Winnie Schäfer über Oliver Kahn

»Ich musste ihn bremsen«

1990 machte Winnie Schäfer Oliver Kahn beim KSC zur Nummer 1 – ein bisschen auch aus Angst: »Er war so geladen, ich dachte, der geht mir an die Gurgel.« Nun, kurz vor dem Ende der Wahnsinnskarriere, blicken wir mit Schäfer zurück. Winnie Schäfer über Oliver Kahn

Herr Schäfer, erinnern Sie sich noch an den 10. November 1990?

War da das Spiel gegen Bochum?

Ja, genau das. Es war das Spiel, mit dem eine große Torhüterkarriere ihren Anfang nahm und die an diesem Samstag endet.

Klar habe ich die Bilder noch vor Augen.. Schon in den Wochen zuvor hat jeder darauf gewartet, dass ich den Olli ins Tor stelle. Aber ich konnte doch nicht einfach meine damalige Nummer eins, den Alexander Famulla, rausnehmen.

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Gegen Bochum war es aber soweit.

Famulla war unwahrscheinlich nervös. Er spürte, dass Olli mit den Füßen scharrte. Und tatsächlich machte er zwei kapitale Fehler. Wir lagen zur Halbzeit 1:2 hinten, und ich wechselte den Torhüter. Olli hat dann in einer Szene das 1:3 verhindert – wenn auch mit viel Glück. So begann eine große Karriere. Am Ende haben wir das Spiel mit 3:2 gewonnen. Olli war fortan meine Nummer eins.

Beschreiben Sie den jungen Kahn.


Er hatte einen unwahrscheinlich starken Willen. Und er war als Jugendspieler auf dem Platz schon sehr präsent, gab lautstark Kommandos. Ich werde nie vergessen, wie ich mich ein paar Jahre zuvor zwischen Olli und Stefan Wimmer, dem Sohn der Karlsruher Torhüter-Legende Rudi Wimmer, als Nummer zwei hinter Famulla entscheiden musste. Ich setzte ein Shootout an und stellte beide abwechselnd in den Kasten. Zuvor hatte ich die Jungs gefragt, wie viele Tore ich ihnen bei zehn Versuchen wohl reinhauen würde. Stefan meinte drei und Olli sagte, er würde keinen durchlassen.

Hat er Recht behalten?

Nein, mein erster Schuss landete unhaltbar im Winkel. Ich fragte: Na Olli, sollen wir jetzt schon aufhören? Der Junge war so geladen, ich dachte, der geht mir an die Gurgel. Wir machten weiter und nach einer halben Stunde sagte ich dann: Okay, Schluss für heute. Ich hatte so oft aufs Tor geschossen, dass mir der Oberschenkel brannte. Was, jetzt schon aufhören, meinte Olli. Ich entschied mich für ihn. Seine Willensstärke gab den Ausschlag.

Es heißt, Alexander Famulla wollte sich nicht das Zimmer mit seinem Herausforderer teilen, weil er Angst hatte, der Ehrgeizling würde ihm nachts ein Kissen aufs Gesicht drücken.

Ich kenne die Geschichte. Aber ich weiß nicht, ob sie wirklich stimmt. Da müssen Sie den Alexander schon selber fragen.

Wie war die Stellung des Neulings Kahn innerhalb des KSC-Teams?


Er hat sich schnell bei allen Mitspielern Respekt verschafft. Weil sie erkannten, dass sie mit Olli im Tor etwas erreichen und vorne mitspielen konnten. Olli gab immer alles. Egal ob im Training oder im Punktspiel, er wollte immer gewinnen. Der eine oder andere Teamkollege hat sich über den »verrückten Kahn« schon mal lustig gemacht. Dann ging es im Training ordentlich zu Sache. Aber insgeheim wussten die anderen, dass man so einen Typen wie Olli in der Mannschaft braucht.

Respektiert zu werden, ist eine Sache, beliebt sein die andere.


Olli war kein Außenseiter und ein in jeder Sekunde verbissener Typ. Dieses Bild stimmt nicht. Er konnte auch ein lustiger Kerl sein. Nur hat er das nach außen hin nicht gezeigt. Eines war aber auffällig. Olli hat sich immer als Erster in sein Zimmer verzogen, während die anderen noch zusammen saßen, zum Beispiel nach dem Essen. Olli las viel, wollte immer weiter kommen, nicht nur im Fußball.

Im Fußball musste er zum FC Bayern München gehen, um seinen Weg nach oben fortzusetzen. Waren Sie Ihrem Zögling böse, als er Sie und den KSC verließ?

Nein, auf keinen Fall. Es war für ihn auf jeden Fall das Beste. Man hätte beim KSC versuchen können, über Sponsoren so viel Geld aufzubringen, um Olli zu halten. Aber er sagte, es gehe ihm in erster Linie um die sportliche Perspektive. Und die war langfristig gesehen beim FC Bayern natürlich vielversprechender als bei uns. Auch wenn wir zum damaligen Zeitpunkt besser waren als die Bayern.

Welcher Faktor war der entscheidende für den Aufstieg von Oliver Kahn zum Welttorhüter: der Trainingsfleiß, sein Wille oder das Talent?

Olli hat sich das hart erarbeitet. Natürlich hat er auch Talent mitgebracht. Aber Sepp Maier zum Beispiel hat ganz andere Voraussetzungen mitgebracht. Der war zweifellos talentierter. Aber Olli hat sich nie ausgeruht. Bisweilen musste man ihn als Trainer sogar bremsen. Zeitweise verbrachte er zuviel Zeit im Kraftraum. Ich sagte ihm, dass er seine Geschmeidigkeit verlieren würde.

Für kurze Zeit dachte man allerdings, Kahn könnte seine Lust am Fußball verlieren. Er wurde immer häufiger auf Golfplätzen und in Diskotheken gesichtet.


Das ist München – manchmal ein verführerischer Ort. Vielleicht hatte Olli auch das Gefühl, dass er etwas nachholen müsste. Wichtig war wohl zu dieser Zeit, dass er einen Mann wie Uli Hoeneß an seiner Seite hatte, der ihn nicht als Vorgesetzter, sondern als Freund zur Seite nahm.

Die bitterste Niederlage musste der Titan einstecken, als Jürgen Klinsmann Jens Lehman bei der WM 2006 den Vorzug gab. Hätten Sie gedacht, dass Kahn die Rolle als Nummer zwei annimmt?

Nein. Auch weil dieser Schritt nicht gerechtfertigt war. Es gab keinen Grund dafür, Lehmann statt Kahn ins Tor zu stellen. Im Nachhinein lässt sich natürlich nicht klären, ob Deutschland mit Kahn als Nummer eins das Endspiel erreicht hätte. Olli hat auf jeden Fall in menschlicher Hinsicht viel dazu gewonnen, als er sich als Ersatztorhüter zur Verfügung stellte. Ich bin übrigens davon überzeugt, dass Kahn heute noch der bessere Torhüter als Lehmann ist.

Gibt es eine Szene, die Sie für immer mit dem Namen Kahn verbinden werden?


Davon gibt es viele. Zum Beispiel bei unserem legendären 7:0-Sieg im Uefa-Cup gegen Valencia. Alle reden nur von den sieben Toren, die wir geschossen haben. Aber dass Olli in der ersten Halbzeit zwei Unhaltbare herausgeholt hat und wir ansonsten das Spiel wahrscheinlich verloren hätten, wird immer vergessen.

Bei der WM 2002 trafen Sie als Trainer von Kamerun auf Ihren ehemaligen Zögling. Sie werden keine guten Erinnerungen daran haben.

Das kann man so sagen. Olembe ist 1,70 Meter groß. Aber als er im Vorrundenspiel gegen Deutschland alleine auf den Olli zulief, war er auf 1,40 Meter geschrumpft. Olembe bekam Angst und scheiterte an diesem phantastischen Torhüter. Ich bin mir sicher, wenn Olembe den rein macht, dann hätten wir und nicht die Deutschen die weitere Reise ins Finale angetreten.

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Damit auch nach Kahns Rücktritt noch weitergejubelt werden kann, verlosen wir in Zusammenarbeit mit dem Heye Verlag 11 Exemplare des
exklusiven FC Bayern-Jubelkalenders.

Beantworte dazu einfach folgende Frage:

Wen biss Kahn einst bei einem Bundesliga-Spiel in den Hals?


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