Winnie Schäfer über die Arabischen Emirate

»Echt heiß hier«

Winfried Schäfer ist seit vier Jahren Trainer in den Arabischen Emiraten. Wir sprachen mit ihm über die Asienreise der deutschen Nationalelf, die schweißtreibende Pflichterfüllung und Rouladen auf der Terrasse. Winnie Schäfer über die Arabischen EmirateImago

Herr Schäfer, was sagt denn das Thermometer?

47 Grad – ist echt heiß hier.

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Da können sich die Männer von Jogi Löw ja auf was gefasst machen.

Oh ja. Die sollen schon mal viel trinken. Das Spiel wird zwar erst um 22 Uhr Ortszeit angepfiffen. Aber dann werden es immer noch so um die 36 Grad sein. Und dazu kommt noch die hohe Luftfeuchtigkeit.

In Deutschland wird über Sinn und Unsinn der Asien-Reise der Nationalmannschaft diskutiert.

Es wird bestimmt einige Spieler geben, die nach dem Flug von China nach Dubai sagen: Oh Mann, und morgen muss ich schon wieder spielen. Aber die Nationalmannschaft ist nun einmal ein wichtiger Repräsentant des deutschen Fußballs und deshalb müssen die Jungs jetzt ein bisschen schwitzen. Ich kann den deutschen Spielern nur raten, die Partie nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Der FC Bayern hat im Januar mit viel Glück mit 3:2 gegen Al Jazira 3:2 gewonnen.

Welchen Ruf genießt der deutsche Fußball in den Emiraten?

Er ist hier schon präsent, vor allem weil hier einige deutsche Trainer gearbeitet haben und alle einen guten Job machen oder machten. Aber dem englischen Fußball schenkt man weitaus mehr Beachtung. Die Tageszeitungen berichten auf zwei Seiten über die Premier League. Die Bundesliga wird in ein paar Zeilen oben rechts abgehandelt. Das hat sicherlich mit der englischen Sprache zu tun, in der die Zeitungen erscheinen. Es liegt aber auch daran, dass sich Premier League-Klubs in den Emiraten engagieren. Manchester United beispielsweise betreibt eine Fußballschule.

Das machen die Engländer sicher nicht aus Nächstenliebe…

Es gibt hier finanzkräftige Investoren, die aber kein Geld zu verschenken haben. Sie engagieren sich in der Premier League, weil sie sagen, dass England für sie interessanter als Deutschland und die Bundesliga ist. Daran kann natürlich der Auftritt der deutschen Nationalmannschaft in Dubai nichts ändern.

Die Vereinigten Arabischen Emirate selbst liegen in der WM-Qualifikation abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Das ist sehr bitter. Es wurde die historische Chance verpasst, sich nach 1990 das zweite Mal für eine WM zu qualifizieren. Bruno Metsu, der bis September 2008 Nationaltrainer war, hat den Fehler gemacht, nur auf alte Spieler zu setzen. Wir haben Talente, doch die werden zu wenig eingesetzt. Auch nicht unter dem neuen Mann, Dominique Bathenay. Der stellt Leute auf, die bei mir im Klub nicht zum Zug kommen. Aber Dominique fragt nicht einmal nach, warum die bei mir auf der Bank sitzen. Die fehlende Kommunikation ist sicherlich eines der Hauptprobleme. Es gab in den vergangenen zwei Jahren kein einziges Treffen des Nationaltrainers mit den Klubtrainern. Das muss man sich mal vorstellen.

Es wird gerade ein Nachfolger für Nationaltrainer Bathenay gesucht. Haben Sie kein Interesse?

Ich stehe auf der Liste des Verbandes. Meine Arbeit wird geschätzt, ich kenne mich im arabischen Fußball aus. Aber der Klub will mich nicht gehen lassen. Die vom Fußballverband möchten am liebsten einen Trainer mit einem großen Namen holen. Aber der Name ist nicht wichtig. Es braucht jemanden, der bereit ist anzupacken und Strukturen zu schaffen, damit die vorhandenen Talente gut ausgebildet werden. Leute wie Dick Advocaat helfen da nicht weiter. Der ist nach drei Wochen abgehauen. Was sind das nur für Trainer?

Ihr Team, der Al Ain Club, hat den angepeilten Meistertitel frühzeitig abhaken müssen und beendete die Saison auf Platz drei…

…aber wir haben innerhalb von nur einer Woche die beiden Pokale geholt. Vor allem der Presidents-Cup ist in den Emiraten sehr wichtig. Es war eine sehr erfolgreiche Saison für den Al Ain Club, vor allem wenn man bedenkt, dass wir im Gegensatz zur Konkurrenz nicht die erlaubten drei, sondern meistens nur einen Ausländer auf dem Platz hatten. Wir glichen das durch taktisches Geschick, Disziplin und Fitness aus. Ich habe eine neue Mannschaft aufgebaut und viele Localplayers integriert.

Es heißt, die Zeiten seien vorbei, in denen man sich als abgehalfterter Fußballstar in einem Golfstaat den Lebensabend vergolden konnte?

Das ist so. Bei mir hat mal ein alternder Bayern-Spieler nachgefragt, ob ich ihn nicht brauchen kann. Ich sagte nein, weil ich meinem Scheich nicht einen Spieler zumuten wollte, der nicht mehr richtig laufen kann. Es gibt noch Spieler, die kommen hierher und denken: Gut, dann nimmst du die Kohle und legst dich an den Beach. Und es gibt Klubs, die lassen sich das gefallen und zahlen viel zu hohe Gehälter, ohne die entsprechende Leistung dafür einzufordern. Bei Al Ain muss dafür aber richtig hart gearbeitet werden.

Wie schätzen Sie das Niveau der UAE League ein?

Die drei besten Teams könnten in der 2. Bundesliga mitspielen, in den ersten beiden Jahren sicher nicht vorne, sondern eher gegen den Abstieg. Nicht etwa, weil ihnen die spielerische Klasse fehlt. Nein, die Jungs sind es ganz einfach nicht gewohnt, auf hohem Tempo zu spielen.

Weil es wegen der klimatischen Bedingungen nicht möglich ist, Hochgeschwindigkeits-Fußball zu spielen?

Auch deshalb. Aber da kommt noch ein anderer Faktor hinzu. Das allgemeine Niveau der Liga ist niedriger und da passen sich selbst Ausnahmespieler wie ein Ali Karimi an. Wir haben im Sommer den chilenischen Nationalspieler Jorge Valdivia geholt, an dem auch Hertha BSC interessiert war. Ein phantastischer Fußballer, 25 Jahre alt. Aber für einen Mann wie ihn ist es gefährlich hier zu spielen, weil er nicht so gefordert wird. Das ist wie mit dem Michael Ballack.

Inwiefern?

Der hat in England auch Probleme. Der läuft immer dahin, wo der Ball gerade vorher war. Der kommt aus der Bundesliga und ist nicht mit dem Tempo des englischen Fußballs groß geworden.

Wenn das Niveau eher bescheiden ist, stellt sich die Frage, was Sie als Trainer in den Emiraten hält.


Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Franz Beckenbauer vor der WM 2006 seine Weltreise machte. Sie führte ihn auch nach Dubai. Er rief mich an, um sich mit mir zu verabreden. Wir trafen uns am Flughafen in der First-Class-Emirates-Lounge. Franz ist öfter in Dubai und meinte am Ende unseres Gesprächs: Winnie, es gibt bestimmt Schlechteres, als hier zu arbeiten. Und da hat er wohl Recht. Meine Familie und ich lieben das Land und die Leute. Wir wollen im Moment nicht weg. Sehen Sie sich Bielefeld an. Einen Tag vor Saisonende wird der Trainer entlassen, die haben nach dem Abstieg geschrieen. Da frage ich mich schon, wo es schöner ist zu arbeiten.

Nicht nur Michael Frontzeck, auch Jürgen Klinsmann wurde von seiner Beurlaubung überrascht.

Vor einem Jahr dachte ich schon, ich muss all meine Fußballbücher wegschmeißen. Die deutschen Journalisten haben sich ja mit Vorschusslorbeeren für den Erneuerer des deutschen Fußballs überschlagen. Und jetzt wird der gleiche Mann in den gleichen Zeitungen als Phrasendrescher und sonst noch was tituliert, ohne sich an die eigenen Lobeshymnen von damals zu erinnern. Warum können die Journalisten nicht einmal zugeben, dass sie sich gründlich getäuscht haben? Jedenfalls bin ich froh, dass ich meine Bücher behalten habe. Jürgen Klinsmann ist einer, der sich und seine Sache sehr, sehr gut verkaufen kann. Das hat man auch bei seinem Auftritt bei Günther Jauch gesehen. Ich habe mir die Sendung in Al Ain angeschaut.

Fehlt Ihnen Deutschland nicht doch manchmal?

Ich freue mich schon, wenn ich nach dem Länderspiel nach Hause fliege. Seit Januar war ich nur ein- oder zweimal in Deutschland. Daheim auf der Terrasse sitzen und eine Roulade von meiner Frau essen – das hat schon was. Aber ich kann wirklich nichts Negatives über Al Ain und das Leben in den Emiraten sagen. Dass es sehr heiß ist, das habe ich gewusst, bevor ich hierher gekommen bin.

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