouls im Vergleich sieht, kann man nicht sagen, dass wir eine überharte Mannschaft waren.

Kann man vier rote Karten auch wieder mit mangelnder Erfahrung erklären?

Beim Hans van der Haar war es so, dass er nach einigen Wochen das erste mal wieder gespielt hat. Der war wahrscheinlich besonders motiviert, hat zwei dumme Fouls gemacht und ist gleich runter geflogen. Herr Fandel (Schiedsrichter bei besagtem Spiel, d. Red.) ist ein hervorragender Klavierspieler und ich denke, er hätte in dem Spiel ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl beweisen können. Dann wären nicht vier Leute runter geflogen.

Stimmen Sie denn zu, dass Kampf und gesunde Härte die einzigen Mittel sind, die kleine Vereine heutzutage haben?

Klar hatten wir nicht so technisch versierte Spieler in der Mannschaft wie Bayern München oder Werder Bremen. Aber es kommt vor allem darauf an, dass man im Kollektiv stark ist. Ich zähle zur Kampfkraft auch, wenn die Abwehrkette eng zusammen steht, wenn man Druck auf den Ball ausübt, aber es ist nicht mit übertriebener Härte gleichzusetzen. Da waren wir relativ stark, sonst wären wir auch nicht in die erste Liga aufgestiegen. Und ja, für eine Mannschaft wie unsere damalige war Aggressivität ein probates Mittel.

Der SSV Ulm hatte schon in der letzten Regionalliga-Saison (1997/98) finanzielle Probleme. Nach dem Abstieg aus der zweiten Liga hat der Verein keine Lizenz mehr bekommen und musste in die Verbandsliga. Was ist schief gelaufen?

Da muss ich ganz vorsichtig sein, mit dem was ich sage. Ich denke schon, dass Fehler gemacht worden sind. Aber als Spieler hat man da leider zu wenig Einsicht. Man muss nur mal schauen, wie viel Fernsehgelder in den Jahren eingenommen wurden. Dann hatten wir 17 Spiele ein ausverkauftes Stadion und wir waren mit Sicherheit eine der billigsten Mannschaften sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Liga. Und dann ist plötzlich kein Geld mehr vorhanden. Da frag ich mich schon, wohin das ganze Geld geflossen ist.

Die Fußballabteilung wurde sogar vom Verein gelöst.

Richtig. Es war allerdings eine Profisportabteilung. Basketball und Volleyball waren auch dabei.

Finden Sie, dass das Fußballgeschäft zu sehr von Geld und Finanzen geprägt ist?

Das ist eine schwierige Frage. Aber ich gebe Ihnen schon Recht. Es gibt mittlerweile keine Fußballvereine mehr, sondern nur noch Wirtschaftsunternehmen. Sport allein ist nicht mehr ausschlaggebend. Der Verein muss, um langfristig Erfolg zu haben, richtig gut strukturiert sein.

Was wissen Sie über den Sponsoring-Vertrag mit der Kinowelt GmbH?

Ja, das kam auch noch dazu. Der kam ja nicht zu Stande und es gab großen juristischen Ärger. Da ist sicher viel Geld verloren gegangen. Vielmehr kann ich Ihnen aber zu der wirtschaftlichen Situation nicht sagen, weil ich einfach nicht den Einblick hatte, wie es wünschenswert gewesen wäre. Es ist jedenfalls traurig, dass es so weit gekommen ist.

»Die hatten nur den Gedanken, Geld zu verdienen« – Der SSV Ulm im freien Fall in die Regionalliga >>

Die Zweitligasaison verlief auch sportlich nicht nach den Vorstellungen. Woran hat’s gelegen?

Die Mannschaft ist auseinander gefallen nach dem Abstieg. Philipp Laux, unser Kapitän, ist gegangen, da Silva und Leandro sind gegangen, Sascha Rösler war weg, Dragan Trkulja hat auf einmal nicht mehr die Form der Vorsaison gehabt und van der Haar hatte psychische Probleme. Neue Spieler kamen und vielleicht wurde zu sehr nach Namen eingekauft, statt auch Wert auf den Charakter zu legen. Vorher waren wir eine funktionierende Mannschaft. Wenn der Trainer gesagt hat, das ist rot, es war aber grün, dann haben wir trotzdem gesagt: »Ok der Trainer hat Recht, es ist rot.« Wir haben damals alle an einem Strang gezogen. Es wurden dann aber Spieler gekauft, die den Verein nicht so ins Herz geschlossen hatten, wie die Spieler zuvor. Die hatten nur den Gedanken, Geld zu verdienen.

Nach dem Abstieg haben Sie auf Wiederaufstieg gesetzt?

Ob Sie es glauben oder nicht, ich war einer der ganz wenigen, der in Ulm auf der Geschäftsstelle stand und gesagt hat: »Wir müssen aufpassen, dass wir nicht auch aus der Zweiten Liga absteigen.« Jeder hat nur vom Wiederaufstieg gesprochen, ich habe vor zu viel Optimismus gewarnt. Und leider habe ich auch Recht bekommen.

Was hat Ihnen das Gefühl gegeben, dass es auch in der zweiten Liga schwer werden könnte?

Ich kann nicht genau sagen, woher das kam. Wir kamen ja jetzt nicht mehr von unten nach oben, wir waren jetzt schon wer. Es gab im Umfeld die Einstellung, dass alles von allein liefe, dass wir eine gute Mannschaft und uns gut verstärkt hätten. Aber dass man dafür wieder genauso hart arbeiten muss, war in Vergessenheit geraten. Auch der Trainer Martin Andermatt hat sofort von Wiederaufstieg gesprochen. Und wenn man das immer wieder hört, dann glaubt man auch daran, vergisst darüber hinaus aber die tägliche Arbeit.

Es wurden auch zwei Trainer entlassen.

Das ist einfach so. Wenn man einmal in so einem Negativstrudel drin ist, dann ist es unheimlich schwer, da wieder raus zu kommen. Wir hatten ja mit dem Interimstrainer Assion (vorher Co-Trainer, d. Red.) eigentlich wieder Erfolg, aber der war auch gleichzeitig Marketingleiter und die Vereinsführung wollte ihn einfach nicht länger als Trainer. Dann wurde Hermann Gerland geholt, der ein ganz anderer Trainertyp ist und auch keinen Erfolg brachte, dann kam wieder Peter Assion. Aber da war es schon zu spät. Es war ein ziemliches Chaos.

Mittlerweile sind Sie selber Trainer beim Verbandsligisten Olympia Laubheim. Bereiten Sie sich auf Ihre Zukunft vor?

(lacht) Ich mache das jetzt erst ein paar Wochen als Cheftrainer. Vorher war ich nur Co-Trainer, dann habe ich noch mal wieder gespielt und seit der Winterpause bin ich Trainer. Mir macht es auf jeden Fall Spaß, aber ob das jetzt meine neue Karriere wird, das weiß ich nicht. Aber dem Fußball werde ich sicher immer verbunden bleiben.

Verfolgen Sie denn noch den Weg des SSV Ulm?

Ja, klar. Ich habe mit fünf Jahren dort angefangen Fußball zu spielen, habe dort meine schönste Zeit erlebt und die kann ich nicht einfach wegradieren. Ulm wird immer in meinem Herzen bleiben. Und ich hoffe, der Verein wird irgendwann wieder nach oben kommen, denn der Verein gehört in die zweite Liga.

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