»Wir fahren überall hin«

Warum wird man in den USA Fußballfan, Bryan James?

Amerikanische Fußballfans gelten in Europa als ähnlich exotisch wie Bananen in der DDR. Zurecht? Wir sprachen mit Bryan James, Vorsitzender des Philadelphia-Union-Fanklubs »Sons of Ben«, über US-amerikanische Fankultur. »Wir fahren überall hin«imago

Bryan James. die »Sons of Ben« existieren länger als der Klub, den sie unterstützen. Wie ist das möglich?

Bryan James: 2007 sah es nicht so aus, dass wir in Philadelphia mal einen MLS-Klub bekommen würden. Also haben zwei Freunde und ich den Fanklub gegründet, um der Kommission zu zeigen: Philadelphia will unbedingt einen Fußballverein.

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Stimmt es, dass Ihr schon andere Klubs als Rivalen hattet, obwohl es Philadelphia Union noch gar nicht gab?


Bryan James: Ja, das liegt an der Rivalität zwischen Philadelphia, New York und Washington, die es eigentlich in jeder amerikanischen Profisportart gibt. Wir haben uns einfach daran gewöhnt, diese Städte nicht besonders zu mögen. Egal um welchen Sport es gerade geht.

Die »Sons of Ben« haben mehrere tausend Mitglieder, obwohl es Philadelphia Union erst seit letztem Jahr gibt. Wie bekommt man so schnell so viele Mitglieder?


Bryan James: Wir waren schon recht bekannt, als Union gegründet wurde. In den letzten Jahren hatten wir jede Menge Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Vier Monate nach unserer Gründung hat 2007 das britische Magazin FourFourTwo eine Geschichte über uns gemacht. Einen Monat später hat Sports Illustrated, die größte Sportzeitschrift der USA, über uns geschrieben. Zweimal haben wir es auf das Cover des Philadelphia Inquirer, der größten Zeitung hier in der Gegend geschafft. Dadurch wurden wir so bekannt, dass wir 2500 Mitglieder hatten, noch bevor es ein Team gab.

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Viele andere Sportarten sind in den USA deutlich größer und beliebter als Fußball. Warum wird man in so einem Umfeld Fußballfan?


Bryan James: Da passiert einfach dauernd etwas. Beim American Football hat man eigentlich eine Spielzeit von nur einer Stunde. Aber am Ende dauert das Spiel oft über drei Stunden weil es andauernd irgendwelche Unterbrechungen gibt. Aber das Tollste ist für mich die Atmosphäre beim Fußball. Da feuert man die Mannschaft nicht auf den Befehl irgendeines Signals an. Die Fans entscheiden, wie sie ihr Team anfeuern und nicht ein Typ, der im Stadion arbeitet.

Ihr geltet schon nach einer Saison als die vielleicht leidenschaftlichsten Fans der Eastern Conference.

Bryan James: Das stimmt. Wir fahren überall hin, sind immer dabei. Das wird auch vom Team und der Vereinsführung gewürdigt. Wir konnten zum Beispiel entscheiden, wo wir im neuen Stadion sitzen wollten. Sogar der Spielertunnel wurde extra dorthin verlegt.

Und Ihr seit immer noch so enthusiastisch wie letztes Jahr, obwohl Philadelphia Union Vorletzter geworden ist?


Bryan James: Das hat den Enthusiasmus nicht im geringsten gedämpft. Wir verstehen, dass wir nicht sofort ganz oben sein können. Und wir feuern unsern Klub nicht weniger an, weil uns die Resultate mal nicht stimmen.

Letzte Woche habt ihr euren Klub auch beim MLS-Superdraft angefeuert, wo die Klubs der MLS neue Spieler auswählen. Wie funktioniert dieser Draft?


Bryan James: Alle Spieler die nicht vom Klub selbst, sondern von einem College ausgebildet wurden, können dort von den Klubs der MLS ins Team geholt werden. Die Teams dürfen dann in der umgekehrten Reihenfolge der letztjährigen Tabellenplatzierung wählen. DC United war das schlechteste Team, deshalb durften sie sich zuerst einen Spieler aussuchen. Insgesamt gibt es drei Runden, in denen Spieler ausgewählt werden.

Mit wie vielen Fans seid Ihr angereist?


Bryan James: Zwischen 150 und 200. Es war eine lustige Reise. Wir hatten Bier dabei, Whiskey und auch andere Getränke. Da waren wir am Ende der Fahrt gut drauf und bereit, unsere neuen Spieler anzufeuern.

Wie muss man sich den Draft vorstellen? Ist das eine eher dröge Veranstaltung oder eine richtige Show?


Bryan James: Früher war es recht lahm. Aber in den letzten Jahren sich das geändert. 2010, als wir zum ersten Mal ein eigenes Team hatten, waren wir mit fast 300 Leuten da. New York und Washington hatten ähnlich viele Leute mitgebracht, weil die sich vor uns Emporkömmlingen natürlich nicht blamieren wollten. Deshalb ist es mittlerweile ein deutlich größerer Event als früher. Dieses Jahr hat ESPN den Draft sogar live übertragen.

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Wart Ihr die größte Gruppe?


Bryan James: Ich denke schon. Wir haben auch als einzige einen eigenen Bereich auf der Tribüne bekommen. Die Fans aus New York und Washington mussten sich einen teilen, weil es nicht so viele waren. Und am lautesten waren wir übrigens auch.

War der Draft ein Erfolg für Philadelphia Union?


Bryan James: Auf jeden Fall. Wir haben einen guten Torwart bekommen, der in ein oder zwei Jahren unser Stammtorwart sein kann und einen Mittelfeldsspieler, den ich für sehr talentiert halte. In der dritten Runde haben wir Levi Houapeu gewählt, der von einem kleineren College kommt. Ein echter Geheimtipp denke ich.

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Der Name »Sons of Ben« leitet sich vom berühmtesten Sohn Philadelphias Benjamin »Ben« Franklin ab. Außerdem spiegeln die Initialen »SoB« die Meinung vieler Amerikaner über die etwas sehr leidenschaftlichen Sportfans aus Philadelphia wieder. »SoB« ist die geläufige Abkürzung für »Son of a bitch«.

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