21.10.2007

»Wir tragen die Altlasten«

Ulms Sascha Rösler im Interview

Sascha Rösler kann mit seinen bald 30 Jahren zwischen Traum und Realität unterscheiden. Zwar reizt den Mittelfeldspieler die Englische Liga, doch eigentlich will er mit Borussia Mönchengladbach nur schnell den Wiederaufstieg schaffen.

Interview: Maximilian Hendel Bild: Imago
In Ihrer ersten Saison sind Sie gleich zum stellvertretenden Kapitän gewählt worden. Wie erklären Sie sich als Neuzugang dieses Vertrauen der Mannschaft?

Nach etwa einem Monat Vorbereitung berief Jos Luhukay die Kapitäne sowie zusätzlich Patrick Paauwe und Kasper Bögelund in den Mannschaftsrat. Aufgrund der vielen Ab- und Neuzugänge waren wir vor Trainingsbeginn eine tüchtig zusammen gewürfelte Mannschaft, in der sich natürlich dieses Jahr unumgänglich eine neue Hierarchie bilden sollte und musste. Ich konnte mich in den ersten Wochen super integrieren, die Mannschaft hat mich toll aufgenommen. Durch meine Leistungen im Training und bei den Testspielen, merkte man, dass ich vorangehe und in das Profil eines Führungsspielers passe. Mit 29 Jahren bringe ich außerdem ein gewisses Alter und die Erfahrung mit.

Sehen Sie sich als Bindeglied zwischen den vielen Jungspunden und den etablierten Profis im Kader?

Wir haben unheimlich talentierte Jungs. Ein paar kannte ich vorher noch gar nicht, aber schon nach den ersten Wochen sah man, dass sie sehr viel Potential mitbringen. Es ist natürlich wichtig, den Talenten Unterstützung zu geben. In diesen jungen Jahren fallen sie immer wieder in ein Loch, sie können auch körperlich noch gar nicht in der Verfassung sein, beständig Höchstleistung zu bringen. Das ist ja ganz normal.

Schleicht sich bei diesen Jungs zu früh eine gewisse Selbstzufriedenheit ein?

Wenn es gut läuft, tendieren junge Spieler ja immer mal dazu, schnell abzuheben, vieles ein bisschen lässig und locker zu nehmen, und unbewusst einiges schleifen zu lassen. Ihnen muss ehrlich ins Gesicht gesagt werden, was Sache ist, und worauf es ankommt. Wobei Sie dabei jederzeit zu den Erfahrenen kommen können.

Müssen Sie in Gladbach viele solcher Gespräche führen?

In anderen Mannschaften habe ich erlebt, dass junge Spieler denken, schon irgendetwas erreicht zu haben. Beispielsweise wenn es darum geht, im Training Sachen zu tragen. Aber bei uns benehmen sich die Jungs derart vorbildlich. Da gibt es überhaupt keine Reizpunkte.

In einer anderen Fußballzeitrechnung beherrschten die Fohlen“ die Bundesliga mit fantastischem Fußball. Der Geist dieser Ära umweht weiterhin den Niederrhein. Geblieben sind Erinnerungen, Pokale und die Fans.

In den 70er war Gladbach, mit dem Fußball, den sie spielten, ein Vorbild in Europa. Aber wir sind jetzt in der Zweiten Liga, da kommt es auf andere Sachen an. Hier herrschen viel Kampf und Einsatz, solche Grundelemente sind wichtig.

Was erwarten die Fans in diesen Zeiten von der Mannschaft?

Die große Erwartungshaltung in Gladbach, die teilweise größer ist, als die Wirklichkeit bringen kann, bekommst du als neuer Spieler zuerst mit. Gerade das letzte Jahr war für alle hier ziemlich bitter, die Enttäuschungen groß. Die Mannschaft verlor unheimlichen Kredit, den wir uns jetzt erstmal zurückerarbeiten müssen. Wir tragen die Altlasten, mit denen die Neuzugänge gar nichts zu tun haben, was extrem unangenehm war.

Ist die neue Mannschaft denn mit den alten Fans im Reinen?

Ja. Es war umso wichtiger, dass wir schnell die Kurve bekommen haben, auch Kredit zurückgewinnen konnten. Ich habe das Gefühl, sie identifizieren sich jetzt wieder mit der Mannschaft, stehen zu uns, und freuen sich, dass wir solche Jungs in der Mannschaft haben.

Zu Saisonbeginn lief es für Gladbach sehr schleppend an. Mussten gestandene Zweitliga-Spieler wie Alexander Voigt oder Sie der Mannschaft erst einmal klar machen, wie es im grauen Zweitliga-Alltag zugeht?

Nein, das mussten wir nicht. Natürlich sind wir Spielertypen, die vorangehen. Aber durch die vielen Neuzugänge, von denen einige erst am Ende der Vorbereitung und mit Trainingsrückstand dazukamen, bestand das Problem darin, uns als Mannschaft erst sehr spät finden zu können. Aber es ist auch klar, dass wir nicht in die Spiele gehen können, und denken, alles spielerisch zu lösen. Erst wer Zweikämpfe sucht, findet und gewinnt, kann dann über das Spielerische kommen.

Die Quittung dafür gab es am dritten Spieltag.

In Mainz ging dann gar nichts und wir bekamen eine 1:4-Klatsche eingeschenkt.

Welche Reaktionen bedarf es danach innerhalb einer Mannschaft?

Bereits in der Kabine schworen wir uns, dass jetzt etwas passieren muss. Wir wollten gemeinsam da raus. In der Woche nach dem Spiel wurde im Training richtig dazwischen gehauen, und Gas gegeben, um die Aggressivität, die es einfach benötigt, zurückzubekommen. Besagte Woche war unheimlich wichtig. Ein kleiner Wendepunkt, der zeigte, dass die Jungs Charakter haben.

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